„Dafür steht Viktor Orbán in Ungarn und die Alternative für Deutschland in Deutschland.“ Mit diesem Satz zieht der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Markus Frohnmaier, eine programmatische Linie. In einer Erklärung zum vierten Jahrestag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, am 24. Februar, stellt er seine Partei bewusst an die Seite eines autoritär regierten EU-Staates mit enger Nähe zu Russland. Der Verweis auf Ungarn markiert eine politische Selbstverortung jenseits des transatlantischen Konsenses.
Russlandreise mit Folgen
Diese Haltung bleibt nicht abstrakt. Die Bilder wirken wie aus einer anderen politischen Realität: AfD-Abgeordnete auf einer Konferenz im russischen Sotschi, Gespräche mit Vertreter*innen eines Staates, der seit vier Jahren einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Während die Europäische Union über Sanktionen debattiert und die NATO ihre Ostflanke stärkt, reisen deutsche Rechtsextreme nach Russland, offiziell für „Dialog“ und „Austausch“. Noch bevor die Delegation aus den Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré, Rainer Rothfuß und Jörg Urban Ende 2025 wieder in Deutschland ist, beginnt jedoch der parteiinterne Streit.
Teile der Parteispitze distanzieren sich, warnen vor außenpolitischem Schaden und sprechen von fehlender Abstimmung. Andere verteidigen die Reise als legitime „Friedensinitiative“ und notwendige Gesprächskanäle. Während AfD-Co-Chef Tino Chrupalla die Reisen als diplomatischen Austausch verteidigte, kritisierte Co-Chefin Alice Weidel die Pläne scharf, was einen tiefen Riss in der Partei offenbart.
AfD: Partei unter russischem Einfluss?
Was wie ein taktischer Konflikt aussieht, verweist auf ein tiefer liegendes Problem: die bis heute ungeklärte Nähe der Alternative für Deutschland zu Russland. Hinzu kommt der Verdacht, dass einzelne Akteure der Partei unter russischem Einfluss stehen.
Etwa im Fall des Europaabgeordneten Petr Bystron oder des früheren AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah, gegen die im Kontext des prorussischen Netzwerkes „Voice of Europe“ wegen möglicher Geldflüsse ermittelt wurde. Oder der Fall des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier, über den 2019 mehrere Medien berichteten, russische Kräfte könnten ihn „absolut unter Kontrolle“ haben. Mittlerweile ist er Spitzenkandidat der Landtagswahl in Baden-Württemberg. All das wirft die Frage auf, wie patriotisch diese Partei denn nun tatsächlich ist, wenn Teile scheinbar im Interesse Russlands agieren.
Kleine AfD-Anfragen mit großer sicherheitspolitischer Brisanz im Auftrag Moskaus?
Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine steht die AfD vor einer strategischen Belastungsprobe. Während sie sich nach außen gern als „Friedenspartei“ inszeniert, offenbart der Streit um Sanktionen, Waffenlieferungen und das Verhältnis zu Moskau tiefe ideologische Bruchlinien und eine anhaltende Anschlussfähigkeit an prorussische Narrative.
Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese Hinwendung nach Russland kein Zufall ist. Sie zieht sich durch Programme, Bundestagsanträge, Reden und durch konkrete politische Handlungen einzelner Abgeordneter. Im Oktober 2025, noch vor der Russlandreise, vermutete Thüringens Innenminister Maier (SPD) hinter regelmäßigen kleinen Anfragen zur deutschen Infrastruktur der AfD im Landtag gezielte Informationsbeschaffung im Auftrag Russlands. Auch im Bundestag gibt es ähnliche Vorfälle. Laut dem Spiegel reichte die AfD seit 2020 rund 7.000 sicherheitsrelevante Anfragen ein.
Von Anfang an mehr als nur Energiepolitik
Die AfD hatte schon lange vor dem 24. Februar 2022, dem Angriff auf die Ukraine, ein auffällig positives Verhältnis zu Russland. Sanktionen gegen Moskau lehnte sie bereits nach der Annexion der Krim 2014 geschlossen ab. Parteifunktionär*innen reisten als sogenannte „Wahlbeobachterinnen“ zu international nicht anerkannten Abstimmungen. Russische Staatsmedien dienten immer wieder als Interviewplattform oder Referenzquelle. Mehrere hochrangige AfD-Politiker*innen traten dort auf.
