Welche Spuren hinterlässt die Vergangenheit im Jetzt? Welchen Herausforderungen sehen sich Juden und Jüdinnen gegenüber? Mit „Bruchzeiten – Leben nach dem 7. Oktober“ legt sie ein Buch vor, das autobiografische Erzählung mit gesellschaftlichen Beobachtungen verwebt. Mit dem 7. Oktober, so schreibt sie, ist Juden und Jüdinnen vor Augen geführt worden, was es bedeutet, wenn Hetze, Häme und Opfer-Täter-Umkehr unwidersprochen bleiben. Das Buch erschien am 24.09.2025 im S. Fischer Verlag.
Der folgende Ausschnitt „Pogrom טבח – погром“ ist das vierte Kapitel des Buches. Marina Chevinsky widmet sich darin dem Begriff „Pogrom“ und zeigt auf, wie tief dieses gewaltvolle Vergehen an Juden und Jüdinnen in der Geschichte verankert ist und sich in einen gegenwärtigen Antisemitismus einschreibt.
„Pogrom
טבח – погром
Meine Großeltern gaben mir weiter, die Juden dürften niemals wieder Opfer sein. Oft sagten sie: Gibt es keinen Schutz von außen, dann sollen sich die Juden gegenseitig schützen, unter ihresgleichen bleiben. Trage deinen Kopf aufrecht und schaue den Menschen ins Gesicht, wenn sie dich als Jüdin adressieren, forderte mich meine Großmutter auf. Die Wärme, die unsere alten Lemberger Heizkörper mit der rauen, abbröckelnden Farbe abstrahlten, wirkte auf mich beruhigend. Bis heute ruft der Anblick alter Heizkörper unter Fenstern in mir Nostalgie hervor. An kalten Wintertagen setzte ich mich oft direkt neben sie – als Kind, auch später noch als Jugendliche. Meine Großmutter erzählte mir einmal von einem rettenden Versteck. Verstecke und Geschichten von Geretteten der antijüdischen Pogrome durchzogen die Erzählungen, und tauchten auch in einigen Büchern oder Filmen auf. Kaum jemand erinnert sich heute daran, dass die Region der heutigen Westukraine einst ein geistiges Zentrum des osteuropäischen Judentums gewesen war. Viele blutige Pogrome ereigneten sich dort. Sie führten zum Exodus und schließlich zur tiefgreifenden Zerstörung jüdischer Gemeinden. Unter den Habsburgern kamen die Juden in Galizien, in der Bukowina und in Transkarpatien zwar in den Genuss der allgemeinen Bürgerrechte, doch der Judenhass existierte hinreichend auch dort. Im russischen Zarenreich, wo Antisemitismus staatlich institutionalisiert war, kam es immer wieder zu heftigen antijüdischen Pogromen. Diese zwangen die Juden zur Flucht und Auswanderung, zunächst in den galizischen (österreichischen) Teil der Ukraine, dann in die USA, nach Südamerika oder Palästina. In Galizien, schrieb David Grossman, spiegelt sich eine vergangene, verlorene Epoche. Vielleicht ist das, was ich in Lemberg wiedererkenne – die Inschriften, die Spuren der Mesusot an den Türrahmen – das Letzte, was noch von diesen Welten zeugt.
In den 1930er Jahren lebten knapp drei Millionen Juden in der Ukraine, die meisten von ihnen überlebten die Shoah nicht. Das Verhältnis zwischen Polen, Juden und Ukrainern vor und nach dem Krieg war hochgradig komplex. Infolge von Shoah und Stalinismus war das jüdische Leben wie ausgelöscht, die jiddische Sprache und die jüdischen Gemeinden verschwanden allmählich. In der Sowjetunion gab es staatlich lancierte antisemitische Kampagnen, es kam zu Wellen staatlicher Verfolgung. In den Jahren 1952 und 1953, kurz vor Stalins Tod, gipfelten die antisemitischen Prozesse in der Verurteilung und Erschießung von jüdischen Ärzten, Schriftstellern, Intellektuellen.
Marina Chernivsky ist Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin. Sie leitet das von ihr gegründete Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung sowie die Beratungsstelle OFEK e.V. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind: Shoah und Antisemitismus in Bildung und Erziehung, Wirkung des 7. Oktober auf die jüdische Community, Antisemitismus in Beratung und Psychotherapie.
