Vom 3. bis zum 31. Juli will die „Awakening“-Initiative nach eigenen Angaben eine Million Menschen in ganz Europa mit dem „vollen Evangelium“ missionieren, um den Kontinent „zurückzuerobern“ und zu „retten“. In Deutschland soll das unter anderem in Berlin, Hannover, Dresden, Frankfurt und Köln passieren. Dahinter stehen die „Awakening“-Bewegung und die berüchtigt-umstrittene „Bethel Church“, die ihren Einfluss außerhalb der USA ausweiten will. „Awakening“ wird ebenso wie die „Bethel Church“ zur neocharismatischen Bewegung gezählt – eine bibeltreue Strömung innerhalb des evangelikalen Christentums, die das vermeintlich heutige Wirken des Heiligen Geistes mit Wunderheilungen, Zungenrede und Exorzismen betont.
Um besagtes Ziel des zweiten „Million Month“ zu erreichen, missionieren Vertreter*innen von „Awakening“ auf den Straßen Europas und in den sozialen Medien: Zum Beispiel in Berlin wird gesungen, getanzt und für Passant*innen gebetet. Zentrales Werkzeug der Kampagne ist die „City Impact App“. Über sie registrieren sich die Teilnehmer*innen und dokumentieren jeden Einsatz. Sie können dort erfassen, ob sie das Evangelium weitergeben, eine Person Interesse zeigt oder sich für ein Leben mit Jesus entschieden hat. Hat eine angesprochene Person Interesse oder gilt sie als „gerettet“, können ihre Kontaktdaten mit ihrer Einwilligung direkt über die App an eine Partnergemeinde weitergeleitet werden. Zur Auswahl stehen unter anderem die „Move Church Frankfurt“, „Joy in the Lord Bremen“ und eben auch Standorte von „Awakening“.
Awakening: Hippe Gottesdienste, mächtige Versprechen
„Wir sind ein Dienst, der sich der Rettung der Seelen und dem Verehren unseres Königs Jesus überall in Europa widmet.“ So erklärt Ben Fitzgerald, der den eingetragenen Verein mit Sitz im bayrischen Kempten 2014 gründete und bis heute leitet, den Auftrag seiner missionarischen „Awakening“-Bewegung. Aussteiger*innen hingegen berichten von einem exklusiven und regressiven Weltbild, sektenähnlichen Strukturen sowie einem starken Personenkult um Fitzgerald.
„Awakening“ glaubt an Wunderheilungen und ekstatische Dämonenaustreibungen: In Gottesdiensten heilen Fitzgerald und andere Prediger*innen leidende Gemeindemitglieder oder treiben Dämonen aus. Das Spektakel veröffentlichen sie anschließend auf YouTube oder anderen Kanälen. Eines ist besonders auffällig: Die Gottesdienste unterscheiden sich gewaltig von traditionellen Kirchen und sind typisch für die amerikanische evangelikale Bewegung, als hippe und moderne Konzerte inszeniert, bei denen sich die Mitglieder häufig in eine Art Trance-Zustand begeben.
Die Plattform Medwatch berichtete, dass Mitglieder der Bewegung etwa zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine Geflüchtete an der Grenze zu Polen angesprochen und „geheilt“ haben sollen. Im selben Text spricht eine Szenekennerin über die gefährlichen Folgen, die diese Versprechen zum Beispiel bei psychischen Erkrankungen haben kann. So auch im folgenden Fall: In der Badischen Zeitung wirft ein Aussteiger „Awakening“ vor, die Krebserkrankung seines verstorbenen Bruders für Imagevideos missbraucht zu haben, auch nach dessen Tod. Er warnt vor den Heilversprechen: „Das geht für mich Richtung Gehirnwäsche.“ In einem anderen Fall bot das Gebetsteam von „Awakening“ einer sich als homosexuell vorstellenden Reporterin des ZDF erst ein Heilungsgebet und anschließend eine Seelsorge gegen ihre „verirrten Emotionen“ an.
„Awakening“ ist bemüht, in andere gesellschaftliche Bereiche vorzudringen und pflegt gute Kontakte zur Plattform „Ballers in God“, die im Fußball missioniert.
