Weiter zum Inhalt

Ballers in God und Awakening Europe Wie evangelikale Netzwerke den Fußball erobern

Die evangelikal-charismatische „Awakening“-Bewegung will Europa „retten“ und zu Gott führen. Über die Fußball-Plattform „Ballers in God“ erreichen sie eine neue Zielgruppe und verknüpfen homofeindliche Ansichten mit gefährlichen Heilsversprechen.

 
Felix Nmecha und Julien Duranville 2024 beim BVB. (Quelle: picture alliance / Bahho Kara/Kirchner-Media | Bahho Kara)

Ein Teil der evangelikalen Strömung verbindet den christlichen Glauben mit einer queerfeindlichen, regressiven Weltanschauung. Besonders in den USA hat sie in den vergangenen Jahren erheblich an Einfluss gewonnen und prägt Debatten um Abtreibung, Geschlechterrollen und Rechte queerer Menschen. Derweil haben evangelikale Organisationen sich zum Ziel gesetzt, ihren Einfluss in Europa auszuweiten. Dazu nutzen sie gesellschaftliche Räume wie den Fußball.

Wunder, Heilversprechen und Queerfeindlichkeit

Awakening Europe e.V. will den pfingstkirchlich-evangelikalen Glauben in Europa verbreiten. Alleine in Deutschland verfügt die Bewegung über Standorte in Eimeldingen (Baden-Württemberg), Mannheim, Berlin, Nürnberg und Dresden. Awakening inszeniert sich als moderne, hippe Kirche, die mit festivalartigen Massenevents ganze Stadien und Stadthallen füllt. Das Angebot soll besonders attraktiv für junge Menschen sein, die traditionellen Kirchen gegenüber eher abgeneigt sind.

Die ideologische Ausrichtung von Awakening Europe e.V. ist jedoch alles andere als modern: Der Verein sieht die Bibel als unfehlbare Wahrheit und Autorität über alle Lebensbereiche. Ehemaligen Mitgliedern aus Eimeldingen wurde die Kirche in den letzten Jahren zu „extrem“. Aussteiger*innen berichten von einem starken Personenkult um Prediger und Gründer Ben Fitzgerald, sektenähnlichen Strukturen sowie Kritikunfähigkeit.

Die Awakening-Bewegung glaubt an „Wunderheilungen“ durch den Heiligen Geist und daran, dass Dämonen durch Exorzismen ausgetrieben werden können. Auf der Homepage der Awakening Church finden sich verschiedene Zeugnisvideos, darunter das einer Studentin der „Awakening School of Ministry“. Sie erzählt, wie sie durch Gebete eine Frau angeblich von ihrer Blindheit heilte.

In der Badischen Zeitung kritisiert ein Aussteiger, dass Fitzgerald die schwere Krebserkrankung seines Bruders für Imagevideos und falsche Versprechen missbraucht habe – auch nach dessen Tod.

Heilungsgebete und Seelsorge für Homosexuelle

Die Awakening-Bewegung sieht Homosexualität – wie ein großer Teil evangelikaler Strömungen – als Sünde, die nicht ausgelebt werden soll und stattdessen als „heilbar“ gilt. In einer verdeckt gedrehten ZDF-Reportage bietet das Gebetsteam der Awakening Church der sich als homosexuell ausgebenden Reporterin zunächst ein Heilungsgebet und anschließend eine Seelsorge gegen ihre „verirrten Emotionen“ an.

Laut einem Bericht der britischen Regierung nehmen Konversionsbehandlungen häufig die Form von spirituellen Methoden (Gebete, Exorzismen, Seelsorge) an. Konversionsbehandlungen arbeiten Betroffenenberichten zufolge häufig mit massivem psychischem Druck und der Suche nach vermeintlichen „Ursachen“ im Lebenslauf. Expert*innen warnen seit Jahren, dass solche Praktiken nachweislich schädlich sind und zu schweren psychischen Problemen führen können. Deswegen sind Konversionsbehandlungen in vielen Ländern verboten. In Deutschland gilt das Verbot für Minderjährige und für Erwachsene, wenn ein „Willensmangel“ vorliegt – etwa durch Täuschung oder Zwang.

Auch die Evangelische Allianz Deutschland (kurz EAD), ein Netzwerk verschiedener evangelikaler Organisationen, das mit der Awakening Europe „verbunden“ ist, empfiehlt in einem Leitfaden zum Verbot von Konversionsbehandlungen von 2020 eine Seelsorge. Diese sei nicht vom Verbot betroffen.

