Kurz bevor die Aufmarschsaison von Neonazis in der Hauptstadt beginnt, ist Zeit für eine Bestandsaufnahme: Neue rechtsextrem(-orientierte) Zusammenschlüsse Jugendlicher, eine AfD im dauerhaften Kulturkampf und alternative Medien mit wachsender Reichweite forderten die demokratische Zivilgesellschaft 2025 heraus.
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
Seit dem Frühjahr 2024 treten neue aktionsorientierte rechtsextreme Zusammenschlüsse auf, deren überwiegend jugendliche Mitglieder nicht allein aus Berlin, sondern auch aus dem Umland kommen. Am relevantesten war anfangs „Deutsche Jugend Voran“ (DJV). Im Herbst 2024 kam nach mehreren Gewaltvorfällen der Chef der Gruppe in Untersuchungshaft, wodurch die DJV führungslos in das Jahr 2025 startete.
Diese Lücke versuchte der frühere AfD-Politiker Ferhat Sentürk aus Aachen mit mehreren Versammlungen auszufüllen. Er und seine Unterstützer*innen konnten im März 2025 am S-Bahnhof Ostkreuz die mit rund 900 Teilnehmenden größte rechtsextreme Versammlung des Jahres in Berlin durchführen. Zum Auftakt trat der Sänger der prominenten rechtsextremen Band „Kategorie C“ auf. Der Aufmarsch wurde durch Protestierende blockiert und musste abgebrochen werden. Nach Streitigkeiten zerfiel der Zusammenschluss um Sentürk bereits im Frühjahr wieder.
Auch in den Folgemonaten kam es unter den neuen rechtsextrem(-orientierten) Zusammenschlüssen wiederholt zu Konflikten, etwa um die Person des DJV-Chefs. Dieser war im April 2025 wegen diverser Gewalttaten zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, die er im September antrat. Letztlich gelang es der DJV nicht, den von ihr postulierten Führungsanspruch zu behaupten.
Neue Generation rechtsextremer Aktivist*innen?
2025 entstanden diverse rechtsextreme Zusammenschlüsse und Cliquen mit eigenen Social-Media-Auftritten, von denen viele jedoch bald wieder verschwanden oder sich in ihrer personellen Zusammensetzung veränderten. Neben den schon älteren Zusammenschlüssen DJV und „Jung und Stark“ existieren weiterhin „Deutsche Patrioten Voran“, „Jägertruppe“ und „Berliner Jugend“. Diese bestehen jeweils offenbar nur aus einer niedrigen zweistelligen Personenzahl. Zudem verloren nicht nur in der Hauptstadtregion viele jugendliche Sympathisant*innen und Mitläufer*innen wieder das Interesse an der Szene oder an bestehenden Zusammenschlüssen. Die schon 2024 prägenden homo-, queer- sowie transfeindlichen Proteste und Anfeindungen gegen CSD- und Pride-Veranstaltungen fielen 2025 deutlich kleiner aus.
Die neuen Zusammenschlüsse mit ihrer lauten Selbstinszenierung im Netz und auf der Straße repräsentieren zahlenmäßig zwar nur einen kleinen Teil der rechtsextrem orientierten Kinder und Jugendlichen in Berlin und Umland. Doch dass sich in Teilen dieser Altersgruppen eine rechtsextreme Ideologisierung und Mobilisierung vollzieht, belegen die vielen Beratungsanfragen besorgter Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen und Eltern, die wie schon 2024 auch 2025 bei der MBR eingingen. Als Reaktion veröffentlichten die MBR und das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum“ (Apabiz) eine Broschüre mit Informationen und Handlungsempfehlungen speziell für Jugendarbeiter*innen.
Rechtsextreme Kleinparteien: Zuwachs und Stagnation
Einige Zeit blieb offen, ob etablierte rechtsextreme Organisationen vom neuen Szene-Nachwuchs profitieren würden. Diese Frage entschied sich zugunsten der ehemaligen NPD, jetzt „Die Heimat“. Ein langjähriger Berliner Kader hatte seit dem Sommer mehrfach bei Aktionen der DJV für die Partei geworben, letztlich mit Erfolg. Etwa seit Herbst 2025 erscheint die DJV als Teil des Vorfeldes von „Die Heimat“ und deren Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ (JN). Davon zeugten mehrere gemeinsame Propagandaaktionen, ein sogenanntes Anwärtertreffen der DJV in der Köpenicker Parteizentrale von „Die Heimat“ und ein gemeinsamer Aufmarschversuch Ende November, der von der Polizei aufgrund von Gegenprotest unterbunden wurde.
