Der AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt ist wohl historisch und stößt international auf Besorgnis. Die New York Times machte am Samstag auf Seite eins mit der Schlagzeile „In Germany, the far right has arrived“ auf die Wahl aufmerksam. Im Artikel wurde insbesondere hervorgehoben, dass der Wahlsieg deshalb besorgniserregend sei, weil die AfD deutlich radikaler sei als andere Rechtsaußenparteien in Europa.
Die AfD trat in Sachsen-Anhalt anders auf als in früheren Wahlkämpfen. Erstmals stand für sie nicht nur ein starkes Wahlergebnis, sondern reale Regierungsmacht in Aussicht. Das veränderte die Strategie.
Radikaler Paukenschlag zu Beginn
Den Start der langen heißen Wahlkampfphase läutete die AfD im Januar mit einem gezielten „Leak“ ihres im Wesentlichen vom stellvertretenden Landesvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider verfassten Wahlprogrammentwurfs ein. Dieser Entwurf wurde im April nahezu unverändert zum offiziellen Wahlprogramm. Die darin formulierten Inhalte bilden das radikalste Programm, mit dem die AfD bislang in einen Wahlkampf gezogen ist.
Die erwünschte Reaktion folgte sogleich: „Entsetzen über AfD‑Programm“, titelte eine Lokalzeitung. Mit diesem Coup positionierte sich die AfD einmal mehr als radikaler Gegenentwurf zu den von ihr verächtlich genannten „Altparteien“. Sie agierte als zentraler Agenda-Setter, alle anderen konnten zunächst nur reagieren. Diese Rolle nahm sie auch im weiteren Verlauf des Wahlkampfs ein. Sie dominierte die Medienlandschaft und die politische Debatte in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus. Die AfD wird hauptsächlich wegen ihrer Inhalte gewählt, aber sie setzt zugleich auf eine dazu passende Inszenierung.
Entpolitisierung als Wahlkampfstrategie
Nach dem radikalen Paukenschlag zu Beginn setzten Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und die Partei strategisch auf einen für viele überraschend inhaltsarmen Wahlkampf mit emotionalisierter und scheinbar unpolitischer Inszenierung. Familienfeste, Simson-Ausfahrten und positive Botschaften rückten die völkisch geprägte Programmatik in den Hintergrund und erzeugten den Eindruck eines bürgernahen, oder wie die AfD sagt, „volksnahen“ und verbindenden politischen Angebots. Auf diese Weise wurden die radikalen politischen Umbaupläne für das Bundesland in Emotionen übersetzt und waren dadurch weniger sichtbar, als viele es nach der Verkündung des Wahlprogramms erwartet hatten.
Exemplarisch dafür stehen neben den Familienfesten und Simson-Ausfahrten vor allem Siegmunds Auftritt im Wahlkampfduell und die Inhalte seiner Social-Media-Kanäle. Sein Auftreten war populistisch, emotional aufgeladen, teils ausgesprochen arrogant gegenüber politischen Gegner*innen und zugleich konsequent optimistisch gerahmt. Die Wahlkampfstrategie mit dem Claim „Alles ist möglich” stand damit im Gegensatz zur sonst üblichen AfD-Rhetorik der schlechten Laune. Bekanntlich lautete das Motto der AfD bisher: „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD“.
Die AfD Sachsen-Anhalt setzte hingegen auf eine Strategie, die Björn Höcke bereits 2024 im Thüringer Wahlkampf mit weniger Erfolg erprobt hatte. Mit einem dauergrinsenden Siegmund als Kandidat und einer Machtperspektive ging diese Strategie nun besser auf als mit einem oft verbissen wirkenden und als Proto-Faschist der AfD auftretenden Björn Höcke.
