Für den kommenden Samstag mobilisieren Gruppen, die seit dem 7. Oktober die antiisraelische Szene prägen, nach Connewitz – einen linken Stadtteil Leipzigs. Initiator*innen des Gegenprotestes bereiten sich auf eine Demonstration gewaltbereiter Linksautoritärer vor.
Darüber haben wir mit Lisa-Michelle Muth gesprochen, die im Netzwerk für Israelsolidarität Leipzig aktiv ist, und mit Ben, dessen voller Name aus Sicherheitsgründen nicht abgedruckt werden soll. Ben veranstaltet unter anderem im Leipziger Kulturzentrum Conne Island Veranstaltungen und Konzerte.
Belltower.News: Die Demo des Vereins Handala und anderer einschlägiger Gruppen wendet sich gegen die als „antideutsch“ verschriene Linke-Abgeordnete Juliane Nagel, gegen das Die Linke-Abgeordnetenbüro linxxnet, gegen den antisemitismuskritischen Veranstaltungsraum Conne Island. Im Aufruf heißt es: Zionists fuck off. Fühlt ihr euch bedroht?
Lisa: Es kam schon weit vor dem Aufruf zu konkreten Drohungen, eingeschlagenen Fenstern, zu Einbruch und körperlichen Übergriffen, auch mit Pyrotechnik. Die Demonstration ist letztlich nur der Höhepunkt in einer Reihe von Einschüchterungsversuchen gegen antisemitismuskritische Menschen. Sie ist auch ein erneuter Angriff auf linke Strukturen in Connewitz, wie der von Neonazis am 11. Januar 2016.
Was bedeutet so eine Demonstration für Connewitz, einen linken Stadtteil in Sachsen?
Lisa: In Ostdeutschland gibt es mehr als genug Orte, in denen linker Aktivismus dringend nötig wäre. Stattdessen beißt man sich an einem der wenigen linken Stadtteile in ganz Deutschland fest und das nur, weil es Gegenstimmen zu den eigenen Ansichten gibt. Es geht schlicht darum, eine Deutungshoheit zu schaffen, die in Connewitz noch nicht herrscht. Die Querfront, die sich daraus ergibt, ist übel: Die Demonstration hat die neonazistische Partei Freie Sachsen bei Telegram, den rechtsextremen Streamer WeichreiteTV und den ehemaligen AfD-Politiker Ferhart Sentürk jubeln und auch mobilisieren lassen.
Und was heißt das konkret für die Anwohner*innen in Connewitz?
Lisa: Die potenzielle Gewalt gegen anwesende Linke, die hier lebenden Migrant*innen und weitere marginalisierte Gruppen oder auch einfach Unbeteiligte wird in Kauf genommen.
Die Initiator*innen fahren seit Jahren eine Diffamierungskampagne gegen das Conne Island und die Demonstration soll dort enden. Was für ein Raum ist das Conne Island eigentlich?
Ben: Vor Nazideutschland gehörte das Haus einer jüdischen Gastronomenfamilie. Bis 1945 war dort die Hitlerjugend untergebracht, zu DDR-Zeiten folgte die FDJ. Kurz nach der Vereinigung besetzten Punks und Linksradikale das Haus, bis vor 35 Jahren das Jugend-Kulturzentrum Conne Island einzog. In den folgenden Jahren musste der Raum immer wieder verteidigt werden: gegen Neonazis, gegen Stadtpolitik, gegen innerlinke Angriffe.
Warum wurde das Jugend- und Kulturzentrum zu einer Zielscheibe der Initiator*innen?
Ben: Das Haus versteht sich seit Anfang an als antisemitismuskritisch, was wiederum aus allen politischen Milieus Hass auf sich zieht. Seit dem 7. Oktober gipfelt dieser Hass durchgängig in absurden Unterstellungen, Boykottaufrufen und auch Übergriffen. Es wurde z.B. behauptet, dass wir bei Konzerten für Kindersoldaten der IDF rekrutieren würden. Mittlerweile haben sich ganze Instagram-Accounts dieser Boykott-Dynamik verschrieben und setzen Künstler*innen und Booker*innen massiv unter Druck, das Conne Island als zionistischen Laden zu meiden. Was natürlich ganz konkret die Existenz des Raumes gefährdet.
Was sind das für Gruppen, die die Demo organisieren?
Lisa: Hauptverantwortlich ist der mittlerweile vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtete Handala e.V., der beispielsweise die Massaker des 7. Oktober als Widerstand glorifizierte. Auf einer Handala-Demo zum Jahrestag 2024 wurden in einer Rede die Bilder des Überfalls als „großartig“ und die sexualisierte Gewalt als „frei erfunden“ bezeichnet.
Weiterer Initiator ist die Gruppe Migrantifa Leipzig, die sich ganz selbstbewusst an Hamas-Symbolik für ihr Auftreten bedient: Ihre Gründungserklärung ist in Social Media mit dem roten Hamas-Dreieck hinterlegt. Des Weiteren kommen noch studentische K-Gruppen hinzu: Students for Palestine Leipzig und das Palästina-Aktionsbündnis.
Wie bereitet ihr euch auf den 17. Januar vor? Plant ihr Gegenproteste?
Lisa: Wir konnten zum Glück ein großes Solidaritätsnetzwerk gewinnen: Kneipen-Inhaber*innen, kirchliche Vertreter*innen, Polit-Gruppen und auch bürgerliche Parteien. Dadurch können Gegenaktionen in ganz Connewitz stattfinden. Zum Beispiel eine Zubringerdemo, die anreisende Gegendemonstrant*innen vom nächsten S-Bahnhof sicher zu Kundgebungen bringt, was bei dem Gewaltpotenzial leider nötig ist. Vor der Paul-Gerhardt-Kirche wird eine Kundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Leipzig, SPD und FDP ein sicherer Anlaufpunkt für Familien und Ältere sein.
Ben: Wir machen uns auch Sorgen um die mediale Aufbereitung der Bilder, die die breite Diskussion um Connewitz und generell linke Stadtteile befeuern könnte. Durch diese Effekthascherei werden linke Gegenentwürfe zur bürgerlichen Gesellschaft als realitätsfern diffamiert und diskreditiert.
Eine weitere Sorge ist das Ausspähen des Kiezes durch die angekündigten rechtsextremen und linksautoritären Akteur*innen. Die Analogie zum Neonaziaufmarsch im Januar 2016 gibt einen bitteren Beigeschmack, weil wir als Kiez jahrelang das dadurch entstandene Gefühl der Unsicherheit bearbeiten mussten.
Gab es nach dem 7. Oktober auch positive Entwicklungen?
Lisa: Die Vernetzung von israelsolidarischen Menschen, sei es in Leipzig, Sachsen oder deutschlandweit, umfasst immer mehr Leute. Alleine wie viele Hunderte Antifaschist*innen aus der ganzen Region hinter den Gegenprotesten stehen und wie viele Solidaritätsbekundungen uns erreichen – das macht Hoffnung. Dabei muss man sich nicht einmal in allen Punkten politisch einig sein, nur in dem, dass man Antisemit*innen keinen Fußbreit lässt, nicht in Connewitz und auch sonst nirgends.


