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Von Freiheit und Fahrrädern Solidarität unter Frauen

Jeden Mittwoch treffen sich in Prenzlau geflüchtete und migrantische Frauen zum Frühstück. Was nach einem einfachen Treffen klingt, ist für viele ein Rettungsanker im Alltag zwischen Behörden, Heim und Unsicherheit.

 
Atife Musavi in Prenzlau (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Sekine Flämig hat Brötchen besorgt. Butter, Frischkäse, eine Wurstplatte, zwei Kannen Kaffee und eine Kanne Tee stehen schon auf dem Konferenztisch, der jeden Mittwoch zum Esstisch wird. Jeden Mittwoch treffen sich Naiba, Atife, Jerina, Sekine und die anderen Frauen zum Frauenfrühstück. An einem Vormittag im Spätsommer sitzen zwölf Frauen um den Tisch und unterhalten sich über die Schulaufgaben der Tochter, einen neuen Laden in Prenzlau, die Ereignisse der vergangenen Woche, auf Deutsch, auf Persisch und mit ausdrucksstarken Händen.

„Women Action Space“ nennt sich die Gruppe aus Prenzlau in Brandenburg. Ein Zungenbrecher. Deshalb spricht Atife Musavi nur von „Sekines Gruppe“, wenn sie von den gemeinsamen Aktivitäten und Treffen erzählt. Seit mehreren Jahren lebt Musavi mit ihrem Mann in einer Geflüchtetenunterkunft in Prenzlau. „Es ist laut, wir haben kein eigenes Bad, manchmal gibt es Streit“, erzählt sie. Sie würde gerne ausziehen, doch sie wartet immer noch auf eine Aufenthaltserlaubnis. Obwohl sie aus Afghanistan kommt, wo die Taliban seit der Machtübernahme Frauen strukturell unterdrücken und entrechten, stehen die Zeichen auf Asyl schlecht. Und solange sie auf den Bescheid wartet, kann sie nicht ausziehen. Die Treffen mit Sekines Gruppe helfen gegen den Stress, da kann sie abschalten.

Den Women Action Space gibt es seit 2017, seit 2018 leitet Sekine Flämig die Gruppe als Angebot der Bürgerstiftung Barnim Uckermark, die Flämigs Stelle finanziert. Alles andere bezahlt Flämig aus Spenden. Auf dem Frühstückstisch steht deshalb eine Sparbüchse, wer Geld hat, wirft ein paar Euro rein, damit Sekine nicht auf den Brötchenkosten sitzenbleibt.

Die Gruppe richtet sich an Frauen, die neu in der Kleinstadt ankommen. „Wir fördern erstmal alle Frauen, die orientierungslos in Prenzlau sind am Anfang. Wir nehmen Kontakt auf und begleiten sie im Alltag, mit den Behörden, mit den Schulen der Kinder“, sagt Flämig. Dafür bietet der Women Action Space einerseits regelmäßige Treffen an. Frauen, die Beratung brauchen bei behördlichen Fragen, kommen dafür ins Vereinshaus Diester, einer Begegnungsstätte in der Prenzlauer Altstadt, in der Flämig ihr Büro hat. Dort findet auch Nachhilfe statt für die Kinder der geflüchteten und migrierten Frauen und Kurse zur Prüfungsvorbereitung für die Frauen, die einen Deutschkurs absolvieren.

Was sonst so passiert, hängt auch von der Gruppe selbst ab. „Das Projekt ist nicht von mir erwachsen, es ist erwachsen von den Ideen von Frauen, und was sie in das Projekt mit reinbringen“, sagt Flämig. Das können Exkursionen sein, ein Computerkurs, oder ein Fahrradkurs. Hauptsache, die Frauen machen mit: „Es ist ein Schritt, die Frauen raus von zuhause zu bringen, weil Einsamkeit zu Hause ist wie eine Krankheit und die Motivation ist immer: Wie kann ich sie ermutigen, wie kann ich sie stärken?“

Flämig weiß, wie es ist, in einem fremden Land komplett neu anzufangen. Sie stammt aus Albanien und migrierte 2015 mit ihren zwei Kindern nach Deutschland. „Ich kam aus einem patriarchalen Umfeld, ich war vielleicht nicht so selbstbewusst, dass ich es schaffen kann mit zwei Kindern.“ Doch sie schafft es und übersteht einen langes Asylverfahren, familiäre Konflikte und Wohnungssorgen. Jetzt möchte sie andere Frauen beim Ankommen unterstützen.

