„Vor Neid platzen“ – dieses Sprichwort deutet an, welches zerstörerische Potenzial dieses Gefühl haben kann. Neid gehört wohl zu den unangenehmsten, sozial am wenigsten akzeptierten, gleichwohl recht gewöhnlichen Emotionen. Zugleich ist Neid eng mit Scham verbunden. Ihn sich selbst einzugestehen, fällt schwer und bleibt wohl häufig unmöglich. Neid war schon immer ein Erklärungsfaktor für Verzweiflung, Hass, Aggressionen, Mord.
So spielt Neid auch in der Antisemitismusforschung eine Rolle, und es gibt zahlreiche Analysen dazu, warum Neid auf vermeintlich gebildete, reiche Jüdinnen*Juden einen Beitrag zum Antisemitismus leistete und noch tut: „Aber dass die Juden gedemütigt, enteignet, hart angefasst und zu schwerer Arbeit deportiert wurden, das billigten Millionen von stillem Neid, Missgunst, verhaltener Schadenfreude und Habgier durchdrungene Deutsche“, schreibt Götz Aly 2023 in seinem Buch: „Warum die Deutschen? Warum die Juden?”. Mitunter wird Neid als Erklärung für Antisemitismus kritisiert, weil dies eine Verharmlosung darstellen könnte, indem der Neid als Gegensatz zu Hass beschrieben wird. Diese Gegenüberstellung ist aber nicht überzeugend, weil Hass durchaus eine Folge von Neid sein kann.
Kristina Herbst ist Projektstudienleiterin Bildstörungen an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Nach ihrem Studium in Halle (Saale) und Berlin war sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Abgeordnetenhaus von Berlin im Bereich Strategien gegen Rechtsextremismus tätig.
Kritikwürdiger scheint mir die mit der „Neidthese“ einhergehende Zuschreibung an „die Juden“. Denn häufig gehen diese Herleitungen mit Beschreibungen von Eigenschaften von Jüdinnen*Juden einher – etwa ihres Bildungs- und Wohlstandsniveaus oder durch den Fokus auf Geldgeschäfte im Mittelalter. Ohne die Bedeutung der Beschreibung historischer, politischer, gesellschaftlicher und rechtlicher Bedingungen jüdischen Lebens zu bestreiten, bleibt doch unterschwellig häufig der Eindruck, Antisemitismus sei eine direkte, sicher nicht zu entschuldigende, aber eben doch nachvollziehbare Reaktion auf das Verhalten von Jüdinnen*Juden. Dieses Muster zeigt sich auch seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder in Darstellungen der Ursachen und Wirkungen der Geschehnisse seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Antisemitismus und so auch Neid als Reaktion auf reales Verhalten zu erklären, reproduziert nicht selten die Negativstereotype und dringt nicht zum Kern der Funktionsweise des Antisemitismus vor – denn Antisemitismus ist „ohne Juden“ (Paul Lendvai) oder als fantasierte Zuschreibung wirksam.
Neid muss als Problem des Subjekts ausgelagert und projiziert werden. Antisemitismus ist das „Gerücht über die Juden“ (Adorno) und erfüllt eine Funktion. Es geht um den Nutzen, den dieser Projektionsmechanismus für „den Antisemiten“ hat: Entlastung durch Verantwortungs- und Schuldabwehr, Selbstidealisierung durch die Externalisierung verpönter Gefühle oder Sehnsüchte, Selbststabilisierung durch das „auf der Seite des Guten stehen“ und dadurch auch ein Lustgewinn.
So wie es Wechselbeziehungen zwischen Antisemitismus und Sexismus gibt, spielt auch die These des sexuellen Neids auf Jüdinnen*Juden und eigene nicht erfüllte Sehnsüchte in der Analyse des Antisemitismus eine Rolle: „Lüsterne Jüdinnen*Juden“, die (christliche) Männer oder Frauen verführen, als Gegenbild zu sittlichen, züchtigen Christ*innen.
Auch Freud hat in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion” auf die Rolle des Neids als verdrängter Affekt hingewiesen: „Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbewußten der Völker (…). Ich wage die Behauptung, dass die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen heute noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben geschenkt hätten.“ Interessant ist der Verweis auf die religiöse Bedeutung dieser Struktur. Viele zentrale Motive des Antisemitismus – der Vorwurf des Verrats, der Verschwörung, des Gottesmordes, das Bild „vom Juden als Kindermörder“ – sind in ihrer Entstehung und Verbreitung christlich verantwortet und bis heute säkular wirksam, auch in Erscheinungsformen israelbezogenem Antisemitismus.
