Mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit wird die AfD in Sachsen-Anhalt aus der Landtagswahl am 6. September 2026 als Siegerin hervorgehen. Obwohl der sachsen-anhaltinische Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, liegt die AfD in den letzten Umfragen bei knapp über 40 Prozent. Die AfD hat ihren Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ganz auf ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zugeschnitten, sein Gesicht auf Plakaten, T-Shirts und Covern.
Ein Grund für den Erfolg ist die in der AfD erprobte Mechanik, Kritik in Werbung umzuwandeln. Ulrich Siegmund, so scheint es, hat genau das perfektioniert. So signiert er etwa grinsend ein Magazin-Cover, das ihn selbst zeigt. Auf der Spiegel-Titelseite vom 13. August sein Passbild im Stil eines Fahndungsfotos, darunter in roter Schrift „Der gefährlichste Mann Deutschlands“, eine Geschichte über den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt. Seither erntet der Spiegel viel Kritik für sein Cover. Denn der Porträtierte machte daraus binnen Stunden Wahlkampfmaterial.
Doch, wer nur auf das breite Grinsen starrt, übersieht das Eigentliche, die menschenfeindliche Ideologie der Partei. Gewiss, der 35-Jährige inszeniert sich als freundlicher Kumpel aus der Altmark, hat über 777.000 Follower auf TikTok, organisiert fröhliche Ausfahrten auf der Simson und hat scheinbar immer Zeit für ein Selfie. In diesem Wahlkampf ist Siegmund vor allem eines: die freundliche und charmante Galionsfigur einer verfassungsfeindlichen Partei.
Verkaufen hat Siegmund gelernt. Der ausgebildete Groß- und Außenhandelskaufmann arbeitete in der Vertriebsleitung eines Großhandels und als Key-Account-Manager einer Berliner Augenklinik. Später studierte er berufsbegleitend Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaft. Seine Bachelorarbeit schrieb er über Duftmarketing, darüber, wie sich das Wohlbefinden von Kund*innen psychologisch beeinflussen lässt, um ihr Kaufverhalten zu beeinflussen. 2014 gründete er ein Unternehmen, dessen Raumdüfte in Läden genau das tun sollen. Heute verkauft Siegmund keine Düfte mehr, sondern ein positives Lebensgefühl einer rechtsextremen Partei und ihrer rassistischen, verfassungsfeindlichen und antifeministischen Ideologie. So gesehen bleibt Siegmund Marketingexperte und Verkäufer – nur eben für die rechtsextreme AfD.
Doch die Zuspitzung auf eine Person läuft ins Leere, und sie verfehlt den Kern. Gefährlich ist, wer den Laden führt. Hinter Siegmund arbeitet ein Netzwerk aus Kadern einer verbotenen Neonazi-Organisation und Aktivist*innen der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB) an den Schaltstellen der Fraktion und am sorgfältig kuratierten Propaganda-Image der Partei. Sachsen-Anhalt zeigt exemplarisch für Deutschland, wie das rechtsextreme und völkische Vorfeld der AfD Personal, Programm, Bilder und Aufmerksamkeit liefert. Und es hofft wohl, über sie an die Macht zu kommen.
Aus der verbotenen „HDJ“ in die Staatskanzlei?
Auf dem Papier ist die Sache klar: Die AfD führt eine Unvereinbarkeitsliste. Wer in bestimmten Organisationen war, darf nicht Mitglied werden. In der Magdeburger Fraktion ist das Papier scheinbar sehr geduldig. Mit Laurens Nothdurft und Patrick Harr sind zwei Schlüsselfiguren der AfD-Landtagsfraktion ehemalige Führungskader der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), einer völkischen Organisation, die Kinder und Jugendliche ideologisch und militärisch drillte. 2009 verbot der damalige Bundesinnenminister die neonazistische und völkische HDJ wegen ihrer Wesensverwandtschaft mit der Hitlerjugend und weil sie sich “in aggressiv-kämpferischer Weise gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet oder ihre Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderläuft”.
Laurens Nothdurft war zeitweise Bundesführer der HDJ, wie das Rechercheportal Sachsen-Anhalt rechtsaußen dokumentiert. Bei der Razzia vor dem Verbot durchsuchte die Polizei seine Berliner Wohnung. Heute ist der Rechtsanwalt Justiziar der AfD-Fraktion in Magdeburg und Ortsbürgermeister von Roßlau. 2019 hatte ihn die AfD-Fraktion im bayerischen Landtag als Justiziar eingestellt und nach Berichten über seine HDJ-Vergangenheit wieder entlassen, wie die Süddeutsche Zeitung damals schrieb. Die HDJ steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. In Sachsen-Anhalt stört das offenbar niemanden mehr. Nothdurft könnte bei einem AfD-Sieg Staatssekretär im Justizministerium werden, wie Der Spiegel berichtet.
