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Havelberger Pferdemarkt am Wahlwochenende Wo alle Grenzen fallen

Konservativ, verschwörungsideologisch, rechtsextrem – gab es zwischen diesen Ansichten einst Abstufungen, fließen sie mittlerweile ganz natürlich ineinander. Ein Besuch auf dem Pferdemarkt in Havelberg vor der Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt die neue Realität.

 

Die Hansestadt Havelberg ist ein geradezu pittoreskes Örtchen. Ein staatlich anerkannter Erholungsort, gelegen auf einer Insel im namensgebenden Fluss. Doch nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt hat ein Kind der Stadt beste Aussichten, Ministerpräsident zu werden. Ulrich Siegmund ist 1990 in Havelberg geboren und kandidiert für die Alternative für Deutschland. Der Spiegel kürte ihn auf seinem Cover kürzlich als „gefährlichsten Mann Deutschlands“, was Siegmund, wie so vieles, für sich zu instrumentalisieren wusste.

Durch den aggressiven Wahlkampf des AfD-Posterboys ist Sachsen-Anhalt inzwischen das, was im politischen Diskurs gemeinhin als gespaltenes Land gilt. Zeit also, diesem Ruf auf den Zahn zu fühlen. Der optimale Ort für eine Milieustudie: der Havelberger Pferdemarkt, eine Veranstaltung, die mit rund 200.000 Besucher:innen einer temporären Megacity gleichkommt. 1750 erstmals veranstaltet, wechseln hier längst nicht mehr nur Pferde den Besitzer. Der Havelberger Pferdemarkt ist Rummel, kulinarisches Schlaraffenland, Trinkparadies und nicht zuletzt ein gigantischer Trödelmarkt für Devotionalien jedweder Art. Die Homepage formuliert es noch eine Spur einladender: „Wer tanzt nicht gern mal aus der Reihe… bei Karussell, Hubschrauber, Pferdeshow, Fußball und ausgelassener Stimmung in den Festzelten.“ [sic]

Tatsächlich lässt sich beim Ortsbesuch schnell feststellen, dass hier allenthalben Leute aus der Reihe tanzen. Wenn das alle tun, ist die Formulierung grundsätzlich falsch gewählt. Vielmehr macht sich auf dem Pferdemarkt eine neue Normalität breit, wie sie sich Siegmund und seine Partei schöner nicht ausmalen könnten. Bei der Erstbegehung des Rummels beeindruckt nachhaltig die schiere Dichte an Thor-Steinar-Klamotten, nach Camp David wohl die häufigste Marke, die ich registriere. Ein Familienvater trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Eine freie Presse gab es nie, nur die Lügen einer Mediokratie“, ein Slogan der Rechtsrockband „Gigi und die Braunen Stadtmusikanten“. Im Shuttle-Bus untermauert ein Glatzenträger mit einem Shirt der Marke Viking Division seine politischen Ansichten. Ein Mann im Schalke-Trikot fragt sich neben mir laut, ob er seine Nazi-Sachen noch auf dem Dachboden hat, und erntet dafür Gelächter seiner Begleiter.

Zwischen Fahrgeschäften wie TikTak, FlyOver oder der bayerischen Gaudi Alm, einer Art Hindernisparcours, strömen die Menschenmengen in breiten Gassen hindurch. Immer wieder lässt der plötzliche Krach eines Boxautomaten, der gerade mit einem rechten Dampfhammer malträtiert wurde, die schlendernde Karawane zusammenzucken. Wie auf Jahrmärkten üblich, sind viele Familien unter den Besuchern, und zwar im klassischen Sinne: Männlein, Weiblein, Kind. Den hohen Wert dieses traditionellen Familienbildes und die Bereitschaft, es bis aufs Blut zu verteidigen, betont eine Frau mit ihrem Rückentattoo: „FASS MEINE FAMILIE AN UND DEIN NEUER STATUS LAUTET PFLEGESTUFE“, steht da geschrieben. Eine vordergründig heile Welt, immer verbunden mit dem Potenzial zur gar nicht mal so latenten Aggression – diese Atmosphäre kennzeichnet den Havelberger Pferdemarkt, auch wenn wir uns mit den Pferdegehegen gerade im entspanntesten Bereich der Veranstaltung befinden. Hier wechseln die Tiere noch per Handschlag den Besitzer und ernten Streicheleinheiten. Den Eindruck eines authentischen Westerndorfs befeuern zahlreiche Besucher in Cowboymontur, für die dieses verlängerte Wochenende wohl Eskapismus im besten Sinne bedeutet.

Überhaupt ist am Havelberger Pferdemarkt längst nicht alles problematisch, vielmehr stehen Abstufungen konservativer bis zu verschwörungsideologischen oder rechtsextremen Lebenseinstellungen direkt nebeneinander. Das tatsächliche Problem: Die Grenze fließt dabei nicht nur, sie ist vollständig aufgehoben. Ein Verkäufer bietet Schilder an, die verschiedene Männlichkeitsideale glorifizieren: „Echte Männer spielen Fußball“, „Echte Männer stehen am Grill“ und so weiter. Am Ständer daneben findet sich ein Schild mit der Aufschrift „Wer zensiert, hat Angst vor Wahrheit“, auf dem Wühltisch eines mit dem Gag: „Warum es in der DDR keine Grünen gab? Weil Bildung Pflicht war.“ Gleich daneben: „Vom Ossi lernen, heißt überleben lernen“. Hemmungslose Ostalgie, der Stolz darauf, widerstandsfähig, aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein als das gegenwärtige politische und soziale Deutschland.