Die rechtsextreme Kleinstpartei „Der III. Weg“ mit ihrer Jugendorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) erregte 2025 deutlich weniger Aufmerksamkeit als in den Vorjahren. Zunächst gelang dem Berliner Ableger („Stützpunkt“) Ende März in Hellersdorf ein konspirativ geplanter und professionell durchgeführter Aufmarsch zum zehnten Jahrestag seiner Gründung. Rund 200 Rechtsextreme aus Berlin, dem Bundesgebiet und Dänemark nahmen teil. Trotz kurzer Reaktionszeit protestierten mehrere hundert Menschen gegen den Aufmarsch.
Ansonsten blieb „Der III. Weg“ mit zwei bis drei kleinen Propagandaaktionen pro Monat etwa auf Vorjahresniveau. Seine Aktivitäten beinhalteten typischerweise Flugblattverteilungen, Kampfsporttrainings und Schulungen für den eigenen Kreis, außerdem die Teilnahme an Szeneveranstaltungen im In- und Ausland sowie die Inszenierung vor Graffiti für Onlineveröffentlichungen. Messbare Erfolge, etwa durch personellen Zulauf, waren nicht feststellbar.
Gewalttaten durch Anhänger*innen des „III. Weges“ sind der MBR im letzten Jahr nicht bekannt geworden. Ermittlungen zu Straftaten aus 2024 führten bislang zu keinen Konsequenzen. Ein Mitglied, das zwei Antifaschist*innen bei einer Auseinandersetzung lebensgefährlich mit einem Messer verletzt hatte, trat in einem Prozess ab Dezember als Nebenkläger auf. Angehörige der Partei erschienen als Zuschauer bei den Prozesstagen.
Auch einer der beiden Haupttäter der rechtsextremen Angriffsserie in Neukölln war zuletzt beim „III. Weg“ aktiv. Er und sein Mittäter, ein ehemaliger AfD-Politiker – ihre Urteile wurden im August 2025 rechtskräftig – traten im Dezember ihre Haft an. Der Untersuchungsausschuss zum „Neukölln-Komplex“ im Berliner Abgeordnetenhaus (AGH) endete 2025 ohne nennenswerte neue Erkenntnisse.
Die Berliner AfD im dauerhaften Wahl- und Kulturkampf
Die Berliner AfD musste Anfang 2025 recht kurzfristig den Wahlkampf zur vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar führen. Bei dieser Wahl konnte die rechtsextrem dominierte Partei mit 15,2 Prozent der gültigen Zweitstimmen ihr bisher bestes Ergebnis bei einer berlinweiten Wahl erzielen. In Marzahn-Hellersdorf gewann sie erstmals in einem Berliner Wahlbezirk die Mehrheit und ein Direktmandat. Dagegen wurde die AfD in Lichtenberg, wo die Partei-Prominente Beatrix von Storch kandidierte, und in Treptow-Köpenick von der Partei Die LINKE knapp auf Platz zwei verwiesen. Auch in den Wahlbezirken Reinickendorf und Spandau-Charlottenburg Nord landete die AfD bei den Zweitstimmen mit deutlichem Abstand hinter der erstplatzierten CDU. Dem Bundestrend folgend, gewann die AfD nicht nur in Randbezirken, sondern auch im Berliner Zentrum an Wähler*innenstimmen.
Die Fraktion der AfD im Abgeordnetenhaus (AGH) fokussierte sich 2025 auf Sicherheits- und Ordnungsthemen wie Sauberkeit in der Stadt und verband dies mit ihrem durchgehend wichtigsten Identitätsthema, der Migration. So verband sie etwa die Debatte über Sicherheit im Görlitzer Park oder den Umgang mit Wohnungslosen mit der Forderung nach Rückführung von Menschen in ihre Heimatländer. Die AfD verwendete dabei weiterhin offensiv den Kampfbegriff „Remigration“.
Passend zu dieser politischen Monothematik wird das Ressort „Innere Sicherheit“ in der AGH-Fraktion ab März 2025 vom ehemaligen Obmann des völkischen „Flügels“ der AfD, Thorsten Weiß, verantwortet, der sich im Wahlkampf mit einem „Team Remigration“ und in Pilotenuniform als „Käpt’n Rückflug“ darstellte. In die BVVen wurde der rechtsextreme Kulturkampf derweil u.a. durch zahlreiche AfD-Anträge geführt, darunter Forderungen nach „Auslobung eines Remigrationspreises“ oder nach „Erweiterung des Aufgabenbereichs des Beauftragten für Integration und Partizipation um die Funktion des Remigrationsbeauftragten“.