Von Awakening Europe zum Fußball

Ben Fitzgerald ist Gründer und Leiter von „Awakening Europe e.V.“ und der „Awakening Church“. Er wurde von der „Bethel Church“ als Pastor ausgebildet und nach Europa gesandt, mit dem Auftrag, den Kontinent „zu retten“. Die kalifornische Bethel Church vertritt ebenso wie die Awakening-Bewegung eine extremcharismatische Auslegung des Glaubens und arbeitet mit Konversionstherapien.

Der ursprünglich in Australien geborene und später in Kalifornien lebende Fitzgerald ist eine zentrale Figur in der Rekrutierung neuer fundamentalistisch Evangelikaler. Derzeit lebt Fitzgerald in Deutschland, mutmaßlich um hier neue Gemeinden aufzubauen.

Inzwischen versuchen evangelikale Netzwerke gezielt, im Fußball zu missionieren. Dazu zählt auch die englischsprachige christliche Community „Ballers in God“. 2015 gründete der Brite und ehemalige Fußballprofi John Bostock die Gemeinschaft mit dem Ziel, „Jesus über die Plattform des Fußballs bekannt zu machen“.


Mehr zum Thema: Evangelikale Netzwerke im Nachwuchsfußball


2024 veröffentlichte „Ballers in God“-Gründer Bostock einen Post, der den Borussia-Dortmund-Profi Felix Nmecha mit dem von der Community verkauften „I belong to Jesus“-Shirt zeigt. Darin bezeichnet Bostock ihn als „Bruder“ und äußert seinen Stolz über Nmechas Leistung. Später besucht Bostock Nmecha beim Champions League-Finale 2024 – auch dabei: Ben Fitzgerald, zu dem Bostock ebenfalls gute Kontakte pflegt.

Nach dem Treffen bezeichnete der Instagram-Account von Ballers in God Fitzgerald als „Visionär“ und „Freund“. Bostock selbst schrieb: „Es war eine Ehre, Stunden mit einem Mann zu verbringen, der aufrichtig echte Liebe zu Jesus und zu denen verkörpert, für die er gestorben ist.“

Fitzgerald umarmt Bostock. (Quelle: Screenshot Instagram)

 

Ballers in God: Zwischen Fußball und evangelikaler Agenda

Inzwischen ist Ballers in God die größte im Fußball agierende Plattform für christliche Mission mit einem breiten Medienauftritt: Auf Instagram zählt die Community über 700.000 Follower*innen, auf TikTok knapp 100.000. Außerdem verfügt Ballers in God über einen eigenen Podcast und verkauft Merchandising und Ausrüstung.

Ballers in God missioniert mit bekannten Fußballer*innen, darunter Nmecha oder Liverpools Torhüter Alisson Becker. Bei Spielen tragen sie Ballers in God Merch wie Schienbeinschoner oder Armbänder mit dem Logo der Community. Ihren Torjubel widmen sie oft dem Glauben – etwa mit Fingerzeig Richtung Himmel. Ballers in God nutzt die Bilder, um auf Social Media zu missionieren.

Ballers in God hat ein breites Merchandising. (Quelle: Screenshot Website)

Auf der Website des Ballers in God-Shops sprechen sich eine Handvoll Fußballer*innen für die Community aus – darunter auch Nmecha, der immer wieder offen queerfeindliche Posts teilte. Der BVB-Profi war bei dem Podcast von Ballers in God zu Gast und predigte bei dem regelmäßig stattfindenden „Ballers in God Pro“-Meeting. Dieses soll Fußballer*innen helfen, „im Glauben zu wachsen“. Dort finden wöchentliche „Gebets-Meetings“ in drei verschiedenen Sprachen statt: Englisch, Französisch und Niederländisch. Der an den FC Basel ausgeliehene Borussia Dortmund-Profi Julien Duranville nahm an französischen Meetings teil. Außerdem veranstaltet die Community ein Saisonabschlusstreffen (Retreat). An dem Retreat nehmen Fußballer*innen wie U20-Nationalspieler Eric da Silva Moreira oder der U11-Trainer von Ajax Amsterdam Jeffrey Sarpong teil.