 

Die Runde führt nun weiter, weg vom Rummel, hin zum Trödelmarkt, wo Ostalgie ebenfalls eine tragende, aber nicht die Hauptrolle spielt. Gleich am Eingang lockt ein Stand mit großformatigen Aluschildern, die um einen alten Traktor herum aufgestellt sind. Werbemotive gesamtdeutscher Traditionsmarken lassen auch hier von einer Vergangenheit träumen, die wieder Zukunft werden soll: PEZ, BMW, Fendt, VW und: „Die deutsche Wehrmacht trinkt Fanta“, steht auf einem Schild mit der Silhouette eines Wehrmachtssoldaten. Als einziges seiner Art mit offen rechtsextremer Konnotation zieht dieses Stück Blech die meisten Neugierigen an.

Foto: AF

Nächster Stand, höhere Intensität. Neben Merch von allerlei Rock-Bands wie AC/DC und den unvermeidlichen Böhsen Onkelz hängt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutsche Küche Wehrmacht Sauber“. Welche beiden Wörter deutlich mehr Platz einnehmen als die anderen, dürfte klar sein. Daneben eines mit dem Konterfei eines Stahlhelmsoldaten und der Aufschrift „Landser Jugend“. Einen Hoodie im selben Design trug ein Teenager am Eingang. Das ist einer jener Stände, vor denen nicht allzu lange irritiert herumgelungert werden sollte, wie der Blick des Verkäufers signalisiert.

Es regnet nun in Strömen, was dazu zwingt, sich unterzustellen. An einem harmlosen Stand mit Gesellschaftsspielen und Deko-Gegenständen ereignet sich ein skurriles Schauspiel. Ein älterer Herr im Militäroutfit will wissen, ob die Duplo-Riegel, die in einer Tasse stehen, zu haben sind. Der Verkäufer entgegnet, diese seien längst abgelaufen und wären nur Deko. Ablaufdaten seien Politik, erklärt der Hungrige daraufhin und frohlockt, als er die Schokoladenriegel umsonst bekommt. „Schokolade vergammelt nicht“, meint der Standbetreiber, als sein Kunde in eine der sicher nicht ungesunden, aber unglaublich spröden längsten Pralinen der Welt beißt.

Wenige Meter weiter verkauft ein Straußenfarmer das Öl seiner Nutztiere, seiner Meinung nach ein Allheilmittel: Er gehe auf die 60 zu, sagt der zugegebenermaßen jung aussehende Mann stolz. Auf dem Öl sei bis 2016 ein Patent gewesen, besonders seine entzündungshemmende Funktion sei der Pharmaindustrie ein Dorn im Auge, weil diese ihr Cortison losbekommen wolle. Auch wir Männer würden also von der Anwendung profitieren, obwohl wir „keine Gewebeprobleme haben, wie die Weiber, äh, Frauen“. Mit dieser Taktik versucht er nun, eine Familienmutter vom Kauf zu überzeugen. Das Öl sei auch gut für Leute, „die diese Scheißspritze gekriegt haben“. Die Mutter meint, sie alle seien zum Glück eh nicht geimpft. Die Familie zieht weiter; die pharmazeutische Erklärung der These folgt trotzdem: Straußenöl könne die Spike-Proteine des Impfstoffes „rückgängig machen“. Hinter uns zieht ein Hüne von Vater im Thor-Steinar-Oberteil ein schreiendes Kind im Leiterwagen durch den Regen.

Nicht nur weil der Landesvater in spe auf ihnen durch die Gegend fährt, haben Mofas der Marke Simson auf dem Trödelmarkt Hochkonjunktur. Sie und ihre Ersatzteile dominieren den Kraftfahrzeugsektor, in Deutschlandfarben, Altrot und vor allem Blau. Drei alkoholisierte Herren, einer mit Strickmütze in Reichskriegsflaggen-Optik, ein anderer mit Hoodie, auf dem „Landser Eine Deutsche Legende“ steht, handeln mit den DDR-Zweirädern. Momentan ist aber Rangeln angesagt: zum Song „Tekkno-Kacke“ der Oi!-Band Rabauken nehmen sich die Kerle in den Schwitzkasten und knuffen sich hart, aber herzlich. Von der Eiertanz-Historie der Band Rabauken bezüglich Offenheit für Rechtsextremismus könnten sich die Onkelz noch eine Scheibe abschneiden.

