2025 beobachteten die Regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus (RBT) in Schleswig-Holstein zwei gegenläufige Entwicklungen: Einerseits nimmt die gesellschaftliche Normalisierung und Radikalisierung des Rechtsextremismus weiter zu. Andererseits ist eine wachsende Aktivität demokratisch-zivilgesellschaftlicher Initiativen erkennbar, begleitet von einer stärkeren Sensibilisierung für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Schulen, Vereinen und Verbänden.
Die RBTs stellten 2025 eine weitreichende Normalisierung rechtsextremer Ideologien fest. Diese erscheinen zunehmend als geschlossenes Weltbild, das in der Gesellschaft Resonanz findet – weit über das Teilen einzelner Elemente gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (wie Rassismus, Antisemitismus oder LGBTIQ*-Feindlichkeit) hinaus. Die Normalisierung wird sichtbar in Wahlergebnissen, in der Zahl rechtsextremer Vorfälle und Angriffe, oder in Form von Stickern und Graffiti im öffentlichen Raum.
Des Weiteren zeigt sich die Normalisierung rechter Ideologien durch die Übernahme von Narrativen durch Politik und Presse. Rechtsextreme Aktivitäten wurden im Berichtszeitraum bei unterschiedlichen Akteur*innen deutlich. Sichtbar wurden sowohl klassische Neonazigruppen wie der Aryan Circle als auch die AfD, die insbesondere im Vorfeld der Bundestagswahl auch in Schleswig-Holstein stark aktiv war. Zudem trat ein Milieu aus rechtsaffinen Bürger*innen, Rechtsextremen sowie Reichs- und Verschwörungsideolog*innen in Erscheinung – etwa im Rahmen von Demonstrationen, unter anderem bei Gemeinsam für Deutschland (GfD) am 22. März 2025 in Neumünster und am 26. April in Itzehoe und Flensburg. Besonders auffällig war ein zunehmend offener rechtsextremer Habitus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch die Zahl der schulischen Anfragen an die RBTs zu Fällen mit geschlossenen rechtsextremen Weltbildern blieb auf hohem Niveau.
AfD und ‚Neue Rechte‘
Die AfD tritt in Schleswig-Holstein seit einigen Jahren geschlossen und als integraler Bestandteil der extremen Rechten auf. Gleichzeitig konnte sie bei verschiedenen Wahlen deutliche Zugewinne verzeichnen: Bei der Bundestagswahl erreichte sie landesweit 16,3 Prozent der Zweitstimmen (2021: 6,8 Prozent). In einzelnen Wahlkreisen, etwa Dithmarschen-Süd–Steinburg, lag sie mit 20,1 Prozent sogar deutlich über dem Landesschnitt. In einzelnen Wahlbezirken lag der Zweitstimmenanteil der AfD bei über 30–40 Prozent der Stimmen. Bereits zu Jahresbeginn suchte die Partei die Nähe zur extremen Rechten.
Am 25. Januar 2025 organisierte sie in Neumünster eine Demonstration mit rund 150 Teilnehmenden, darunter die Parteispitze, die Jugendorganisation der AfD, sowie Personen aus dem Neonazi-Spektrum. Weitere Verbindungen wurden sichtbar durch die Teilnahme hochrangiger AfD- und JA-Mitglieder an einem rechtsextremen Rapkonzert des Labels Neuer Deutscher Standard in Nordhastedt. Der dortige Veranstaltungsort gehört dem ehemaligen AfD-Kreisvorsitzenden in Dithmarschen. Beim Konzert kam es zu Hitlergrüßen und fremdenfeindlichen Parolen. Auch nach der formellen Auflösung der Jungen Alternative (JA) im März 2025 sind deren Mitglieder weiter aktiv. So beteiligten sich ehemalige JA-Mitglieder sowohl am erwähnten Konzert in Nordhastedt, als auch an einer Vortragsveranstaltung von Martin Sellner, Funktionär der Identitären Bewegung aus Österreich. Der Besuch Sellners im Frühjahr 2025 wurde auch von der AfD begleitet: In Bad Segeberg trat er gemeinsam mit AfD-Mitglied Torben Miehle auf. Für seinen Vortrag wurde ihm die Gaststätte des AfD-Kreisvorsitzenden zur Verfügung gestellt. Vor gut besetzten Tischen mit Parteifähnchen konnte er dort seinen Vortrag zum Thema „Remigration“ halten.
