Rechtsextreme Netzwerke entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind lokal verankert, wirken in Vereinen, Gemeinderäten und öffentlichen Debatten. Genau hier beginnt die Arbeit des Lokaljournalismus.
Alexander Roth ist stellvertretender Leiter der Live-Redaktion beim Zeitungsverlag Waiblingen und berichtet seit Jahren über rechtsextreme Strukturen im Rems-Murr-Kreis. Im Gespräch mit Belltower.News spricht er über Neutralität, strategischen Druck und die Verantwortung lokaler Medien in Zeiten des sterbenden Lokaljournalismus.
Belltower.News: Wenn rechtsextreme Strukturen im Lokalen sichtbar werden, was ist dann die Aufgabe von Lokaljournalismus?
Alexander Roth: Zum einen müssen wir darauf hinweisen, dass es diese Strukturen gibt. Zum anderen geht es darum, sie zu verstehen. Ereignisse lassen sich schnell berichten. Schwieriger ist es, die dahinterliegenden Zusammenhänge offenzulegen. Diese strukturelle Arbeit ist langfristig und aufwendig, aber entscheidend.

Belltower.News: Was bedeutet Lokaljournalismus für Sie? Wie verstehen Sie ihn als eine Art demokratisches Frühwarnsystem?
Alexander Roth: Für mich ist es eine Art Frühwarnsystem vor Ort. Die Rolle der vierten Gewalt beschränkt sich nicht nur darauf, politische Macht zu kontrollieren. Wir warnen generell vor Gefahren für die Demokratie. Dazu gehört Extremismus jeder Art. Gerade im Lokalen können Entwicklungen frühzeitig sichtbar werden.
Belltower.News: Was bedeutet politische Neutralität für Sie im journalistischen Alltag?
Alexander Roth: Neutralität heißt für mich, ergebnisoffen zu recherchieren. Wir prüfen Thesen und Fragen anhand journalistischer Standards. Gleichzeitig erleben wir, dass uns mangelnde Neutralität vorgeworfen wird, wenn wir kritisch berichten. Wenn wir rechtsextreme Positionen als solche benennen, wird das von manchen als Parteilichkeit gewertet.
Belltower.News: Und ist das auch mangelnde Neutralität?
Der Begriff Neutralität ist in den vergangenen Jahren stark politisiert worden. Besonders im Zusammenhang mit der AfD wird er gezielt eingesetzt. Presseanfragen werden mit dem Hinweis auf angebliche Parteilichkeit zurückgewiesen. Ähnliche Argumentationsmuster finden sich auch gegenüber Schulen oder Kultureinrichtungen.
Strategie und Einschüchterung
Belltower.News: Ist dieser Neutralitätsvorwurf Teil einer politischen Strategie?
Alexander Roth: Im Wahlkampf beobachten alle Parteien ganz besonders, wie sie in den Medien dargestellt werden. Das ist normal. Bei der AfD geht es jedoch weiter. Hier wird der Vorwurf strategisch genutzt, um Druck aufzubauen oder Präsenz zu erzwingen. Kritische Medienanfragen bleiben unbeantwortet, während wohlgesonnene Plattformen genutzt werden. Das ist ein klares Muster.
Belltower.News: Wo sehen Sie Risiken, wenn Neutralität als bloße Gleichbehandlung ohne Einordnung verstanden wird?
Alexander Roth: Als lokales Medium haben wir weiterhin großen Einfluss auf die Meinungsbildung, besonders vor Wahlen. Wenn problematische Positionen unkommentiert reproduziert werden, kann das zur Normalisierung führen. Fachliche Bewertungen müssen klar benannt werden. Andernfalls verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was als akzeptabel gilt. Das untergräbt langfristig auch die Glaubwürdigkeit der Medien.
Belltower.News: Wie gehen Sie mit jüngeren Zielgruppen um, gerade mit Blick auf das Wahlalter ab 16 in Baden-Württemberg?
Alexander Roth: Bei einer Veranstaltung wünschten sich Schülerinnen und Schüler ausdrücklich die Teilnahme eines AfD-Vertreters. Wir haben uns gefragt, wie wir das gestalten können, ohne eine unkritische Bühne zu bieten. Deshalb haben wir begleitend Faktenchecks eingesetzt, um Aussagen direkt einzuordnen. Diese Balance zwischen Informationsanspruch und Verantwortung gehört inzwischen zum Alltag.
Belltower.News: Erleben Sie im Zusammenhang mit Ihrer Berichterstattung über Rechtsextremismus oder die AfD Druck oder Anfeindungen?
Alexander Roth: Ja, das erleben wir. Es gibt Kündigungen von Abonnements und aggressive Kommentare. Der Moderationsaufwand in sozialen Medien ist hoch. Entscheidend ist, dass der Verlag hinter der Redaktion steht. Ohne diesen Rückhalt wäre es schwer, diese Arbeit fortzusetzen.
Belltower.News: Was braucht Lokaljournalismus, um ein demokratisches Frühwarnsystem zu bleiben?
Alexander Roth: Wir brauchen Nachwuchs, der bereit ist, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Oft sind es dieselben Personen, die kontinuierlich berichten. Gleichzeitig ziehen sich Journalistinnen und Journalisten zurück, wenn Bedrohungen zu nah kommen. Redaktionen müssen sensibel sein, Schutzkonzepte entwickeln und ihren Mitarbeitenden den Rücken stärken. Nur so kann diese Arbeit dauerhaft geleistet werden.
Belltower.News: Vielen Dank für das Gespräch.


