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Smart Glasses Wenn Belästigung zum viralen Content wird

Ein einfaches „Nein“ auf der Straße landet Stunden später auf TikTok – kommentiert und verurteilt von Millionen. Schicke Smart Glasses, inklusive der Stimme von Kylie Jenner, machen heimliche Aufnahmen so leicht wie nie und verwandeln Grenzüberschreitungen in viralen Content.

 
Als stylishe Alltagsbrille bewirbt Kylie Jenner ihre Collab mit Meta Glasses. Die „Meta Starfire Kylie Edition“ ist mit einem Glitzerstein verziert und ausgestattet mit einer KI, die mit Kylies Stimme spricht. (Quelle: Screenshot YouTube )

„Kein Interesse, danke“, sagt die Frau höflich, steckt sich den Kopfhörer wieder ins Ohr und will weitergehen. Doch die Situation endet nicht. Der Mann stellt Fragen und läuft stur neben ihr her. Seine Smart Glasses filmen die ganze Zeit unbemerkt mit. Stunden später landet das Video auf TikTok. Darunter sammeln sich Tausende Kommentare, in denen ihr „Nein“ auseinandergenommen wird, diskutiert wird, ob sie „zu kalt“ oder „zu arrogant“ reagiert habe. Aus einem privaten „Nein“ wird öffentlich verwertbarer Content. Genau solche Videos kursieren inzwischen tausendfach auf den sozialen Plattformen.

Möglich macht das eine Technologie, die sich zunehmend ausbreitet: Smart Glasses sind Brillen mit integrierter Kamera, Mikrofon und Lautsprechern. Per Knopfdruck oder Sprachbefehl können Nutzer*innen Musik hören, telefonieren, filmen oder sogar streamen, ohne ihr Smartphone in die Hand nehmen zu müssen. Mit jeder Generation wird es schwieriger, sie von gewöhnlichen Modellen zu unterscheiden. Das Lämpchen, das als Aufnahmeanzeige dient, wird von vielen Usern einfach abgeklebt.

Konzerne wie Meta vermarkten Smart Glasses längst nicht mehr als technisches Produkt, sondern als modisches Lifestyle-Accessoire. Das zeigt auch die aktuelle Kampagne mit Kylie Jenner: Die „Meta Starfire Kylie Edition“ wird als stylische Alltagsbrille beworben, verziert mit einem Glitzerstein und ausgestattet mit einer KI, die mit Jenners Stimme spricht. Die Technologie rückt in den Hintergrund. Verkauft wird in erster Linie ein Lebensgefühl.

Und die Strategie geht auf. Die Verkaufszahlen steigen: Allein im letzten Jahr konnte Meta weltweit mehr als sieben Millionen Smart Glasses verkaufen. Statt aber eine längst überfällige Debatte über Privatsphäre, digitale Selbstbestimmung, Konsens und die Grenzen des Erlaubten zu führen, wird die Technologie als logischer nächster Schritt in die Zukunft gehandelt. Die realen Gefahren und missbräuchlichen Einsatzmöglichkeiten geraten dabei völlig aus dem Blick.

Grenzüberschreitungen als Geschäftsmodell

Die Technik mag neu sein, die Praxis heimlicher Aufnahmen ist es nicht. Bereits zu Beginn der 2010er Jahre veröffentlichten YouTube-Kanäle wie „Thedevilmethod“ oder „DonJon verfuehrt“ sogenannte Infield-Videos, also meist heimlich aufgezeichnete Flirtversuche auf offener Straße. Darin präsentierten selbst ernannte „Dating-Gurus“ ihre Methoden für vermeintlich mehr Erfolg bei Frauen. Die Manipulationstaktiken wurden als Patentrezepte inszeniert, die zeigen sollten, welche Knöpfe es zu drücken gelte, um Anerkennung, Zuneigung und letztlich auch den „Zugang“ zu weiblich gelesenen Körpern zu erhalten.

Hinter dem Versprechen, einsamen Männern zu helfen, verbirgt sich ein knallhartes Geschäftsmodell. Pick-up-Artists (PUAs) locken mit überteuerten Bootcamps und Coaching-Programmen, die garantieren sollen, jede Frau ins Bett zu bekommen. Die Zustimmung der Frau spielt dabei keine Rolle. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich ein ‚Nein‘ überwinden lässt. In ihrem Buch „Men who hate women“ beschreibt die feministische Publizistin Laura Bates PUAs als integralen Bestandteil der Manosphere: „[They] portray women as little more than objects, whose sole purpose is to provide sexual pleasure to men, like some kind of pornographic slot machine”. Frauen, die nicht mehr sind als Objekte und deren einziger Zweck darin besteht, Männern sexuelles Vergnügen zu bereiten, wie eine Art pornografischer Spielautomat – Frauen als eindimensionale Wesen, deren Bedürfnisse und Grenzen bedeutungslos sind. Keine Individuen, sondern die Projektionsfläche eines misogynen Weltbilds, das Anspruchsdenken und Frauenhass legitimiert.

Mit dem Aufstieg der sozialen Medien hat sich das Geschäftsmodell gewandelt. Während die erste Generation der PUAs vor allem Kurse verkaufen wollte, geht es heute darum, Inhalte zu produzieren, die möglichst viele Menschen erreichen. Heimliche Aufnahmen dienen nicht mehr als Beweis für die eigenen Verführungskünste, sondern sind selbst zum Produkt geworden. Dabei vereinfachen Smart Glasses diese Form der Content-Produktion mehr denn je: Begegnungen können ganz beiläufig mitgefilmt und unmittelbar hochgeladen werden.