Mit dem Angriffskrieg änderte sich daran wenig. Zwar verurteilte die Partei formal den Krieg, doch ihre Kritik richtete sich fast ausschließlich gegen die Bundesregierung, die EU und die NATO. Russland erscheint in der AfD-Rhetorik nicht als Aggressor, sondern als geopolitischer Akteur, dessen angebliche „Sicherheitsinteressen“ missachtet worden seien.
Der AfD-Russland-Spagat
Innerhalb der AfD lassen sich zwei rhetorische Linien erkennen. Auf der einen Seite stehen Funktionär*innen, die offen Verständnis für die Politik Wladimir Putins äußern. Sie sprechen von einem „Stellvertreterkrieg“, relativieren russische Kriegsverbrechen oder verbreiten Erzählungen über eine angebliche „Nazifizierung“ der Ukraine, ein zentrales Propagandanarrativ des Kremls, um den Krieg zu rechtfertigen.
Wie weit diese Rhetorik reicht, zeigte sich etwa bei einem Auftritt des Thüringer AfD-Partei- und Fraktionschefs Björn Höcke 2022 in Gera. Dort propagierte er offen den Schulterschluss mit Russland, zeichnete die USA als „raumfremde Macht“ und lobte Putin als angeblichen natürlichen „Pater“ Deutschlands. Zur Begründung erklärte er, Russen und Deutsche hätten eine „ähnliche seelische Prägung“. Diese biologistische Zuschreibung ist blanker Rassismus, formuliert in völkischer Sprache.
„Frieden“ als Kampfbegriff
Auf der anderen Seite positionieren sich Stimmen, die betonen, man sei weder „pro-russisch noch pro-ukrainisch“. Doch auch diese Linie lehnt Waffenlieferungen strikt ab, fordert ein Ende der Sanktionen und stellt die Unterstützung der Ukraine als Hauptursache wirtschaftlicher Probleme dar.
Der gemeinsame Nenner beider Lager: Die Verantwortung wird systematisch vom Aggressor wegverschoben. Schuld seien angebliche „Kriegstreiber*innen“ im Westen. Wobei AfD-Vertreter wie Markus Frohnmaier dabei gezielt zwischen der US-Regierung unter Joe Biden als vermeintlichem Eskalationstreiber und Donald Trump als angeblichem Friedensakteur unterscheiden.
Besonders deutlich wird diese Strategie auf AfD-Demonstrationen und in Social-Media-Kampagnen. Dort tritt die Partei als Anwältin des „Friedens“ auf, eines Friedens allerdings, der faktisch auf die Kapitulation der Ukraine hinauslaufen würde. Forderungen nach einem sofortigen Waffenstillstand blenden aus, dass ein solcher unter den aktuellen Bedingungen russische Besatzung legitimieren würde.
Nähe zu verschwörungsideologischen Milieus
In verschwörungsideologischen Szenen, bei sogenannten „Friedensdemos“ oder in Teilen der Querdenken-Bewegung gehören prorussische Erzählungen seit Jahren zum festen Repertoire. Narrative über „Biowaffenlabore“, „US-Eliten“ oder einen angeblich geplanten „großen Krieg gegen Russland“ zirkulieren dort regelmäßig. Die Partei profitiert von diesen Milieus als Mobilisierungs- und Wähler*innenreservoir.
Kein echter Streit, sondern ein strategisches Problem
Der oft beschworene „Russland-Streit“ innerhalb der AfD ist weniger ein Richtungsstreit als ein kommunikatives Dilemma. Die Partei weiß, dass offene Putin-Apologien gesellschaftlich schwer vermittelbar sind, besonders im Westen. Gleichzeitig gehören die Ablehnung westlicher Bündnisse und die Sympathie für autoritäre Gegenmodelle zum ideologischen Kern der AfD, besonders im Osten.
