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Warnsignale ignoriert? Der Mord an Ayoub F. in Uelzen

Im Januar wurde Ayoub F. in Uelzen von einem 26-jährigen Deutschen getötet. Schnell schlossen Behörden Rassismus als Motiv aus. Doch bereits 2025 bedrohte der Täter Minderjährige mit einer Axt: „Ihr seid nicht die ersten Ausländer, die ich kaputtschlage.“

 
Beim Tod von Ayoub F. hatten Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst keine Hinweise auf ein rassistisches Motiv gesehen. Inzwischen gibt es neue Informationen. (Quelle: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg)

Ein Deutscher hat in Uelzen einen 30-jährigen Algerier getötet. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zunächst keine Hinweise auf ein rassistisches Motiv gesehen. Inzwischen liegen neue Informationen vor, die diese Einschätzung infrage stellen.

Gegen 19 Uhr am 11. Januar hielt sich der 30-jährige Ayoub F. in der Uelzener Innenstadt auf. Kurze Zeit später ist er tot. Auf dem Herzogenplatz wird er von hinten mit einem Küchenmesser in den Rücken gestochen. Lunge und Aorta werden dabei tödlich verletzt.

„Wenn in unserer Stadt schwere Gewalt zunimmt, muss das klar benannt und politisch ernst genommen werden.“

Noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind, nutzt die AfD den Mord politisch. Der Uelzener AfD-Kreisvorsitzende Christian Dörhöfer schreibt auf Facebook: „Ich möchte nicht, dass der bundesweite Messer-Trend hier in Uelzen zur Gewohnheit wird.“ Später ergänzt er: „Wenn in unserer Stadt schwere Gewalt zunimmt, muss das klar benannt und politisch ernst genommen werden. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, sich im Alltag sicher zu fühlen.“ Gemeint ist damit nicht der Schutz vor rechter Gewalt, sondern die erneute Rahmung der Tat als Teil eines allgemeinen Sicherheitsproblems. Als bekannt wird, dass der Täter ein 26-jähriger Deutscher ist, verstummt die Empörung.

Auch die Ermittlungsbehörden verneinen zunächst ein rassistisches Motiv. „Für einen religions- oder fremdenfeindlichen Hintergrund“ gebe es bislang „keine Anhaltspunkte“, erklärt die zuständige Staatsanwaltschaft. Die Aussage erfolgt als Reaktion auf Vermutungen in sozialen Netzwerken, die Tat könne rassistisch oder muslimfeindlich motiviert gewesen sein.

„Ihr seid nicht die ersten Ausländer, die ich kaputt schlage“

Dabei war der Beschuldigte bereits Monate zuvor mit rassistischen Drohungen aufgefallen. Am 8. September 2025 soll der 26-Jährige zwei migrantisch-gelesene Minderjährige bedroht haben. „Ihr seid nicht die ersten Ausländer, die ich kaputt schlage“, soll er laut einer anonymen Quelle gesagt haben, so die taz . Er habe dabei auf ein Beil und eine Axt verwiesen, die er mit sich führte. Der Mann wurde festgenommen, die Polizei ging jedoch nicht von einem rassistischen Motiv aus. Das Ermittlungsverfahren wird kurze Zeit später eingestellt.

Vier Monate später ist Ayoub F. tot.

Für Patrice Poutrus ein Skandal

Für Patrice Poutrus, Bereichsleiter Rassismus der Amadeu Antonio Stiftung, ein Skandal. „Wann überhaupt erkennen Behörden Rassismus als Tatmotiv an?“, fragt er. „Rassismus gilt offenbar nur dann als Motiv, wenn er sich nicht mehr ignorieren lässt.“ Für Poutrus ist das kein Zufall. Er spricht von strukturellem Versagen.

Inzwischen verdichten sich gar Hinweise darauf, die ein rassistisches Tatmotiv „möglich erscheinen lassen“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber dem NDR. Diese Hinweise beträfen auch den Vorfall aus dem September, der nun „in einem anderen Licht“ erscheine. Eine Wiederaufnahme des damaligen Verfahrens sei aus rechtlichen Gründen jedoch ausgeschlossen.

Der Beschuldigte sitzt in Untersuchungshaft und soll psychiatrisch begutachtet werden. Die Ermittlungen dauern an.

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: nach der Bewertung rassistischer Gewalt, nach den Maßstäben für polizeiliche Einordnung – und nach den Folgen, wenn Warnsignale frühzeitig relativiert oder ignoriert werden. Dass ein Mann, der offen von „Ausländern“ spricht, die er „kaputt schlagen“ wolle, später einen Algerier tödlich angreift, ist zumindest kein Zufall, den man leichtfertig als unpolitisch abtun kann.

Für Ayoub F. kommt diese Neubewertung zu spät.

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