Beten statt Regenbogen

Von 2017 bis August 2025 unterstützte die englische Fußballliga die „Rainbow-Laces-Kampagne“. Gemeinsam mit der LGBTQ*-Organisation Stonewall initiierte die Premier League Aktionen wie regenbogenfarbene Kapitänsbinden oder Schnürsenkel zur Förderung und Inklusion queerer Menschen im Fußball. Dem Telegraph zufolge wurde die Kampagne Mitte 2025 beendet, nachdem sich die Kapitäne aller 20 Premier-League-Vereine bei einem Meeting darauf verständigt hatten. Zuvor sorgte die Kapitänsbinde öfter für Schlagzeilen: Manchester-City-Spieler Marc Guehi schrieb auf die Regenbogen-Kapitänsbinde: „I love Jesus“. Das Ende der Kampagne zelebrierte Ballers in God mit: „Wir fasteten. Wir beteten. Und Gott hörte uns.“

Ballers in God freut sich über das Ende der inklusiven „Rainbow Laces“-Kampagne. (Quelle: Screenshot Facebook)

Regressive Mission im modernen Gewand

Die Bethel Church, von der Fitzgerald ausgebildet und entsandt wurde, lehrt offen die theologische Lehre des „Seven Mountain Mandate“. Diese ruft Christ*innen dazu auf, die sieben gesellschaftlichen Schlüsselbereiche gezielt zu „erobern“: Religion, Familie, Bildung, Regierung, Medien, Wirtschaft und Kunst/Unterhaltung. Auch der Fußball ist in diesen Bereichen eingeschlossen.

In einem Instagram-Post zeigt Ballers in God, wie diese Missionierung abläuft: Christliche Fußballprofis sollen auf „offene Türen“ achten und gezielt Mitspieler*innen missionieren, die offen über ihren psychischen Druck sprechen. Das Motto: „Säe den Samen. Lass Gott ihn wachsen.“ Der Schweizer Nationalspieler Ruben Vargas, mit dem Ballers in God in Vergangenheit warb, erzählte in einem Interview, wie Fußballprofi Felix Uduokhai ihn in der Kabine ansprach: „Aber durch Felix habe ich viel mehr (über den Glauben) erfahren. Er hat mich auch ermuntert, einer christlichen Gemeinschaft beizutreten.“

Problematisch ist nicht, dass Fußballer*innen ein Bedürfnis nach Spiritualität haben und ihren Glauben offen ausleben, sondern ihre Einbettung in eine weltweit vernetzte, reaktionäre Bewegung. Ballers in God und Awakening Europe e.V. geben sich nach außen zwar als moderne und weltoffene Glaubensgemeinschaften, die besonders junge Christ*innen anziehen sollen. Ihre Vernetzungen, Social-Media-Posts, und die Inhalte ihres Glaubens zeigen ein anderes Bild: Zentrale Glaubensüberzeugungen bleiben regressiv, queerfeindlich und hierarchisch geprägt.

Freikirchliche Bewegungen wie Awakening oder Bethel wissen den hippen Auftritt zu meistern und nutzen populäre gesellschaftliche Räume gezielt als Missionsfelder. Der Profifußball dient dabei als besonders wirksame Plattform, um Reichweite, Vorbilder und emotionale Bindung zu erzeugen. In diesem evangelikalen Umfeld hängt die Anerkennung stark von der persönlichen Bekenntnisbereitschaft ab: Wer sich nicht voll zum vermeintlich richtigen Glauben bekennt, kann schnell ausgegrenzt werden.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

titelbilder(7)

Im Namen Gottes gegen Queers und Frauen Evangelikale Netzwerke im Nachwuchsfußball

Evangelikale Organisationen versuchen, Einfluss auf gesellschaftliche Schlüsselbereiche zu nehmen, auch auf den Fußball-Nachwuchs. Das kann gefährliche Auswirkungen auf Spieler*innen haben.

Von
525666224

Queerfeindlichkeit im Namen Gottes Wenn Fußballstars zum Sprachrohr von Evangelikalen werden

Einige Fußballstars präsentieren ihren Glauben öffentlich. Hinter den Kulissen verbergen sich oft Verbindungen zu queerfeindlichen evangelikalen Netzwerken.

Von

Queerfeindlichkeit Hasswelle gegen Fußballclubs zum CSD

Mehrere Fußballclubs unterstützten zuletzt Aufrufe zu CSDs. Das kann im Shitstorm enden.

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.