Antisemitische Pogrome gelten als Ausdruck tief eingelagerter antisemitischer Disposition. Selbst in freiheitlich-liberalen Demokratien, selbst in Zeiten des Wohlstands und sozialer und wirtschaftlicher Aufschwünge haben antisemitische Pogrome nie endgültig an Relevanz verloren. Jederzeit kann sich ein Mob bilden, jederzeit kann sich der Mob gegen Juden wenden. Im geschichtswissenschaftlichen Diskurs mag weitgehende Einigkeit darüber herrschen, was der Begriff genau definiert, und nicht jeder gewaltsame Übergriff ist im Sinne der Definition auch ein Pogrom. Gleichwohl tauchen Fragen auf, ob der Begriff nicht doch zu eng gefasst ist. Das Wort »Pogrom« bezeichnete zunächst die antijüdischen Ausschreitungen in Russland – mit einem Mob und einem tatenlosen Staat. Es waren Zeiten, in denen sich die Polizei auf die Seite dieses Mobs stellte.
Historiker*innen nutzten den Begriff später zur Beschreibung antijüdischer Gewalt in unterschiedlichen Kontexten und Epochen. Wie oft wird der Begriff Zäsur verwendet, wenn von Pogromen die Rede ist! Es gibt sie in historischen Abhandlungen, in der jiddischen Literatur, in Zeugnissen. In den ersten Interviews nach dem 7. Oktober kreisten manche um die Frage, welche Sprache angesichts dieses Ereignisses angemessen sei. Manche sahen in der Verwendung des Begriffs Pogrom einen irreführenden Vergleich – sie kritisierten, dass er mehr verdecke, als er sichtbar mache. Der Ausdruck »Pogrom« erfasse womöglich nicht alle Ebenen der Gewalt, die sich am 7. Oktober ereignete.
Ein טבח – ein Massaker – wird nicht nur über die Zahl der Toten definiert, sondern über die Form und Intention der Gewalt, die sich gegen schutzlose Zivilist*innen richtet. Das demokratische Versprechen, diesen Dibbuk, diesen unerlösten Geist der antisemitischen Vernichtungsabsicht auszutreiben, ist nie und nirgendwo vollständig eingelöst worden. Die Grundierung und Struktur tiefsitzenden Judenhasses wird bis heute missverstanden, die Obsession mit »den Juden« ist keineswegs gebrochen. Für jüdische Bevölkerungen waren politische Systemwechsel – egal wo und wann – in den seltensten Fällen von Vorteil. Immer wieder wurden bei gesellschaftlichen Umbrüchen das Pogrom und ַחבֶט zum Ventil. Das antisemitische Feindbild war und bleibt ein gesellschaftlicher Konsens, der Gewalt nicht nur auslöst, sondern auch legitimiert.
Das Wissen um die Geschichte und Potenzialität des antisemitischen Pogroms ist Teil der jüdischen Erfahrung. Bei Kreuzzügen kam es in Worms, Speyer und Mainz zu brutalen Übergriffen auf jüdische Gemeinden. Der Vorwurf der Verschwörung und der Brunnenvergiftung führte während der Pestepidemie – etwa in Straßburg oder Basel – zu antisemitischen Pogromen. Im Russischen Reich eskalierte die Gewalt nach der Ermordung von Zar Alexander II. 1881, der organisierte Mob zwang die Juden massenhaft in die Flucht. Eines der bekanntesten Pogrome des frühen 20. Jahrhunderts ereignete sich 1903 in Kischinjow – heute Chișinău, Moldawien. Während des russischen Bürgerkriegs von 1918 bis 1921 setzten sich die Pogrome fort – sowohl die Rote als auch die Weiße Armee waren an der antijüdischen Gewalt beteiligt. Auch danach wurde die jüdische Bevölkerung in der jungen Sowjetunion immer wieder Ziel antisemitischer Angriffe.
