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„Kinderfresser” Niemand schuldet Xavier Naidoo eine Entschuldigung 

Die Veröffentlichungen im Fall Jeffrey Epstein bestätigen Missbrauch, nicht Verschwörungsmythen. Wer daraus eine Rehabilitierung Xavier Naidoos ableitet, verkennt den Unterschied zwischen Aufklärung und Ideologie.

 
„Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal!“ rief Xavier Naidoo am Dienstag vor dem Kanzleramt. Anlass der Demonstration war der Fall Jeffrey Epstein. Es sollte hier um Kinderschutz gehen, verkam jedoch zu QAnon-Geschwurbel. (Quelle: Katia Vásquez Pacheco)

Es ist wieder so weit. In Kommentarspalten und Telegram-Kanälen wird ernsthaft die Frage gestellt, ob wir uns nicht bei Xavier Naidoo entschuldigen müssten. Schließlich, so heißt es, habe er „doch recht gehabt“. Epstein! Eliten! Kindesmissbrauch!

Was dabei bewusst vermischt wird: Der reale Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein ist kein Beweis für Naidoos Weltbild. Er ist der Beweis dafür, dass mächtige Männer Verbrechen begehen können und das Strafverfolgung oft versagt. Vielleicht ist der Fall ein Beweis für ein korruptes System. Dafür braucht es keine apokalyptischen Erzählungen von geheimen Blutritualen. 

Es gibt diese merkwürdige Sehnsucht nach nachträglicher Rehabilitierung, von erfolgreichen Männern. Kaum taucht der Name Xavier Naidoo wieder in der Öffentlichkeit auf, heißt es: Man müsse sich bei ihm entschuldigen, zu Unrecht ausgegrenzt, zu früh verurteilt, heute bestätigt. Als Beleg dienen die Epstein-Akten. 

Reanimation von QAnon durch die Epstein-Akten?

Das Problem: Naidoo hatte nie „teilweise recht“. Er war nie ein unbequemer Aufklärer. Er war und ist ein zentraler Verstärker der QAnon-Ideologie.

QAnon ist keine harmlose Skepsis gegenüber Macht. QAnon ist eine geschlossene Weltanschauung, deren Kernbehauptung lautet: Eine geheime Elite missbraucht Kinder, trinkt ihr Blut, kontrolliert Medien, Politik und am Ende sogar das, was wir essen. Erlösung gibt es nur für Eingeweihte. Alle anderen sind Teil der Verschwörung oder zu blind, sie zu erkennen.

„Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal!“

Genau dieses Weltbild hat Naidoo über Jahre bedient. Nicht beiläufig, nicht missverständlich, sondern explizit. Nun sprach Naidoo jüngst, am Dienstag, dem 17. Februar, auf einer Demonstration vor dem Kanzleramt für Kinderschutz über Kannibalismus: „Unwissentlich haben wir alle bestimmt schon einen Menschen gegessen“, versichert er einer Frau. Und weiter: „Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal!“ Er schwurbelt über Menschen, die „selbst Kannibalen sind“ und ein Interesse daran hätten, „dass wir alle Kannibalen werden, damit wir alle in die Hölle runterfahren“.

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Und irgendwo zwischen Endzeitpathos und Erweckungsrhetorik wurde selbst der Supermarkt verdächtig: Chips als mögliches Nebenprodukt einer finsteren Elite. Ein Chiphersteller würde absichtlich embryonales Gewürzmittel zufügen. Das ist keine Zuspitzung, er scheint das so zu meinen. 

Dabei ist das keine neue Erzählung. Sie greift auf bekannte antisemitische Erzählungen wie die Ritualmordlegende zurück, die Jüdinnen*Juden seit dem Mittelalter unterstellt, christliche Kinder zu entführen und zu töten, um ihr Blut, etwa zur Herstellung von Matz, zu verwenden. Solche Projektionen dienten historisch der Entmenschlichung und Legitimation von Gewalt und werden in heutigen Verschwörungsnarrativen lediglich modernisiert und neu aufgeladen.

Dass es reale sexualisierte Gewalt gibt, auch durch mächtige Männer, ist unstrittig. Dafür braucht es weder QAnon noch Xavier Naidoo. Der Fall Epstein ist belegt, dokumentiert, juristisch aufgearbeitet. Aber er bestätigt keine Theorie von globalem Kannibalismus, Blutritualen oder geheimen Kinderfarmen. Er bestätigt vor allem eines: dass Verschwörungsideologien reale Verbrechen instrumentalisieren, um Fantasien glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Genau hier liegt der Trick. QAnon dockt an Wirklichkeit an und biegt dann radikal ab. Wer diesen Sprung nicht mitmacht, gilt als naiv oder Teil des Systems. Wer ihn kritisiert, wird als Zensor markiert. Und wer jetzt fordert, man müsse sich bei Naidoo entschuldigen, macht diesen Mechanismus nachträglich salonfähig. Xavier Naidoo hatte kein Erkenntnisproblem. Er hatte, und hat, ein Ideologieproblem. Und dafür schuldet ihm niemand eine Entschuldigung.

Epstein! Eliten! Kindesmissbrauch!: Erkenntnis braucht Zeit

Was wir heute im Fall Epstein wissen, ist monströs und beängstigend. Aber vor allem ist es unvollständig. Erst mit zeitlichem Abstand und durch sorgfältige journalistische Recherche wird sich zeigen, welches Ausmaß die Verbrechen tatsächlich hatten, wer Verantwortung trägt und wo staatliche Institutionen versagt haben. Erkenntnis entsteht nicht durch Gerüchte oder TikTok-Deutungen, sondern durch überprüfbare Fakten, Quellenarbeit und öffentliche Kontrolle.

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