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Braune Strukturen Hitlerfans am Waldrand

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Frankentag 2011; Foto: Robert Andreasch

Mit freundlicher Genehmigung von www.aida-archiv.de

Seit vier Jahren laden die Neonazis des wichtigsten süddeutschen Kameradschaftsnetzwerks „Freies Netz Süd” (FNS) in jedem Sommer zu einem öffentlich als „Nationaler Frankentag” angekündigten Rechtsrockfestival in Nordbayern. Weil Behörden die Veranstaltungen vor der Öffentlichkeit abstritten, Polizei und Staatsanwaltschaft bei Volksverhetzung und NS-Verherrlichung weghörten oder weil sich in der fränkischen Provinz nur Wenige an den neonazistischen Events störten, haben diese Festivals in den letzten Jahren weitgehend ungehindert stattfinden können.

Ein Verbot und doch keins

Einige Dinge sind am Samstag, 13. August 2011 anders als in den Vorjahren: Die Verwaltungsgemeinde Marktheidenfeld hatte den in diesem Jahr vom FNS erstmals in Roden-Ansbach angekündigten „Frankentag” untersagt und dabei unter anderem die Gefahr der Volksverhetzung, Lärmbelästigung und die schlechte Zugänglichkeit des Festgeländes als Verbotsgründe genannt. Der Nürnberger FNS-Führungskader Norman Kempken reichte daraufhin Klage beim Verwaltungsgericht in Würzburg ein. In einem Sofortbeschluss vom Dienstag, 9. August 2011 (VG Würzburg, B. v. 9.8.2011 Nr. W 5 S 11.608) hat das Gericht das Neonazi-Treffen daraufhin erlaubt. Die Neonazis profitierten offensichtlich von der schlampigen Arbeit von Polizei und Behörden. Ein Artikel der lokalen „Mainpost“ gab das Urteil wie folgt wieder: „Die von der Verwaltungsgemeinschaft im Verbotsbescheid aufgezeigten Gefahren (vor allem durch die Liedtexte der dort spielenden Musikgruppen aus dem rechten Spektrum) beruhten durchweg auf Mutmaßungen der Behörde und fänden keinen Anhalt in den Behördenakten.“ Und das „Main-Netz“ schrieb: „Die Richter verwiesen in ihrer Begründung darauf, dass das Konzept des Antragstellers in einem vorangegangenen Kooperationsgespräch bereits akzeptiert worden sei. Die Polizei hat zudem vorgeschlagen, dass die Besucher der Neonazifeier an der Rothenfelser Straße parken könnten.“

Jetzt erst recht

Das „Antifaschistische Aktionsbündnis Nürnberg” hatte frühzeitig mit einer Gegenmobilisierung begonnen und auch das Bündnis „Main-Spessart ist bunt” hatte zügig eine weitere Gegenveranstaltung organisiert, mit Reden, Luftballons und Musik. Landrat Thomas Schiebel (FW) hält schließlich vor gut zweihundert Einwohnerinnen und Einwohnern sowie angereisten Demokratinnen und Demokraten eine engagierte Rede und empfiehlt ein Verhalten entsprechend der Ankündigung der norwegischen Regierung: angesichts des Drucks von Rechtsaußen erst recht eine demokratischere, offenere und tolerante Gesellschaft einzurichten.

Gefährlicher Weg zum Gelände

Und doch ist auch in diesem Jahr vieles wieder wie gehabt: In den lokalen Zeitungen dominiert die unsägliche Gleichsetzung der als „Linksextremisten” diffamierten erwarteten Antifaschistinnen und Antifaschisten, welche Ruhe und Ordnung bedrohen würden, mit den Neonazis des FNS. „Main-Spessart ist bunt” protestiert auf dem Firmengelände eines Busunternehmens, außer Sichtweite des Neonazi-Events und zu einer Zeit, zu der der „Frankentag” am Waldrand oberhalb des Dorfes erst anläuft. Ein Bus mit anreisenden Antifaschistinnen und Antifaschisten wird über zwei Stunden lang von der Polizei kontrolliert. Ein Neonazi-Ordner, er trägt eine Kette mit der verbotenen Odal-Rune, bedrängt derweil Fotografen an der Zufahrt zur Neonazi-Wiese. Direkt beim mit Bauzäunen abgeschirmten „Frankentag”-Gelände stehen meist keine Polizistinnen und Polizisten, den öffentlichen Weg dorthin zu benutzen, ist für Journalistinnen und Journalisten unter diesen Umständen äußerst gefährlich.