Dass sich Teile der Partei inzwischen vorsichtiger ausdrücken, bedeutet daher keine Abkehr, sondern eine Anpassung der Rhetorik. Inhaltlich bleibt die AfD eine Partei, die russische Interessen systematisch relativiert und westliche Demokratien delegitimiert.
Ost-West-Spaltung als politisches Resonanzfeld
Der Russland-Kurs der AfD lässt sich nicht ohne die weiterhin wirksame Ost-West-Spaltung verstehen. In Ostdeutschland trifft die Partei mit ihrer russlandfreundlichen Rhetorik auf biografische Erfahrungen, die sich von denen im Westen deutlich unterscheiden: DDR-Sozialisation, Misstrauen gegenüber NATO und USA sowie ein historisch gewachsenes Narrativ vom friedlichen Moskau.
Die AfD knüpft daran gezielt an, nicht mit historischer Einordnung, sondern mit emotionaler Vereinfachung. Russland erscheint als Gegenpol zum „westlichen System“, das viele Ostdeutsche bis heute als bevormundend erleben. Der Westen steht in diesem Weltbild in einer gewissen Weise für die so verhassten Eliten. Der Angriffskrieg wird dabei nicht geleugnet, aber relativiert, eingeordnet oder mit Schuldzuschreibungen an den Westen überlagert.
Russlandnähe als Risiko im Westen
Gleichzeitig ist eine zu starke Nähe zu Russland für die AfD mit erheblichen Risiken verbunden. Im Westen Deutschlands stößt eine offen prorussische Haltung deutlich schneller an Grenzen. Für viele potenzielle Wähler*innen ist Russland keine Projektionsfläche für Systemkritik, sondern eine autoritäre Macht, die europäische Demokratien bedroht.
Eine Partei, die in russischen Staatsmedien auftritt, Sanktionen infrage stellt oder die Verantwortung für den Krieg relativiert, wirkt hier weniger als „Friedensstimme“, sondern eher als sicherheitspolitisches Risiko. Eine allzu offene Russlandnähe kann die AfD dort Anschlussfähigkeit kosten.
Das Problem mit möglichen Koalitionen
Hinzu kommt ein strategischer Aspekt: Regierungsfähigkeit.
Für die Union, aber auch für SPD und Grüne sind die transatlantischen Beziehungen, die Einbindung Deutschlands in die NATO und die Europäische Union zentrale Pfeiler ihres außenpolitischen Selbstverständnisses. Eine Zusammenarbeit mit einer Partei, die russische Staatsmedien nutzt und zentrale Narrative des Kremls relativiert, würde dieses Selbstverständnis fundamental infrage stellen.
Für den einzigen wünschenswerten Koalitionspartner der Rechtsextremen neben dem BSW, die Union, wäre ein solches Bündnis nicht nur innenpolitisch schwer vermittelbar, sondern hätte auch außenpolitische Konsequenzen. Die Russland-Position der AfD ist ein koalitionspolitisches Risiko, selbst dort, wo es in anderen Politikfeldern Überschneidungen gibt. Das scheint der AfD-Spitze bewusst.
„Westextremisten“ vs. „Russenstusser“
Auch im rechtsextremen Vorfeld wird diese Diskussion geführt. Aktivist*innen und Politiker*innen, die eher Russland-kritisch sind, werden intern als „Westextremisten“ bezeichnet. Die Russland-Freunde werden hingegen als „Russenstusser“ beleidigt. Immer wieder wird den „Russenstussern“ vorgeworfen, von Russland gekauft worden zu sein oder zumindest mit Zuwendungen begünstigt zu werden.
Außenpolitische Radikalisierung nach innen
Der Russland-Konflikt zeigt exemplarisch, wie außenpolitische Positionen der AfD nach innen wirken. Wer autoritäre Regime verharmlost, Gewalt relativiert und demokratische Bündnisse infrage stellt, überträgt diese Logik auch auf die Innenpolitik. Der Angriff auf „das System“, auf Medien, Parlamente und Gerichte folgt demselben Muster.
Der Streit um Russland ist deshalb mehr als ein außenpolitisches Detail. Er ist ein Symptom für das antidemokratische Weltbild, das in der AfD seit Jahren verankert ist, mal offen, mal strategisch verkleidet.


