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Antisemitismus in der DDR „Juden kamen nur am Rand vor“

Die DDR verstand sich selbst als antifaschistischen Staat. Aber sie war auch ein Staat, in dem zurückgekehrte Juden und Jüdinnen nicht vorkamen und Faschismus und Nationalsozialismus unaufgearbeitet blieben. Eine Geschichte die sich fortsetzt, denn auch die DDR-Forschung heute ignoriert Antisemitismus und NS-Relativierung hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“. „Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR“ ist ein neuer Band, der auf diese Leerstellen hinweist und Forscher*innen ermutigen will, sich mit diesem Themenfeld zu beschäftigen. Heute wird er in Berlin vorgestellt.

 
(Quelle: picture alliance/Federico Gambarini/dpa)

„Jüdisches Leben und jüdisches Sterben wurden in der DDR unsichtbar gemacht. Das Motiv der Täter, das Judentum auszurotten, blieb unerwähnt“ schreibt Anetta Kahane in ihrem Beitrag im Sammelband, den die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung zusammen mit dem Historiker Martin Jander, dem Kulturantropologen Patrice Poutros und Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen herausgegeben hat.

Kahanes Text, der anhand der Geschichte ihrer Eltern, den Umgang mit überlebenden zurückgekehrten Juden und Jüdinnen in der DDR beschreibt, zeigt in bedrückender Weise, wie Antisemitismus und Nationalsozialismus ignoriert wurden und vor allem, welche Auswirkungen dieser Versuch des „Totschweigens“ auf die Betroffenen hatte.

Der Band versteht sich als Denkanstoß und Einladung an Forscher*innen, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, denn auch 28 Jahre nach dem Ende der DDR, gibt es gerade im Bezug auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und den Umgang mit Antisemitismus noch viele Leerstellen: „Wie genau die Entnazifizierung angelegt war, in welcher Weise Nazis in der DDR ausgeschlossen oder integriert wurden, wie der aus dem Nationalsozialismus und der Zeit davor herrührende Antisemitismus gebrochen wurde oder weiterwirkte, wie überlebende NS-Opfer entschädigt wurden oder nicht, wie Kommunisten ihre Geschichte als NS-Verfolgte zur Legitimation einer neuen Diktatur einsetzten, ob der Antifaschismus auch antisemitisch untersetzt war oder nicht.“

Einzelne Forscher*innen haben sich einigen dieser Themen gewidmet, ein wirkliche Analyse steht noch aus. In „Nach Auschwitz“ bieten die Autor*innen einen Querschnitt über ein vernachlässigtes Themenfeld und wollen vor allem aufzeigen, was wir bisher alles nicht wissen. Dabei geht es unter anderem um rechte Opposition in der DDR, den Umgang mit der NS-Vergangenheit, die Antisemitismus rechtfertigende, antizionistische Grundhaltung des Staates oder das Leben von Lesben und Schwulen

Der Band will ein Denkanstoß für die Geschichtswissenschaft sein und einen – vermutlich unvollständigen – Überblick über noch viel zu wenig erforschte Felder liefern.

Die Buchvorstellung findet am 22.11.2018 an der Technischen Universität Berlin, Straße des 17. Juni 135, in Hörsaal 3007 statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung per Email an veranstaltung@amadeu-antonio-stiftung.de wird gebeten.

„Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR“ ist im Wochenschau Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7344-0705-5) und kostet 33,60 Euro.

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