Die Wiese im unterfränkischen Roden-Ansbach hat, ähnlich wie in den letzten Jahren im oberfränkischen Obertrubach-Geschwand, ein Sympathisant der neonazistischen Szene zur Verfügung gestellt. In seinem Wohnhaus in einer Ansbacher Neubausiedlung haben zudem führende Funktionäre des „Freien Netz Süd”, unter anderem der als Rechtsterrorist verurteilte Martin Wiese und der zeitweilige unterfränkische NPD-Bezirksvorsitzende Matthias Bauerfeind am Veranstaltungstag Unterschlupf gefunden. Im Viertel unterhalb des Festgeländes können die Neonazis noch ein weiteres Gebäude nutzen, von hier fahren FNS-Aktivisten mit dem Lieferwagen eines Miltenberger DPD-Subunternehmers in kurzen Abständen Personal und Material hoch zum Waldrand.

NS-Verherrlichung

Schließlich kann auch das diesjährige Rechtsrockkonzert reichlich ungestört stattfinden, inklusive der allgegenwärtigen, deutlichen NS-Verherrlichung des „Freien Netz Süd”: Schon die Namensgebung des Events bezieht sich auf die „Frankentage” des NS-Gauleiters Julius Streichers, bei denen die Nationalsozialisten von 1933 bis 1939 bis zu hunderttausend Menschen auf den mittelfränkischen Hesselberg mobilisieren konnten. Im Jahr 2011 hängt an der Bühnenwand ein Transparent der „Freien Nationalisten Erlangen-Höchstadt“: „Harte Zeiten, harte Pflichten”. Die Zeilen entstammen der Durchhalteparole eines bekannten Plakats aus der Endzeit des NS. Die verwendete Abbildung zeigt eine Schlange, die sich um einen Arm zu winden versucht, mit dem Originalbild warben die Nationalsozialisten im August 1931 für eine NSDAP-Veranstaltung. Nur die damals auf der Schlange angebrachten Wörter „Marxismus” und „Hochfinanz” haben die fränkischen Neonazis durch „Globalisierung” und „Kapitalismus” ersetzt.

In Gedenken an Horst Mahler…

Vom Rednerpult davor überbringt der (damalige) Berliner NPD-Landesvorsitzende Uwe Meenen die Grüße des „Parteivorsitzenden der NPD”. Der aus Unterfranken stammende Meenen ist Vorsitzender des Vereins „Bund Frankenland”, der neben Anmelder Norman Kempken als offizieller Veranstalter des „Frankentags” auftritt. Meenen ruft zu einem „Gedenken” an Horst Mahler auf, dabei ist der noch gar nicht verstorben, sondern wegen Holocaustleugnung inhaftiert. Als Meenen Mahler als „Zeichen dafür, was Freiheitskampf in der heutigen Zeit bedeuten kann” vorstellt und pathetisch tönt, dieser sei „im Geist hier mit uns”, applaudieren die überwiegend männlichen Zuhörer, die mit „Schwarze-Sonne-”, „Artglauben-”, „Braune Musik Fraktion-” und „Reds better run”-T-Shirts vor der Bühne stehen.

Angereist in die unterfränkische Provinz sind bekannte Neonazi-Aktivisten wie Norman Bordin („Kameradschaft München”), Daniel Weigl (NPD Schwandorf), Johannes Hühnlein (NPD Lichtenfels/Kronach) und Alexander Neidlein, Landesgeschäftsführer der baden-württembergischen NPD, die „Nationalen Ersthelfer” sowie Mitglieder zahlreicher bayerischer Kameradschaften, unter anderem aus der „Jagdstaffel D. S. T.” (Bad Tölz), der „Kameradschaft München-Süd-Ost”, von den „Kraken München” und vom “Fränkischen Heimatschutz” (Coburg). Einige der gut 300 Besucherinnen und Besucher tragen T-Shirts der „Hammerskins” bzw. der „Crew 38”. Wenig verwunderlich, angesichts vieler personeller Überschneidungen zwischen den Anführern des FNS und dem bayerischen „Hammerskin Nation”-Netzwerk.