Die von dem Kommunikationsexperten Johannes Hillje beschriebene Strategie eines „Feel-Good-Rechtsextremismus“ ist nicht neu, wurde jedoch erstmals in dieser Konsequenz umgesetzt. Demokratiefeindliche Ideologie werde auf diese Weise „euphorisiert“ und rechtsextreme Inhalte durch ästhetische Aufwertung und ihre Inszenierung als Event strategisch verharmlost, schreibt Hillje. Der neurechte Vordenker der AfD, Götz Kubitschek, resümiert entsprechend zufrieden: Siegmund habe begriffen, dass „es für die Mobilisierung und die Ausrichtung von Massen in einer Massendemokratie auf die Oberfläche ankommt“. Kubitschek wünscht sich inhaltliche Tiefe erst wieder nach der Wahl. Bis dahin sei sie kontraproduktiv für das jetzt so wichtige massenpsychologische Momentum.
Siegmund-Faktor?
Mit Ulrich Siegmund hat die AfD einen Spitzenkandidaten, über den mehr geredet wird als über die Partei selbst – im Wahlkampf ein klarer Vorteil. Das war bislang vor allem bei Höcke der Fall. Aber anders als Höcke ist Siegmund ein Konsenskandidat, „everybody’s darling“ – von „Gemäßigten“ bis zum radikalsten Flügel der AfD.
Er schafft es, unterschiedliche Milieus anzusprechen. Weder Vorwürfe der Vetternwirtschaft im eigenen Umfeld noch ein Mitarbeiterstab mit klaren NS-Bezügen konnten ihm im Wahlkampf schaden. Auch trat er strategisch geschickter auf als Höcke. Ob Siegmund als Kandidat tatsächlich für wesentlich mehr Stimmen für die AfD sorgt, ist schwer einzuschätzen. Bei der Frage, wen die Wählenden lieber als Ministerpräsidenten hätten, lag der amtierende Ministerpräsident Sven Schultze in den meisten Umfragen vor Ulrich Siegmund.
Wer jedoch die Selfie-Schlangen und gut besuchten Wahlkampfveranstaltungen gesehen hat, erkennt einen Effekt – zumindest innerhalb der eigenen Anhänger*innenschaft. Siegmund war mit seiner Inszenierung als bodenständiger „Kandidat zum Anfassen“ bei Anhänger*innen und Sympathisant*innen sehr erfolgreich. Durch Dauerpräsenz, Selfies und Autogramme vermittelt er Menschen das Gefühl von Selbstwirksamkeit: Sie werden von einem womöglich zukünftigen Ministerpräsidenten gesehen und gehört. Und das in einem Bundesland, in dem laut Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 mehr als 70 Prozent glauben, Politiker*innen seien allein an den Stimmen und nicht an den tatsächlichen Ansichten der Menschen interessiert. Diese Inszenierung als „Anti-Politiker“ wird durch Siegmunds reichweitenstarke Social-Media-Kanäle und eine Armada rechtspopulistischer und rechtsextremer Streamer zusätzlich verstärkt.
Gemeinschaftsgefühl und Aufbruchsstimmung
Mit seiner Präsenz und Kommunikation vermittelte Siegmund vielen Menschen das Gefühl, Teil eines politischen Aufbruchs zu sein. Damit trug er wesentlich dazu bei, ein rechtsextremes Bewegungsmoment zu erzeugen. Die zentralen Botschaften lauteten: „Wir schreiben Geschichte!“ und „Wir holen uns unser Land zurück“. Die Inszenierung entfaltete vor allem über die sozialen Medien Wirkung. Bei Veranstaltungen rief Siegmund dazu auf, Aufnahmen anzufertigen und die Videos an Freund*innen und Verwandte weiterzuleiten.
Der Wahlkampfslogan „Alles ist möglich“ und die Rahmung des Wahlprogramms als „Vision 2026“ zielten auf mehr als die bloße Mobilisierung von Anhänger*innen und Wähler*innen. An die Stelle von „Alternativlosigkeit“ und oftmals technokratischer Sachpolitik trat ein populistisches Heilsversprechen: Grundsätzlich sei alles möglich – vorausgesetzt, die homogen definierte „Volksgemeinschaft“ und ihre vermeintlichen Interessen würden wieder an erster Stelle gesetzt. Man müsse bei Geflüchteten, Förderprogrammen für Minderheiten und queere Menschen, bei Zivilgesellschaft, Klimaschutz und Co. kürzen. Dann wäre für „uns Deutsche” wieder genug da. Das angerufene Gemeinschaftsgefühl ist dabei stets exklusiv und mit der Ausgrenzung vermeintlich „Anderer”, und Fremder sowie der Abwertung politischer Gegner verbunden. In dieser Logik gehören alle, die nicht zum imaginierten „Wir“ zählen, zu den „Volksfeinden“.
