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Verlustgeschäft mit Einfluss Das System Nius – hauptsache gegen “links” 

Eigentlich müsste die Kampagnen-Plattform Nius, die sich selbst für ein journalistisches Organ hält, längst ein Problem haben. Zumindest hätten das seriöse Medien. Denn das Medienprojekt von Julian Reichelt schrieb zuletzt erneut Millionenverluste. Während klassische Medienhäuser um Abonnements, Anzeigenkunden und Reichweite kämpfen, scheint für Nius eine andere Währung zu gelten: Einfluss. Millionengrab mit Rendite: Warum Nius trotz roter Zahlen boomt

 
(Quelle: picture alliance / Foto Huebner | Foto Huebner //picture alliance / epd-bild | Rico Thumser)

Organisatorisch steht hinter Nius die Firma VIUS SE & Co. KGaA um den früheren Bild-Chef Julian Reichelt und den Multimillionär Frank Gotthard, der als Hauptfinanzier auftritt. Dabei sind die Zahlen, die VIUS liefert, ziemlich bemerkenswert:

Laut Branchenschätzungen soll Gotthardt bis Ende 2025 etwa 50 Millionen Euro seines Privatvermögens in das Propaganda-Medium gesteckt haben. Demgegenüber stehen Einnahmen, die so gering sind, dass sie in keinem Verhältnis stehen. Denn Nius behauptet zwar von sich, die Stimme der Mehrheit zu sein, die Zahlen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Laut einem Datenleak von 2025 zahlten nur 46 Nutzer für das Premium-Abo jährlich 199,99 Euro und 351 zahlen einen reduzierten Betrag von 99,99 Euro.

In der Angst vereint

Die Diskrepanz zwischen Investitionen und Einnahmen wirft eine naheliegende Frage auf: Warum steckt ein erfolgreicher Unternehmer zweistellige Millionensummen in ein Medienprojekt, das wirtschaftlich kaum tragfähig erscheint?

Die Antwort dürfte weniger im Geld als im Einfluss liegen. Denn hier treffen nicht nur Kapital und Reichweite aufeinander, sondern auch zwei Männer mit einem ähnlichen Feindbild. Sowohl Frank Gotthardt als auch Julian Reichelt sind überzeugt, dass Deutschland von linken Ideen, linken Medien und linken Eliten dominiert werde.

Das ist bemerkenswert. Der Multimillionär mit Villa in Venedig, besten Kontakten in Wirtschaft und Politik und direktem Draht in konservative Netzwerke und ehemaliger Bild-Chef, der jahrelang zu den einflussreichsten Journalisten des Landes gehörte. Dennoch inszenieren sich beide als mutige Außenseiter, als Stimme der großen Mehrheit im Kampf gegen eine angeblich übermächtige Linke.

Die eigentliche Rendite des Projekts bemisst sich nicht an Abonnements oder Gewinnen, sondern daran, welche Themen auf die Agenda gelangen, welche Debatten nach rechts verschoben werden und welche Positionen in bürgerlichen Milieus plötzlich als normal erscheinen.

Gotthardt gegen die „Übermacht“ von Linken

Gotthardt ist parteilos, jedoch politisch aktiv: Er ist Ehrenvorsitzender des rheinland-pfälzischen Landesverbandes im Wirtschaftsrat der CDU e.V., einem CDU-nahen Lobbyverband, der als höchst einflussreich in Wirtschaftsfragen gilt.

Der Millionär beschreibt sein Engagement öffentlich als „staatsbürgerliche Verantwortung“. Gleichzeitig beklagte er eine angebliche mediale „Übermacht“ linker Positionen. „Die neue Mitte ist ja links, insofern müssen wir rechts von der Mitte sein“, sagte Gotthardt selbst 2024.

Und spätestens hier scheinen Gotthardt und Reichelt ideologisch zusammenzukommen. Denn auch Reichelt ist beinahe besessen von der Vorstellung, eine linke Elite hätte Deutschland im Würgegriff.

