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Seitenblick Möhlau: Fremdenfeindliches Motiv nicht ausgeschlossen

Der Mann, der Azad Hadji genannt wurde lebte in dem Asylbewerberheim von Möhlau (Landkreis Wittenberg) offenbar unter falscher Identität. Und er stammte nicht aus dem Irak. Das sind die aktuellen Erkenntnisse der Ermittler, berichtete die Mitteldeutsche Zeitung am 25.7.. „Die Personalien haben wir von der Staatsanwaltschaft erhalten. Auf der Sterbeurkunde steht Georgien“, bestätigte Steffen Drenkelfuß, Pressesprecher der Stadt Halle. Das dortige Standesamt hatte das Dokument ausgestellt, weil der 28-jährige Mann in der Spezialklinik Bergmannstrost an Brandverletzungen und anschließender Lungenentzündung – so das Ergebnis der Obduktion – gestorben war.

Die Ermittler gehen mittlerweile fest davon aus, dass der 28-jährige Hadji die Verbrennungen erlitt, als eine Dönerbude im 25 Kilometer entfernten Roßlau in Brand geriet. Dort seien, anders als in Möhlau, seine DNA-Spuren gefunden worden. Man gehe von vorsätzlicher Brandstiftung aus, da auch Spuren eines Brandbeschleunigers gefunden wurden. Genauere Angaben über die Quelle des Brandbeschleunigers will die Polizei bislang nicht machen. Dies sei Teil laufender Ermittlungen.

In der Nacht des 30. Juni war Azad H. mit schweren Brandverletzungen nach Hause in das Asylbewerberheim Möhlau gekommen. Laut Medienberichten trug er fremde Kleidung und sagte seiner Frau, die Nazis hätten ihn „fertiggemacht“. Marco Steckel von der Mobilen Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Dessau sagte, Hadji habe nach seiner Ankunft im Asylbewerberheim Möhlau noch geduscht, bevor er von Freunden in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht wurde. Die Verwundungen seien dadurch noch verstärkt worden, zumal die Duschen keinesfalls Krankenhausqualität haben. Hadji lag fast zwei Wochen im künstlichen Koma bis er am 16.7. in einer Spezialklinik in Halle einer Lungenentzündung erlag.

„Rassistischer Überfall nicht ausgeschlossen“

Die prekären Wohnbedingungen im Asylbewerberheim in Möhlau gerieten schon mehrfach in die Kritik örtlicher Initiativen. Sie fordern die Schließung des Lagers und die Verteilung der Bewohner auf kommunale Wohnungen in Dessau.

In Möhlau selbst konnten Spürhunde keine Fährte des Mannes ausmachen, ein Überfall im Ort scheint daher unwahrscheinlich. Die Dönerbude in Roßlau, an der seine DNA-Spuren gefunden wurden, explodierte jedoch nur eine halbe Stunde vor seinem Eintreffen im Asylbewerberheim. Wie Hadji, der kein Auto besessen haben soll, diese Distanz so schnell überwunden haben könnte, bleibt zunächst offen. Online-Routenplaner veranschlagen für die 25 Kilometer etwas mehr als 30 Minuten Fahrzeit.

Laut Hadjis Frau war ihr Mann mit dem Besitzer der Bude befreundet. Dieser soll am Samstag vor dem Unglückstag bei ihm in Möhlau zu Besuch gewesen sein. Seit dem Vorfall sei er nicht mehr in Möhlau gewesen. Leute aus seinem Umfeld vermuten, dass er zurzeit im Urlaub ist.

Marco Steckel von der Mobilen Opferberatung: „Es ist nicht zweifelsfrei ausgeschlossen, dass es sich um einen rassistischen Überfall handelt.“ Er hofft nun auf eine lückenlose Aufklärung des Falles, damit alle Zweifel aus dem Weg geräumt werden können.

Beklemmende Erinnerung an den Fall Oury Yalloh

In Dessau sorgt seit Anfang 2006 ein weiterer Todes-Fall für Schlagzeilen, nachdem in Polizeihaft ein junger Mann aus Sierra Leone, Oury Yalloh, bei lebendigem Leib verbrannte – gefesselt an eine Liege in einer Ausnüchterungszelle der Polizei. Die Todesumstände sind  bis heute mysteriös. Die Dessauer „Initiative Oury Jalloh“  bemüht sich um Aufklärung – stößt  aber auf eine Mauer des Schweigens bei der Polizei. Der Sprecher der Initiative, Mouctar Bah, erlebte am Morgen des 21. Juli 2009 eine groß angelegte  Hausdurchsuchung durch die Polizei.

Kurz zuvor hatte die  Internationale Liga für Menschenrechte mitgeteilt, dass die Initiative Oury Yalloh und Mouctar Bah in diesem Jahr Preisträger der Carl-von-Ossietzky-Medaille werden. „Wie schon mehrfach in der Vergangenheit versuchen die Dessauer Behörden ihn systematisch zu kriminalisieren und damit sein politisches Engagement zu entwerten“, protestierte am Mittwochabend die Antirassistische Initiative Berlin.

Mouctar Bah sei seit dem Mord an seinem Freund Oury Jalloh unermüdlich für die Aufklärung der Tat aktiv gewesen: „In der Vergangenheit nahm das Ordnungsamt Dessau rassistische Anfeindungen von Nachbarn seines Internetladens in Dessau zum Anlass ihm die Lizenz für den Laden zu entziehen“. Bah werde auf diese Weise gezielt „kriminalisiert“ – wie jetzt auch das irakische Verbrennungsopfer Azad Hadji?

Julia Schörken, Fabian Stroetges

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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