Von der verbotenen Organisation zu sicheren Jobs?
Der zweite Mann ist Patrick Harr, einst „Leiter der Abteilung Beschaffung“ im HDJ‑Bundesvorstand. Mittlerweile arbeitet er für die Fraktionsspitze, als Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher. Laut dem Spiegel ist er Siegmunds „rechte Hand“. Als Geschäftsführer entscheidet Harr laut Correctiv mit, wer Aufträge der Fraktion bekommt. Bei einem Wahlsieg könnte er in die Staatskanzlei einziehen.
Harr und Nothdurft sind keine Ausnahmen: Zwei weitere Mitarbeiter der Fraktion waren laut Spiegel ebenfalls in der HDJ. Siegmund kennt die Biografien und hält trotzdem an allen fest. Aus der verbotenen Kaderorganisation von damals ist offenbar ein Personalpool geworden, aus dem sich die AfD nach Belieben bedient.
Völkische Ideologie ist in der AfD offenbar kein Tabu mehr
Wie weit sich die AfD dabei radikalisiert hat, zeigt ein Blick in die junge Historie der Partei: 2019 kostete Nothdurft seine HDJ-Vergangenheit noch den Job bei der bayerischen AfD‑Landtagsfraktion. 2020 annullierte der AfD-Bundesvorstand die Mitgliedschaft des Brandenburger Landeschefs Andreas Kalbitz, weil er eine mutmaßliche HDJ-Mitgliedschaft beim Eintritt verschwiegen haben soll. 2026 hingegen arbeiten vier frühere HDJ-Aktivisten unbehelligt für die AfD-Fraktion in Magdeburg und ihr Spitzenkandidat erklärt, die Berichterstattung darüber sei ihm „reichlich egal“. Was die Partei vor sechs Jahren noch als unvereinbar behandelte, gehört heute zu ihrem harten Kern.
Damit rückt eine Ideologie ins Zentrum, die lange als Tabu galt: das Völkische. Völkisches Denken definiert Zugehörigkeit nicht über Staatsbürgerschaft, sondern über Abstammung. Wer dazugehört, entscheidet die Herkunft, nicht der Pass. Das Ziel ist ein ethnisch homogenes, weißes „Volk“, das es historisch jedoch nie gab. Im Nationalsozialismus lieferte diese Ideologie die Grundlage für den Holocaust. Genau dieses Denken vermittelte die HDJ Kindern in ihren Zeltlagern und genau daran knüpft das „Remigration“-Konzept an, das Martin Sellner, Kopf der deutschsprachigen Identitären Bewegung, in Potsdam vortrug und das Siegmund heute eine „Selbstverständlichkeit“ und ein „Gebot der Stunde” nennt.
Die Bildermaschine aus dem IB-Haus
Für die Sichtbarkeit und für die Propaganda sorgt ein anderes Milieu. Die Videos, die Siegmund als volksnahen Sympathieträger zeigen, produziert ein 2021 gegründeter Verein, „Filmkunstkollektiv“, mit Sitz in einem IB-Haus in Chemnitz. Ihr Vorsitzender Simon Kaupert organisierte 2014 die „Wügida“-Proteste, besuchte ein Zeltlager der NPD-Jugend und drehte 2024 den Propagandafilm „Der lange Anlauf“ über den Rechtsextremen und Vorsitzenden der AfD-Landtagsfraktion Thüringen Björn Höcke.
Zahlreiche Aktive beim Filmkunstkollektiv entstammen IB‑Kreisen. So auch eine der aktuell präsentesten Figuren der „Identitären Bewegung“, Dennis Braun. Auf Social Media tritt er unter dem Pseudonym „Arminius“ auf. Für den Wahlkampf ist er nach eigenen Angaben extra von Bayern nach Sachsen-Anhalt gezogen, wie Correctiv berichtet. Der Verein wurde unter anderem von einem ehemaligen Mitglied der HDJ mitbegründet, wie Recherchen von Correctiv ergeben haben, was eine potenzielle Verbindung zum Fraktionsgeschäftsführer Harr darstellt. Ob Aufträge über diese Achse liefen, ließ Harr auf Anfrage von Correctiv unbeantwortet.
Doch Geld scheint von der AfD an das rechtsextreme Medienteam zu fließen. Zwischen 5.000 und 30.000 € habe die Fraktion je nach Größe der Veranstaltung an das Filmkunstkollektiv gezahlt, zitiert Correctiv einen AfD‑Insider. Nachprüfen lässt sich das kaum: Einzelaufträge müssen Fraktionen nicht ausweisen, sie verschwinden in Sammelposten wie „Öffentlichkeitsarbeit“. Im Rechenschaftsbericht für 2024 listet die AfD-Fraktion immerhin Kameras und Objektive für Tausende Euro. So könnten vom Verfassungsschutz als verfassungsfeindlich bezeichnete rechtsextreme Aktivisten mit Steuergeldern finanziert werden. Dabei steht auch die IB offiziell auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD.
