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Epstein-Files Verschwörung statt Aufklärung

Millionen von Dokumenten schüren Verschwörungsfantasien. Das hilft weder Betroffenen, noch bekämpft es die Strukturen, die erst zu Missbrauch, Gewalt und Ausbeutung geführt haben. 

 
Der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein im März 2017 (Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited)

Mit der erneuten Freigabe von Akten im Fall Jeffrey Epstein dominieren Schlagzeilen über prominente Kontakte und verstörende Details. Einzelne Aspekte werden seither zunehmend als Bestätigung von Verschwörungshypothesen gedeutet. Dabei geraten sowohl die Perspektiven der Betroffenen als auch die strukturellen Machtverhältnisse aus dem Blick, die sexualisierte Gewalt, Missbrauch und die Ausbeutung Minderjähriger über Jahrzehnte hinweg ermöglicht und gedeckt haben.

„Because she deserves the truth.“ Mit dieser Kampagne, begleitet von Fotos aus ihrer Jugend, fordern Überlebende der Taten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein die vollständige Offenlegung aller Akten sowie eine Reform der Verjährungsfristen zivilrechtlicher Klagen gegen ihre damaligen Täter. Sie sprechen stellvertretend für die geschätzt mehr als 1.000 Betroffenen, die von Epstein und seinem Umfeld über Jahre hinweg systematisch sexuell ausgebeutet wurden. Jahrzehntelang fanden viele von ihnen kein Gehör. Berichte wurden angezweifelt, Taten verharmlost, Betroffene diskreditiert. Die Übergriffe gingen weiter. Jetzt fordern sie erneut Gerechtigkeit.

Mit der Veröffentlichung von über drei Millionen Seiten, tausenden Videos und mehr als 100.000 Fotos Ende Januar 2026 liegt nun der bislang größte Datensatz der sogenannten Epstein Files für die Öffentlichkeit zugänglich vor. Die Epstein-Akten wurden auf Grundlage gerichtlicher Entscheidungen schrittweise entsiegelt und über offizielle Gerichtsdatenbanken zugänglich gemacht. Die Akten sind weder selbsterklärend noch übersichtlich strukturiert. Es handelt sich um juristische Dokumente mit Schwärzungen, Verweisen und fragmentarischen Informationen. Ohne fachliche Einordnung ist es schwer, zwischen belegtem Sachverhalt, Vorwurf und prozessualer Darstellung zu unterscheiden. Die schiere Masse der Daten erschwert zusätzlich einen fundierten Überblick. Wie viele Unterlagen weiterhin unter Verschluss liegen, ist nicht sicher. Klar ist jedoch, dass ein Teil der Dokumente versiegelt bleibt und zahlreiche freigegebene Akten erhebliche Schwärzungen enthalten.

Trotzdem zeigen die zuletzt veröffentlichten Daten, dass sich unter der aktuellen Rechtslage keine juristischen Konsequenzen ergeben. Und weder die öffentliche Debatte noch politisches Handeln stellen bislang das Wohl der Überlebenden oder den Anspruch auf Aufklärung in den Mittelpunkt. Unzureichend geschwärzte Nacktbilder, die vollständige Nennung von Namen und Telefonnummern, Diskreditierungsversuche und der Vorwurf finanzieller Motive: Während weiterhin Dokumente zurückgehalten und mutmaßliche Täteridentitäten geschützt werden, wird das Leid der Überlebenden zur Projektionsfläche. Memes reagieren mit Spott auf verstörende Inhalte, KI-Fakes verwischen Realität und Fantasie, politisch motivierte Kampagnen überlagern die Stimmen der Betroffenen.

„Flood the zone with details.“ 

Die Mischung aus unvollständigen Informationen, schockierenden Details und mangelnder Kontextualisierung schafft Raum für Spekulationen. Statt um Aufarbeitung geht es in der öffentlichen Diskussion deshalb zunehmend darum, ob der Fall Epstein als Bestätigung langjähriger Verschwörungserzählungen gelesen werden kann. Denn kaum ein Fall vereint so viele Elemente verschwörungsideologischer Projektionen wie dieser: ein über Jahrzehnte bestehendes System sexualisierter Gewalt an Mädchen und jungen Frauen, ein jüdischer Multimillionär, bei dem nicht klar ist, wie genau er zu Reichtum kam, extrem wohlhabende und einflussreiche Täter, ein Netzwerk aus Mitwissern, Vertuschungen, geschwärzte Akten, die Involvierung von Geheimdiensten sowie schwer zugängliche Orte wie eine private Insel.

