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Der Rächer von rechts Uwe Bolls Citizen Vigilante und seine Fans

Ein maskierter Rächer in Selbstjustiz, der migrantische Männer tötet: Uwe Bolls neuer Film Citizen Vigilante macht deutlich, wohin der kulturkämpferische Wind der Rechtsextremen weht.

 
Armie Hammer als Sanders, der als Rächer in Selbstjustiz handelt. (Quelle: Screenshot Trailer)

Ein maskierter Rächer zieht durch ein namenloses europäisches Land und tötet migrantische Männer, während das Internet jubelt und der ohnmächtige Staat zusieht. Während Uwe Bolls neuer Film Citizen Vigilante in Deutschland keine Altersfreigabe der FSK erhalten hat und nicht  beworben werden darf, streamt Elon Musk den Film für 48 Stunden kostenlos auf X. Was folgte, war kein Skandal, sondern eine Kampagne. Aber worum geht es im Film eigentlich?

Europa der „Messermänner“

Eine blonde Frau schlendert mit ihrem kleinen Sohn im Supermarkt – eine banale Alltagszene, deren Länge die Abwesenheit  jeglicher Dramaturgie bereits h verdeutlicht. Auf der Straße tritt ein Mann ins Bild, der durch Kleidung, Gestik und die spätere Nachrichtensprache eindeutig als Geflüchteter markiert wird. Ohne jeden Anlass sticht er unvermittelt in den Hals der Mutter. Blut spritzt und sie stirbt, vor den Augen ihres minderjährigen Sohnes.  Der unvermittelte Mord an der Frau illustriert die politische These des Filmes: „Migranten sind gefährlich“. 

Das politische Programm des Filmes ist damit gesetzt:  Citizen Vigilante eröffnet mit dem wirkungsmächtigsten rechtspopulistischen Angstbild der Gegenwart, dem migrantischen „Messermann“, der grundlos eine weiße Frau im öffentlichen Raum ermordet. Das Opfer ist blond, Mutter und schutzlos, der Täter bleibt namenlos, nicht-weiß, männlich und hat kein erkennbares Motiv. Er ist eine Chiffre. Seine erzählerische Funktion besteht allein darin, eine Bedrohung für das weiße Europa zu verkörpern.

Glorifizierung mörderischer Selbstjustiz

Aus der im Film behaupteten staatlichen Ohnmacht lässt Citizen Vigilante seinen Helden hervortreten: Sanders, gespielt von Armie Hammer, ein wohlhabender US-Amerikaner, der nach persönlichen Enttäuschungen mit dem staatlichen Rechtssystem als Rächer (Vigilante) auf eigene Faust handelt 

Mit der Besetzung von Armie Hammer als Sanders  hat Boll sich endgültig dem extrem rechten und antifeministischen Kulturspektrum zugewandt. Hammer ist seit Missbrauchsvorwürfen 2021 zum Hollywood-Außenseiter geworden. Boll gibt im Interview offen zu, ihn bewusst wegen der Cancel-Culture-Debatte besetzt zu haben. Sein Eintreten für Hammers „Comeback“ ist dabei kein Zufall, sondern Kalkül: Der Fall Hammer bedient exakt jenes antifeministisch aufgeladene Narrativ von Männern, die angeblich Opfer eines ausufernden Feminismus wurden.

Hammers Figur Sanders erscheint im Film als notwendige Korrektur einer zerfallenden Ordnung, als Retter. Der Film untermauert das mit inszenierten Social-Media-Reaktionen: Menschen sprechen direkt in ihre Kameras und feiern den unbekannten Rächer. Eine Frau erklärt sinngemäß, man zahle Steuern, die nach Afrika flössen, während von dort immer mehr Menschen nach Europa kämen. Andere wünschen sich einen solchen Mann auch für Kanada oder die Vereinigten Staaten.

Citizen Vigilante baut die Entmenschlichung von Migrant*innen in die gesamte Heldenreise ein. Die Kommentarvideos bilden den Jubelchor, der Selbstjustiz als authentischen Volkswillen präsentiert. Unten die angeblich schutzlose Bevölkerung, oben die untätigen Institutionen und dazwischen ein vermögender, maskierter Rächer, der entscheidet, wer aus der Gesellschaft entfernt werden muss, damit das weiße Volk überlebt. 