 

Die Romantisierung dunkler Kapitel deutscher Geschichte erschöpft sich aber nicht nur im Verkauf rechtsextremer Schilder und Textilien oder DDR‑Memorabilia. Es geht auch um Rekontextualisierung, um eine Umdeutung, weg vom Inhalt, hin zur ästhetischen Verniedlichung. Ein Beispiel: Eine Frau hat John Rolands Hitler-Biografie entdeckt und winkt damit ihrem Begleiter. „Sieh’ mal, darauf sieht er aus wie Chaplin!“, witzelt sie. Grenzüberschreitender schwarzer Humor im Sinne eines bewussten Aneckens mit der gesellschaftlichen Norm erklärt den Nazi-Fetisch vieler Marktbesucher:innen in Teilen. Politische Provokation, die in gelebten Extremismus umschlägt.

Nazikriegsverbrecher Dönitz als Blechschild neben einer stilisierten Reichskriegsflagge (Foto: AF)

Der hat sich in den Keimzellen des Havelberger Pferdemarktes, den Bierständen, schon längst Bahn gebrochen: Fahnen mit der Aufschrift „Blau macht glücklich“ wehen über einer besonders rechtsextrem anmutenden Sammelstelle. Davor verleihen zwei Nazis im Schottenrock einer blonden Ines für ihre Verdienste um den Markt das Eiserne Kreuz. Sie wirkt sichtlich ergriffen von der Laudatio übers Mikrofon. Den Blau-macht-glücklich-Anstecker gibt’s obendrauf. In der Nachbarschaft serviert ein Stand Indian Street Food, Michael Jacksons „Thriller“ läuft über eine Anlage. Von der Trödelrunde verabschiedet ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hüte dich vor Sturm und Wind und Ossis, die in Rage sind“. „DDR KFZ Zeitschriften“ gibt’s für fünf Euro das Stück, neben dem Karton liegt ein Aluschild zu Ehren des Nazis Karl Dönitz. In der Marktordnung steht zwar geschrieben, dass „gesetzeswidriges Propagandamaterial jeglicher Art“ und Waren mit „nationalsozialistischen Emblemen oder Symbolen“ verboten sind. Der Trödelmarkt ist dahingehend eine flächendeckende Grauzone, fast egal, wohin der Blick schweift.

Auf Anfrage von Belltower.News erklärt ein der Amtsleiter des für den Markt zuständigen Havelberger Ordnungsamts, dass Marktleitung, Marktpersonal, der Sicherheitsdienst, sowie die polizeiliche Festwache die Einhaltung der Marktordnung überwachen und gar „zivile Kräfte des Verfassungsschutzes“ Sichtkontrollen durchführen würden. Aber: „Aufgrund der Größe des Havelberger Pferdemarktes und der Vielzahl der dort vertretenen Händler und Verkaufsangebote konnte nicht jeder einzelne angebotene Gegenstand fortlaufend kontrolliert werden. Hinzu kamen die teilweise anhaltenden Regenfälle, aufgrund derer Waren an zahlreichen Verkaufsständen abgedeckt bzw. nicht vollständig sichtbar waren.“ Ausgeschlossen wurden 2026 kein Händler, so die Behördenleitung.

Zum Ende des Besuchs wartet auf der Koppel eine Pferdeshow, die zum okkulten Schauspiel wird: Waldelfen bekommen Besuch von Odins Tochter. Der nordische Gott, klassisches Fetisch-Objekt rechtsaußen, ist auf dem Pferdemarkt allgegenwärtig, ob als „Trunk der Germanen“ an Ständen, auf Textilien oder eben als sagenhafter Teil des Plots in diesem Elfendrama. Nachdem zwei Mädchen in der Mitte der Koppel Tücher geschwungen haben, stellen sich berittene Elfinnen zum Lied „Tochter Odins“ des KI-Musikprojekts Nami Kaze im Spalier auf und halten Luftballons. Eine in Rot gewandete Amazone, ebenfalls auf einem Pferd, versucht, diese mit einem Speer zum Platzen zu bringen. Gelingt das, brandet Szenenapplaus auf.

 

„Das Hertz von Europa wird gerade zerstört. Wir wissen, was richtig ist und was falsch ist. Lasst uns handeln und wieder zu Dichtern und Denkern werden“ [sic] lautet ein YouTube-Kommentar zu dem Lied, das die Performance untermalt. Damit greift ein weiteres Rad ins andere. Verschiedenste Rechtsaußenströmungen finden zusammen. Eine gemeinsame Ebene lässt sich dabei unschwer finden. Das Schockierende an den Volksfestlichkeiten ist die Geschlossenheit der Teilnehmenden. Sie vermittelt die Gewissheit, dass hier für eine ganze Bevölkerungsschicht eine neue Realität geschaffen wurde, an die sie unwiderruflich verloren ist. Die Vorstellung, Menschen aus diesem gefestigten Kosmos zurückzuholen, mutet angesichts seiner gelebten Selbstverständlichkeit geradezu absurd an.

Wir erinnern uns: „Wer tanzt hier nicht gern mal aus der Reihe?“, fragt der Havelberger Pferdemarkt auf seiner Homepage. Das Mission-Statement geht noch weiter: „Ein Suchtfaktor ohne Reue – immer her mit dem Spaß auf Schritt und Tritt!“ Zumindest dem ersten Teil dieses Slogans ist wenig hinzuzufügen.

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