Ende Juli 2026 meldete die Süddeutsche Zeitung, gefolgt von zahlreichen Nachrichtenagenturen, es gebe 22 „Active Clubs“ in Deutschland, an deren Aufbau der bayerische Neonazi Patrick Schröder maßgeblichen Anteil habe. Das Detail, dass die Zahl aus der Szene selbst stammt, wurde allerdings verschwiegen. Wer die Kanäle der Clubs bewusst durchsieht, findet vor allem Weiterleitungen, mitgezählte Parteijugenden und Gruppen, die seit Jahren nichts Eigenes veröffentlicht haben. Eine bekannte Taktik aus der rechtsextremen Szene: Sie möchte größer wirken, als sie ist. Für diesen Text wurden alle 28 Telegram-Kanäle ausgewertet, die die Szene selbst zum deutschen Active-Club-Netz zählt: 4.829 Beiträge seit 2021.
Das Format der Active Clubs geht auf den US-amerikanischen Neonazi Robert Rundo zurück, der 2017 gemeinsam mit Benjamin Daley das „Rise Above Movement“ gründete und dessen Organisationsmodell anschließend nach Europa exportierte. Die Vorlage für den Kampfsportteil lieferte der russisch-deutsche Neonazi Denis Kapustin, der mit der Event- und Bekleidungsmarke „White Rex“ den extrem rechten Kampfsport professionalisiert und als Lifestyle vermarktet hatte. Von 2021 bis 2023 betrieben beide gemeinsam einen Podcast.
Ein Active Club ist keine Organisation mit Mitgliedsausweis, sondern ein Franchise. Wer sich dem Lifestyle verschreibt, kann einen gründen. Unter welchem Namen ist zweitrangig. Es geht darum, Faschismus als Lifestyle verfügbar zu machen und an den Mainstream anzudocken.
Wer steht eigentlich auf der Liste?
Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte der Süddeutschen Zeitung mit, seit dem Frühjahr 2024 lasse sich „die Gründung einer Vielzahl an regionalen Active Clubs“ feststellen. Eine konkrete Zahl nannte die Behörde nicht. Die 22 stammen aus einer Zählung von Telegram-Kanälen, in denen die Szene ihre Ableger selbst auflistet. Der französische neonazistische Kanal „Memoria Natio“ listet 18. Die Anzahl wird beinahe willkürlich festgelegt, je nachdem, wer zählt.
Auf den Listen stehen Gruppen, die keine Active Clubs sind, sondern Stützpunkte der „Jungen Nationalisten“, der Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“ (früher NPD). Dazu gehören die Dresdner „Elblandrevolte“, die „Pforzheimrevolte“, oder „Hermanns Heide“. Diese Strukturen kennen – anders als ein Active Club – Mitgliedschaft, Satzung und Vorstand. Daneben stehen Dachkanäle ohne eigenständige Gruppe wie „Active Club Nordrhein“. Die Liste zählt also nicht Clubs, sondern Kanäle. Im August 2026 kamen zwei Kanäle dazu, der „Active Club Oberbayern“ und der „Active Club Chemnitz“.
Was ein „Active Club“ sein soll
Was zwischen den Gruppen zirkuliert, ist kein Programm, sondern ein Format. Die Szene nennt es „Blueprint“: Handbücher, lose Verhaltensregeln und thematische Schwerpunkte, kostenlos verteilt über die eigenen Kanäle. Die Gruppen agieren autonom und synchronisieren sich nicht über eine Führung. Voraussetzung ist die ideologische Hingabe an das faschistische Projekt und die Bereitschaft, Content zu erstellen.
Nach außen zeigen die Kanäle vor allem Körper und Kameradschaft: Training mit Hanteln und Boxhandschuhen, Wanderungen, Gruppenfotos. Die Ideologie folgt eine Ebene tiefer. Auf dem Substack der Hausmarke „Will2Rise“ aus dem Umfeld des Active-Club-Gründers Rundo stehen die Texte, die den Rest liefern: Antifeminismus, Queerfeindlichkeit, NS-Verherrlichung und Anleitungen dazu, wie man die eigene Identität verschleiert.
Auf den Bildern ist davon wenig zu sehen; dort stehen der Aktivist und die Kameradschaft im Vordergrund. Die Szene nennt das „White Nationalism 3.0“, die dritte Auflage nach Skinheads und Alt-Right. Ihr Idealtyp ist der „Cultured Thug“, der Mann, der kämpfen und denken kann. Ein Handbuch dazu gibt es auch. Im Zentrum steht die Anbindung an eine imaginierte weiße Arbeiterklasse. Das historische Vorbild sind die Saalschutztruppen des frühen italienischen Faschismus und die SA.