AfD-Landesvorstandsmitglied Kevin Dorow, bis zur Auflösung Mitglied der JA, nutzte Social Media zur Bewerbung rechtsextremer Publikationen, etwa aus dem Jungeuropa-Verlag, trat bei parteieigenen Veranstaltungen als Referent auf und beteiligte sich an der Demonstration „Gemeinsam für Deutschland“ in Neumünster. Dass es keine Distanz zwischen der AfD in Schleswig-Holstein und der sogenannten „Neuen Rechten“ gibt, zeigte die AfD bereits im Vorjahr beim sogenannten „Tag des Vorfelds“. Auch hier spielte Kevin Dorow in der Organisation eine maßgebliche Rolle bei der Vernetzung mit verschiedenen rechtsextremen Akteur*innen. Dorow wurde im November in den Bundesvorstand der JA-Nachfolgeorganisation Generation Deutschland gewählt. Er provoziert bei seiner Antrittsrede mit einem Satz, der auch als Motto der Hitlerjugend genutzt wurde. Mit Blick auf das rechtsextreme Vorfeld äußerte er: „Wir distanzieren uns nicht! Nicht vom Vorfeld und nicht von denjenigen, die außerhalb etablierter Parteistrukturen für die gleichen Sachen kämpfen.“
Insgesamt ist offenkundig, dass die AfD in Schleswig-Holstein ihre Vernetzung mit der militanten extremen Rechten intensiviert und Strategien der „Neuen Rechten“ zunehmend erfolgreich adaptiert.
Rechtsextreme Jugendliche
Analog zu bundesweiten Entwicklungen treten in Schleswig-Holstein verstärkt Jugendliche mit nahezu geschlossenen rechtsextremen Weltbildern auf. Rechtsextreme Haltungen normalisieren sich zunehmend im Kontext von Jugendkulturen. Den RBTs wurden aus allen Regionen Vorfälle gemeldet, in denen bereits sehr junge Schüler*innen rechtsextreme Äußerungen tätigten, Mitschüler*innen diskriminierten oder Gewaltbereitschaft zeigten. Eine zentrale Rolle spielen Social-Media-Netzwerke rund um Gruppen wie Deutsche Jugend Voran, Jung & Stark oder die inzwischen aufgelöste Junge Alternative.
Besonders verbreitet ist eine rechtsextreme Version des Titels L’amour toujours von Gigi D’Agostino, die seit Herbst 2023 viral kursiert und seit dem Vorfall im Sylter Club Pony 2024 bundesweite Aufmerksamkeit erhielt. An Schulen in Schleswig-Holstein taucht es immer wieder in rechtsextremen Kontexten auf. Auffällig ist die Selbstverständlichkeit, mit der Jugendliche entsprechende Codes nutzen. Beispielhaft zeigten beim „Musikzirkus“ in Meldorf (Dithmarschen) am 26. April 2025 zahlreiche Jugendliche auf Fotos das „White Power“-Handzeichen. Auch im Schulkontext dient dieses Zeichen der Provokation und Verunsicherung. Rechtsextreme Graffiti und Sticker sind mittlerweile in allen Regionen des Landes präsent.
Besonders hervor tritt die Neonazi-Kameradschaft Aryan Circle (AC), die in Bad Segeberg wieder deutlich aktiver ist und gezielt Jugendliche und junge Erwachsene anspricht, häufig aus prekären Lebenslagen. Ihr Gewalt- und Eskalationspotenzial ist hoch. Seit 2025 traten die Mitglieder der Gruppe vermehrt überregional auf, unter anderem in regionalen Gruppen und auf Demonstrationen in Mecklenburg-Vorpommern. Auch die Jugendorganisation der Neonazi-Partei Die Heimat fiel im Sommer auf: Am 5. Juli meldete sie in Neumünster eine Demonstration gegen den CSD an, mit rund 30 Teilnehmenden. Trotz geringer Zahl war die bedrohliche Symbolkraft groß. Angriffe auf LGBTIQ*-Personen gehören inzwischen fest zum Repertoire rechtsextremer Jugendkultur. Diese Bedrohungsszenarien führten wiederholt zu Gewalttaten, etwa beim Brand des Autonomen Jugendhauses in Bargteheide am 17. Juni oder beim Anbringen einer Bombenattrappe an einer Geflüchtetenunterkunft in Bad Segeberg am 23. Juli 2025. Im Oktober wurde eine Razzia gegen Jugendliche in Heiligenhafen und auf der Insel Fehmarn durchgeführt. Dabei wurden Chemikalien zur Sprengstoffherstellung und Waffenteile aus einem 3D-Drucker gefunden. Im November brachen Unbekannte in das Jugendzentrum in Bargteheide ein, verwüsteten die Inneneinrichtung und hinterließen Hakenkreuze und den Schriftzug ‚AFD‘.
Rechtsextreme Resonanzräume in der „bürgerlichen Mitte“
Seit den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen hat sich ein Hybridmilieu herausgebildet, in dem sich spirituell-esoterische Gruppen, Reichsbürger*innen und rechtsaffine Bürger*innen über antisemitische Verschwörungserzählungen miteinander verbinden. Auch in Schleswig-Holstein bildeten diese Netzwerke wiederholt Resonanzräume für rechtsextreme Ideologien.