Das Geschäft mit der Empörung

Nius produziert eine permanente Gegenöffentlichkeit aus Artikeln, Livestreams,  Podcasts, Social-Media-Kanälen, Influencer*innen, Kommentarspalten und angeschlossenen Medienprojekten, die gezielt Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, klassischen Medien und zivilgesellschaftlichen Akteuren verstärkt. Themen wie Migration, Gender, Klimapolitik oder „Cancel Culture“ werden dabei emotionalisiert und in einen permanenten Krisenzustand übersetzt. Die Methode erinnert stark an US-amerikanische Vorbilder wie Fox News oder das Umfeld rechter Onlineplattformen rund um Ben Shapiro oder Tucker Carlson

Zentral für Reichelts Erzählung ist das Feindbild einer angeblich allmächtigen „Kulturlinken“. Das wird ganz besonders deutlich, in Reichelts jüngstem Buch „Links – Deutsch, Deutsch – Links“, das er gemeinsam mit Pauline Voss, der stellvertretenden Chefredakteurin von Nius, herausgebracht hat.

„Wer in linker Sprache denkt, schreibt, Politik macht, wird immer nur linke Ergebnisse produzieren“, schreibt Reichelt im Vorwort. Der Weg zum Wandel müsse damit beginnen, „dass linkes Wirken auf unsere Worte zu durchschauen und zu dokumentieren“. Das Buch solle ein „Ausbruchsversuch“ sein, aus dem „politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und medialen Gefängnis“, das linke Sprache geschaffen habe. Und so sollen in dem Buch Schlüsselbegriffe linker Deutungshoheit dekonstruiert werden. Das Buch zeichnet dabei ein erstaunlich schlichtes Weltbild. Gesellschaftliche Konflikte erscheinen vor allem als Folge einer allmächtigen „linken“ Sprach- und Meinungshoheit. Politische, soziale oder ökonomische Ursachen treten in den Hintergrund.

So erscheine eine Linke als gesellschaftliche Elite, die Medien, Universitäten, Kulturinstitutionen und staatliche Stellen kontrolliere und abweichende Meinungen unterdrücke und die Meinungsfreiheit bedrohe. Migration, Klimapolitik, Genderfragen oder Antirassismus werden dabei nicht als politische Debatten dargestellt, sondern als Ausdruck einer umfassenden ideologischen Dominanz. Diese Erzählung bildet das ideologische Fundament vieler Nius-Inhalte.

Das Ziel ist die rechts-konservative Leserschaft

Anders als andere extrem rechte Medienangebote, die häufig die AfD-Positionen nahezu unverändert übernehmen, richtet sich Nius eher an ein konservatives Publikum. Das Portal attackiert die CDU nicht grundsätzlich, sondern fordert sie vielmehr auf, eine härtere Linie bei Migration, Kulturkampf-Themen und im Umgang mit progressiven gesellschaftlichen Entwicklungen einzuschlagen. „CDU auf Linkskurs: So zerstören die Christdemokraten sich selbst“ (02.06.2026), liest man dann etwa auf der Plattform.

Damit übernimmt Nius eine Scharnierfunktion zwischen konservativen und extrem rechten Milieus. Während die extreme Rechte die Union als Teil des Problems darstellt, versucht Nius, politische Schnittmengen zwischen CDU und AfD sichtbar zu machen und zu vergrößern.

Gegen die Brandmauer

Wiederkehrend ist dabei die Botschaft, die Unterschiede zwischen beiden Parteien seien weniger grundsätzlicher Natur als vielmehr eine Frage der Konsequenz. So übersetzt das Portal Positionen und Erzählungen der extremen Rechten in konservative Debattenräume und trägt dazu bei, die Grenzen zwischen Union und AfD rhetorisch aufzuweichen.

