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Viking Rock und Ballermann-Schlager KI-Songs für die AfD und Russland

Auf den Streamingplattformen boomen künstlich generierte Songs mit nationalistischen, AfD-nahen und russlandfreundlichen Botschaften. Mit wenigen Klicks erstellen Akteur*innen Songs.

 
Auf Spotify finden sich zahlreiche KI-Profile, die ihre rechtsextremen Botschaften mit Musik verknüpfen. (Quelle: KI)

„Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“, singt eine tiefe Stimme, hinterlegt mit Rockmusik auf Spotify. Eigentlich stammt die Liedzeile aus dem bekannten deutschen Marschlied „Erika“. Das Lied war ebenso wie Komponist Herms Niel wichtiger Bestandteil des Kultur- und Propagandaapparates der Nationalsozialisten. Diese Version ist jedoch anders als der eingängige, leicht mitsingbare Marsch: Der Sänger covert das Marschlied im sogenannten Viking-Rock-Stil. So wirkt das Lied episch, brutal und zum Kampfe anmutend.

Der vermeintliche Cover-Sänger nennt sich „Blutrein“. Auf der Musik-Streaming-Plattform Spotify ist „Niel Herms“ als Songwriter angegeben, offenbar ein Anagramm zum NS-Propagandisten. Beim genaueren Betrachten des Spotify-Profils fällt auf: Weder Song noch Bilder sind von Menschen erstellt. Das gesamte Profil wurde mit künstlicher Intelligenz generiert.

Viking Rock für Deutschland

„Blutrein“ hat auf Spotify knapp 56.000 monatliche Hörer*innen. Lieder wie „Für mein Volk“, „Sturm über dem Vaterland“ und „Deutscher Patriot“ besingen einen überhöhten Nationalismus. Die Musik zeichnet ein kriegerisches Deutschland, das es im Kampf zu verteidigen gelte. Als Ersteller von „Blutrein“ ist der schwedische Musikproduzent Stefan Wasowski angegeben.

Viking Rock scheint ein beliebtes Genre für künstlich generierte Botschaften zu sein. Etwa das Profil „Thymos“ – von Alben-Cover bis zur Musik ebenfalls mit künstlicher Intelligenz generiert – zählt auf Spotify 47.000 monatliche Hörer*innen. Im Lied „Stolzer Deutscher“ singt eine mutmaßlich KI-generierte Stimme über deutsches Blut und Boden, für die sie bereit sei zu sterben: „Meine Ahnen haben gekämpft für diese deutsche Erde“, manifestiert der KI-Sound kämpferisch.

In der Profilbeschreibung betonen die Ersteller*innen, dass ihre Musik christlich-patriotisch und nicht nationalistisch sei. Produzent von „Thymos“ ist Tim Brockmann.

Das Spotify-Profil von „Blutrein“.

KI-Schlager für die AfD

Auf Spotify finden sich zahlreiche weitere KI-Profile, die ihre rechtsextremen Botschaften mit Musik verknüpfen. Das Profil „Party Patrioten“ versucht, menschenfeindliche Inhalte mit Ballermann-Schlager zu mischen. Die feierlichen Sounds sollen von den menschenfeindlichen Inhalten ablenken.

In Liedern wie „Abschiebeflieger“, „Macht die Grenzen dicht“, oder „Ihr könnt nach Hause fahrn“ fantasiert Ersteller Alexander Maschner von massenhaften Abschiebungen. Auch von Vielfalt hält Maschner nicht viel: „Lasst uns wieder froh und nicht noch bunter sein“, singt die KI-Stimme. „Es gibt nur Er und Sie“ heißt ein weiterer Song. Die Liedtexte sind unkompliziert, einschlägig und zum Mitsingen gedacht – ganz im Ballermann-Stil.  

Aus seiner Begeisterung für die AfD macht Maschner keinen Hehl: Einer seiner erfolgreichsten KI-Songs mit knapp 450.000 Spotify-Streams heißt „Blau Blau Blau“, es ist ein Aufruf zum Wählen der AfD. Im Lied „Dumm wie ein Brot“ singt die künstliche Intelligenz: „Wenn du schlau bist, dann wählst du blau“. Auch auf seinem TikTok-Kanal wirbt Maschner für die AfD.