Die Gamification der Grenzverletzung

Die neue Generation der Smart-Glasses-Filmer jagt deshalb in erster Linie Reichweite und „Clout“ auf den sozialen Medien. Unterstützt von immer unauffälligerer Technologie geht es heute darum, Inhalte zu erstellen, die möglichst viele Reaktionen hervorrufen. Unter #Rizz (abgeleitet von Charisma) finden sich mittlerweile Hunderttausende solcher Videos.

Die Algorithmen auf den sozialen Medien treiben diese Entwicklung weiter an. Likes, Shares, Views und Kommentare sind die Währung der Plattformen. Sie belohnen extreme Situationen oder sogenannte „Rage-Bait“-Inhalte: Je provokanter, emotionaler oder grenzüberschreitender die Szene, desto größer die Chance, dass sie ein Millionenpublikum erreicht. Eine besonders spektakuläre Abfuhr oder eine hitzige Diskussion reichen oft aus. Aus einer Grenzüberschreitung wird ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Die Inhalte fallen ganz unterschiedlich aus: Manche Videos zeigen harmlose Begegnungen, andere dokumentieren eindeutig Formen der Belästigung. Oft werden die Betroffenen ohne Verpixelung gezeigt und finden sich Tage später im Internet wieder, bewertet von Tausenden fremden Menschen in den Kommentarspalten.

Die öffentliche Bloßstellung muss dafür nicht einmal das erklärte Ziel der Filmenden sein. Sie ergibt sich fast zwangsläufig aus der Logik der Plattformen. Welche Situationen diese Dynamik besonders zuverlässig auslösen, ist jedoch kein Zufall. So überrascht es kaum, dass aktuelle Berichte über Fälle digitaler Grenzverletzungen überwiegend Frauen betreffen.

Die Infrastruktur der Misogynie

Technologie erschafft die Machtverhältnisse nicht neu. Sie erleichtert es jedoch, sie durchzusetzen. In patriarchalen Gesellschaften kann sie bestehende Formen männlicher Kontrolle und Gewalt verstärken. Die Philosophin Kate Manne beschreibt das Patriarchat als ein System von Erwartungen und Ansprüchen. Frauen werden darin historisch als „Gebende“ verstanden. Von ihnen wird erwartet, Aufmerksamkeit, Bewunderung, Validierung, Sex und emotionale Fürsorge bereitzustellen. Männer als „Nehmende“ lernen dagegen, diese Güter als selbstverständlich einzufordern. Ein „Nein“ ist in diesem Weltbild keine neutrale Entscheidung, sondern eine Verletzung des vermeintlichen Anspruchs.

Smart Glasses machen diese Dynamik im öffentlichen Raum sichtbar. Spricht ein Mann eine Frau mit laufender Kamera an, fordert er genau jene Güter ein, die ihm vermeintlich zustehen: Aufmerksamkeit, Offenheit, ein Lächeln oder Flirtbereitschaft. Die Brille hält fest, ob die Frau ihrer gesellschaftlichen „Pflicht“ nachkommt oder mit dem Skript bricht. Tut sie Letzteres, greift oft das, was Manne als Misogynie definiert: die Praxis sozialer Kontrolle. Frauen werden sanktioniert, wenn sie diese Erwartungen nicht erfüllen. Wenn sie die männliche Vorherrschaft in Frage stellen oder wenn sie den Bedürfnissen der Männer nicht nachkommen.

Sobald das Video hochgeladen wird, setzt diese Sanktionierung in den Kommentarspalten ein: Frauen werden attackiert und abgewertet. Jede Frau, die im öffentlichen Raum nicht freundlich oder verfügbar genug erscheint, wird vor den Augen von Millionen bloßgestellt. Diese digitale Gewalt erzieht Frauen zur Anpassung und Unterordnung. Smart Glasses werden damit zu einem Kontrollwerkzeug: Sie automatisieren die Überwachung von Frauen im öffentlichen Raum und ermöglichen es, sie kollektiv zu bestrafen, wenn sie sich den Erwartungen fremder Männer entziehen.

Digitale Misogynie offenbart im Kern eine fundamentale Krise der Anerkennung: Frauen stehen ständig unter Beobachtung, werden be- und verurteilt, ohne als Menschen mit eigenen Grenzen wahrgenommen zu werden. Der Missbrauch dieser Technologie entspringt der Vorstellung, dass Frauen etwas sind, auf das man jederzeit Anspruch erheben oder auf das man Zugriff haben kann. Wenn ihre Zustimmung bewusst übergangen wird, verlieren sie ihren Status als menschliche Gegenüber: Sie werden zu Objekten degradiert, die von einem Publikum konsumiert und rezensiert werden und einzig der Inszenierung der filmenden Person dienen.

Düstere Zukunftsaussichten

Meta testet derzeit eine KI-Brille mit Daueraufnahme komplett ohne Aufnahmeleuchte, die das Umfeld warnen könnte. Der Prototyp filmt ununterbrochen mit, um Erlebtes später durchsuchbar zu machen. Je unsichtbarer diese Technologien sind und je stärker sie in den Alltag vordringen, desto dringlicher wird die Frage, welche Auswirkungen sie auf das gesellschaftliche Miteinander haben.

Weiblich gelesene Personen richten ihren Alltag kontinuierlich nach potenziellen Gefahren aus: Sie meiden bestimmte Wege bei Nacht, wählen ihre Kleidung bewusst, vermeiden Blickkontakt, um keine „falschen Signale“ zu senden, oder bedecken sich in Bus und Bahn selbst an den heißesten Sommertagen, um der eigenen Sexualisierung zu entgehen. Es ist ein Leben in ständiger Abwägung, wie sie wahrgenommen werden und welche Konsequenzen das haben könnte. Smart Glasses drohen diese Realität weiter zu verschärfen. Wenn jede Alltagssituation zum viralen Content werden könnte, droht jedes private „Nein” am öffentlichen Pranger zu enden.

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