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Wir greifen ein, wenn Nazis das Wort ergreifen wollen

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Das hängt damit zusammen, dass rechte Sprüche rigoros zugespitzt sind, eine aggressive Botschaft haben, selbstgerecht daher kommen und in ihrer ultimativen Aussage keinen Widerspruch dulden. Und vor allem sind sie so verallgemeinernd, pauschal verurteilend und emotional, dass es nicht möglich erscheint, rational und differenziert darauf zu antworten. Doch kann man das, soll man das überhaupt?

Fast immer geht es gegen Minderheiten

Rechte Gesinnung ? und hier meine ich rechtsextremistische und rechtspopulistische gleichermaßen ? ist oft nicht sofort als solche zu erkennen und zu entschlüsseln. Doch wenn man den im Kern ja immer menschenverachtenden, demokratiefeindlichen Parolen entgegentreten und ihnen kontern will, dann sollte man sich zunächst über die Merkmale rechtsextremer und ?populistischer Ideologie Klarheit verschaffen. Diese ist rassistisch, antisemitisch, nationalistisch, antidemokratisch, antiliberal und sexistisch. Sie verklärt oder relativiert den Nationalsozialismus und ist auch stets mit der Bereitschaft verbunden, die eigene Gesinnung gegebenenfalls mit Gewalt durchzusetzen.

Inhaltlich kreist rechtes Gedankengut vielfach um Ausländerpolitik, Sozialpolitik, Familienpolitik, Rechtspolitik, Innenpolitik. Das zentrale Thema ist immer wieder das der sogenannten Ausländer. Eine der verbreitetsten rechten Parolen ist ?Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.? Mit dieser Behauptung werden gleich mehrere Botschaften verkündet: 1. Wir haben zu viele Ausländer hier. 2. Auch du hast Grund, Angst um deinen Arbeitsplatz haben. 3. Schuld sind daran die Ausländer, 4. Wenn wir sie rauswerfen oder ausweisen, sind unsere Probleme gelöst. 5. Dazu ist aber dieses politische System nicht in der Lage. 6. Wir brauchen wieder einen starken Mann.

Damit sind sowohl im Klar- als auch im Subtext dieser Parole nahezu alle Merkmale rechtsextremer Ideologie versammelt.

Offensive Gegenstrategien

Eine Strategie der Gegenargumentation bestünde zunächst einmal darin, das Gewirr der Begründungen und Belege zu entknoten, Ungereimtheiten und Widersprüche aufzuzeigen, die eigentliche Absicht aufzudecken und damit die politischen Folgen offen zu legen. Das sollte mit Gegenfragen geschehen, um gar nicht erst in einer Verteidigungsrolle zu geraten ? wichtig ist, die Initiative zu ergreifen. Also: Woran misst Du die Zahl ?der? Ausländer? Wen meinst Du überhaupt genau ? die polnische Altenpflegerin, den japanischen Manager, den niederländischen Krankengymnast, den türkischen Inhaber einer Dönerbude, den brasilianischen Fußballstar? Begründe doch einmal, wieso diese Menschen dir deinen Arbeitsplatz wegnehmen können? Wie würde unser gesellschaftliches Leben aussehen, wenn sie alle nicht mehr da wären? Wo bekämst Du Deine Pizza her? Wie lange müsstest Du dann auf eine notwendige Facharztbehandlung warten? Was ist mit dem Polizisten italienischer Herkunft? Ist das auch ein Ausländer? Wenn ja, warum? Wie willst Du denn das Problem ? wenn es überhaupt eines ist ? bewältigen? Sollen wir Transporte organisieren, um Ausländer loszuwerden? Hatten wir das nicht schon einmal?

Vorurteile auflösen

Wichtig ist, selbst aktiv zu werden ? und vor allem das pauschalierende ?die? aufzulösen.
Hinter den Parolen und Sprüchen stehen immer soziale Vorurteile. Ein Vorurteil ist ein Urteil vor einem Urteil. Ein Vorurteil sucht immer selbstsüchtig und resistent gegen Widerspruch nach Bestätigung. Mit Vernunft kann man es zunächst nicht entkräften. Eine echte Argumentation im Sinne, dass gleichberechtigte Partner sich Informationen, Thesen und Überlegungen mitteilen, die sie dann gemeinsam prüfen und unter Umständen relativieren oder neu überlegen, ist ein solches, mit Vorurteilen beladenes Gespräch ? wenn es diese Bezeichnung überhaupt verdient ? nicht. Ultrarechte Ideologien sind so dogmatisch, dass sie kein Wenn und Aber vertragen, sondern nur Zustimmung herstellen oder Provokationen mitteilen möchten.

