Sie stehen in Gotteshäusern, sind Teil der christlichen Bildtradition und doch Zeugnisse einer jahrhundertealten Feindschaft: Judenfeindliche Objekte begegnen Kirchenbesucher*innen bis heute. Das Projekt „Spuren sichtbar machen“ dokumentiert und kontextualisiert das belastete Erbe. Projektleiter Dirk Damm und sein Team machen die visuellen Codes des antijüdischen Ressentiments online sichtbar und intervenieren direkt bei den Gemeinden.
Im Interview für [tacheles_5] erklärt Damm, welche Stereotype am häufigsten in Erscheinung treten – vom Vorwurf des „Christusmörders“ in der großen Mehrzahl der Kreuzwegdarstellungen bis hin zur Darstellung von Juden mit rassistischen Physiognomien, die dem Idealbild Jesu gegenübergestellt werden. Er beleuchtet die erschreckende Logik der Entmenschlichung, manifestiert in der Symbolik von Chimären mit Judenhut, und beschreibt, wie Gemeinden auf Hinweise reagieren.
Belltower.News: Welche antijüdischen Motive und Stereotype aus dem Mittelalter dokumentierst du und dein Team am häufigsten?
Dirk Damm: Am häufigsten sind die Darstellungen vom Christusmörder im Kontext von Kreuzwegdarstellungen. Außerdem begegnet man oft Darstellungen, die Böses und Verborgenes abbilden, oft verbunden mit Motiven wie Unglaube, Unreinheit, Sünde, Unzucht und Dämonisierung. Diese Motive überschneiden sich stark und im mittelalterlichen Weltbild verschmelzen sie zudem mit dem Christusmörder-Vorwurf.
Dirk Damm arbeitet seit 2017 bei der Diakonie Paderborn-Höxter e.V.. Seit 2021 baut er unter dem Schirm der Diakonie die Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit auf. Als Initiator und Verantwortlicher des Projekts spuren-sichtbar-machen.de dokumentiert und kontextualisiert er judenfeindliche Objekte in Nordrhein-Westfalen. Das Projekt entstand in enger Kooperation mit den Beratungsstellen für Antidiskriminierungsarbeit der jüdischen Gemeinden Dortmund (ADIRA) und Düsseldorf (SABRA) sowie der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW). Damm ist zudem in der Flüchtlingsberatung tätig.
Kommt das eher in katholischen oder evangelischen Kirchen vor?
Diese Darstellungen sind fast ausschließlich im römisch-katholischen Kontext zu finden, denn die katholische Tradition ist viel stärker bildgeprägt als die evangelische. Im evangelischen Kontext tauchen sie nur in vorreformatorischen Bauten auf.
Das soll nicht den Eindruck erwecken, dass evangelische Kirchen weniger antisemitisch belastet sind. Der protestantische Antisemitismus ist eher wort- und schriftgeprägt, denn die gesamte protestantische Verkündigung ist wortzentrierter. Antijudaistische Darstellungen kommen aber auch an säkularen Gebäuden vor, zum Beispiel dem ehemaligen Dominikanerkloster in Warburg, heute ein städtisches Gymnasium. Kreuzwegstationen sind zum Teil auch im öffentlichen Raum zu finden. Insgesamt sind nach unserem Eindruck grob 80 bis 90 Prozent der Kreuzwegbilder problematisch.
Warum?
Es geht um rassifizierte Darstellungen, Verantwortlichkeit für Böses und Verborgenes sowie Christusmörder-Vorwürfe. Diese Elemente wirken mal subtiler, mal offensichtlicher. Heutige Kreuzwegbilder in Kirchen stammen meist aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Damals gab es eine starke Ambivalenz: Jüdinnen*Juden waren seit der Judenemanzipation rechtlich gleichgestellt, die Kirche, vielleicht auch die christliche Bevölkerung bzw. die Gemeinden vor Ort wollten aber markieren, dass sie nicht richtig dazugehören.
Was ist auf diesen Kreuzwegbildern zu sehen?
Dort finden wir oft zwei Physiognomien: antijüdische Stereotype, wie Hakennase und buschige Augenbrauen, bei Darstellungen von Juden. Gegenüber steht Jesus, der im antik-griechischen Ideal mit geraden, symmetrischen Gesichtszügen dargestellt wird. Das ist spannend, da Jesus Jude war – warum rassifizieren? Diese Rassifizierung sehen wir auch bei idealisierten Darstellungen von Maria oder Maria Magdalena.
Gibt es andere Beispiele?