Diese Scharnierfunktion zeigt sich auch beim Thema Israel. Anders als viele extrem rechte Medienprojekte, in denen antisemitische Narrative offen oder codiert präsent sind, inszeniert sich Nius konsequent israelsolidarisch. Die Solidarität mit Israel wird dabei jedoch häufig mit kulturkämpferischen Erzählungen über Migration, Islam, Muslime, eine angeblich dominante „linke“ Politik und einer Kriminalisierung pro-palästinensischer Proteste verknüpft.

Dadurch macht das Portal rechte Positionen auch für konservative Milieus anschlussfähig, die sich klar von offen antisemitischen oder neonazistischen Positionen abgrenzen. Antisemitismus wird so instrumentalisiert, um Rassismus und besonders muslimfeindlichen Rassismus zu verbreiten. Für Nius ist die Israel-Solidarität somit auch eine Art Brücke in konservative Milieus, für die zentrale Akteure der klassischen extremen Rechten (wie vielleicht auch der Neuen Rechten) zu nah am Nationalsozialismus sind.

Nius ist also nicht einfach nur ein weiteres Sprachrohr der AfD. Es ist viel mehr ein Brückenbauer. Nius und Co. schaffen Anschlussfähigkeit für rechte Deutungen in bürgerlich-konservativen Milieus und erhöhen gleichzeitig den Druck auf die Union, AfD-Positionen zu übernehmen.

Wie gut diese Strategie funktioniert, zeigt auch die Auswahl der Gäste und Gesprächspartner*innen. Nius bietet regelmäßig Personen eine Bühne, die als Bindeglieder zwischen konservativen, rechts-konservativen, libertären und extrem rechten Milieus fungieren. Dazu gehören etwa wiederkehrende Gäste wie FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki, Hans-Georg Maaßen, ehemaliger Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, oder Gloria von Thurn und Taxis.

Die adelige Unternehmerin gilt seit Jahren als zentrale Vernetzungsfigur der politischen Rechten. Sie pflegte Kontakte Steve Bannon, lobt Viktor Orbán, trat öffentlich mit AfD-Politikerinnen wie Alice Weidel oder Maximilian Krah auf und unterstützte den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen.

Besonders deutlich wurde die Funktion solcher Auftritte nach dem Brand des fürstlichen Jagdschlosses von Gloria von Thurn und Taxis. Kurz danach erschien auf der Plattform Indymedia ein Bekennerschreiben einer vermeintlich antifaschistischen Gruppe. Ein gefundenes Fressen für die Nius-Redaktion, um die Erzählung einer gewaltbereiten Antifa genüsslich auszuschlachten. Blöd nur, dass die Polizei schnell die Echtheit des vermeintlichen Antifa-Bekennerschreibens widerlegen konnte. Dennoch war die Erzählung gesetzt, „die Antifa“ hätte das Jagdschloss von Gloria von Thurn und Taxis angezündet.

Kampf dem linken Hegemon

Dieser Einfluss auf den politischen Diskurs, dürfte die eigentliche Motivation hinter Gotthardts Reichelt-Unterstützung sein und weniger wirtschaftliche Profitabilität.

Verbunden werden beide nicht nur durch geschäftliche Interessen, sondern auch durch eine ähnliche Angst, vor einem linken Hegemon. Während Gotthardt von einer vermeintlich linken medialen Schieflage spricht und eine neue konservative Öffentlichkeit fordert, inszeniert Reichelt einen permanenten Kulturkampf gegen eine vermeintliche „Kulturlinke“, die Deutschland kontrolliere und die Meinungsfreiheit bedrohe.

Nius wurde damit nie als gewöhnliches Medienunternehmen aufgebaut. Das Projekt versteht sich vielmehr als Gegenöffentlichkeit zu etablierten Medien und demokratischen Institutionen. Die Millionenverluste erscheinen vor diesem Hintergrund nicht als Betriebsunfall, sondern als Investition in gesellschaftlichen Einfluss.

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