Sowohl der Erste Weltkrieg als auch die Russische Revolution markierten für die Juden in vielfacher Hinsicht eine historische Zäsur. Mit dem Zerfall der drei östlichen Imperien um das Jahr 1918 gingen Diskriminierung und pogromartige Gewalt gegen Juden keineswegs zu Ende – im Gegenteil: Die neuen Regime strebten nach ethnisch homogenen Nationalstaaten. Juden gerieten vielerorts zwischen die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen. Im 19. Jahrhundert trafen die christlichen, antijudaistischen Traditionsbestände auf den politischen Frühantisemitismus, dann auf den modernen Judenhass – ein Amalgam, das sich im 20. Jahrhundert weiter radikalisierte. Der Antisemitismus traf Juden nicht mehr allein, weil sie als »anders« galten, sondern weil sie nach gesellschaftlicher Integration strebten. Der Judenhass richtete sich nun gegen jene, die den Versuch wagten, dazuzugehören. In meiner Kindheit kursierten etliche Pogromgerüchte. In der Familie hörte ich Gespräche – abends, manchmal auf Jiddisch. Ich ahnte, dass wir an einem Ort lebten, der von tiefen historischen Zäsuren durchzogen war.
In meiner Kindheit in der Ukraine gab es hierzu nur wenige Bücher, keine Gedenktafeln, keinen expliziten Unterricht. Das Wissen um die Verfolgung und Vernichtung war entsprechend fragmentarisch, unsere Familiengeschichten hatten etwas Fetzenhaftes, Unaussprechliches, das ganze Leben ein Halbgeheimes. In den Wochen vor der Auswanderung häuften sich die pogromartigen Übergriffe auf jüdische Nachbar*innen.
Gleich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 kam es in Lemberg im Zuge der polnisch-ukrainischen Kämpfe um die Stadt zu einem antisemitischen Pogrom. Verübt wurde es überwiegend von polnischen Soldaten, unterstützt von Zivilist*innen. Die Pogrome ereigneten sich nie im Verborgenen, sondern stets vor den Augen der Bevölkerung. Eine Woche nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 erreichten die deutschen Truppen Lemberg. Unmittelbar nach ihrem Einmarsch begann ein antisemitisches Pogrom. Im sowjetischen Geschichtsgedächtnis kam dieses Ereignis entweder gar nicht vor oder anders. Dieses Pogrom zählt zu den brutalsten antisemitischen Gewaltexzessen der frühen Phase der Shoah und war das Ergebnis einer gezielten Inszenierung, getrieben von tief verwurzeltem Antisemitismus und vollzogen unter Beteiligung aus der einheimischen Bevölkerung. Die Kollaboration der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) während des Vernichtungskriegs des nationalsozialistischen Deutschlands wurde in den letzten Jahren im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst und propagandistisch instrumentalisiert.
Kurz nach der deutschen Besetzung Kyjivs erschoss das Sonderkommando der SS-Einsatzgruppe C, unterstützt von Einheiten der Polizei und der Wehrmacht, nach eigenen Angaben 33 771 Juden in der Schlucht von Babyn Jar. Dieser Ort wurde zum Inbegriff der Shoah in der Ukraine, zum Symbol des »Holocaust durch Kugeln«, zu einem Massengrab, in dem auch ein Teil meiner eigenen Familie (väterlicherseits) umkam. Der Cousin meiner Großmutter Ella, Leo Polonsky, geboren 1910, ging gemeinsam mit seinen Eltern – Kalman Polonsky, geboren 1885, und Liza Polonskaya, geboren 1888 – nach Babyn Jar. Kalman war der leibliche Bruder meiner Urgroßmutter Busja. Leo hatte eine russische Frau, Nadja, und eine kleine Tochter. Auch sie machten sich mit ihm auf den Weg nach Babyn Jar – wie es ihnen befohlen worden war. Doch jemand erkannte sie, und so wurde Nadja mit ihrer Tochter aus der Menge abgedrängt. Sie wurden gerettet und überlebten den Krieg. Soweit wir wissen, waren Leo und seine Frau beide professionelle Tänzer. Leo selbst und seine Eltern wurden – neben weiteren Familienangehörigen – in Babyn Jar erschossen. Nadja und ihre Tochter lebten nach dem Krieg in Kyjiw.
Kurz vor dem Angriff Russlands 2022 besuchte ich mit meinem Vater und meiner Tochter zum ersten Mal gemeinsam Kyjiv. Auf einer Serviette im Café am Andreasstieg gegenüber dem Bulgakow-Museum begannen wir, die Lebenslinien unserer einst großen und weit verzweigten Familie nachzuzeichnen. Es wird Jahre dauern, die einzelnen Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Aus dieser Zeit sind uns keine Fotos und nur wenige Familienarchive erhalten geblieben. Durch Kriege und sowjetische Repression wurden nicht nur die Familien, sondern auch ihre Gedächtnisse vielfach auseinandergerissen. In jenem Land hatten Menschen – vor allem die Herrschenden – Angst vor den Familiengedächtnissen.