Diese christliche Signatur lässt sich auch beim Neid nachzeichnen: „Wenn ihr jetzt auf mich hört (…), dann werdet ihr unter allen Nationen mein bevorzugtes Eigentumsvolk sein, (…). Ihr seid für mich ein priesterliches Volk, eine heilige Gemeinschaft. Das sollst du Israel sagen.“ (Ex 19, 5-6). In der hebräischen Bibel lesen wir von der besonderen Beziehung zwischen Israel und Gott und der Erwählung Israels als Gottes Volk. „Du bist auserwählt“ – Exklusivität für die Ausgewählten und Exklusion für alle anderen? Theologisch ein besonderer Status, aber laut der Theologin Eva Martina Kindl eine Verantwortung, „so ist die göttliche Erwählung Israels keine Bevorzugung, die Ungerechtigkeit erzeugt, oder eine Privilegierung, die anderen vorenthalten wird. Vielmehr ist sie ein durch das Verhältnis zum Lebendigen begründeter Dienst an den anderen Völkern, um sie durch das Leben nach der Tora mitzunehmen auf den Weg ins Leben.“ Dennoch beginnt nach Jesu Tod und Auferweckung – ein Erlösungsgeschehen für diejenigen, die Jesus als Messias anerkennen – ein Ringen um fundamentale Glaubensfragen, wie Paulus in seinem Brief an die Römer zeigt. Hat Gott Israel nun verstoßen? Paulus kommt zu dem Schluss „Gewiss nicht!“ (Röm 11, 1).
Und doch hat in der christlichen Rezeption eine andere Deutung zu dramatischen antijüdischen Bewegungen geführt. Nach der sogenannten Enterbungstheologie habe Israel seine Erwählung verloren, an seine Stelle sei die Kirche getreten als neuer Bund, Christen als das wahre Israel – „Das ist der Neid des Zu-Spät-Gekommenen“, wie es die Historikerin und Antisemitismusforscherin Stefanie Schüler-Springorum im Tagesspiegel formuliert. Diese Vorstellung verbunden mit der Negativstereotypisierung des Judentums, dem Gottesmordvorwurf und sicherlich auch aus der Erfahrung ausbleibender Erlösung sowie Selbstzweifeln, auf dem richtigen Weg zu sein, führte zu einer gewaltvollen Tradition, Diskriminierung, Vertreibungen, Pogromen und Vernichtung. Dieses Muster ist säkular immer wieder aktualisiert worden und heute in jeder Verschwörungserzählung erkennbar. Jüdinnen*Juden werden für ausbleibendes Heil und negative Gefühle verantwortlich gemacht: Antisemitismus ist zur Welterklärung geworden.
Luther verbindet in seiner am stärksten von Judenhass geprägten Schrift „Die Juden und ihre Lügen“ (1543) seine theologische Argumentation mit historischen Deutungen. Aus der Zerstörung Jerusalems und dem Verlust des Landes schließt er auf eine Abkehr Gottes vom jüdischen Volk: „[…] solch grausamer Zorn Gottes zeigt […], dass sie gewisslich irren […] Darum […] dass die Juden gewisslich von Gott verworfen, nicht mehr sein Volk sind“.
Er kombiniert diese mit einer mit „Sozialneid” geladenen antisemitische Perspektive. Luther behauptet: „[…] sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen […] lassen uns arbeiten […] sitzen dieweil am Ofen, faulenzen, fressen und saufen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut […]“. Daraus entsteht das Bild, die Juden seien „unsere Herren, wir ihre Knechte“.
Beiden Dimensionen ist kirchenoffiziell deutlich widersprochen, aber die Herausforderung, die eigene Erwählung und die Israels als Volk Gottes theologisch wertschätzend zu denken und danach zu handeln, bleibt in der kirchlichen Alltags- und Bildungspraxis eine Herausforderung.
Was aber bedeutet jener christliche aggressiv abgewehrte Neid nun für den säkularen israelbezogenen Antisemitismus? Da ist zunächst der irritierende Befund, dass Israels Existenz – sichtbar an den Delegitimierungsimpulsen bis zur Bestreitung der Berechtigung der Staatsgründung – ein Stachel für so viele Menschen zu sein scheint. Könnte es einerseits eine säkulare Variante der Selbstbestätigung durch die Nichtexistenz eines jüdischen Staates sein und gleichzeitig der Neid auf eine erfolgreiche antikoloniale Staatsgründung, die dann als koloniales Projekt denunziert wird? Neid auf einen Staat, der Wohlstand, Demokratie und Freiheit, Wehrhaftigkeit erlangte inmitten von Staaten, die hinter diesen Zielen zurückblieben? Neid auf einen „besonderen“ und schutzbedürftigen Status Israels, auf Durchsetzungskraft auch unter extrem existenzgefährdenden Bedingungen? Dazu kommen die fantasierten Bilder über Israel als starkes, übermächtiges, die Welt kontrollierendes Übel. „Free Gaza from german guilt„ und andere israelfeindliche Parolen aus dem linken und postkolonialen Kontext zeigen den Versuch, eingebettet in Schuldabwehrmechanismen, diese Fantasie des „besonderen Status“ abzuwehren und Israel gleichzeitig zu delegitimieren und mit vorgeblich „reinen“ also menschenrechtlich orientierten Argumenten abzuwerten.
Auch hier lässt sich eine Säkularisierung einer christlichen Selbstidealisierung erkennen: Das eigene Selbst soll sich durch die Abwertung des Anderen als „gut“ erweisen, folgt dabei jedoch zugleich abgründigen Gefühlen wie eben etwa Neid.