Zivilgesellschaftliche Initiativen sahen sich Anfeindungen und Diffamierungen vonseiten der AfD ausgesetzt. So wurden im März 2025 verschiedene Akteur*innen der Aktionswochen gegen Rassismus in Charlottenburg-Wilmersdorf und Lichtenberg mit aufdringlichen Besuchen ihrer Veranstaltungen durch Verordnete der AfD und Vertreter*innen eines rechtspopulistischen Online-Nachrichtenformats konfrontiert. Danach wurden Filmaufnahmen von der Durchsetzung des Hausrechts im Internet veröffentlicht und Anfragen beim Bezirksamt zur Finanzierung von Veranstaltungsorten gestellt. Darüber hinaus berichteten Veranstalter*innen von einer Droh-Mail nach der Durchsetzung des Hausrechts gegenüber einem AfD-Vertreter.
Dass AfD-Parlamentarier*innen und rechtspopulistische Medien verstärkt zusammenarbeiten, um die demokratische Zivilgesellschaft einzuschüchtern, zeigte sich zuletzt exemplarisch in einer „Hasswelle gegen die Zivilgesellschaft“, die durch die Skandalisierung einer Informationsveranstaltung zum Medienprojekt „Apollo News“ ausgelöst wurde. Der Umgang mit Anfeindungen und Störungen (etwa von Veranstaltungen) blieb generell auch 2025 ein wichtiges Beratungsthema der MBR.
Bemühungen um lokale Verankerung und Wahlerfolge
Zur Erhöhung ihrer propagandistischen Reichweite und ihrer Wähler*innenzahl sucht die Berliner AfD immer wieder Kontakt zu Bürger*innen, die gegen Containerunterkünfte für Geflüchtete, Windkraftanlagen und Baumaßnahmen am nördlichen Stadtrand aktiv werden. Eine neue Bürger*inneninitiative gegen die Bebauung der Pankower Elisabeth-Aue wurde maßgeblich von lokalen AfD-Mitgliedern organisiert und lieferte politische Vorlagen für AfD-Fraktionen auf Bezirks- und Landesebene.
Die Selbstinszenierung als Kümmererpartei, die dystopische Beschwörung eines Berlins, das „im Chaos und Müll“ versinke, ständige Skandalisierung sowie die Diffamierung engagierter Demokrat*innen werden auch 2026 den Wahlkampf der Berliner AfD zur Wahl des Abgeordnetenhauses im September prägen. Im Oktober wurde auf dem Parteitag im brandenburgischen Jüterbog die Landesliste besetzt. Auf ihr finden sich neben einem Großteil der bisherigen AGH-Fraktion unter der Spitzenkandidatin Kristin Brinker auch Kandidat*innen, die bisher in den BVVen oder als angestellte Mitarbeiter für die AfD aktiv waren. Darunter sind auch mehrere Mitglieder der in Berlin geräuscharm aufgelösten Jungen Alternative, die nun mit aussichtsreichen Listenplätzen von der engen Bindung an die Partei profitieren könnten.
Abnehmende Mobilisierungsfähigkeit bei anhaltender Anschlussfähigkeit
Konnte die verschwörungsideologische Szene in der Vergangenheit noch das lokale Protestmilieu regelmäßig mobilisieren, fanden 2025 relevante Versammlungen nur noch in Kooperation mit der rechtsextremen Szene oder der Friedensbewegung statt, oder sie wurden von vornherein durch überregionale Strukturen organisiert.
Der Jahrestag der großen Querdenken-Demonstrationen vom August 2020 wurde zu einem Stelldichein der verschwörungsideologischen Szene aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Mit einer stark nach innen gerichteten Ansprache, die darauf abzielte, dem eigenen Wirken Bedeutung zu verleihen, konnten in diesem Jahr aber nur noch etwa 3.000 Teilnehmende mobilisiert werden. Knapp 2.000 teilweise überregional angereiste Personen kamen auf einer von rechtsextremen und verschwörungsideologischen Gruppierungen gemeinsam getragenen Versammlung im Mai 2025 in Berlin-Mitte zusammen. Dem Aufruf der Initiative „Deutschland steht auf“ folgte neben Angehörigen der verschwörungsideologischen Szene sowie Vertreter*innen von AfD, Werteunion und Die Basis erstmals auch eine Gruppe von etwa 80 überwiegend jungen, aktionsorientierten Rechtsextremen.