Während Gruppen wie die „Kieler Gelbwesten“ 2025 an Bedeutung verloren, formierten sich im Anschluss an die Bauern- und Mittelstandsproteste 2024 neue Strukturen. Im ersten Halbjahr 2025 konnte die in Schleswig-Holstein initiierte bundesweite Kampagne Gemeinsam für Deutschland (GfD) mehrfach zu diversen parallel stattfindenden Demonstrationen im gesamten Bundesgebiet mobilisieren. Auch in Schleswig-Holstein wurden aus dem Netzwerk GfD heraus Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmenden u. a. in Itzehoe, Neumünster, Bad Schwartau, Flensburg und Heide organisiert. Neben extrem rechter Regierungskritik standen dort LGBTIQ*-feindliche, antisemitische und rassistische Verschwörungserzählungen im Zentrum. Besonders auffällig ist, dass diese Demonstrationen gezielt die „bürgerliche Mitte“ adressieren. Das zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Teilnehmenden, die mehrheitlich aus höheren Altersgruppen und der Mittelschicht stammen. Ein ähnliches Milieu versammelte sich an verschiedenen Orten in Schleswig-Holstein zum sogenannten „Brückenleuchten“. Eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Demonstrant*innen traf sich dabei an Autobahnbrücken, um durch Fahnen und Lichter für rechtsaffine Verschwörungserzählungen zu werben. Zum Zeitpunkt einer der Aktionen kam es im Oktober zu einem tödlichen Autounfall auf der A74.
Die Zivilgesellschaft zwischen Aufbruch, Professionalisierung und Verunsicherung
Die wachsende Gefahr des Rechtsextremismus wird in Schleswig-Holstein zunehmend erkannt. Politik, Vereine, Verbände und die demokratische Zivilgesellschaft setzten auch 2025 deutliche Zeichen für Demokratie und Vielfalt. Rund um die Bundestagswahl am 23. Februar fanden landesweit zahlreiche Demonstrationen gegen die Normalisierung des Rechtsextremismus statt. Die größte Kundgebung mit rund 14.000 Teilnehmenden fand am 2. Februar in Kiel statt. An vielen weiteren Orten organisierten lokale „Demokratiebündnisse“ Veranstaltungen, die ihre Arbeit inzwischen verstetigt und professionalisiert haben. Neben Demonstrationen entstehen vielerorts Kunst- und Kulturformate sowie niedrigschwellige Begegnungsangebote – wie das Projekt „Schnack am Markt“ des Bündnisses „Nordfriesland ist bunt“ in Bredstedt.
Zunehmend gelingt auch die Vernetzung mit kommunalen Strukturen, was sich in Ansätzen zur Gründung von „Partnerschaften für Demokratie“ zeigt. Dabei greifen viele Initiativen auf die Unterstützung der RBTs zurück. Auch etablierte Vereine und Verbände setzen sich stärker mit ihrer Haltung auseinander und beziehen offen Position gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die RBTs werden hier regelmäßig um Beratung und Fortbildungen gebeten. Gleichzeitig beobachten die RBTs eine gewisse Verunsicherung. Diese zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem sogenannten „Neutralitätsgebot“. Gerade öffentlich geförderte Strukturen befürchten, ihre Finanzierung zu gefährden, wenn sie sich klar gegen die AfD positionieren – da diese vom Verfassungsschutz noch nicht endgültig als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft ist. Diese Unsicherheit führt dazu, dass AfD-Politiker*innen weiterhin zu Podiumsdiskussionen eingeladen werden, auch im schulischen Kontext. Die RBTs sehen hier erheblichen Beratungsbedarf: Nur durch Klarheit und Unterstützung im Umgang mit Rechtsextremismus kann das demokratische Engagement nachhaltig gestärkt werden. Denn gerade die AfD nutzt den Ruf nach vermeintlicher Neutralität gezielt, um pädagogische Fachkräfte, Kommunalpolitiker*innen und die Zivilgesellschaft zu verunsichern.
Die Regionalen Beratungsteams Schleswig-Holstein werden im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ sowie des Landesprogramms zur Demokratiestärkung und Rechtsextremismusbekämpfung über das Landesdemokratiezentrum Schleswig-Holstein finanziert und befinden sich in Trägerschaft der Aktion Kinder- und Jugendschutz SchleswigHolstein e.V. und des Arbeiterwohlfahrt Landesverband Schleswig-Holstein e. V. Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMBFSFJ bzw. des BAFzA sowie des Ministeriums für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport des Landes Schleswig-Holstein und des Landesdemokratiezentrums dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.


