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AfD-Strategie Die Dorfkneipe als Kaderschmiede

Ein Strategiepapier aus Rheinland-Pfalz zeigt erstaunlich offen, wie die AfD sich in ländlichen Regionen festsetzen will. Der Plan setzt nicht auf klassische Parteiarbeit, sondern auf eine Mischung aus Eventmanagement, Immobilienstrategie und politischer Unterwanderung.

 
Die AfD versucht, sich als selbstverständlicher Teil des Dorflebens zu etablieren. Nicht als politische Kraft, sondern als soziale Infrastruktur. (Quelle: picture alliance / photothek | Florian Gaertner)

„Das linke Akademikermilieu aus Berlin will dem Land sein Glück aufzwingen. Dabei wollen die Leute hier einfach in Ruhe gelassen werden.“ Mit solchen Sätzen beschreibt AfD-Politiker Sebastian Münzenmaier den angeblichen Gegensatz zwischen Stadt und Land, wie ihn die AfD gerne zeichnen möchte, zuletzt in einer Bundestagsrede vom 6. März. Was wie populistische Zuspitzung klingt, hat eine strategische Grundlage.

Der rheinland-pfälzische AfD-Politiker inszeniert sich dabei als Stimme des Dorfes und verbindet diese Erzählung gezielt mit konkreten Alltagsbildern, die bei vielen Menschen auf zustimmende Resonanz treffen: Während auf dem Land angeblich kein Geld für Infrastruktur, wie die Sanierung der Friedhofshalle, vorhanden sei, würden Mittel für Flüchtlingsunterkünfte bereitgestellt.

Gekonnt verknüpft er dabei rassistische Ressentiments mit alltäglichen Sorgen und übersetzt abstrakte Feindbilder in greifbare lokale Konflikte. Die Erzählung dahinter: Berlin, die Eliten, die Woken kümmern sich nicht um das deutsche Volk, die AfD hingegen schon. So wird aus abstraktem Rassismus ein greifbares Gefühl von Ungerechtigkeit.

Das Strategiepapier aus Rheinland-Pfalz „Verankerung in der Fläche – Die AfD erobert die Dörfer“ zeigt erstaunlich offen, wie die AfD dieses Narrativ in konkrete politische Praxis übersetzen will. Weniger klassische Parteiarbeit, dafür mehr Eventmanagement, Immobilienstrategie und politischer Raumnahme.

Was auf den ersten Blick nach Provinzposse klingt, ist tatsächlich ein ziemlich durchdachtes Konzept und eines, das viel über die Funktionsweise rechter Raumnahme verrät. Neu ist das nicht. Wir kennen und beobachten es seit Jahrzehnten in der Neonazi-Szene.

Erstmal ein Bier, Politik kommt später

Der Einstieg ist bewusst unpolitisch. Die AfD empfiehlt „Dämmerschoppen“, Grillabende, Weinstände, keine langen Reden, keine inhaltliche Debatte. Es geht um Nähe, um Geselligkeit, um den ersten Kontakt. Die AfD-Strateg*innen wissen sehr wohl um das mindestens angeknackte Image der Partei.

Der gesellige Erstkontakt bei Bier, Aperol und Bratwurst soll das rechtsextreme Image überdecken. AfD-Orte auf dem Land sollen zu Anlaufstellen werden, Orte des vermeintlichen gesellschaftlichen Miteinanders im Dorf.

Die Logik dahinter ist simpel: Wer erst einmal zusammen Würstchen isst und Bier trinkt, stellt weniger kritische Fragen. Politik kommt später. Das Papier formuliert es nüchtern: Erst Vertrauen aufbauen, dann Mitglieder gewinnen.

Doch dabei bleibt es nicht. Die Strategie zielt darauf, diese erste Nähe in dauerhafte Strukturen zu überführen. Dort, wo eine aktive Mitgliederschaft vorhanden ist, Wahlergebnisse aussichtsreich sind und geeignete Immobilien zur Verfügung stehen, sollen gezielt feste Treffpunkte entstehen, also Dorfkneipen, Gaststätten oder Weingüter als dauerhafte Anlaufstellen. Tagsüber sollen diese Orte als Bürgerbüro und offenes Ohr für die Dorfgemeinschaft fungieren, abends als Treffpunkt für Stammtisch, Veranstaltungen und gemeinsames Feiern.

Die Kneipe als Kaderschmiede

Die Ironie ist offensichtlich: Eine Partei, die sich permanent als radikale Gegenposition inszeniert, weiß offenbar selbst, dass ihre Inhalte im direkten Gespräch eher abschreckend wirken könnten.

Im zweiten Schritt wird es konkreter und politisch deutlich relevanter. Die AfD plant den gezielten Aufbau eigener sozialer Infrastruktur: Kneipen, Weingüter, Veranstaltungsräume.