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Bewegung ist die „Awakening School of Ministry“, in der Teilnehmer*innen über mehrere Monate für Missionierung und Gemeindearbeit ausgebildet werden. Sie sollen lernen, Menschen zum christlichen Glauben zu führen, Dämonen auszutreiben, Gemeinden zu gründen, große Evangelisationsveranstaltungen zu organisieren und „Gottes Mission für Europa“ zu unterstützen. Regelmäßige Gäste sind Vertreter*innen der internationalen neocharismatischen Bewegung, darunter Bill Johnson von der „Bethel Church“, sowie die Megachurch-Evangelisten Daniel Kolenda und Heidi Baker.
Fitzgerald als Schnittstelle
Um zu verstehen, mit welcher Intention die „Awakening“-Bewegung agiert, ist ein Blick auf ihren Leiter Ben Fitzgerald und dessen Verbindung zur „Bethel Church“ hilfreich: Er gilt als zentrale Figur, Rekrut und Missionar der freikirchlichen Bewegung.
Seine Ausbildung erhielt Fitzgerald bei der US-amerikanischen Megachurch „Bethel“ und der dazugehörigen „School of Supernatural Ministry“. Auf ihrer Website listet „Bethel“ ihn als nach Europa entsandten Missionar. Dort ist ebenfalls zu lesen, wie Fitzgerald selbst zum Glauben gefunden hat: 2002 will der Australier, damals noch Drogendealer, Jesus in einem Melbourner Nachtclub begegnet sein. Ab diesem Zeitpunkt habe er sich dazu entschieden, den Drogen den Rücken zu kehren, um sein Leben Gott zu widmen und andere Menschen zu „retten“. Fitzgerald sei der festen Überzeugung, dass radikale Gläubige die Nation verändern werden, schreibt „Awakening“ über ihren Leiter auf der eigenen Website.

Auf der Homepage von „Awakening Europe“ wird „Bethel“ neben der „Evangelischen Allianz Deutschland“ und weiteren als Partnerdienst gelistet. Noch deutlicher wird die Nähe zur „Bethel Church“ für Menschen in den USA, die an „Awakening“ oder den „Million Month“ spenden wollen: In diesem Fall wird man direkt an die „Bethel Church“ weitergeleitet, die die Spenden auf ihrem Missionskonto sammelt.
Die Bethel Church als globales Vorbild
Die Bethel Church im kalifornischen Redding ist eine der einflussreichsten charismatischen Freikirchen der Welt. Ihre Gemeinde, die 1954 gegründet wurde, zählt heute rund 11.000 Mitglieder und regelmäßige Besucher*innen. Geleitet wird sie von Bill Johnson. In einer Stadt mit rund 90.000 Einwohner*innen entspricht das etwa jeder achte Person. Bethel beschäftigt mehrere hundert Mitarbeitende und erzielte in den vergangenen Jahren jährliche Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Mit ihren Predigten, ihrer Musik (Bethel Music) und ihren Ausbildungsprogrammen erreicht sie weltweit ein Millionenpublikum. Gleichzeitig steht sie seit Jahren in der Kritik für ihr Glaubensverständnis, das Wunderheilungen, Dämonenaustreibungen und Totenerweckungen verspricht.
Dass sich der Einfluss von Bethel in Redding nicht auf ihre Gottesdienste beschränkt, beschrieb bereits 2019 das US-amerikanische Nachrichtenportal CalMatters. Dort wird Redding als „Testfeld“ beschrieben, auf dem Bethel versuche, „eine Stadt von einer Demokratie in eine Theokratie zu verwandeln“. Mitglieder der „Bethel Church“ sollen, Stand 2019, über eine Mehrheit im Stadtrat verfügen. Die Kirche unterstützte die örtliche Polizei mit Spenden, war über eine gemeinnützige Organisation am Betrieb des städtischen Civic Auditorium beteiligt und bietet Schulungen für Lehrkräfte an. Weiterhin werden Anhänger*innen gezielt dazu ermutigt und ausgebildet, Sitze in Schulbehörden oder Schulvorständen zu übernehmen, um Schulen von innen heraus zu beeinflussen, wie das niederländische Nachrichtenportal „De Correspondent“ berichtete.
Diese Entwicklung wird häufig mit dem sogenannten „Seven Mountain Mandate“ in Verbindung gebracht. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gläubige gezielt Einfluss auf Politik, Medien, Wirtschaft, Bildung und weitere gesellschaftliche Schlüsselbereiche nehmen sollen.
Kritik und internationale Aufmerksamkeit erregte 2019 die Kampagne „Wake up Olive“, bei der „Bethel“-Anhänger*innen tagelang öffentlich für die Auferweckung eines verstorbenen zweijährigen Mädchens beteten. Die zweijährige Olive Alayne Heiligenthal sei im Dezember 2019 im Schlaf verstorben, wie „Bethel“ erklärt.