Wir sehen auch Chimären. Das sind nach unserem heutigen Verständnis fantastische Wesen, die aus zwei unterschiedlichen Tieren bestehen oder halb Mensch, halb Tier sind.
Bei unseren Dokumentationen wird oft der menschliche Kopf einer Chimäre mit einem Judenhut als jüdisch markiert. Der Judenhut war damals nicht zwangsläufig abwertend – er erscheint auch bei positiv konnotierten Figuren wie Josef. Aber die Figur hat einen tierischen Körper, was sie entmenschlicht, aber auch als unnatürliche Figur dem Reich des Teufels zurechnet. Zudem gab es im Mittelalter die Vorstellung von Gestaltwandlern, die ihre wahre Gestalt verbergen und täuschen können. Da Jüdinnen*Juden als „Ungläubige“ dem Reich des Teufels zugeordnet wurden, liegt die Interpretation nahe, dass sie auch als Gestaltwandler*innen verdächtigt wurden. Das fließt in die Symbolik antijüdischer Chimären ein.
Hat die Position einer solchen Figur innerhalb einer Kirche auch eine Bedeutung?
Eindrücklich zeigt das die judenfeindliche Chimäre in der römisch-katholischen Kirche Mariä Heimsuchung in Warburg. Dort ist die Figur Teil einer Konsole, also eines tragenden Wandvorsprungs. Diese Figur ist die einzige, deren Blick zum Altar durch eine andere Säule versperrt ist. Alle anderen Konsolfiguren können zum Altar blicken, dem Eucharistie-Ort, wo Christus leibhaftig durch die Hostie gegenwärtig ist. Im Mittelalter galt das Sehen der Hostie fast wie ihre Aufnahme – und der Jude ist durch das Nicht-Sehen von der Christusgemeinschaft ausgeschlossen.
Hast du noch ein weiteres Beispiel?
Interessant ist die Täter-Opfer-Umkehr in der Geschichte einer anderen Kapelle: 1292 ermordeten Bürger*innen in Büren Jüdinnen*Juden, die damals als „Eigentum“ des Fürstbischofs galten. Die Morde waren demnach ein Vergehen am Eigentum des Fürstbischofs und als Strafe mussten die Bürger*innen eine Sühnekapelle erbauen, die heutige Sakramentskapelle Corpus Christi. Doch 1337 entsteht eine Hostienfrevel-Legende: Ein Jude soll eine christliche Magd zum Diebstahl einer konsekrierten Hostie verleitet haben. Der Jude entweihte angeblich die Hostie, woraufhin sie zu bluten begann. Ein Zeugnis der wahrhaftigen Anwesenheit Christis. Die Kapelle wurde fortan als Denkmal für dieses Wunder verstanden, nicht mehr als Mahnmal für die Ermordung von Jüdinnen*Juden. Diese Legende war bis ins 20. Jahrhundert lokales Wissen.
Nicht nur dokumentiert ihr, ihr interveniert auch. Wie reagieren Gemeinden und Kommunen auf Hinweise zu judenfeindlichen Objekten?
Sehr unterschiedlich. Häufig mit Abwehr und Relativierung: „Das versteht niemand, es gibt hier eh keine Juden, gibt es nichts Wichtigeres?“ Oder Vorwürfe: „Ihr wollt uns fertigmachen, unser Erbe rauben.“ Aber es gibt auch sehr viel Dankbarkeit für Hinweise, Workshop-Anfragen, die Frage nach Unterstützung bei Kontextualisierung.
Besonders Kontextualisierungen dieser Objekte sind wichtig, denn obwohl viele die Codes nicht bewusst lesen, wirken sie trotzdem und begünstigen Ressentiments gegenüber Jüdinnen*Juden.
Wie können Gemeinden oder Kommunen mit judenfeindlichen Objekten umgehen?
Es gibt nicht den einen für alle Objekte passenden Umgang. Neben dem Entfernen sind auch Verhüllungen, Veränderungen und/oder Kontextualisierungen vor Ort, abhängig vom jeweiligen Objekt, denkbar. Ein positives Beispiel ist die Gemeinde der Pfarrkirche St. Georg in Paderborn. Die Kirche wurde während der Nazi-Zeit erbaut und zeigte bis 2023 antisemitische Darstellungen einer Kreuzwegstation. Nach unserer Kontaktaufnahme mit der Gemeinde wurden die Bilder sofort abgenommen. Heute findet man an der Stelle eine Tafel, auf die Kirchenbesucher*innen schreiben können, was diese Kreuzwegstation für sie persönlich bedeutet. Ein schönes Beispiel, Tradition lebendig zu halten, ohne judenfeindliche Elemente.