Neben Babyn Jar gab es viele andere (geschätzt zweitausend) Erschießungsorte in der Ukraine, ebenso in Lettland und Litauen, in Moldau, in Polen, in Rumänien, in Russland und der Slowakei. Schätzungen zufolge fielen den Erschießungen zwei Millionen Juden zum Opfer – die Mehrheit von ihnen auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Nach dem Ende der staatlich organisierten Verfolgung und Vernichtung kehrten wenige Überlebende zurück, und schon kurz nach ihrer Rückkehr kam es erneut zu antisemitischen Pogromen gegen sie. Die polnische Stadt Kielce ist dafür zum Inbegriff geworden. Dort wurden am 4. Juli 1946 von einer wütenden Menge rund vierzig Überlebende ermordet, beinah achtzig weitere schwer verletzt. Neben Neid, Hass und materiellen Interessen gab es ein weiteres Motiv für die antijüdische Gewalt: die Vorstellung von einer besseren Welt ohne Juden – das sogenannte Erlösungsprinzip.
Das Wissen um die historische Konstante antisemitischer Gewalt erzeugt in uns aber nicht nur Angst, sondern Wut und Wehrhaftigkeit: Niemals wieder werden Juden Opfer sein.
Die Gegenwart der antisemitischen Bedrohung wird in Deutschland oft in der Vergangenheit gedacht. Für die Juden ist es die Bedrohung heute. Für einige andere ist es die Gewalt von damals. Divergierende Wahrnehmungen sind nichts Ungewöhnliches. Wir sehen vor allem das, was uns nah erscheint. Antisemitismus entzieht sich dem Blick derer, die ihn nicht erfahren – vielleicht, weil die Gewalt nicht nah genug geschieht.
Am 27. Oktober 2018 verübte ein rechtsextremer Attentäter einen der schwersten antisemitischen Anschläge in den USA. Er betrat die ungeschützte Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh und eröffnete das Feuer auf die Besucher*innen, die meisten von ihnen waren hochbetagte Holocaustüberlebende. Zuvor hatte der Täter die Tat auf einer rechtsextremen Microblogging-Plattform angekündigt. Während des Anschlags skandierte er, die Juden müssten sterben, auch in Polizeigewahrsam wiederholte er diese Aussage.
Am 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, verübte ein rechtsextremer Täter in Halle (Saale) einen antisemitisch und rassistisch motivierten Terroranschlag. Er versuchte, in die voll besetzte Synagoge einzudringen, scheiterte jedoch an der massiven Tür. Anschließend erschoss er zwei Menschen – eine Passantin und einen Mann in einem nahegelegenen Imbiss. Der Oktober wurde für viele Juden in Deutschland schon einmal zu einer historischen Zäsur. In den sozialen Medien weisen einige zivilgesellschaftliche Organisationen regelmäßig – beinahe täglich – auf solche Jahrestage hin, sowohl von historischen als auch von jüngeren Anschlägen.
Am 7. November 2024 kam es in Amsterdam zu gezielten Angriffen auf israelische Fußballfans. Nach dem Spiel des Fußballvereins Maccabi Tel Aviv gegen Ajax Amsterdam wurden sie, offenbar gezielt, angegriffen, antisemitisch beleidigt und durch die Stadt gejagt. Einige wurden aus Taxis gezerrt, mit Gegenständen beworfen. Im Nachhinein hieß es, die Angriffe seien durch das Verhalten einiger Maccabi-Fans provoziert worden.
Pogrome, Anschläge und antisemitische Vorfälle sind im jüdischen Gedächtnis abgespeichert. Im Bewusstsein der jeweiligen Gesellschaften aber sind sie kaum abgebildet. Wie sollen wir diese Lücken schließen, wenn die Erinnerungen so verschieden, so asymmetrisch sind? Die Massaker des 7. Oktober 2023 haben die Leerstellen in kollektiven Gedächtnissen nicht geschlossen, sondern neue, tiefe Brüche verursacht.