Diese radikale Auslegung des Glaubens spiegelt sich nicht nur im Umgang mit dem Tod, sondern auch in der strengen Moraltheologie der Gemeinde wider. So hält „Bethel“ wenig überraschend nicht viel von gleichgeschlechtlichen Beziehungen: Die seien sündhaft und nicht gottgewollt. LGBTQ*-Identitäten seien Ausdruck einer „gefallenen Welt“ und „nicht gesund“. Das von „Bethel“-Pastoren geleitete „CHANGED Movement“ richtet sich an Menschen, die ihre Homosexualität hinter sich lassen wollen und wird von Kritiker*innen als Neuauflage von Konversionspraktiken beschrieben. Das US-Magazin Teen Vogue schrieb 2024: Die Bewegung nutze „neue Sprache, um dieselbe alte Konversionstherapie zu propagieren“.
Alle Wege führen zur Bethel Church
Wie eng Bethels theologisches Verständnis und der „Million Month“ miteinander verknüpft sind, zeigt sich auch in den Schulungsunterlagen, die „Awakening“ ihren Missionar*innen in Form von Videos oder Übungsblättern zuschickt. Die Handreichungen stammen nicht von „Awakening“ selbst, sondern aus dem Umfeld der „Bethel Church“.
Die Schulung beschränkt sich dabei nicht auf ein einmaliges Seminar. Teilnehmer*innen werden über WhatsApp-Kanäle koordiniert, erhalten digitale Schulungsvideos zu Evangelisation, Nacharbeit und Jüngerschaft und sollen ihre Missionsgespräche über eine eigens entwickelte „Million Month“-App dokumentieren. Erfasst werden dort unter anderem, wie vielen Menschen das Evangelium verkündet wurde und wie viele sich nach Angaben der Teilnehmenden für den Glauben entschieden haben. Begleitet wird die Kampagne durch tägliche Online-Gebetstreffen sowie die Aufforderung, weitere Menschen und ganze Gemeinden für die Aktion zu mobilisieren.
Eine der Anleitungen stammt vom „Bethel“-nahen „Kingdom Family Movement“, das auf Missionierung und Gemeindegründung in Gebieten Nordafrikas, Asien, im Nahen Osten und in Europa setzt, in denen aus ihrer Sicht zu wenige Christ*innen leben. Das Ziel sei, die dort lebende Bevölkerung Kranken- und Totenerweckung sowie Exorzismen näherzubringen und so zu missionieren, dass diese wiederum selbst zu Missionar*innen werden. Gemeinsam mit seiner Frau Daniela leitete und gründete er die „Kingdom Family“-Bewegung. Und: Beide haben die „Bethel School of Supernatural Ministry“ absolviert und sind ebenso wie „Awakening“-Gründer Ben Fitzgerald offizielle gesandte Missionar*innen der „Bethel Church“. Insgesamt 13 Menschen habe die Bewegung bereits vom Tode auferweckt, erzählt Benjamin Morf.
Dieses Verständnis spiegelt sich auch in den Schulungsunterlagen wider. Dort wird aufgefordert, Kraft zu demonstrieren, um vom „Bösen, vom Teufel“ stammende Krankheiten wie Lepra zu heilen, Tote aufzuwecken und böse Geister auszutreiben. Die mit kindlichen Zeichnungen versehene Handreichung fordert die Multiplikator*innen dazu auf, ihr gesamtes soziales Umfeld anzusprechen und zu missionieren.
Rettung für das christliche Abendland
Der „Million Month“ ist weit mehr als eine Missionierungskampagne. Hinter der Initiative steht der Anspruch, möglichst viele Menschen für das vermeintlich richtige, „volle Evangelium“ zu gewinnen und sie in meist problematische freikirchliche Strukturen einzubinden. Nach eigenen Angaben wurde die frohe Botschaft zu Redaktionsschluss dieses Textes bereits über 22.000 mal weitergegeben und etwa 2.000 Glaubensentscheidungen für Jesus wurden gezählt. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Sie zeigen jedoch, dass das Netzwerk seine Mission als langfristiges Projekt versteht, mit dem Ziel, Europa dauerhaft religiös zu prägen. Das Wirken der „Bethel Church“ in den USA zeigt gleichzeitig, dass die Bewegung ihre politische Macht ausweiten will.