In den ersten sechs Minuten des Filmes sind bereits alle Narrative gesetzt: Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und Migranten als ausschließlich Täter, Eindringlinge, Gefahr entsorgende Körper.

Europa, die amerikanische Schreckensfantasie

Citizen Vigilante behandelt Europa als monolithischen Raum, in dem überall dieselben Zustände herrschen, etwa unkontrollierte Migration, überforderte Behörden, ausufernde Bürokratie und einen handlungsunfähigen Rechtsstaat.

Der Film erzählt den Vereinigten Staaten weniger etwas über Europa, als dass er ein bereits vorhandenes amerikanisch-rechtskonservatives Bild Europas bestätigt. Ein vermeintlich dekadenter Kontinent, der seine Grenzen nicht schützt, Eigentum nicht ausreichend verteidigt und in dem vermeintlich migrantische Gewalttäter das Sagen haben. Es ist die Erzählung der Verschwörungsideologie um den Großen Austausch“.  

Sanders ist der ideale Protagonist für diese Perspektive: Als er erfährt, dass Geflüchtete in Immobilien aus seinem Bestand untergebracht werden könnten, reagiert er mit kategorischer Ablehnung. Die Vorstellung, dass öffentlicher Wohnraum oder privates Eigentum im Rahmen sozialstaatlicher Regelungen für die Unterbringung Schutzsuchender genutzt werden könnte, erscheint ihm als unzumutbarer Zugriff auf den Besitz des Einzelnen. Geflüchtete tauchen damit ein weiteres Mal nicht als Menschen mit Bedürfnissen oder Rechten auf. Nachdem der Film sie zunächst als Gewalttäter eingeführt hat, erscheinen sie nun als wirtschaftliche Belastung: als Personen, die angeblich „auf dem Nacken“ privater Eigentümer leben. Letztlich wird ihnen das Menschsein abgesprochen. 

Justiziar ohne Aufenthaltstatus

Im Film bedrohen Migranten weiße Frauen auf der Straße, sowie das Eigentum wohlhabender Männer. Gewaltfantasie und Besitzstandswahrung gehören zu ein und derselben Erzählung eines von außen bedrängten Europas, in dem der Staat die Falschen schützt und den vermeintlich produktiven Bürger daran hindert, selbst für Ordnung zu sorgen.

Dass der Staat Menschen etwa vor willkürlicher Obdachlosigkeit schützt, erscheint aus Sanders’ Perspektive bereits als Zumutung. Die Logik seiner Selbstjustiz wird damit vom Strafrecht auf das Eigentumsrecht übertragen: Wer schuldig ist, bestimmt der Besitzende, und die staatlichen Verfahren stehen lediglich im Weg.

Propagandistisches Machwerk

Er schaue sich „seit 10 Jahren an, wie wir Deutschland versenken‘“, erzählt Boll zu Gast im Podcast „Honigwarbe“ um den rechtsextremen Troll Shlomo Finkelstein. Boll, der zwischen den USA, Kanada und Deutschland pendelt, publiziert seit 2025 im rechten Medium Tichys Einblick und sucht seit Jahren die Nähe zur AfD und MAGA-Netzwerken. Citizen Vigilante ist seine bisher wohl reichweitenstärkste politische Positionierung. 

Er beschreibt den Film explizit als „Weckruf“, nicht als Aufruf zur Gewalt. Doch die Grenze bleibt bewusst unscharf. Wenn der Rechtsstaat die Bürger*innen nicht schütze, „müsst ihr euch nicht wundern, wenn es gewalttätig wird“, so Boll.

Boll erklärt im Interview, er sei „wütend“, weil die Politik seit Jahren nicht in der Lage sei, konsequent mit migrantischen Straftätern umzugehen. Regeln, so seine Überzeugung, würden in Deutschland selektiv angewendet. Dass er dann ausgerechnet Armie Hammer besetzt, einen Schauspieler, dem mehrere Frauen Vergewaltigung, emotionalen Missbrauch und Kannibalismus vorwerfen und dessen „Comeback“ Boll aktiv befördert, offenbart die unterschiedlichen Maßstäbe, die der Regisseur anlegt: Straflosigkeit ist für Boll kein prinzipielles Problem, sondern selektives Argument. 

