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„Was mit Unku geschah“ – Filme erinnern an die Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus

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65 Jahre sind seit dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland vergangen, die für viele Jugendliche den Holocaust und die Gräuel des Nazi-Regimes schon in weite Ferne rücken. Auch scheint es manchmal, als sei der Massenmord an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden die wahnwitzige Tat einer politischen Elite gewesen. Dass ?Geschichte? vor Ort passiert, durch konkrete Handlungen lebendiger Menschen, versucht das Projekt ?Antisemitismus in Ost und West: Lokale Geschichte sichtbar machen? der Amadeu Antonio Stiftung Jugendlichen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt nahe zu bringen. Ein im Projekt entstandener Film und ein weiterer Film zum Thema waren am Donnerstag bei einer Veranstaltung im Gebäude der ?Topographie des Terrors? in Berlin zu sehen.

Im Rahmen des Projektes ?Lokale Geschichte sichtbar machen? stieß ein Projekt des Alternativen Jugendzentrums Dessau-Roßlau bei Recherchen darauf, dass Dessau die Heimat von ?Unku? war ?ein reales Mädchen, dass die jüdische Schriftstellerin Grete Weiskopf alias Alex Wedding zu ihrem Roman ?Ede und Unku? inspirierte, der in der DDR-Zeit zur Stamm-Schullektüre gehörte. Unku hieß eigentlich Erna Lauenburger und war eine Sintessa ? weshalb ihr Leben wie das ihrer Familienmitglieder beispielhaft das Schicksal der Sinti und Roma zur NS-Zeit zeigt. Die Jugendlichen haben ihre akribischen Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen zu dem 35-minütigen Film ?Was mit Unku geschah? zusammengetragen.

Erna war von Berlin-Reinickendorf nach Dessau-Roßlau gezogen, die Familie hatte ein leidliches Auskommen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, durften die Sinti-Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Eine Freundin von Erna, Wald Frieda Weiss, erzählt im Film: ?Wir wurden angespuckt, angegriffen. Die Lehrer haben die Schüler noch angestachelt. Sie haben gesagt, die Ratten sollten euch fressen.? Den Eltern wurde kein Verkauf von Waren mehr erlaubt. Schließlich mussten sich die Sinti und Roma einer Region in festgeschriebenen Lagern am Stadtrand aufhalten, die sie nicht mehr verlassen durften. Aus diesen ?Zigeunerlagern? wurden die Bewohnerinnen und Bewohner in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überführt. Ernas große Liebe Otto Schmidt kam nach Buchenwald und starb dort mit 24 an den Folgen medizinischer Experimente. Unku kam mit den gemeinsamen Töchtern Marie, 4, und Bärbel, 6 Monate, nach Auschwitz. Die kleine Tochter stirbt unter den katastrophalen hygienischen Zuständen im Lager schnell. Als auch die vierjährige Marie stirbt, kann Erna ihre Trauer nicht leise für sich behalten. Weil sie KZ-Arzt Josef Mengele zu lautstark trauert, wird sie durch eine Giftspritze ermordet. Von 16 Geschwistern der Familie Lauenburger überleben lediglich 4 den Holocaust. Zur DDR-Zeit war der Mord der Nationalsozialisten an Sinti und Roma kein Thema. Erst in den 1980er Jahren wird erstmals in einem Schulbuch erwähnt, dass auch Sinti und Roma zu den Menschen zählten, die ermordert wurden.

Während der Recherchen zu ?Was mit Unku geschah? kam es zum Kontakt der Sozialpädagogin Jana Müller, die das Filmprojekt betreute und beim AJZ Dessau ein Zeitzeugen-Filmarchiv führt, mit Wald Frieda Weiss, geborene Franz. Jana Müller recherchierte auch zum Schicksal der Familie Franz. Aus diesen Recherchen entstand der 52-minütige Film ?Nicht wiedergekommen?, der anhand einer Familie dem Völkermord der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma ein Gesicht gibt. Vor allem geht es um Gustav und Franziska Franz und ihre sechs Kinder, von denen Wald Frieda eines ist. Der Film berichtet von der Ausbeutung als Arbeitskräfte, von medizinischen Experimenten, dem Leidensweg der Familienmitglieder und ihrer Angehörigen durch die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau, Neuengamme, Buchenwald, Auschwitz-Birkenau, Mittelbau-Dora, Bergen-Belsen. Besonders ergreifend sind die Berichte von Wald Frieda Weiss, die 1937 17 Jahre alt war, wie sie etwa mit mehrwöchigem Arrest in einer Zelle ohne Tageslicht bestraft wird, weil sie ihre Mutter vor Wiedersehensfreude umarmt, als die ebenfalls ins KZ Schloß Lichtenburg eingeliefert wird. Oder wie der Vater, der an den Folgen schwerster Misshandlungen stirbt, dem Bruder noch sagt: ?Sag bitte Euren Schwestern, ich habe es leider nicht geschafft.? Von 27 Familienmitgliedern überleben nur 4 den Holocaust; darunter sind drei der ursprünglich sechs Geschwister.

Ein Enkel der Familie Franz ist bei der Veranstaltung der Amadeu Antonio Stiftung auch dabei ? und was Siegfried Franz nach dem Film berichtet, stimmt besonders nachdenklich. ?Als ich 1951 in Osnabrück geboren wurde, lebten wir dort weiterhin im Ghetto, die Diskriminierung ging weiter?, sagt Franz. Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung habe es keinen gegeben, zur Schule kam er erst mit 13 Jahren ? ?vorher wurde ich immer zurückgestellt.? Nachts schlief der Achtjährige mit seinem Vater in einem Bett ? um ihn schnellstmöglich wecken zu können, wenn wieder die Albträume kamen. Als der Vater dem Sohn später erzählte, wovon er träumte, ?da wollte ich kein Deutscher mehr sein. Da wollte ich nur noch ein Sinto sein.? Parallel habe er immer wieder die Erfahrung gemacht, dass er auf die Mehrheitsgesellschaft zugegangen sei ? aber die habe ihn abgelehnt. ?Und wie kann es sein?, sagt Siegfried Franz, ?Sinti und Roma leben seit 700 Jahren in Deutschland. Wir sind Deutsche. Es gab den Völkermord im Nationalsozialismus ? der bis heute kaum aufgearbeitet wird. Und immer noch haben Sinti und Roma in Deutschland damit zu kämpfen, angenommen zu werden. Wir müssen kämpfen, um einen ordentlichen Schulabschluss oder eine Lehrstelle zu bekommen. Wir leben nicht mehr in definierten Ghettos ? aber wir können längst nicht überall hinziehen, wo wir wollen! Am Telefon kriegt man eine Zusage, und wenn der Vermieter die dunkle Haut sieht, ist die Wohnung plötzlich vergeben.? Diese gesellschaftliche Isolation, die nach wie vor Realität ist, müsse durchbrochen werden. Die Aufarbeitung und Anerkennung der Verfolgung von Sinti und Roma zur NS-Zeit ist ein wichtiger Schritt dabei. ?Dass es Menschen gibt, die sich so für meine Familie interessieren, für ihre Schicksal ? das hat mir sehr viel gegeben?, sagt Siegfried Franz.

Mehr im Internet:

| Projekt „Antisemitismus in Ost und West – Lokale Geschichte sichtbar machen

| AJZ Dessau

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