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Bitch Hunt Die rechte Empörungsmaschine

Veronika Kracher beschreibt in ihrem Buch Bitch Hunt, wie rechte Akteur*innen gezielt Empörung erzeugen und Menschen in eine Welt permanenter Bedrohung ziehen.

 
In »Bitch Hunt« analysiert Veronika Kracher die Funktion digitaler Misogynie, welche Rolle misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf spielen, und wieso Soziale Medien alltäglichen Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft derart verstärken. Letztendlich leiden nicht nur Betroffene unter diesen Dynamiken, sondern unsere Demokratie. (Quelle: picture alliance / Eibner-Pressefoto | Eibner-Pressefoto/Ardan Fuessman)

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Bitch Hunt – Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ von der Autorin Veronika Kracher, erschienen 2026 im Verbrecher Verlag

Das Spiel auf der Klaviatur negativer Emotionen hat die rechte Presselandschaft weltweit seit Jahrzehnten eingeübt. Überschriften sind darauf angelegt, den Puls zum Rasen zu bringen und Zorn über den täglichen Gegenstand der Empörung zu wecken. Und falls die Zeitung nicht gekauft wird und nur die Überschrift selbst hängen bleibt – auch das ist für die rechte Empörungsmaschine nicht das Schlechteste, da das Ressentiment weiter gefüttert wurde. Das, was von der Bildzeitung und Konsorten seit den 1950er Jahren vorgegeben wurde, wird von rechtsradikalen Influencer*innen auf YouTube und Telegram imitiert: Der reißerische Duktus der Titel ihrer Videos und die Komposition der Thumbnails – also der auf Videoplattformen angezeigten Vorschaubilder – sollen nicht nur die Aufmerksamkeit potentieller Zuschauer*innen auf die Inhalte lenken, sondern direkt in eine gewisse Stimmung versetzen: evoziert werden Wut, Hass und Häme. Die »Gefühlslandschaft « (Simon Strick) wird geformt, und diese Gefühlslandschaft ist rechts.

Wie eine Forschungsgruppe an der Universität Stanford anhand der Twitter-Rezeption von Nachrichten über News-Outlets, die über das ganze politische Spektrum angesiedelt sind, analysiert hat, gibt es eine Korrelation zwischen bereits ideologisch aufgeladenen Medieninhalten, starken Afffekten und der Verbreitung der Inhalte durch die Endnutzer*in nen.15 Eine Studie der Universität Göttingen kam im deutschsprachigen Raum zu einem ähnlichen Ergebnis: Es »ist festzuhalten, dass sowohl positive als auch negative Emotionen einen Einfluss auf die Verbreitung von Fake News in Social Media haben. Während positive Emotionen die Viralität von Fake News hemmen, wirken negative Emotionen begünstigend auf deren Verbreitung. Besonders virale Fake News zeichnen sich überwiegend durch ein überschüssiges Verhältnis von negativen zu positiven Emotionen aus.«

Also: Wer sich bereits in einer rechten Gefühlslandschaft eingelebt hat, dem geht es nicht mehr um Fakten, Tatsachen oder kritischen Diskurs, sondern primär um die Bestätigung der eigenen Ideologie und Afffekte. Es gilt, wütend zu bleiben, anstatt zu denken.

Ich habe im Rahmen meiner Monitoring-Tätigkeit für die Amadeu Antonio Stiftung, eine NGO, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, selbst einen direkten Einblick in diese Gefühlsentwicklung erhalten. Mit einem Recherche-Account folgte ich auf dem Messenger-Dienst Telegram allen erdenklichen politisch rechtsgerichteten Kanälen und Gruppen, um zu beobachten, welche Narrative dort verbreitet, welche Bevölkerungsgruppen dämonisiert werden und welche Verbindungen antidemokratische Akteur*nnen zueinander pflegen. Jeden Tag scrollte ich mehrere Stunden, grob zusammengefasst, durch folgende Inhalte: Die Translobby macht deine Kinder krank! Die Grünen nehmen dir dein geliebtes Auto weg! Deine Steuern fiinanzieren sexuell übergrifffiigen Flüchtlingen das Smartphone! Linke Elfenbeinturm-Eliten ruinieren deine Kindheit, weil Winnetou plötzlich rassistisch ist! Die Wirtschaft, und damit dein Vermögen und Wohlstand, ist dank der Ampel-Regierung unrettbar verloren! Der Feminismus nimmt dir deine Frau weg! Impfungen verursachen Autismus! Die Regie rung will jeden deiner Schritte überwachen! Jüdische Kommunisten wollen bestimmen, was an Universitäten gelehrt wird! DIESES GANZE PROGRESSIVE PACK ZERSTÖRT ALLES, WAS DIR LIEB UND TEUER IST!

Alle paar Sekunden eine neue Panik-Meldung mit dem Inhalt, dass sich die ganze Welt gegen eine*n verschworen hat und nur wahlweise die Querdenken-Bewegung, die verschwörungsideologische QAnon-Sekte, die AfD, Neonazi-Gruppen oder antifeministische Life-Coaches Rettung bieten können.

Ich spürte förmlich, wie sich diese Schlagzeilen, Videos, Texte und Bilder in meine Gehirnwindungen fressen wollten. Es erforderte nach einigen Stunden aktive mentale Arbeit, Abstand von diesen Inhalten zu nehmen. Ich war wie von einer Strömung mitgerissen, gegen die ich anschwimmen musste: Um mich herum tobte ein Strudel aus Desinformationen, Panikmache, Hass, Wut, Kränkung, Empörung und der Rechtfertigung von Gewalt, um all diesen vermeintlichen Bedrohungsszenarien Herr werden zu können.

Ich frage mich häufiiger, wie es ist, all diese Nachrichten wohlwollend zu rezipieren, und mich bewusst auf diese Inhalte einzulassen. Es muss die mentale Hölle sein: permanent gefangen in einer Welt, in der sich alles gegen eine*n verschworen hat und meiner Lebensweise, ja meiner Identität an den Kragen möchte.

Es ist jedoch nicht nur Telegram, es sind Algorithmen auf sozialen Medien generell, die zu einer Radikalisierung beitragen. Wenn ich auf einer Plattform bestimmte Inhalte konsumiere, werden mir ähnliche grund gibt. Für sie sind es immer noch zu viele, und sie sind überall.

Die eigene projektive Vorstellung, wie die Welt sein muss, wird überd ie real existierenden Verhältnisse gestülpt, und diese Vorstellung wird dann bekämpft. Wut wandelt sich in Strafbedürfnis: das Subjekt, das für meine Gefühle von Unwohlsein verantwortlich sein soll, muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Bitch Hunt – Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ von der Autorin Veronika Kracher, erschienen 2026 im Verbrecher Verlag

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