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25 Jahre 9/11 Jubiläum für Verschwörungserzählungen und Antisemitismus

Der Terror vom 11. September 2001 war die Geburtsstunde von Verschwörungserzählungen, die bis heute in unterschiedlichen politischen Szenen kursieren. 

 
Die Annahme, dass die US-Regierung durch ihre Geheimdienste die 9/11-Anschläge selbst initiiert habe, um einen Krieg um Rohstoffe im Irak zu legitimieren, ist bei linken wie rechten Verschwörungsideolog:innen gleichermaßen beliebt.
Die Annahme, dass die US-Regierung durch ihre Geheimdienste die 9/11-Anschläge selbst initiiert habe, um einen Krieg um Rohstoffe im Irak zu legitimieren, ist bei linken wie rechten Verschwörungsideolog*innen gleichermaßen beliebt. (Quelle: Pixabay)

Am 11. September 2001 erschütterten Terroranschläge nicht nur die USA, sondern die ganze Welt. 2.977 Menschen wurden ermordet. Nicht nur war die Ideologie hinter dem Terror antisemitisch, sondern unmittelbar nach den Anschlägen sprossen Verschwörungserzählungen wie Pilze aus dem Boden, die auch 25 Jahre später noch geglaubt und weiterverbreitet werden. Wie praktisch, dass alle davon antisemitisch sind. Der 11. September und seine Nachwirkungen waren aber auch ein „Erweckungserlebnis“: Zahllose Menschen zweifelten an den Geschehnissen, radikalisierten sich und glauben seitdem an eine Welt voller Verschwörungen, in der am Ende das Böse immer jüdisch ist.

Al-Qaida-Terroristen steuerten am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York. Insgesamt starben dabei 2.763 Menschen. Ein Flugzeug der American Airlines stürzte auf das Pentagon. Dabei starben 189 Menschen. Die Passagier*innen eines weiteren Flugzeugs, das entweder das Weiße Haus oder das Kapitol treffen sollte, konnten die Entführer überwältigen. Das Flugzeug stürzte auf einem Feld bei Shanksville in Pennsylvania ab. Alle 44 Insassen kamen ums Leben.

Antisemitismus war ein zentraler Bestandteil der Anschläge. Die islamistische Ideologie von al-Qaida wollte eine Welt erschaffen, „in der sämtliche Errungenschaften von Aufklärung, Moderne und Demokratie zerstört und sämtlicher emanzipativer Fortschritt zum Stillstand gebracht werden soll“, schreibt Samuel Salzborn, Antisemitismusbeauftragter in Berlin. Die Werte, die bekämpft werden sollen, sind allesamt jüdisch konnotiert, vor allem „weil im islamistischen Weltbild alles, was abgelehnt wird, letztlich jüdisch identifiziert wird“, so Salzborn. Osama bin Laden höchstpersönlich stellte mehrmals klar, dass sich die Anschläge gegen die moderne Welt und ihre Errungenschaften, aber eben auch im Besonderen gegen Juden und Jüdinnen richteten.

Der Terrorangriff vom 11. September war der schlimmste Anschlag in der Geschichte der USA und einmalig, was Organisation und Ausführung anging. Die Taten trafen das Land, aber auch den Rest der Welt wie ein Schlag und führten zu tiefer Verunsicherung in der ganzen Gesellschaft. Kein Wunder, dass fast unmittelbar nach den Attacken Verschwörungserzählungen blühten.

9/11 „Inside Job“ und „Outside Job“

Fast alle von ihnen sind antisemitisch. Die zentralste ist die Geschichte vom „Inside Job“, also dass die USA selbst die Angriffe ausgeführt hätten, um eine aggressive Außenpolitik zu rechtfertigen. Drahtzieher in dieser Erzählung ist eine kleine Clique innerhalb der Regierung, angeführt oder durchsetzt von Juden und Jüdinnen. Dem gegenüber steht die Erzählung vom „Outside Job“. Demnach steht Israel hinter den Anschlägen und schob die Schuld auf Islamist*innen, um so die USA dazu zu zwingen, arabische Länder anzugreifen.

Um diese beiden großen Erzählungen ranken sich unzählige alternative Szenarien, etwa, dass es keine Flugzeuge gab, sondern dass die Gebäude gesprengt wurden, um Beweise für diverse andere Verschwörungen zu vernichten, oder dass die Terroristen israelische Agenten gewesen seien. Die Türme des World Trade Centers wurden von Satelliten beschossen oder von Raketen, während die entführten Flugzeuge, in denen eigentlich keine Passagiere waren, ins Meer gesteuert wurden. Alternativ waren die Flugzeuge mit Sprengstoff beladen, um mehr Zerstörungskraft zu generieren.

Juden und Jüdinnen, die angeblich nicht zur Arbeit kamen

Am 17. September meldete Al-Manar, der TV-Sender der Terrororganisation Hisbollah, dass am 11. September 4.000 Juden und Jüdinnen nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen seien, weil sie vorher vom israelischen Geheimdienst Mossad gewarnt wordenseien. Außerdem hat Ariel Scharon, damals Israels Ministerpräsident, den Besuch eines zionistischen Festivals in New York am gleichen Tag abgesagt. Beide Meldungen waren falsch.

