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Knochenbrüche für den Glow-up Wie Looksmaxxing junge Männer radikalisiert

Glow-up, Knochenbruch und Black Pill: Auf TikTok und Reddit kursieren unter #Looksmaxxing bizarre Beauty-, Fitness- und Dating-Tipps für Männer. Das entpuppt sich als Einstieg in eine misogyn geprägte Ideologie aus Bewertungssystemen, Selbsthass und fatalistischem Weltbild.

 
Looksmaxxing greift Meme-Ideale wie „GigaChad“ auf und übersetzt sie in problematische Männlichkeitsnormen.

Mit einem Hammer auf den eigenen Kiefer schlagen, um „attraktiver“ zu werden: Was wie eine groteske Mutprobe klingt, ist in Teilen der Looksmaxing-Szene ein ernst gemeinter Selbstoptimierungsrat an junge Männer. Unter dem Schlagwort #Looksmaxxing kursieren unzählige Kurzvideos und Ratgeber auf Social-Media-Plattformen. Video-Clips mit Tipps fürs Styling, für bessere Haut, volles Haar, härteres Trainieren und einen kantigen Kiefer erreichen besonders auf TikTok ein Millionenpublikum. Adressiert sind vorwiegend junge Männer, die sich als „zu durchschnittlich“ oder „unsichtbar“ erleben und deshalb hoffen, durch konsequente Optimierung auf dem „Dating-Markt“ aufzusteigen und Frauen von sich zu überzeugen. Die Methoden sind teils extrem gefährlich, genau wie die zugrunde liegende Ideologie. 

Dem liegt die misogyne Vorstellung zugrunde, wonach Frauen über ihrem „sexuellen Marktwert“ daten würden. Der „Sexual Market Value“ (SMV) ist ein Pseudo-Index, der Menschen nach äußeren Merkmalen hierarchisiert: Symmetrie, Größe, Muskeln, Kieferlinie. Frauen würden Partner demnach ausschließlich nach Status und Optik wählen; Persönlichkeit, Respekt oder Fürsorge kommen in diesem Weltbild kaum vor. 

Vom eitrigen Pickel-Teen zum scharfkantigen Calvin-Klein-Model

Damit der junge Mann – womöglich ohnehin gerade äußerst vulnerabel, weil pubertierend –, sexuell nicht leer ausgeht und auch eine Freundin oder zumindest Sex abbekommt, müsse er radikal daran arbeiten, sein Aussehen zu optimieren, seinen SMV zu steigern, so die Annahme. Tausende Videos, besonders auf TikTok, zeigen die vermeintliche Verwandlung vom eitrigen Pickel-Teen zum scharfkantigen Calvin Klein-Model. Inwieweit diese optischen Wandlungen auch ohne Looksmaxxing-Praktiken passiert wären, lässt sich dabei besonders in der Pubertät schwerer sagen, da dies die Zeit ist, in der sich Gesicht und Körper generell stark verändern. 

Der 20-jährige „Clavicular“, Braden Peters, ist ein Star der nihilistischen Looksmaxxing-Szene

Looksmaxxing – Opfer des Male Gaze

Zwar wird Looksmaxxing häufig mit dem Ziel begründet, bei Frauen erfolgreicher zu sein. Wenn man in den Foren und Kommentarspalten der Looksmaxxing-Szene durchscrollt, entsteht jedoch schnell der Eindruck, das primäre Ziel dieser Jungs und Männer sei weniger der Erfolg bei Frauen, sondern vielmehr die Anerkennung anderer Männer. Frauen scheinen hier weniger als eigenständige Subjekte gesehen zu werden.

Attraktivität wird unter Looksmaxxern nicht als Beziehungskompetenz verstanden, sondern als Statusmerkmal, das im Vergleich mit anderen Männern zählt. Die Bewertung erfolgt damit weniger über reale soziale Beziehungen als über Rangordnungen, Wettbewerb und gegenseitige Bestätigung in männlich dominierten Online-Räumen. Frauen sind hier nur zum Mittel zum Zweck. Diese jungen Männer unterliegen somit dem Male Gaze, dem männlichen Blick.

Auch wenn die Szene stark männlich dominiert ist, beteiligen sich vereinzelt auch Frauen an Looksmaxxing-Diskursen. Sie übernehmen ähnliche Bewertungslogiken, richten diese jedoch häufig gegen sich selbst oder andere Frauen. Attraktivität wird auch hier als Währung verstanden. Sie reproduzieren damit zentrale Narrative der Szene, ohne deren misogynen Kern infrage zu stellen.

