Beim Judasfeuer wird eine Puppe, die stellvertretend für Judas Iskariot steht, als Strafe für seinen Verrat an Jesus Christus verbrannt. In der Regel findet das in katholischen Regionen an den Kar- oder Ostertagen statt. Die ritualisierte Verbrennung des Judas führte im 19. und frühen 20. Jahrhundert etwa in Polen, Marokko oder im griechisch-orthodoxen Raum zu antijüdischen Ausschreitungen; im Jahr 2018 forderte die jüdische Gemeinschaft in Griechenland die Einstellung des Brauchs. Für internationale Aufmerksamkeit sorgte ein Vorfall in der polnischen Kleinstadt Pruchnik 2019: Eine Judaspuppe wurde durch die Straßen geschleift, aufgespießt, angezündet und ins Wasser geworfen. Sie trug die Aufschrift „Judas 2019“ und war mit Hakennase und orthodox-jüdischer Kopfbedeckung und Haartracht versehen, also als stereotypischer „Jude“ in antisemitischer Tradition gestaltet. Seitdem steht die Tradition in der Kritik.
Dr. Andreas Rentz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München. Dort forscht er aktuell zum Judasfeuer. 2024 erschien seine Studie „Der ‚Geldjude‘. Antijüdische ökonomische Stereotype im mittelalterlichen Deutschland bis zur Großen Pest“.
Untersuchungen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern und der Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit Beratung bei Rassismus und Antisemitismus (SABRA) der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf von 2020 und 2021 weisen drei Regionen in Deutschland nach, in denen solche Judasfeuer noch im 21. Jahrhundert üblich sind: In Westfalen mit Schwerpunkt im katholischen Sauerland, in Unterfranken mit angrenzenden Landkreisen sowie zwischen Augsburg und München im westlichen Oberbayern. Obgleich es bisweilen als „säkular“ oder „weltlich“ bezeichnet wird, handelt es sich um einen christlichen, wenn auch nicht kirchlichen Brauch: Verantwortlich sind katholische Lai*innen, keine Kirchenvertreter.
Was hat Judas mit Jüdinnen*Juden zu tun?
Zentral für die Darstellung von Judas als stereotypischen „Juden“ ist die Motivik um Geldgier, Verrat, Gottesmord und Teufelsnähe. Diese ist bereits in den Evangelien angelegt: Judas soll Jesus gegen einen Lohn von 30 Silberlingen an die jüdischen Hohepriester ausgeliefert haben, die ihn ihrerseits an die römische Besatzung übergaben, auf deren Anordnung er verurteilt und gekreuzigt wurde. In der Rezeption verschmolzen Judas und die verschiedenen jüdischen Fraktionen zu „den Juden“, die für den „Gottesmord“, also die Tötung Christi, verantwortlich gemacht wurden. Befördert wurde das durch die Namensähnlichkeit, die in mehreren Sprachen besteht und auf dem gemeinsamen etymologischen Ursprung basiert.
Die Stilisierung des Judas zum jüdischen Exponenten findet sich bereits in der Spätantike: So machte der Theologe Eusebius von Caesaera Judas zum jüdischen Stammvater, während Papst Gelasius I. der Auffassung war, Jüdinnen*Juden seien nach Judas benannt worden. Ab dem Spätmittelalter verdichteten sich diese Assoziationen. In Passionsspielen und in der Ikonografie dieser Zeit wurde Judas immer wieder in gelber Kleidung und mit einem Geldsack dargestellt, was stereotypisch antijüdischen Attributen entspricht; sowohl Judas als auch Jüdinnen*Juden im Allgemeinen wurden bisweilen mit Spitzhüten, stereotypisch „jüdischen“ Gesichtszügen und dem Teufel dargestellt. Eine antijüdische Judasrezeption wurde schließlich auch vom Nationalsozialismus aufgegriffen. Insbesondere das Hetzblatt „Der Stürmer“ benutzte den „Erzjuden Judas Ischarioth“ in Karikaturen und Texten zur antisemitischen Hetze.
Eine kurze Geschichte des Judasfeuers
Entgegen der Behauptung der älteren Volkskunde haben Judas- und Osterfeuer keine heidnischen germanischen Wurzeln, auch wenn diese Auffassung bis heute herumgeistert. Judaspolemische Bräuche wie das Judaslied entwickelten sich erst ab Mitte des 15. Jahrhunderts, als das germanische Heidentum längst verschwunden war. In diesem Lied wird der „arme Judas“ besungen, dem „höllische Pein“ an den Hals gewünscht wird. Die Assoziation mit Hölle und Feuer dürfte ursächlich dafür gewesen sein, Judas auf das Osterfeuer zu übertragen. Dabei handelt es sich um einen auch „Feuerweihe“ genannten katholischen liturgischen Brauch: Am Karsamstag wird bei der Kirche ein Feuer entzündet und geweiht, das das Licht symbolisieren soll, mit dem Jesus die Dunkelheit der Sünde vertreibt.
Dass dabei Judas verbrannt wurde, was niemals offizieller Bestandteil der Liturgie werden sollte, ist in Deutschland erstmals aus dem oberbayerischen Weilheim im Jahr 1594 belegt. Im 17. und 18. Jahrhundert eignete sich die christlich-laikale oberbayerische Bevölkerung den Brauch vollständig an: Ohne liturgische Rahmung und auf einem freien Feld weit weg von der Kirche wurden größere Scheiterhaufen entzündet, auf die manchmal eine Judasfigur gesetzt wurde. Diesen Judasfeuern wurde eine magische Wirkung gegen Unwetter zugesprochen, was mit dem Kontext der Kleinen Eiszeit zu erklären ist: Eine damals grassierende Klimaerkaltung führte zwischen etwa 1580 und 1700 zu Ernteausfällen und Hungersnöten. In manchen Regionen wurden deswegen Frauen als vermeintlich Schuldige verbrannt – in Oberbayern auch Judaspuppen.