Jerina Bocaj hilft ihr dabei. Bocaj kommt ebenfalls aus Albanien und migriert mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern nach Deutschland. Als sie ihren Mann verlassen und unabhängig leben will, muss sie ihre Entscheidung nicht nur vor ihrer Familie verteidigen, sondern auch vor den deutschen Behörden.

„Die Ausländerbehörde, das Jugendamt, das Sozialamt, die haben mir unterstellt: Ich mache das, ich trenne mich von ihm, weil ich hierbleiben möchte und Papiere bekommen möchte und sowas. Keiner hat mir geglaubt.“ Bocaj erinnert sich an einen besonders schlimmen Termin. Das Jugendamt hatte sie vorgeladen. Vor Ort warteten zusätzlich Mitarbeitende der Ausländerbehörde und des Sozialamtes, erzählt Bocaj. Eine Frau, die Boaj als Übersetzerin begleitete, hätte nicht am Termin teilnehmen dürfen. „Sie haben mich mit Fragen bombardiert. Und ich konnte sie nicht verstehen. Ich habe mich damals richtig schlecht gefühlt.“

In dieser Zeit lernt Bocaj den Women Action Space kennen. Sie findet in Sekine Flämig eine Unterstützerin, die sie zu Terminen begleitet, ihr rechtliche Beratung vermittelt und ihr Mut zuspricht. Heute lebt Bocaj mit ihren Kindern und ohne ihren Ex-Mann. Sie hat einen sicheren Aufenthalt und engagiert sich bei Women Action Space.

Ein Termin, den Bocaj nicht ausfallen lässt, ist der Fahrradkurs. Circa zweimal im Monat schieben Bocaj, Musavi und Flämig fünf Fahrräder in den Stadtpark und treffen dort die anderen Gruppenmitglieder. Dann wird angeschoben und balanciert, bis die Frauen die kleine Allee im Park ohne Hilfe herunterfahren. „In Albanien, in meinem Heimatdorf, da durften Frauen nicht Fahrradfahren. Heute hat sich das ein bisschen geändert, aber als ich dort noch gelebt habe, konnten Frauen das einfach nicht“, sagt Jerina. Jetzt anderen Frauen das Fahrradfahren beizubringen, hat deshalb für sie eine besondere Bedeutung: „Wir sind gleich mit den Männern.“

Flämig wünscht sich eine sichere Förderung für den Women Action Space. Und sie hofft, die Stimmen aller ausländischen Menschen in Prenzlau zukünftig mit einem Migrationsbeirat öffentlich zu vertreten. Aktuell habe sie das Gefühl, dass sich viele Migrant*innen und Geflüchtete in Prenzlau mit politischen Forderungen zurückhalten, aus Angst vor Anfeindungen. Die AfD hat bei den vergangenen Landtagswahlen 2024 in Prenzlau 37,7 Prozent der Zweitstimmen und sogar 42,5 Prozent der Erststimmen eingefahren. Und in der Prenzlauer Stadtverordnetenversammlung stellt die AfD mit 10 von 28 Sitzen die größte Fraktion. Flämig hofft deshalb auf Förderungen, die unabhängig von Lokalpolitik das Bestehen des Women Action Space ermöglichen. „Die, die neu hier ankommen, brauchen Leute, die sie unterstützen.“


Wenn du mehr über den Women Action Space erfahren willst, schau hier den Film:

https://www.youtube.com/watch?v=1HajZgWS1RE

Hier findest du sieben weitere Filme über solidarische Orte in Ostdeutschland:

https://youtube.com/playlist?list=PLF8AWqUcchPtj3JAuOOtAVMXF4xcQh4dW&si=YHtuCuw-LK-xgfqY

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