Rechtsextremismus wird immer weiter normalisiert
Trotz des Wohlfühl-Wahlkampfes war der rechtsextreme Charakter der Partei allgegenwärtig. Auf den „Familienfesten“ ist die neonazistische Szene samt „Generation Baseballschläger“ mit ihren Familien überproportional vertreten. Dort klebt kein Nazi sein Tattoo ab, völkische Siedler*innen tragen ihre Gewänder, rechtsextreme Jugendgruppen checken die Familienfeste auf politische Gegner*innen ab. Und Ulrich Siegmund ist stolz auf das Netzwerk aus Neonazi-Kadern und „Identitärer Bewegung“, das hinter ihm steht. Das bestätigt er gegenüber allen Journalist*innen, die ihn darauf ansprechen. Das rechtsextreme Compact Magazin oder der Kampagnen-Verein “Ein Prozent” unterstützen Siegmunds Wahlkampf. Rechtsextremismus ist für die AfD und ihre Anhänger*innen längst Popkultur. Das Duo Ulrich Siegmund und Hans-Thomas Tillschneider verkörpert im Wahlkampf unterschiedliche Pfeiler einer völkischen Bewegung. Siegmund setzt auf Emotion und vermittelt das Gefühl, Teil einer (völkischen) Bewegung zu sein, die Geschichte schreibt. Tillschneider ist Vordenker der politischen Inhalte, inklusive Antisemitismus, Homofeindlichkeit und Rassismus.
Die AfD ist nicht unaufhaltsam – aber Strategien müssen auf den Prüfstand
Eine Politik, die Probleme tatsächlich löst, kann der AfD einen Teil ihrer politischen Grundlage entziehen. Menschen müssen die Wirksamkeit demokratischer Politik in ihrem Alltag erfahren: bei konkreten Sorgen, Verunsicherung und Abstiegsängsten. Dasselbe gilt für eine Demokratie, die ihre Zivilgesellschaft stärkt, statt sie zu bekämpfen. Wo Vereine, Initiativen und Engagierte verlässlich arbeiten können, entstehen soziale Räume, Vertrauen und konkrete Erfahrungen demokratischer Selbstwirksamkeit.
Die AfD ist gekommen, um zu bleiben. Sie wird nicht zeitnah verschwinden. Aber sie kann auch Rückhalt verlieren. Dafür muss bundesweit die Zivilgesellschaft gerade jetzt nach der Wahl demokratische Vereine und Initiativen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterstützen, offensiv auf sie zugehen und eine langfristige Zusammenarbeit aufbauen. Einige Empfehlungen dazu, was jetzt getan werden muss, haben wir in der Publikation „Rechtsextremes Regieren” aufgeschrieben.
Die AfD hat längst verstanden, dass sie nur mit einer langfristigen Strategie die Macht im Staate erringen kann. Wer dies verhindern will, darf deshalb nicht im kurzfristigen Denken von Wahl zu Wahl verharren. Die Zeiten, in denen es reichte, erst sechs Wochen vor der Wahl mit Ständen in der Innenstadt oder Haustürgesprächen präsent zu sein, sind endgültig vorbei. Zivilgesellschaft und demokratische Parteien sollten den sehr erfolgreichen Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt genau analysieren und demokratische Antworten finden: auf die von der AfD geschickt genutzten Leerstellen politischer Repräsentation vor Ort, auf die Ohnmachtsgefühle in breiten Teilen der Bevölkerung und auf den Mangel an längerfristigen politischen Visionen. Es braucht Vorstellungen davon, wie die Herausforderungen der Zukunft – von KI als potenziellen Jobkiller bis zur Klimakrise – demokratisch bewältigt werden können. Und zwar, ohne diese Herausforderungen auf dem Rücken der Schwachen auszutragen.