Nicht nur für Parteiarbeit, sondern als dauerhafte Treffpunkte: tagsüber Bürgerbüro, abends Stammtisch, am Wochenende Eventlocation. Der Hintergrund: Gastwirt*innen und Veranstalter*innen stehen zunehmend unter Druck, keine AfD-Events auszurichten. Die Lösung der Partei: eigene Räume schaffen, unabhängig von Kritik, Protest oder Boykott. Das Ziel ist bemerkenswert offen formuliert: „Ein Zentrum pro Wahlkreis bis 2029.“ Politische Verankerung wird hier gedacht wie Filialexpansion.

Wo nichts ist, wird etwas gemacht

Besonders deutlich wird im Papier, worauf diese Strategie zielt: auf Leerräume. Denn Dorfsterben ist kein rechtsextremer Mythos, sondern ein reales Problem. Die AfD geht, nicht ganz zu Unrecht, davon aus, dass viele demokratische Parteien in ländlichen Regionen kaum noch präsent sind. Diese Lücke will sie füllen. Nicht nur politisch, sondern sozial und kulturell. Geplant sind Jugendabende, Weihnachtsmärkte, Filmvorführungen, Diskussionsrunden. Kurz: Alltag. Diese AfD-Orte sollen Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens auf dem Dorf sein.

Die Partei versucht, sich als selbstverständlicher Teil des Dorflebens zu etablieren. Nicht als politische Kraft, sondern als soziale Infrastruktur. Oder, wie es im Papier heißt: Man wolle dem Dorf „Leben zurückgeben“.

Die Diagnose vom „abgehängten Land“ ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Tatsächlich sind viele ländliche Regionen seit Jahren vom demografischen Wandel geprägt: Während Großstädte wachsen, schrumpfen zahlreiche kleinere Städte und Dörfer. Mehr als die Hälfte der Kleinstädte hat in den vergangenen Jahren Bevölkerung verloren.

Gleichzeitig ist die Entwicklung keineswegs überall gleich: Während manche Regionen schrumpfen, wachsen andere, etwa im Umland großer Städte. Der ländliche Raum ist kein einheitliches Krisengebiet, sondern stark unterschiedlich geprägt.

Die Inhalte kommen zum Schluss

Erst im dritten Schritt rückt die Ideologie stärker in den Vordergrund. Dann wird aus dem Grillabend ein politischer Raum. Die Themen, auf die die Rechtsextremen im ländlichen Raum setzen wollen, liefert das Strategiepapier direkt mit:

Heizungsgesetz, Energiekosten, Verbrennerverbot, Pendlerpauschale und Grundsteuer, Windräder und Landwirtschaft: Themen, die nicht überraschen und einem klaren Muster folgen: gegen Klimapolitik, gegen Energiewende, für fossile Energien, gegen staatliche Regulierung. Alles verpackt als vermeintliche Interessenvertretung des „ländlichen Raums“.

Wie bei all den Themen der AfD, werden auch hier strukturelle Probleme auf einfache Versprechen reduziert: niedrigere Preise, weniger Staat, mehr „Freiheit“. Dass viele dieser Forderungen weder finanzierbar noch widerspruchsfrei sind, spielt in dieser Phase kaum eine Rolle. Entscheidend sind Anschlussfähigkeit und Rekrutierungsoptionen.

Ziel ist ein gesellschaftlicher Wandel, vorbereitet durch jahrelange metapolitische Arbeit. Rechtsextreme Positionen sollen normalisiert werden, bis sie als legitimer Teil des Diskurses erscheinen. Am Ende steht die Vision einer homogenen, ethnisch definierten Gesellschaft, wie sie sich die AfD erträumt.

Empörung als Strategie: Schlechte PR ist gute PR

Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit Medien. Das Papier beschreibt Berichterstattung nicht nur als Problem, sondern als Ressource. Negative Schlagzeilen sind einkalkuliert. Konflikte sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Prominente Gäste werden gezielt eingesetzt, um Medieninteresse zu steigern. Berichte großer Medien werden ausdrücklich als Verstärker genannt.

Die AfD plant Skandalisierung gleich mit ein. Das passt zur bekannten Doppelstrategie: Öffentlich gegen „die Medien“ mobilisieren und gleichzeitig von ihrer Reichweite profitieren. Kritik wird so zur kostenlosen PR.

Was dieses Papier so bemerkenswert macht, ist weniger der Inhalt einzelner Forderungen, sondern eher die Methode. Die AfD setzt nicht auf schnelle Erfolge, sondern auf langsame Normalisierung: Erst das Fest, dann der Stammtisch, dann das rechtsextreme AfD-Zentrum.

Die Ideologie kommt nicht mit dem Holzhammer, sondern mit Bierbank und Vereinsgefühl.

Das ist weder zufällig noch neu. Ähnliche Strategien sind aus der rechtsextremen Szene seit Jahren bekannt: Räume schaffen, Gemeinschaft anbieten, Präsenz zeigen, dort, wo andere fehlen. Neu ist, wie systematisch eine parlamentarische Partei dieses Prinzip umsetzt.

Das Strategiepapier wirft deshalb weniger die Frage auf, was die AfD vorhat, das steht dort ziemlich klar. Die entscheidende Frage ist: Wer ist sonst noch da, um Widerstand zu leisten?

Denn wo demokratische Strukturen schwach sind, entstehen Räume. Und diese Räume bleiben selten lange leer.

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