Merch und Technik aus der ersten Generation IB
Doch das Netz der Identitären Bewegung reicht weiter. Den Merchandise-Shop von Siegmunds Kampagnenseite vision2026-shop.de betreibt die Firma des IB-Aktivisten Torsten Görke, der seine politische Laufbahn als Stützpunktleiter der NPD-Jugend (heute Die Heimat) begann. Zusätzlich gehört Görke der Szeneshop „Patria Laden”. Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern stuft den Online-Shop als „Teil des rechtsextremistischen Spektrums” ein. Siegmund bestritt die Zusammenarbeit nicht. Er führe keine „Gesinnungsprüfungen“ durch.

Die Website des AfD-Landesverbands betreut laut MDR ein IT-Fachmann, den Siegmund persönlich für den Job vorgeschlagen haben soll: Dorian Schubert, ein langjähriger Aktivist der rechtsextremen Szene. Schubert war Mitgründer des Trägervereins des inzwischen aufgegebenen IB-Hausprojekts in Halle (an der Saale) und stand 2020 gemeinsam mit dem IB-Kader Mario Müller wegen eines Angriffs auf einen Zivilpolizisten vor Gericht. Müller wurde wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, Schubert? Freigesprochen. Beim rechtsextremen Geheimtreffen in Potsdam im November 2023 spielte Schubert ebenfalls eine Rolle. Dort gab Mario Müller preis, er betreibe einen Anti-Antifa-X-Account gemeinsam mit dem IT-Fachmann, wie Correctiv unter Berufung auf Quellen berichtet. Müller bestritt jedoch, den Kanal zu betreiben. Es ist jenes Treffen, bei dem IB-Kopf Martin Sellner sein sogenanntes „Remigration“-Konzept und Siegmund seine Wahlkampfpläne „Vision 2026“ für Sachsen-Anhalt vorstellte.

Was nach dem 6. September droht
Das Personal ist kein Zufall, es ist der Plan. Siegmunds 100-Tage-Programm „Vision 2026“ orientiert sich schon im Titel am US-amerikanischen „Project 2025“. Und auch hier gilt: Der Spitzenkandidat ist der Verkäufer des Programms, geschrieben hätten es, laut Spiegel, „weitgehend andere“.
Tillschneider: Der Mann fürs Weltbild
Das Wahlprogramm schrieb maßgeblich Hans-Thomas Tillschneider, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Trotz bester Kontakte zur IB ist er als Bildungsminister im Gespräch. Sein Programm will die Inklusion an Schulen beenden und Kulturförderung an ein „Bekenntnis zum Patriotismus“ knüpfen. Tillschneider gilt Beobachter*innen schon lange als ideologische Leitfigur einer völkischen Richtung der Partei, mit Fokus auf Kultur. Seit einem Jahrzehnt arbeitet er am rechtsextremen Rand der Partei. Er gründete die „Patriotische Plattform“ mit, eine Gruppierung innerhalb der AfD, die der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als extrem rechts einstufte und die sich Anfang 2018 selbst auflöste. Die Erfurter Resolution, das Gründungsdokument des völkisch-nationalistischen „Flügels“ um Björn Höcke, unterzeichnete er als einer der Ersten.
Im damaligen Hausprojekt der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Halle (an der Saale) hatte sich Tillschneider ein zweites Abgeordnetenbüro eingerichtet. Eigenen Angaben nach war er dabei Untermieter der rechtsextremen Kampagnenagentur „EinProzent“, zu deren Mitgründern er zählt. Zugleich sucht Tillschneider demonstrativ die Nähe zu Moskau: 2022 reiste er mit zwei AfD-Kollegen über Russland in Richtung des besetzten Donbass. Abgebrochen wurde die Tour erst nach massiver Kritik aus der eigenen Partei.
Ein Muster, das sich in der AfD durchzieht
Die Partei alimentiert ihr Vorfeld aus öffentlichen Mitteln und das Vorfeld liefert dafür Ideologie, Bilder, Kader und Propaganda. Wer wissen will, wie eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt aussähe, muss nicht spekulieren. Es reicht, in die zweite Reihe zu schauen: HDJ-Kader im Justizapparat, IB-Aktivisten an der Kamera, der Kasse und den Servern. Der gefährlichste Mann Deutschlands ist keine Einzelperson. Er ist ein Netzwerk und es steht schon bereit.