In Verbindung mit selektiv herausgegriffenen Datenschnipseln aus den Akten wirken bereits bestehende Verschwörungsnarrative wie „Pizzagate“, also die Behauptung eines angeblichen Kindesmissbrauchsrings im Keller einer Washingtoner Pizzeria, oder QAnon, die Erzählung einer satanischen globalen Elite, die nur durch Donald Trump gestoppt werden könne, für manche wie plausible Deutungen des Unfassbaren. Organisierte sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind jedoch keine Vergehen isolierter Täterzirkel. Aktuelle Verfahren wie der Pelicot-Prozess oder der Prozess gegen das sogenannte Telegram-Vergewaltiger-Netzwerk zeigen, dass es sich nicht um einzelne Skandale handelt. Sexualisierte Gewalt ist kein exklusives Verbrechen reicher Eliten, sondern allgegenwärtig und wird oft nur dann sichtbar, wenn Betroffene sich trotz massivem Widerstand Gehör verschaffen. Oder auch durch bloßen Zufall.

Antisemitische Auslegungen und rechtsextreme Genugtuung

Gerade weil diese strukturelle Gewalt omnipräsent, komplex und schwer zu durchdringen ist, gewinnen vereinfachende Deutungsmuster an Attraktivität. Solche Deutungen zielen nicht auf Aufarbeitung oder Prävention, sondern auf Personalisierung, Skandalisierung und klare Feindbilder. In diesem Muster greifen häufig alte antisemitische Erzählungen, die komplexe Machtverhältnisse auf vermeintlich geheime Netzwerke jüdischer Akteure reduzieren.

Epsteins erhebliche finanzielle und politische Kontakte sind unstrittig und müssen kritisch aufgearbeitet werden. Seine jüdische Herkunft und die aktuellen Dokumente, die Fragen zu Verbindungen etwa zum früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak aufwerfen, wurden jedoch auch jenseits einschlägiger Milieus rasch antisemitisch gedeutet. Entsprechende Passagen dienen in sozialen Netzwerken als vermeintlicher Beleg für die alte, tief verankerte Erzählung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Die Existenz realer Machtverflechtungen rechtfertigt jedoch keine kollektiven Zuschreibungen und keine religiösen oder ethnischen Erklärungen für Verbrechen dieser Tragweite.

Das klassische Motiv vom jüdischen Strippenzieher findet sich ebenso in Behauptungen, Epstein habe gemeinsam mit Steve Bannon den globalen Aufstieg rechtsextremer Parteien geplant. Verbindungen müssen kritisch geprüft, mögliche Einflussnahmen transparent gemacht und, wenn möglich, geahndet werden. Die Frage jedoch, warum sich mittlerweile so viele von menschenverachtenden Ideologien angesprochen fühlen, lässt sich nicht durch solche vereinfachenden Schuldzuschreibungen beantworten, auch wenn es sicherlich bequemer wäre.

Antisemitische Mythen werden auch herangezogen, wenn es um die Jagd nach der spektakulärsten „Enthüllung“ geht. In sozialen Medien und unseriösen Zeitungsberichten kursieren Behauptungen über rituelle Opfer, Kannibalismus oder das Trinken von Kinderblut, die Epstein und seinem Netzwerk als Teil angeblicher geheimer Machenschaften zugeschrieben werden. So werden anonyme Telefonanrufe als klare Beweise ausgelegt und verwandeln einen realen Missbrauchsfall in eine sensationelle Gut-gegen-Böse-Geschichte, welche direkt an QAnon und Pizzagate anknüpft. In den bekannten Akten finden sich jedoch keine verifizierten Beweise für organisierte Kannibalismus-Rituale oder ein globales Kinderblut-Komplott.

Während seriöse Medienhäuser sich mit Zeit und fachlicher Einordnung durch die unübersichtliche Masse an Dokumenten arbeiten, inszenieren sich Recherche-Communitys rund um die öffentlich zugänglichen Akten als Teil einer Enthüllungsbewegung und erzeugen das Gefühl kollektiver Wirksamkeit. Die digitale Spurensuche verspricht Selbstermächtigung in einer lähmenden Situation: Wenn konkrete Täter juristisch nicht belangt werden, lässt sich Ohnmacht durch die Konstruktion eines allmächtigen Gegners kompensieren. Jede und jeder kann vermeintliche „Belege“ zusammentragen, Namen zählen, Screenshots dazu teilen. Tatsächlich liefern sie jedoch meist selektive, verkürzte Deutungen, die nur scheinbar schlüssig sind und denen schlicht und einfach der Kontext fehlt. Dass etwa prominente Politiker*innen oder Musiker*innen hunderte Male in Dokumenten erwähnt werden, liegt oft an banalen Gründen wie Newslettern oder allgemeinen Verteilern, wird aber als Indiz für Verstrickung und umgehend massentauglich veröffentlicht. Die Jagd nach spektakulären Verbindungen stiftet Gemeinschaft und Identität. Gleichzeitig verschieben sie den Fokus weg von den belegbaren, aber weniger spektakulär klingenden Problemen: realen Netzwerken der sexuellen Ausbeutung, institutionellem Versagen und dem Machtmissbrauch wohlhabender Täter*innen und ihrer Helfer*innen.