Teile der Berliner verschwörungsideologischen Szene haben sich bereits 2022 zum „Bündnis für Frieden“ zusammengeschlossen und arbeiten auf regionaler Ebene seit 2023 mit der „Friedenskoordination Berlin“ zusammen. Dass diese offene Zusammenarbeit auch in größeren Bündnissen keine Kritik mehr hervorruft, zeigte sich auf einer Demonstration am 3. Oktober: Gewerkschaften, Parteien, verschiedene linke und friedenspolitische Initiativen, aber auch verschwörungsideologische Gruppierungen riefen gemeinsam zu einer Versammlung in Berlin-Mitte auf. Das „Bündnis für Frieden“ nahm daran mit eigenem Lautsprecherwagen und mehreren hundert Personen teil.
Kunst, Kultur, Medien und weitere Öffnung nach rechts
Bei den Kultur- und Vortragsveranstaltungen hat sich der aus dem Milieu der Coronaleugner*innen entstandene „Kulturkreis Pankow“ als relevanteste und aktivste Struktur in Berlin herausgebildet. Kleinere Veranstaltungen oder Konzerte fanden wie in den zurückliegenden Jahren im Rudolf-Steiner-Haus (Dahlem), dem Lokal Al Hamra (Prenzlauer Berg) sowie dem Sprechsaal (Mitte) statt, während für größere Aktivitäten weiterhin die Räumlichkeiten der Musikbrauerei (Prenzlauer Berg) genutzt wurden.
Hier fand beispielsweise die „Erste Alternative Medienmesse“ statt. Organisiert wurde sie von der verschwörungsideologischen Zeitschrift „Demokratischer Widerstand“ mit Unterstützung von Szene-Medien wie „Compact“, „AUF 1“ und „Kontrafunk“. Anwesend waren bekannte verschwörungsideologische Zusammenschlüsse wie „Freedom Parade“, „Freie Linke“ und „Die Basis“. Als exemplarisch für die Öffnung der Szene zu rechtsextremen Positionen und Akteuren kann der ebenfalls bei der Messe vertretene Stand des Zeitungsprojektes „Aufgewacht – Die Deutsche Stimme“ gelten, das gemeinsam von den rechtsextremen Parteien „Freie Sachsen“ und „Die Heimat“ herausgegeben wird.
Während diese Art der Kooperation eine Ausnahme blieb, wurde die Zusammenarbeit mit der AfD 2025 stetig fortgesetzt. AfD-Vertreter*innen verbreiten bei Versammlungen und in Medien der verschwörungsideologischen Szene ihre Positionen, und hier kursierten wiederum vor der Bundestagswahl Wahlempfehlungen für die AfD.
Die AfD bindet einzelne verschwörungsideologische Protagonist*innen an sich. Dies zeigt sich etwa in einem seit 2020 regelmäßig von der AfD-Fraktion im Bundestag organisierten sogenannten Corona-Symposium. Treffen wie diese, dienen der Netzwerkpflege und halten das Thema „Coronapandemie“ als Bindeglied zwischen rechtsextremen und verschwörungsideologischen Akteuren aufrecht.
Kontinuitäten 2026
Im neuen Jahr zeigt sich bereits, dass die (punktuelle) Zusammenarbeit verschiedener Milieus eine Fortsetzung findet: Für Samstag, den 14. März 2026 mobilisiert die rechtsextreme und verschwörungsideologische Szene gemeinsam zu einem Aufmarsch. Aufgerufen hat ein überregionaler Zusammenschluss, der sich in der Vergangenheit unter anderem mit öffentlichen Solidaritätsbekundungen „für alle Querdenker“, für Geschichtsrevisionist*innen und rechtsextreme Kader hervorgetan hat. Aus Berlin mobilisieren aktionsorientierte rechtsextreme Jugendgruppen wie „Deutsche Jugend Voran“ (DJV). Außerdem meldete „Der III. Weg“ und ihre „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) auch für Samstag, den 14. März einen kurzen Aufmarsch im Stadtteil Marzahn an. Die demokratische Zivilgesellschaft kündigt breite Gegenproteste an.


