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Buchtipp „Alter Faschismus in neuen Schläuchen“

1932 prognostizierte Benito Mussolini – der „Duce del Fascismo“, der seit 1925 an der Spitze des italienischen Regimes stand – ein „faschistisches Jahrhundert“. Heute, beinahe 100 Jahre später, greifen nationalistische und rassistische Parteien in Europa nach der Macht. Der neue Sammelband „Das Faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus“ erklärt anhand zentraler Begriffe, weshalb der Faschismus von heute lediglich der „alte Faschismus in neuen Schläuchen“ ist.

 
Ausschnitt aus dem Titelbild des Sammelbandes "Das faschistische Jahrhundert. (Quelle: Verbrecher Verlag)

Die antisemitischen und rassistischen Pamphlete der Attentäter von Halle (Saale) und Hanau verdeutlichen die Aktualität und Notwendigkeit des vorliegenden Bandes. Denn die Begriffe, die in den Pamphleten verwendet werden, sind keineswegs neu. Friedrich Burschel, Historiker und Herausgeber des Sammelbandes, stellt fest, die Begriffe tauchen „aus der Versenkung des zurückliegenden Jahrhunderts auf“ (S. 12) und erleben eine ideologische Renaissance. Sie werden durch das Internet verstärkt und liefern den „Soundtrack zum rechten Terror“ (ebd.).

Roger Griffin, einer der wichtigsten Faschismusforscher*innen der Gegenwart, knüpft an die Überlegungen an und konstatiert ein Zusammenspiel antidemokratischer, antihumanistischer und antipluralistischer Kräfte. Es gebe Staaten, in denen diejenigen Menschen, die sich für den Gleichheitsgedanken und die Menschenrechte einsetzen, „bereits mit dem Rücken zur Wand stehen, bisweilen mit dem Rücken zur Gefängniswand“ (S. 31). Wie Burschel erinnert er an die akuten Bedrohungen durch den grassierenden Rechtsterror. So wurden Breivik, das NSU-Kerntrio und Tarrant, der Attentäter von Christchurch, durch die zutiefst rassistischen „Turner-Tagebücher“ des US-amerikanischen Neonazis William L. Pierce inspiriert. In Anbetracht des Rechtsterrors fragt Griffin: „Was geschieht, wenn wir Mussolinis ‚Jahrhundert‘ so verstehen, dass er gar nicht das 20. Jahrhundert meinte, sondern vielmehr die ‚100 Jahre nach der Gründung des Faschismus‘?“ (ebd.).

In detailreichen und profunden Kapiteln zeigen Felix Korsch, Felix Schilk, Volkmar Wölk und Julian Bruns/Natascha Strobl die historischen Kontinuitäten einzelner Begriffe und Konzepte auf, die in der Neuen Rechten eine zentrale Verwendung finden: Korsch widmet sich den Ursprüngen und Prägungen der Begriffe „Abendland“, „Nation“ und „Reich“ und stellt fest, dass das Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) das „Abendland“-Konzept in den Diskurs eingespeist hat. Thilo Sarrazin hat ein – stark selektives, an die politische Agenda angepasstes – „abendländisches Wertesystem“ konstruiert. Das „Abendland“ ist ein Ordnungskonzept, das sich zuvörderst gegen Immigration richtet (vgl. 97). Schilk beschäftigt sich mit der Sozialen Fragen und dem Neoliberalismus. Die neurechte Kritik am Neoliberalismus, der meist eine Chiffre für sämtliche Verwerfungen der Gegenwart ist, aktualisiert lediglich die antiliberalen, konservativen und reaktionären Vorstellungen von Dekadenz und „Vermassung“. Schilk macht auf die unterschiedlichen Positionen in der Neuen Rechten zum Verhältnis zwischen Markt und Staat aufmerksam: Die Vertreter*innen eines preußisch-autoritären Etatismus bewegen sich im Umfeld des „Institut für Staatspolitik“, die Vertreter*innen marktaffirmativer bis marktradikaler Positionen bewegen sich im Umfeld der Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Wölk verdeutlicht die Kontinuitäten der Neuen Rechten anhand der Europakonzeption und des Ideologems „Junges Europa“/„Jungeuropa“ (S. 179 f.). Ausgehend vom 2016 gegründeten „Jungeuropa Verlag“ des „Ein Prozent“-Leiters Philipp Stein demonstriert er die Tradition, in der sich der Verlag bewegt. Indem Wölk die Verlagslinie offenlegt und die Publikationen einordnet, weist er auf die „faschistische DNA“ (Griffin) der verbreiteten Inhalte hin. Julian Bruns und Natascha Strobl runden den Sammelband ab: Zunächst stellen sie die wesentlichen Akteur*innen und Netzwerke der Neuen Rechten vor und zeigen das Verhältnis zwischen den Identitären und der Neuen Rechten auf. Anschließend erörtern sie anhand von ausgewählten Begriffen und Konzepten, welche Strategie die Neue Rechte zur Verbreitung ihrer Ideologie verfolgt. Zentrale Beispiele sind der „Ethnopluralismus“ und die antisemitische Legende vom Großen Austausch.

Die einzelnen Kapitel eint die ausgesprochene Tiefe des Geschriebenen – weshalb die Lektüre des Bandes all denjenigen empfohlen ist, die sich tiefgehender mit der Thematik beschäftigen wollen.

Titelbild des Sammelbandes: „Das faschistische Jahrhundert“.

Friedrich Burschel (Hrsg.):

Das Buch „Das Faschistische Jahrhundert.

Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus“.

Verbrecher Verlag

264 Seiten

19€

 

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