Der Kanal ist der Club
Für Active Clubs ist Social Media kein Beiwerk, sondern der eigentliche Betrieb. Wer einen Club gründet, verpflichtet sich nicht auf ein Programm, sondern darauf, Material zu produzieren: Trainingsfotos, Videoschnipsel, Grafiken. Eine Gruppe, die nichts postet, spielt für das Netzwerk keine Rolle. Deshalb zählt die Szene Telegram-Kanäle statt Ortsgruppen. Telegram ist dabei nicht die erste Wahl, sondern die Ausweichfläche. Auf Instagram und TikTok werden die Auftritte der Clubs regelmäßig wegen Extremismus gesperrt, auf Telegram fast nie. Gepostet wird dort trotzdem Material, das für Instagram oder TikTok gemacht ist: kurze Clips im Hochformat, schnelle Schnitte, harte Musik. Auf Telegram bedienen sie damit ihr internes und externes Publikum gleichzeitig. Die Telegramkanäle dienen damit als Archiv, als eine Art Arbeitsnachweis eines Active Clubs. Eine Handvoll Leute kann ein Netzwerk aus Dutzenden Gruppen simulieren, indem sie sich gegenseitig die dort geposteten Inhalte durchreichen.
Was die deutschen Kanäle tatsächlich tun
Wer die deutschen Telegramkanäle durchscrollt, sieht vor allem fremdes Material. Beiträge von „Active Club Polska“, Grafiken des Bautzener Studios „Balaclava Graphics“, Material amerikanischer Clubs, dazwischen Meldungen aus der etablierten deutschen extremen Rechten. Auf jeden selbst erstellten Beitrag kommen gut anderthalb weitergeleitete, und zwei Drittel dieser Weiterleitungen kommen von außerhalb des deutschen Active-Club-Netzes.
Was nach Leere aussieht, hat dabei verschiedene Ursachen. Der „Active Club Herzogtum Lauenburg“ hat seit Kanalbestehen fünf eigene Beiträge bei 133 Weiterleitungen auf Telegram, ein Kanal, hinter dem kaum eine Gruppe erkennbar wird. Der „Active Club Ostwestfalen-Lippe“, der durch Razzien und Gewalttaten bekannt wurde, hat seit seiner Gründung im März 2024 genau einen Beitrag veröffentlicht, am 7. März 2024, und seitdem nichts mehr. Ob dort nie gepostet oder nach den Razzien aufgeräumt wurde, lässt sich von außen nicht sagen. Beides zeigt dasselbe: Ein leerer Kanal ist kein Beleg für eine untätige Gruppe.
Hinter der martialischen Fassade steckt erstaunlich wenig Eigenes. Ein Großteil dieser Clubs existiert vor allem als Kanal. Selbst der Dachkanal „Active Club Germania“ illustriert Beiträge über die deutsche Szene vornehmlich mit Bildern aus den USA. Eigenes Material sind dort meist Fotos verklebter Sticker. Wo Clubs wirklich etwas Eigenes zeigen, sind es der „Active Club Westerzgebirge“ und der „Active Club Güstrow“ mit Kampfsport- und Trainingsbezug. Der „Active Club Hamburg“ geht wandern.
Das ist kein Betriebsunfall. Wer weiterleitet, borgt sich Reichweite, die er selbst nicht hat, und simuliert eine Bewegung, die es in dieser Größe nicht gibt. Die deutschen Kanäle sind damit weniger Bewegung als Multiplikatoren. Sie holen die Bilder des transnationalen Netzwerks und die Meldungen der etablierten deutschen Rechten in den lokalen Raum, und was sie dabei vorführen, ist die Simulation eines Netzwerks. Von den 28 Kanälen sind 25 erst 2024 oder später entstanden, elf davon 2026, zwei erst im Juli und August. Gleichzeitig haben fünf seit über einem Jahr nichts mehr veröffentlicht.
Die Rolle von Patrick Schröder
Schröder gilt als Vordenker des deutschen Ablegers der Active Clubs. Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz geht davon aus, dass er einen „Fahrplan“ für den Aufbau von Clubs erarbeitet hat, die der partei- und organisationsübergreifenden Vernetzung der Szene dienen sollen.
Grundlage dieser Zuschreibung ist ein Artikel im neonazistischen Magazin „NS Heute“ mit dem Titel „Letzter Ausweg Active Club“, erschienen im Mai 2024. Schröder hat darin im Wesentlichen den Text „How to build an Active Club“ von der Will2Rise-Website ins Deutsche übersetzt. Ergänzt hat er einen eigenen Punkt. Um staatlicher Repression vorzubeugen, sollten Clubs eine Anbindung an „Die Heimat“ oder den „III. Weg“ erwägen. In den Monaten danach entstanden zehn der heute gelisteten Kanäle.
Schröder selbst ist Vizechef des bayerischen Landesverbands der „Heimat“ und handelt seit Jahren mit Kleidung und Medien. Er war Geschäftsführer der „Nemesis Production GmbH“, die die neonazistische Marke „Ansgar Aryan“ vertreibt und den „Wikingerversand“ betreibt. Als Gesellschafter ist er dort bis 2023 verzeichnet. Er podcastet mit dem Bautzener Neonazi Benjamin Moses von „Balaclava Graphics“ und in Eigenproduktion unter „FSN“. Beworben werden dabei vor allem Textilien. Das Geschäft und der Lebensstil, den der Active Club verkauft, sind bei Schröder dasselbe.