Nicht ohne Grund wird Boll von Kritiker*innen als der „schlechteste Regisseur der Welt“ bezeichnet. 2011 wird seiner Dokumentation „Ausschwitz“ die voyeuristische Überzeichnung des  Leids der Shoa-Opfer vorgeworfen. Der Spiegel schreibt damals: „Unterstellt man Boll schlechte Absichten, könnte man in seinem Film auch eine Verhöhnung der Opfer erkennen.“ Boll selbst hatte in dem Film einen Cameo-Auftritt als SS-Offizier. 2021 verfilmte Boll den rassistisch motivierten Anschlag in Hanau, ohne Einverständnis der Angehörigen, die sich explizit gegen dieses Werk aussprachen. Die Reaktionen auf den Hanau-Film fielen vernichtend aus, künstlerisch wie inhaltlich. Citizen Vigilante ist in politischer Hinsicht allerdings deutlich enthemmter als all seine früheren Werke. Hier wird eine allumfassende rechtsextreme Erzählung einfach konsumierbar als Film inszeniert. Damit ist der Film letztlich ein rassistisches und extrem rechtes Propaganda-Werk.

Von Elon Musk zu Rechts-Twitter

Citizen Vigilante durchlief zwei Prüfverfahren der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) und erhielt am Ende kein einziges der üblichen Alterskennzeichen. Die Konsequenzen sind weitreichend: Kinos, Streamingdienste, Fernsehsender und Elektronikmärkte dürfen den Film in Deutschland nicht öffentlich bewerben. Ein Verbot ist das nicht. Der Film darf in Kinos gezeigt werden: „Filme, die keine Kennzeichnung von der FSK erhalten haben, können auf eigenes rechtliches Risiko ausschließlich Erwachsenen öffentlich vorgeführt werden“, heißt es auf der Website des Filmverbandes. Elon Musk aber hat den Selbstjustiz-Thriller in voller Länge für 48 Stunden auf X veröffentlicht, nachdem Regisseur Boll ihn auf der Plattform um Hilfe gebeten hatte. 

Beweis für einen Vibe Shift?

Für das rechtsextreme Vorfeld ist der Film, der am 19. Juni in den USA und Kanada startete, ein Beweis für einen Vibe Shift. Nach der einigermaßen Etablierung extrem rechter Medien und kulturkämpferischer Romane ist das nun der erste Blockbuster über die Verschwörungserzählung des großen Austausches. Dass der Film handwerklich schwach ist, stört dabei nicht. Er ist längst zu einem Meme mutiert.

Boll war zudem im rechtsextremen Podcast Honigwabe zu Gast. In dem sechsstündigen Livestream widmeten die Hosts dem Film gut zwei Stunden, spielten ein eigens geführtes 50-minütiges Boll-Interview ab und diskutierten ihn als kulturpolitisches Ereignis. Der Film, so die Einschätzung, habe das „Overton-Fenster ausgeweitet“: Nicht weil er inhaltlich überzeuge – die Hosts kritisierten die Inkonsistenz des Hauptcharakters und die schwache Dramaturgie, sondern weil er als erster Film überhaupt das Thema Migrantenkriminalität aus einer dezidiert rechten Perspektive in die Breite trage. 

Doch es gibt auch vereinzelt kritische Stimmen aus der rechtsextremen Szene, so etwa von Martin Lichtmesz aka. Martin Semlitsch beim neurechten Blog Sezession: Er rät ausdrücklich davon ab, aus Citizen Vigilante einen Kultfilm zu machen. Den Protagonisten Sanders bezeichnet Lichtmesz als „fanatisch von seiner Mission überzeugter Kreuzritter mit Zügen von Anders Breivik und Brenton Tarrant“. Eine drastische Aussage, sind doch Breivik und Tarrant real existierende Rechtsterroristen, die zusammen 128 Menschen getötet haben. Lichtmesz warnt indes davor, dass „die blinde Begeisterung für diesen Film mal wieder kräftig die Verdummung und Realitätsferne (und den schlechten Geschmack) des rechten Spektrums beschleunigt.“

Citizen Vigilante zeigt sehr deutlich, was das rechtsextreme Spektrum 2026 als Kultur begreift: Entmenschlichung als Unterhaltung, Selbstjustiz als Hoffnung, Tötung von Migrant*innen und die Opfer, wie immer, nur Requisiten.

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