Mit der Suche nach eindeutigen Antworten wächst auch die Nachfrage nach radikalen Lösungen. Für rechtsextreme Milieus sind die Files daher besonders anschlussfähig, weil sie zentrale ideologische Motive bedienen: Elitenfeindlichkeit, antisemitische Codes, tiefes Misstrauen gegenüber Institutionen und die moralische Mobilisierung über „Kinderschutz“. Bekannte rechtsextreme Akteure reagieren teils mit demonstrativer Genugtuung auf die erneute öffentliche Verhandlung des Leids der Betroffenen, da sie sich in ihren Weltbildern bestätigt sehen. Reale Machtverflechtungen werden dabei in das Bild einer globalen Verschwörung übersetzt und legitimieren Forderungen nach autoritärem Durchgreifen und radikaler „Säuberung“. Das untergräbt rechtsstaatliche Prinzipien wie unabhängige Gerichte, Beweislast und den Schutz von Betroffenen. Solche Lösungsfantasien reproduzieren vielmehr jene hierarchischen Strukturen, die Machtmissbrauch ermöglichen, anstatt die gesellschaftlichen Bedingungen in den Blick zu nehmen und wirksame Präventionsmechanismen auszubauen.

Strukturelle Aufarbeitung statt spektakulärer Erregung

Viele der in den Epstein-Files erwähnten Personen betonen, von nichts gewusst zu haben. Juristisch mag Unwissenheit im Einzelfall nicht auszuschließen sein. Doch angesichts der Dauer, der Offenheit und der Vielzahl der Kontakte stellt sich eine andere, unbequeme Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass über Jahre hinweg niemand die Ausbeutung wahrgenommen haben will – spätestens nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 wegen Sexualdelikten an Minderjährigen? Beunruhigender als die Vorstellung einer allumfassenden, geheim koordinierten Verschwörung ist die Möglichkeit, dass bestimmte Praktiken in den damaligen Kreisen nicht als gravierender Tabubruch, sondern als hinnehmbar oder zumindest ignorierbar galten. Der eigentliche Skandal wäre dann weniger das Bild einer perfekt organisierten Geheimstruktur als vielmehr die Selbstverständlichkeit von Machtmissbrauch und sexualisierter Ausbeutung in einem Milieu, das sich seiner gesellschaftlichen Stellung sicher war. Diese Form der Ignoranz – des bewussten Wegsehens – bildet den Nährboden, auf dem solche Verbrechen über Jahre stattfinden konnten.

Die Überlebenden fordern nach Jahrzehnten noch immer das Minimum: Aufklärung und Transparenz. Sie wollen, dass benannt wird, wer Verantwortung trägt und welche Strukturen es ermöglicht haben, dass Gewalt über Jahre fortbestehen konnte. Die aktuelle Veröffentlichung der Dokumente und ihre öffentliche Rezeption kommen diesem Anspruch jedoch kaum näher. Stattdessen kreist die Debatte zunehmend um die Frage, welche Verschwörungserzählung nun als bestätigt gilt. In der Masse der Dokumente lassen sich scheinbar stets Fragmente finden, die eigene bestehende Weltbilder bestätigen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Machtstrukturen ersetzt das jedoch nicht.

Entscheidend ist nicht die nächste spektakuläre Enthüllung, sondern die Frage, wie so eine unfassbare Machtballung entstehen und geschützt werden konnte: durch Geld, gesellschaftliche Stellung, Geschlechterverhältnisse, Alter, mächtige Netzwerke und institutionelle Blindstellen. Sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung Minderjähriger sind kein isoliertes Fehlverhalten Einzelner, sondern werden durch Hierarchien, Abhängigkeiten und institutionelles Wegsehen begünstigt. Betroffene ernst zu nehmen heißt, ihre Forderung nach verlässlicher Aufklärung nicht durch Spekulationen und autoritäre Fantasien zu übertönen. Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Empörung, sondern durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die solch einen jahrzehntelangen Machtmissbrauch ermöglichen, durch die Stärkung von Strukturen, die ihn künftig verhindern, und durch das Empowerment mutiger Stimmen, die ihn überhaupt erst sichtbar machen.

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