Vom „Sexual Market Value“ in den Nihilismus

Was als Anleitung zur „Verbesserung“ beginnt, kippt in vielen Fällen in ein geschlossenes Deutungssystem. In Foren und Clips werden daraus „Regeln“ abgeleitet, wie Männer ihren Wert steigern könnten: Disziplin, Diät, Gym, Grooming und wenn das nicht reicht: Filler, OPs, gar selbstzugefügte Knochenbrüche zur „Kieferoptimierung“ und regelmäßiger Drogenkonsum, wie Crystal Meth und Kokain, da das auch die Jawline, die Kieferlinie, prägen würde. Videos auf TikTok leiten die Follower*innen an, wie sie sich selbstständig Peptide in die Muskulatur des Kiefers spritzen können, inklusive Link zu Shops, um das Mittel zu kaufen. Auch das soll dazu beitragen, den Kiefer zu straffen. Erkenntnisse zu Langzeitwirkungen? Fehlanzeige. 

In den Diskursen der Looksmaxxing-Szene wird Attraktivität nicht als wandelbar oder kontextabhängig und subjektiv verstanden, sondern eher als Naturgesetz. Körperliche Merkmale gelten als Schicksalsfaktoren, Abweichungen als Defizite, für die der Einzelne selbst verantwortlich gemacht wird. Aus anfänglichen Routinen der Selbstdisziplinierung entstehen so rigide Verhaltensregeln, die kaum Raum für Ambivalenz oder soziale Erfahrungen lassen. In dieser Logik verdichten sich Selbstoptimierung, Selbstabwertung und Frauenfeindlichkeit zu einem Weltbild, das kaum Auswege zulässt und den Übergang in offen misogyne und nihilistische Ideologien vorbereitet. 

Looksmaxing: Die PSL-Skala

Diese abstrakte Logik wird in der Looksmaxxing-Szene durch scheinbar objektive Messinstrumente konkretisiert. Ein zentrales Beispiel ist die sogenannte PSL-Skala, ein numerisches Bewertungssystem, mit dem Attraktivität quantifiziert werden soll. In einschlägigen Foren und Discord-Servern werden Gesichter anhand vermeintlich objektiver Kriterien wie Kieferwinkel, Augenabstand oder Symmetrie bewertet. Männer werden dabei in Kategorien von „subhuman“ (Untermensch) über verschiedene Abstufungen von „Normies“ (Normal) bis hin zu „Chads“, „Giga Chads“ und den übermenschlichen „Tera Chads“ eingeordnet, während Frauen dem entsprechend gegenüber als „Beckys“ oder „Stacys“ klassifiziert werden.

Das Akronym PSL entstand im Umfeld misogyn geprägter Pick-Up-Artist- und Incel-Communitys, aus denen sich in den 2010er-Jahren der Trend des Looksmaxxing entwickelte. In diesen frauenverachtenden Online-Milieus formierte sich die Vorstellung, dass das äußere Erscheinungsbild eines Mannes nicht nur seine Position auf dem vermeintlichen „sexuellen Marktplatz“, sondern sein gesamtes Lebensschicksal bestimme. Der extreme Fokus auf Aussehen führte dazu, dass Mitglieder dieser Communitys zunehmend drastische Maßnahmen der Selbstoptimierung propagierten. Diese Praktiken wurden schließlich unter dem Begriff Looksmaxxing gebündelt, einer lose definierten Methodik radikaler ästhetischer Selbstverbesserung, die sich vor allem in entsprechenden Online-Foren und Plattformen verbreitete.

Auf szeneeigenen Foren tauschen sich die jungen Männer aus und bewerten ihr Äußeres gegenseitig.
Auf szeneeigenen Foren tauschen sich die jungen Männer aus und bewerten ihr Äußeres gegenseitig.

Attraktivität erscheint so als messbarer Wert, soziale Beziehungen als Markt und Konkurrenzverhältnis. Diese extreme Reduktion menschlicher Beziehungen verstärkt fatalistische Weltbilder: Wer zu niedrig eingestuft wird, gilt als chancenlos, unabhängig von Persönlichkeit oder sozialer Kompetenz. Der Übergang von Selbstoptimierung zu Nihilismus, Selbsthass und Frauenverachtung wird dadurch begünstigt und bildet einen zentralen ideologischen Anknüpfungspunkt für die tödliche Incel-Ideologie.

„Mewing“: Schneller Einstieg in die Looksmaxxing-Szene

Ein besonders niedrigschwelliger, aber zentraler Baustein dieser Selbstoptimierungslogik ist das sogenannte „Mewing“. Gemeint ist das dauerhafte Pressen der Zunge an den Gaumen, um langfristig die Kieferlinie zu verändern und im Ranking aufzusteigen. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit fehlen weitgehend. In der Looksmaxxing-Szene fungiert Mewing dennoch als scheinbar kontrollierbare Technik, mit der Nutzer*innen Verantwortung für ihr „Scheitern“ übernehmen sollen. Körperliche Abweichungen gelten nicht als Ergebnis sozialer Normen oder Zufälle, sondern als individuelles Versagen. So wird ein harmlos wirkender Trend Teil eines ideologischen Systems, das Selbstwert an äußere Normen bindet und den Übergang von Optimierung zu Selbstabwertung vorbereitet.

