Anna Hunger ist Chefredakteurin des unabhängigen Onlinemagazins Kontext-Wochenzeitung. Zuvor arbeitete sie unter anderem als freie Autorin für die Agentur Zeitenspiegel und wurde an der Reportageschule Günter Dahl ausgebildet.
Belltower.News: Die jüngsten Wahlergebnisse, auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, zeigen, wie stark rechtsextreme Kräfte geworden sind. Welche Rolle sollten Medien in dieser Situation spielen?
Anna Hunger: Die Rolle der Medien ist Aufklärung, aber auch Empowerment. Es geht um Recherche, Einordnung und darum, Stimmen sichtbar zu machen, die sonst wenig gehört werden. Gleichzeitig sollten Medien Initiativen zeigen, die konkret gegen rechts arbeiten, und Entwicklungen historisch einordnen, um sie verständlich zu machen. Vielleicht sollte man auch davon wegkommen, ständig so sehr auf die AfD zu schauen und stattdessen stärker andere politische Akteure in den Fokus nehmen. Gute Politik der etablierten Parteien für die Mehrheit der Menschen wäre vermutlich das wirksamste Mittel gegen die AfD. Stichwörter wären hier zum Beispiel bezahlbares Wohnen oder ausreichende Rente.
Was bedeutet es, als Medium Verantwortung zu übernehmen?
Journalistische Verantwortung beginnt bei den Grundlagen: Sorgfaltspflichten ernst nehmen, Dinge prüfen, nicht einfach Polizeimeldungen übernehmen. Und klar entscheiden, wem man eine Bühne gibt. Interviews mit AfD-Vertreterinnen und -Vertretern halte ich für problematisch. Die Idee, sie zu „stellen“, funktioniert oft nicht.
Wo endet journalistische Neutralität und wo beginnt demokratische Haltung?
Es gibt keine journalistische Neutralität. Gab es nie, wird es nie geben. Man muss verschiedene Perspektiven hören, aber das bedeutet nicht, alles gleich zu behandeln. Wenn Positionen rechtsextrem, populistisch oder beleidigend sind, müssen sie auch so benannt werden. Die Forderung nach Neutralität halte ich für toxisch. Auch in anderen Bereichen, etwa in der Bildung, geht es nicht um Neutralität, sondern um die Vermittlung demokratischer Werte. Dazu gehört auch, vor antidemokratischen Kräften zu warnen.

Hilft das gegen den Erfolg der AfD?
Das ist schwer zu sagen. Wahlergebnisse zeigen, dass Skandale alleine nicht die Zustimmung verringern. Umso wichtiger ist es, dass Medien ihre Rolle reflektieren und gesellschaftliche Entwicklungen umfassend einordnen.
Der AfD-Wahlkampf in Baden-Württemberg wirkte auffallend bürgernah und lokal verankert. Welche Kommunikationsstrategie steckt hinter dieser Inszenierung und welche Rolle spielt sie für die gesellschaftliche Normalisierung der AfD, gerade im Westen?
Die Strategie der AfD ist es, sich bürgernah und „normal“ zu inszenieren – als Partei, die die Probleme „normaler Leute“ anspricht. Themen wie Gleichberechtigung oder die Klimakatastrophe werden als vermeintliche Luxusprobleme dargestellt, mit denen sich die etablierten Parteien beschäftigen und damit angeblich die Gesellschaft spalten. Die AfD präsentiert ihr Personal seit langem als „einer von uns“. Dazu passen Slogans wie „Du merkst es doch auch“. Es geht dabei weniger um Inhalte als um Emotionen und direkte Ansprache.
Welche Rolle spielen klassische Kampagneninstrumente wie Plakatierung und lokale Präsenz für den Wahlerfolg?
Plakatwerbung ist, denke ich, für die AfD so wichtig wie für alle anderen Parteien. Wichtiger aber sind die zahlreichen parteinahen Social-Media-Kanäle und Influencer:innen, die ihre Inhalte kontinuierlich verbreiten. Gleichzeitig setzt sie gezielt dort auf Präsenz, wo sie bereits erfolgreich ist – auch mit Info-Ständen und lokaler Ansprache. In progressiven Städten oder Stadtteilen ist sie deutlich weniger sichtbar. Auffällig ist, wie stark die Partei wirtschaftliche Unsicherheiten adressiert. In einem Bundesland wie Baden-Württemberg, in dem die Transformation der Industrie viele Menschen verunsichert, verfängt diese Strategie besonders. Slogans wie „Dein Auto würde uns wählen“ oder „Du merkst es doch auch“ setzen nicht auf Inhalte, sondern auf Emotionen und direkte Ansprache. Offenbar funktioniert das.
Warum verlieren Skandale rund um AfD-Kandidaten zunehmend an politischer Wirkung? Und was bedeutet das für die Arbeit von Journalist*innen?
Skandale werden von Teilen der Wählerschaft eher als Provokation verstanden – nach dem Motto: „Jetzt erst recht.“ Gleichzeitig tragen auch fehlende Konsequenzen bei anderen Parteien zum Vertrauensverlust bei. Wenn politische Skandale wie beispielsweise der Maskendeal von Jens Spahn folgenlos bleiben, verstärkt das den Eindruck, dass sich „ohnehin nichts ändert“. Das gilt nicht nur für eine Partei, sondern für das politische System insgesamt.
Für den Journalismus bedeutet das: weitermachen. Weniger auf Provokationen reagieren, mehr Hintergründe recherchieren und vor allem klar benennen, womit man es zu tun hat: Die AfD ist eine rechtsextreme Partei, die kein Interesse an einer funktionierenden Demokratie hat.