Maschner veröffentlicht seine KI-Musik über ein weiteres, sehr erfolgreiches Profil: „Traditionshüter“ setzt anders als „Partypatrioten“ auf melancholische, emotionale Sounds. Thematisch setzt „Traditonshüter“ auf nationalistische und Russland-nahe Inhalte. 

Russland-Propaganda mit KI

In „Meine Stimme habt Ihr nicht“ singt die KI-Stimme: „Trotz Versprechen breitet sich die NATO weiter aus […] das empfindet Russland als eine klare Provokation. Ist doch klar, darauf folgt eine klare Reaktion.“ Der russische Angriffskrieg sei demnach selbst verschuldet und finde nicht im Namen des „deutschen Volkes“ statt. Auf YouTube hat der Song über eine Million Streams. In einem weiteren Lied besingt die künstliche Intelligenz die deutsch-russische Freundschaft. Beide Nationen seien patriotische Brüdervölker und „einst am Boden auferstanden“.

„Traditionshüter“ hält nicht viel von Deutschlands Russlandpolitik.

Wer ist „DobermannCloe“?

Der wohl zahlenmäßig erfolgreichste KI-Künstler, der auf Deutsch veröffentlicht, nennt sich „DobermannCloe“. Auf Spotify hat das Profil fast 60.000 monatliche Hörer*innen, auf TikTok folgen dem nach der deutschen Hunderasse benannten Account knapp 100.000 Menschen.

In „Blaues Herz“ singt die künstliche Intelligenz kraftvoll: „Komm wir malen ein blaues Herz über Deutschland, weil Deutschland gerade zerfällt“. In den „DobermannCloe“-Alben häufen sich Songs wie „Deutschland wählt Blau“ oder „Thüringen wählt blau“. 

Blau ist die von der AfD offiziell genutzte Parteifarbe. Das blaue Herz-Emoji wird häufig als Chiffre genutzt, mit der User*innen im Netz ihre Begeisterung für die rechtsextreme Partei kundtun. 

Neben der AfD-Nähe teilt sich „DobermannCloe“ mit den „PartyPatrioten“ und „Traditionshüter“ auch das Engagement für Russland: Das Profil veröffentlicht Songs wie „Weiße Taube“, „Zwei Stimmen – Ein Weg“, oder „Brüder im Herzen“. „Deutsche und Russen vereint in dem Lied, die Freundschaft die blüht wie das Kornfeld, das zieht“ heißt es in einem der lyrischen Erzeugnisse. Sichselbstr beschreibt das Profil als „weder rechts noch links, sondern klar in der Mitte“.

Viele der Lieder reproduzieren die typischen AfD-Narrative einer idealisierten Vergangenheit, einer Aggression der NATO und einer angeblich unterdrückten Meinungsfreiheit. Die Lieder emotionalisieren, polarisieren und sollen empören. Inhaltlich bleiben sie jedoch dünn. Als Texterin von „DobermannCloe“ ist Claudia Wagner angegeben.

Mit künstlicher Intelligenz zum Wahlerfolg?

Die AfD-Nähe der Ki-Künstler*innen kommt nicht von ungefähr: Die Partei nutzt KI-Tools gezielt für ihre Propaganda. Die Inszenierung ist stets völkisch und idealisiert. 

Künstliche Intelligenz dient der extremen Rechten, um ihre Botschaften kostengünstig und effizient zu verbreiten. So können Akteur*innen Musik und Bilder mit einem Prompt erstellen, ganz ohne kreative Fähigkeiten. Dass generative KI noch immer weitgehend unreguliert ist und sich bei der bereits existierenden Kunst bedient, spielt kaum eine Rolle.

September vergangenen Jahres teilt Spotify auf Anfrage der Tagesschau mit: „Unsere Plattformregeln besagen eindeutig, dass wir keinerlei Inhalte – unabhängig davon, ob sie KI-generiert sind oder nicht – zulassen, die zu Gewalt oder Hass gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder Religion aufrufen“. Später teilt Spotify mit, knapp 75 Millionen KI-generierte Lieder gelöscht zu haben. 

Ob besagte Profile gegen die Richtlinien verstoßen und die Schwelle zum Aufruf von Hass überschreiten, ist unklar. Gelöscht wurden die Songs von „Blutrein“ und Co. noch nicht. Spotify und die gängigen Musikplattformen sind nach wie vor geflutet mit KI-Songs, viele davon mit rechtsextremen Botschaften, einige mit hunderttausenden Streams.

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