Dennoch ist es wichtig, den Parolen entgegenzutreten, und zwar aus mehreren Gründen. Denn erstens leistet man sich selbst den besten Dienst. Zweitens macht man deutlich, dass man die Plätze, Versammlungen, Tischgesellschaften, Ladentheken und Gartenzäune nicht ohne weiteres Rechtsextremisten und ?populisten überlässt. Drittens schützt man diejenigen, die am Ende physische Opfer der verbalen Attacken werden könnten (denn vom starken Spruch zur brutalen Tat ist es manchmal nur ein kleiner Schritt). Viertens sind die eigentlichen Adressaten nicht die hartgesottenen Parolenschwinger und Sprücheklopfer, sondern die unentschieden und passiv wirkenden Dabeisitzer. Und fünftens muss Demokratie immer wieder aufs Neue verteidigt werden.

Nicht immer muss man mit Nazis reden

Übrigens kann man auch mit Ironie die Plattheit der Parolen entlarven. Dem Spruch ?Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg? kann man beispielsweise entgegensetzen ?Ich wusste gar nicht, dass Du früher eine Dönerbude hattest.?

Manchmal allerdings sollte man die verbale Auseinandersetzung nicht führen, um den Parolen und ihren Verkündern nicht noch ein Forum und ein Gefühl von sozialer Anerkennung zu bieten. Wenn jemand beispielsweise allen Ernstes behauptet, Auschwitz sei eine Lüge und die Vernichtung der Juden hätte es nicht gegeben, das ließe sich wissenschaftlich beweisen, dann darf es keinen ernsthaften Versuch der Widerlegung geben. Das ist eine steinharte rechtsextreme Position, die in ihrer ganzen Menschenverachtung nicht durch ein Gespräch salonfähig werden darf. Das Beste ist, man geht mit deutlichem Protest weg. Vorher sollte allerdings mitgeteilt werden, dass sich in der Bundesrepublik strafbar macht, wer den Holocaust leugnet.

Klaus-Peter Hufer ist promovierter Politik- und habilitierter Erziehungswissenschaftler, arbeitet hauptberuflich in der Volkshochschule des Kreises Viersen (NRW) und ist Autor der Standardwerke ?Argumentationstraining gegen Stammtischparolen? und ?Argumente am Stammtisch ? Erfolgreich gegen Parolen, Palaver und Populismus.? Er organisiert seit vielen Jahren Argumentationstrainings für interessierte Initiativen und Gruppen.

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Erstmal vor den Füßen kehren üben, als direkt den Dreck der ganzen Stadt nehmen

Zu den wohl ansteckendsten Übeln dieser Welt gehört die schlechte Laune. Sie braucht eigentlich keine Anlässe, weil es immer Dinge gibt, die einen grummeln lassen oder schlimmeres. Schauen wir uns um: Unsere Welt ist voller Ereignisse, die schlechte Laune provozieren. Terror, Feindseligkeiten, himmelschreiende Ignoranz, Rassismus und allenthalben Leid und Unglück. Wenn es mir schlecht geht und ich in eine Stimmung gerate, in der mir angesichts all dessen die Welt hoffnungslos erscheint, dann schaue ich auf einen Brief, den ich mir selbst geschrieben habe. Darin steht an erster Stelle: "Bitte, mach keine Haufen aus ungelösten Problemen. Schichte sie nicht so hoch auf, dass sie wie ein unerklimmbares Gebirge erscheinen." Nun ist es das Wesen der schlechten Laune, dass sie unbeeindruckt bleibt von solchen Tricks. Also kommt der zweite Punkt: "Schau näher hin. Viel näher. Wenn man sich schwach fühlt und die Straße kehren will, dann ist es besser vor den Füßen zu fegen, als an den Dreck der ganzen Stadt zu denken. Das kannst du machen, wenn du ungefähr weißt, wie es geht."
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