Nach einem Verbot durch den bayerischen Kurfürsten 1749 nahmen diese Judasfeuer allmählich ein Ende. Als Synonym für die kirchliche Feuerweihe erhielt sich die Bezeichnung „Judasfeuer“ jedoch in vielen anderen Regionen. Bisweilen wurde dabei in aller Deutlichkeit der „Jude“ oder der „Ewige Jude“ verbrannt. Nur vereinzelt nahm der Brauch größere Ausmaße an: In Prag verbrannte das Erzbistum um 1780 im Judasfeuer „ketzerische“ Bücher; in Wien wurden spätestens seit 1824 Puppen verbrannt, für die die Bezeichnungen „Judas“ und „Jude“ gleichermaßen geläufig waren, was 1862 eine Antisemitismusdebatte im Wiener Stadtrat auslöste. Meist wurde die Verbrennung des Apostels oder des „Juden“ jedoch ohne Figur nur imaginiert.
Ab etwa 1890 begannen christliche Lai*innen in vielen Orten Oberbayerns und Westfalens wieder damit, außerhalb der Liturgie große Scheiterhaufen mit Judaspuppen zu verbrennen. Auch in Franken wurde mancherorts die kirchliche Feuerweihe um eine Judasfigur ergänzt. Diese Entwicklung ist im antisemitischen Diskurs dieser Zeit zu verorten, der von Krisenerfahrungen wie Kulturkampf, Gründerkrise oder Judenemanzipation ausgelöst wurde; im katholischen Milieu wurde dieser Diskurs aufgegriffen und mit Ritualmord-, Wucher- und Judasideologemen verarbeitet. Viele Menschen entdeckten längst verschwundene Bräuche aus der Frühen Neuzeit wieder, die wie die Judasfeuer durch die volkskundliche Forschung dieser Zeit erfasst und bekannt gemacht wurden.
Das Judasfeuer bot der katholischen Landbevölkerung die Möglichkeit, ihre akuten antisemitischen Ressentiments auszuleben. Bisweilen warf man auch Steine auf die Puppe oder gab Schüsse ab; anderweitig musste ein Junge den Judas „darstellen“ und sich körperlich drangsalieren lassen. Der Nationalsozialismus hatte ein ambivalentes Verhältnis zum christlichen Antisemitismus und interessierte sich stärker für den angeblich germanischen Ursprung der Osterfeuer; dennoch wurde das Judasfeuer in einzelnen Orten Oberbayerns von der HJ oder der SA organisiert.
Krieg und Holocaust bildeten keine sichtbare Zäsur für den Brauch. Lediglich die Reform der Karwochenliturgie 1951 bereinigte die Feuerweihe von nicht-liturgischen Elementen wie dem Judasbezug. In manchen Orten Frankens organisiert die Bevölkerung seither die Judasfeuer selbstständig und ohne liturgischen Rahmen. In Oberbayern und in Westfalen erhielten sich die Judasfeuer in der Gestalt, in der sie sich seit 1890 etabliert hatten, bis in die Gegenwart. Öffentliche Auseinandersetzungen um ihren antisemitischen Charakter gab es hin und wieder: Der Erzbischof von Paderborn rief 1988 dazu auf, den Brauch einzustellen, weshalb er in manchen sauerländischen Orten verschwand; sechs Jahre später wurde er außerdem in München verboten.
Die aktuelle Judasfeuerdebatte
Dennoch finden die Judasfeuer auch in der Gegenwart noch statt. Bezeichnend sind die Reaktionen auf die Publikationen von RIAS und SABRA. Manche Organisator*innen zeigten sich reflektiert und stellten den Brauch ein oder bereinigten das Osterfeuer von Puppe und Judasbezug. An anderen Orten schaltete man auf Abwehr. Behauptet wird verschiedentlich, es ginge schlicht um Gemeinschaftserlebnisse und die Bewahrung von Tradition. Das wäre zwar auch ohne Judaspuppe möglich, doch scheint diese für viele von zentraler Bedeutung zu sein. Ein Fernsehbeitrag der BR-Sendung „quer“ von 2024 zeigt etwa, wie in einem bayerischen Dorf Ausrufe wie „Brenn’, Judas, brenn’!“ oder „Verreck’!“ der Judasfigur entgegengeschrien werden. Ein Trachtenverein distanziert sich auf seiner Homepage zwar von Antisemitismus, hält aber an der Verbrennung des Judas fest, da er „das Schlechte (Eifersucht, Gier, usw.)“ symbolisiere – also Eigenschaften, die im Antisemitismus mit dem Judentum assoziiert werden. Die Abwehrhaltung nimmt bisweilen aggressive Züge an: Im Jahr 2023 wurde ein Filmteam auf dem Weg zu einem Judasfeuer von den Organisator*innen abgefangen und an der Weiterfahrt gehindert; der geplante Dreh wurde abgebrochen.
Solche Vorfälle zeigen, dass das Problem des christlichen Antisemitismus nicht einfach verschwunden ist. Man kann zwar annehmen, dass vielen Organisator*innen der antisemitische Charakter des Judasfeuers lange Zeit nicht bewusst war, doch die teils aggressiven Abwehrreaktionen sowie die Schimpftiraden gegenüber den Judasfiguren zeigen: Man verbrennt den Judas nicht trotz, sondern wegen seines antisemitischen Gehalts. Ein Verbot des Brauchs ist dennoch keine Option. Wichtiger ist es, durch Aufklärung eine Reflexion auszulösen, sodass die Organisator*innen aus eigener Einsicht auf Puppe und Judasbezug verzichten.