 

Frankentag 2011

Frankentag 2011

Autogrammstunde mit „Luni“

Der „Frankentag” bietet ein attraktives Programm für das neonazistische Publikum: Vor allem die Berliner Kultgruppe „Die Lunikoff-Verschwörung” entpuppt sich diesmal als Magnet. Und neben dem Ex-„Landser”-Sänger Michael „Lunikoff” Regener locken auch noch Auftritte der Bands „Untergrundwehr” aus Würzburg und „Flak” aus dem Rheinland. Bis aus Österreich und dem Fürstentum Lichtenstein kommen Teilnehmende an, bald parken die vielen Fahrzeuge mit ihren „88”, „28” und „AH”-Kennzeichen alle Wege zu. Auch die 15 Euro teuren Eintrittskarten schrecken offensichtlich die „Luni”-Fans, für die es extra eine Autogrammstunde ihres Stars gibt, nicht ab. Dicht an dicht sitzen die Neonazis schließlich an Bierbänken. Das Bier, für das die Brauerei „Keiler-Bier” aus dem nahen Lohr einen Bierwagen zur Verfügung stellt, fließt in Strömen. Aber auch eine Ecke mit Torwand und Trampolin, auf dem sich Kinder in „Deutscher Nachwuchs”-Sweatshirts austoben, ist aufgebaut.

Behindertenfeindlichkeit

Im inneren Bereich des “Frankentags” herrscht ein striktes Film- und Fotografierverbot. Nach außen ist das Gelände mit Bauzäunen umstellt, an denen die bekannten Transparente des „Freien Netz Süd” einen effektiven Sichtschutz bieten sollen: Das behindertenfeindliche Banner, auf dem Wolfgang Schäuble mit der Parole “Steh auf, wenn Du für Freiheit bist” diffamiert wird, ist genauso darunter wie eine überdimensionale Palästina-Fahne und das riesige Spruchband „Nationalen Sozialismus durchsetzen und verteidigen”.

„Kontaktverbot“?

Trotzdem lassen die Neonazis ihren Hass an den wenigen Medienvertretern am Rand des Geländes aus. Der Münchner Kameradschafts-Aktivist Thomas Schatt beschädigt gar die Kamera eines TV-Teams, indem er Fett auf die Objektivlinse schmiert. Dass Schatt genauso wie der ebenfalls als Rechtsterrorist verurteilte Karl-Heinz Statzberger hier beim Frankentag anwesend sind, ist bemerkenswert. Schließlich ist Martin Wiese, der ehemalige Rädelsführer ihrer terroristischen „Kameradschaft Süd”, kurzfristig als Hauptredner angekündigt worden. Bei Wieses Haftentlassung im August 2010 war ihm für fünf Jahre ein „Kontaktverbot” zu seinen Mittätern Schatt und Statzberger auferlegt worden.

„Seine Idee – Unser Weg“

Als Martin Wiese auf dem zur Bühne umfunktionierten LKW-Anhänger steht, weht auf dem Dach über ihm eine schwarze Fahne mit der Aufschrift „Geisenhausen”, seinem Wohnort in Niederbayern. Wiese, der in seiner Münchner Wohnung einst die 25 Punkte des NSDAP-Parteiprogramms an die Wand gehängt hatte, deutet seinen „Kameraden” angesichts der „Probleme, die wir miteinander haben (…) wo viele Leute meinen, sie müssen das Rad neue erfinden” eine gemeinsame Grundlage an: „Es gibt 25 Programmpunkte (…) und daran sollte man sich halten.” Wenn Wiese sich umdreht, ist auf seinem schwarzen T-Shirt der Rückendruck zu erkennen: „Seine Idee – Unser Weg” steht da und eine krakelige Unterschrift, die dem Signet Adolf Hitlers gleicht.

„Wir werden eines Tages kommen“

Seine Rede beim „Frankentag” in Roden-Ansbach schließt Martin Wiese mit einer Morddrohung gegen Antifaschist*innen sowie Journalist*innen ab: „Allen die sich uns entgegenstellen”, brüllt er von der Bühne, „allen die uns fotografieren, die uns denunzieren und uns von der Arbeit wegbringen wollen, (…) allen, die sich gegen deutsche Werte stellen, sei gesagt: Wir werden eines Tages kommen, Euch aus Euren Löchern holen, Euch vor einen Volksgerichtshof stellen und Euch wegen Deutschlands Hochverrats verurteilen zum Tode.”

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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