„Softmaxing“ und „Hardmaxing“

Im Szenejargon wird zwischen sogenanntem „Softmaxing“ und „Hardmaxing“ unterschieden. Während „Softmaxing“ Maßnahmen wie Haut- und Haarpflege, Fitness, Schlaf, Ernährung, Körperhaltung oder Mewing umfasst, bezeichnet „Hardmaxing“ invasive Eingriffe bis hin zu kosmetischen Operationen. 

Für sich genommen sind Pflege, Bewegung und gesunde Routinen nicht problematisch, sie können Wohlbefinden fördern und Selbstwirksamkeit stärken. Kritisch wird es dort, wo Körper und Gesicht zu bloßen Verwertungsobjekten eines marktförmigen Denkens reduziert werden, Selbstwert fast ausschließlich an äußerer Erscheinung und vermeintlichem Dating-Erfolg hängt und Contentcreatoren die Grenze zur Misogynie überschreiten, indem sie Frauen entmenschlichen oder als Gegnerinnen inszenieren. 

Besonders problematisch ist zudem, wenn psychische Belastungen gezielt instrumentalisiert werden, um Nutzer*innengruppen in abgeschotteten Online-Räumen zu binden, schrittweise zu radikalisieren und finanziell auszunehmen.

Körper als Schicksal: Wenn Selbstoptimierung zur Sackgasse wird

Diese Logik der permanenten Bewertung und Selbstdisziplinierung mündet schließlich in der sogenannten „Black Pill“-Ideologie, einer fatalistischen Ausprägung der aus dem Film Matrix entlehnten Pillen-Metaphern. Wer die „Black Pill”, die schwarze Pille geschluckt habe, geht davon aus, dass Aussehen und genetische Voraussetzungen das Leben unwiderruflich bestimmen. Soziale Ausgrenzung erscheint in diesem Weltbild unausweichlich, Beziehungen grundsätzlich unerreichbar. Was als Selbstoptimierung beginnt, endet damit in Determinismus, Selbstabwertung und Nihilismus.

Wie weit diese Grenzverschiebung reichen kann, zeigen Aussagen prominenter Akteur*innen der Szene. In einem Interview beschreibt der Looksmaxxing-Influencer „Clavicular“ Selbstoptimierung als Prozess, der bis zur bewussten körperlichen Selbstverletzung reichen könne, und beruft sich dabei auf pseudowissenschaftliche Deutungen wie das sogenannte Wolffsche Gesetz, demnach sich Form und Festigkeit von Knochen an die mechanische Belastung anpasst. Praktiken wie „Bone Smashing“, das bewusste Zertrümmern von Knochen mit einem Hammer, meist Kieferknochen, wird dabei als legitime Methode dargestellt, um das eigene Aussehen zu „verbessern“. Ein anderer einflussreicher Looksmaxxer erklärt in einer Dokumentation, dass Mikrofrakturen entstehen, wenn man beständig mit einem Hammer auf den Kieferknochen schlägt. Die Frakturen würden dann wieder zusammenwachsen und der Kiefer würde symmetrischer und größer wirken, so die gefährliche Annahme.  

Solche Aussagen verdeutlichen, wie schnell der Übergang von vermeintlicher Selbstfürsorge zu gesundheitsgefährdender Selbstdisziplinierung erfolgt. Körperliche Schmerzen und Risiken werden normalisiert, während strukturelle Ursachen von Unsicherheit ausgeblendet und individuelles Leiden weiter verschärft werden.

Wenn der Glow-up in die Radikalisierung führt

Looksmaxing ist damit weit mehr als ein fragwürdiger Selbstoptimierungs-Trend. Es fungiert als Radikalisierungspfad, der Unsicherheiten junger Männer aufgreift, sie in marktförmige Bewertungslogiken überführt und schrittweise in misogyne, nihilistische Weltbilder führt. Die zugrunde liegenden Schönheitsideale sind dabei klar auf weiße, eurozentrische Gesichter ausgerichtet und reproduzieren rassistische Hierarchien, die eng an weiße Schönheitsnormen gekoppelt sind und in denen Abweichungen von diesen Normen als Defizite markiert werden.

Plattformmechaniken verstärken diesen Prozess: Vorher-Nachher-Narrative, Rankings und virale Erfolgsgeschichten suggerieren Kontrolle, während sie gleichzeitig Ausgrenzung naturalisieren. Wo gesellschaftliche Debatten über Männlichkeit, Körperbilder und soziale Anerkennung fehlen, füllen Incel-Ideologien diese Leerstelle mit einfachen Erklärungen und gefährlichen Schuldzuweisungen. Dem lässt sich nur begegnen, wenn algorithmische Dynamiken sichtbar gemacht, Misogynie klar benannt und alternative Vorstellungen von Männlichkeit gestärkt werden – jenseits von Konkurrenz, Selbstabwertung und Gewalt.

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