Die Jerusalem Post hatte am 12. September gemeldet, dass sich 4.000 Israelis, die in der Gegend um das World Trade Center lebten, noch nicht bei Freunden und Angehörigen gemeldet hätten. Diese Meldung wurde verfälscht und macht seitdem die Runde unter Verschwörungsfreund*innen. Tatsächlich waren ca. 400 bis 500 Juden und Jüdinnen unter den Opfern. Der New-York-Besuch von Scharon war nicht für den 11., sondern für den 23. September geplant und das Festival wurde wegen der Anschläge abgesagt.

 9/11 als „Erweckungsmoment“

Alle diese unterschiedlichen Erzählungen wurden in den vergangenen 20 Jahren immer wieder widerlegt und doch gehören sie und viele andere auch heute noch zum festen Repertoire der Verschwörungsszene. Das ist kein Wunder, denn viele Akteure aus ganz unterschiedlichen Spektren beschreiben 9/11 als eine Art „Erweckungsmoment“, so etwa der Neonazi-Aktivist Nikolai Nerling, der lange unter dem Namen „Volkslehrer“ auftrat.

Nerling, der mittlerweile nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt, war eng mit Rechtsextremen und Holocaustleugner*innen vernetzt und wurde selbst wegen Volksverhetzung verurteilt. Er verbreitete nicht nur die immer gleichen Verschwörungserzählungen über die Anschläge, sondern beschrieb auch die eigene Radikalisierung, die ihm zufolge mit dem Eintauchen in die sogenannte „Truther“-Szene begann, also jene Internet-Aktivist*innen, die glauben, die „Wahrheit“ über die Anschläge herausgefunden zu haben. Dasselbe gilt für unzählige andere Akteure, für die Verschwörungsideologien um den 11. September 2001 zur unverrückbaren Wahrheit geworden sind. Viele der Akteure, die nach der Corona-Pandemie wieder aus der breiten Öffentlichkeit verschwunden sind, wie Ken Jebsen, Oliver Janisch oder andere aus dem QAnon- und Querdenken-Umfeld, erwähnen immer wieder die Anschläge. Sie seien wichtig für das Weltbild und das Selbstverständnis der Szene.

Einige Verschwörungsgläubige haben sich nach der Pandemie und vor allem nach dem 7. Oktober 2023 der israelfeindlichen Szene angeschlossen. Kein Wunder, denn auch hier herrscht Offenheit für antisemitische Verschwörungserzählungen.

Das Meme der „Dancing Israelis“

Besonders hartnäckig hält sich die Geschichte der „Dancing Israelis“, die bis heute auch unter vermeintlich pro-palästinensischen Aktivist*innen und Rechtsextremen weiterverbreitet wird. Demnach wurden am 11. September fünf israelische Staatsbürger in New York verhaftet, weil sie vor Freude über die Anschläge auf der Straße getanzt hätten. Angeblich seien die Männer Helfer der Terroristen gewesen und hätten die Anschläge gesteuert. Tatsächlich wurden fünf Israelis in New Jersey festgenommen, nachdem eine Frau beobachtet hatte, dass die fünf auf einem Van standen, in einer Straße mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Die Frau behauptet gegenüber der Polizei, die Männer seien ungewöhnlich gut gelaunt gewesen. Die Männer, die für eine amerikanische Umzugsfirma arbeiteten, wurden kurze Zeit später wieder freigelassen, mussten aber die USA verlassen, da sie bereits länger im Land waren, als es ihre Visa erlaubten. Das Detail, dass sie getanzt hätten, wurde erst später zur Geschichte ergänzt.

Ein Artikel, der einige Wochen nach der Terrorattacke in der Zeitung USA Today erschien, zitierte mehrere Imame, arabische Politiker und Zeitungsartikel aus muslimisch geprägten Ländern, die alle behaupteten, Israel stecke hinter den Taten. Zu Wort kam auch der Vater von Mohammed Atta, einem der Attentäter. Er hatte im Interview mit einer ägyptischen Nachrichtenagentur gesagt, die amerikanischen Behörden hätten „einige Juden“ festgenommen, die vor Freude über den Terror getanzt hätten. So verselbständigte sich die Geschichte und wird bis heute immer wieder weitererzählt.

Der Hass auf Juden und Jüdinnen, der über all die Erzählungen weiterverbreitet wird, ist ein Teil des Erfolgs der „antisemitischen Revolution“, die laut Samuel Salzborn Ziel der Anschläge war. Die Angriffe galten der modernen Gesellschaft, den USA und Juden und Jüdinnen. Dabei waren nicht nur die eigentlichen Taten erfolgreich und haben Tausende Menschen getötet, sondern sie haben auch Erzählungen geschaffen, die Antisemitismus immer weitertragen und im Weltbild von Verschwörungsgläubigen normalisieren und verankern.

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