Im Februar 2025 wollte der Aktivist beim neonazistischen Gedenkmarsch in Dresden einen eigenen Active-Club-Block stellen. Zusammen mit Balaclava Graphics verteilte er zahlreiche „Active Club Germania“-Schlauchschals. Der Block bestand also aus Leuten, die das Erkennungszeichen kurz zuvor von dem Neonazi-Unternehmer bekommen hatten. Ein Jahr später gab es keinen Block mehr. Nach eigener Zählung trugen noch etwa neun Personen einen solchen Schal.
Schröder kämpft nicht, trainiert niemanden und hat den Blueprint nicht geschrieben, sondern übersetzt. Bei den Lagerverkäufen des „Kampf der Nibelungen“ ist er regelmäßig zu sehen, im Ring oder als Instructor jedoch nicht. Was er beiträgt, sind ein Label, Textilien und die Reichweite seiner Kanäle. Er baut keinen Club auf, er produziert sich als dessen Vordenker. Der wichtigste deutsche Akteur im internationalen Netzwerk ist er ohnehin nicht. Das ist der NS-Rapper Jann „Azatro“ Blummhoff, der über das schwedische Gym XIV international deutlich präsenter ist.
Warum das Konzept in Deutschland nicht zündet
Das Faschismus-Franchise ist in Deutschland überschaubar, und das hat zwei Gründe:
Erstens gibt es hier bereits ein dichtes Angebot an jugendzentriertem Rechtsextremismus. „Nationalrevolutionäre Jugend“, „Junge Nationalisten“, „Deutsche Jugend voran“ – die Liste militanter Parteijugenden und Jugendkameradschaften ist lang. Alle bieten Gemeinschaft, gemeinsames Kampfsporttraining, Wanderungen, Schulungen und Ausfahrten. Active Clubs schließen in dieser Organisationsstruktur keine Lücke. Was in Deutschland passiert, ist deshalb meist keine Neugründung, sondern eine Umbenennung.
Zweitens ist der rechtsextreme Kampfsportmarkt besetzt. Alexander Deptolla aus Dortmund verdankt einen Teil seines Erfolgs demselben Denis Kapustin, dessen „White Rex“ den Sektor professionalisiert und rechtsextreme Ideologie an den Fitnesstrend gekoppelt hat. Deptolla ist enger an „Die Heimat“ angebunden als die Clubs, zu sehen an den gemeinsamen „offenen Abenden“ in Dortmund-Dorstfeld und in seinem neuen Wirkungskreis im Harz. Und sein „Kampf der Nibelungen“ übernimmt den Europa-Vertrieb der Active-Club-Hausmarke „Will2Rise“. Nicht der Club erschließt sich den deutschen Markt, der etablierte Veranstalter nimmt die Marke ins Programm.
Auch international bleibt der deutsche Ableger blass. Bei der „Fight Night Dietsland“, dem bekanntesten Event des europäischen Netzwerkteils, treten Neonazis aus ganz Europa an. Deutsche Kämpfer kamen bislang vom „III. Weg“, genauer gesagt dessen Jugendsparte. Ausgerichtet wird sie vom „Active Club Dietsland“ – „Dietsland“ ist der völkische Begriff für den niederländisch-flämischen Raum – mit Unterstützung aus dem internationalen rechtsextremen Kampfsportmilieu.
Eigene Kämpfer des deutschen Ablegers sind in den ausgewerteten Kanälen nicht dokumentiert. Anwesend sind Deutsche dort trotzdem. Azatro drehte bei der Veranstaltung 2025 eines seiner Musikvideos.
Was daraus folgt
Active Clubs gehören zum militanten Neonazismus. Ihre Mitglieder trainieren für Auseinandersetzungen und wähnen sich in einem andauernden Kriegszustand gegen die moderne Gesellschaft. Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz geht davon aus, dass hier Kampfsport trainiert wird, um sich auf einen vermeintlich bevorstehenden „Rassenkrieg“ vorzubereiten.
Ein neues Zentrum des organisierten Rechtsextremismus sind sie in Deutschland trotzdem nicht. Faschismus als Lifestyle ist weder neu noch innovativ, und die Gruppen, die sich das Label umhängen, gab es meist schon vorher. Wer die Szene über ihre Kanäle zählt, kommt deshalb an der falschen Stelle heraus.
Der Lifestyle-Faschismus, für den die Active Clubs stehen, wird längst breiter propagiert, von der Identitären Bewegung bis zur „Generation Deutschland“. Zu beobachten wäre also, wer dort tatsächlich aktiv ist und wie Jugendliche über eine Mischung aus Freizeitangebot und Online-Radikalisierung in den militanten Rechtsextremismus geraten.
Bastian Stock ist Extremismus- und Bewegungsforscher an der TU Dresden. Er forscht zum Active-Club-Netzwerk und rechtsextremen Phänomenen auf der Straße und im Internet.