In den 1990er Jahren setzte eine große Einwanderungswelle von »jüdischen Kontingentflüchtlingen« ein, auch nach Berlin. Die kleine jüdische Gemeinschaft von rund 30 000 Mitgliedern in Westdeutschland und maximal 500 in Ostdeutschland wuchs binnen weniger Jahre rapide an, insgesamt kamen rund 250 000 russischsprachige Juden in diesem historischen Zusammenhang nach Deutschland. Ein Großteil der jüdischen Gemeinschaft hier hat Wurzeln in der Ukraine, ein weiterer beträchtlicher Teil stammt aus anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Diese jüdische Migration vollzog sich leise und ist weitgehend unsichtbar geblieben – das Leben der Kontingentgeflüchteten verlief unauffällig, bis die zweite Generation, die sich lauter zu Wort gemeldet hat, herangewachsen war. Wie genau die jüdische Gemeinschaft von der ukrainischen, jiddischen, sowjetischen Kultur geformt ist, wissen nur wenige, denn die osteuropäischen Juden werden meist in stereotypen Bildern wahrgenommen, von ihrem wirklichen Leben dringt nur wenig nach außen. Eine Journalistin fragte anlässlich des Gerichtsprozesses gegen den rechtsextremen Attentäter von Halle, warum die russischsprachigen Nebenkläger*innen nicht öffentlich in Erscheinung träten, ob Sprachbarrieren der Grund dafür seien. Ob sie überhaupt jüdisch seien, fragte mich eine andere Pressevertreterin.
Der Terroranschlag in Halle kam nicht überraschend, und doch wurde er als Zäsur begriffen. Dabei reiht er sich in die lange Geschichte antisemitischer Gewalttaten seit 1945 in Deutschland ein. Um nur einige zu nennen: Am 13. Februar 1970 starben sieben Menschen bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München; am 19. Dezember 1980 wurden der Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrer Wohnung in Erlangen ermordet; am 27. Juli 2000 wurden zehn Personen bei einem Sprengstoffanschlag am Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf verletzt die Betroffenen waren mehrheitlich Juden. Der Jurist und Journalist Ronen Steinke analysiert in seinem Buch Terror gegen Juden die Chronik antisemitischer Gewalten seit 1945. Die Liste der vereitelten oder auch vollzogenen Anschläge ist rund hundert Seiten lang.
Terroranschläge stellen eine massive Bedrohung dar – ihre psychischen und sozialen Folgen sind tiefgreifend und nicht berechenbar. Es ist bekannt, dass der Begriff Terror nicht nur analytisch gefasst, sondern politisch umstritten ist. Er wird in Politik und Medien oft instrumentalisierend verwendet – meist mit Blick auf bestimmte Gruppen. Während islamistische Attentate geradezu reflexhaft als Terror bezeichnet werden, werden rechtsextreme, antisemitische oder misogyne Anschläge häufig als »Amoklauf« oder »psychisch motivierte Taten« verharmlost.
Doch gerade im Kontext von Antisemitismus stellt der Terror die am meisten verbreitete Form kollektiver Bedrohung dar. Der Terror zeigt sich nicht nur in physischer Gewalt, sondern in psychischer Bedrohung, in der Einschüchterung oder dem gezielten Erzeugen eines beständigen Unsicherheitsgefühls im öffentlichen Raum. Solche Taten, die eine Gruppenbotschaft transportieren, wirken dehumanisierend. Sie lösen Urängste aus und erschüttern das Urvertrauen, verletzen das Recht der Menschen auf psychische, körperliche und soziale Unversehrtheit. Nach einer jeden solchen Tat braucht es viel Zeit, um den so erzeugten Bruch wieder zusammenzufügen. Wir wissen vielleicht, wann das Trauma der Gewalt beginnt, aber nicht, wo und wann es endet. Als akute Intervention hilft eine sichere Umgebung. Was aber tun, wenn sie nie wirklich sicher ist, wenn sie nicht Anerkennung, sondern Ignoranz und Kälte aussendet? Die Transparenz gesicherter Informationen, das Zeichen von Gemeinschaft und Verbundenheit sind zentral bei der Bewältigung der Folgen nach terroristischen Angriffen.
Aber Terror lässt sich nicht allein psychologisch fassen. Erst die historische und gesellschaftliche Einordnung macht die Dimension der Gewalt verständlich. Der Anschlag in Halle und die Massaker der Hamas in Israel ereigneten sich beide im Oktober. Im Herbst 2024 gedachten wir des fünften Jahrestags des Anschlags in Halle und begingen zwei Tage zuvor den ersten Jahrestag des Angriffs auf Israel.“


