Mit Trillerpfeifen im Mund und Handykameras in der Hand stehen sie an Straßenecken, vor Schulen und in Wohnvierteln: Nachbar*innen in Minneapolis, die sich gegen Abschiebungen stellen. Wenn Fahrzeuge der US-Einwanderungsbehörde ICE auftauchen, schlagen sie Alarm – laut, sichtbar und gemeinsam.
Als die Einwanderungsbehörde ICE mit Tausenden Beamtinnen in Minnesota aufmarschierte, reagierten viele nicht mit Rückzug, sondern mit Widerstand. In Minneapolis stellten sich Nachbarinnen den Einsatzkräften entgegen: mit Trillerpfeifen, Kameras und einem eng geknüpften Netzwerk gegenseitiger Unterstützung.
Die Operation „Metro Surge“ führte zu Tausenden Festnahmen und gleichzeitig zu einer neuen Qualität zivilgesellschaftlicher Organisierung.
Autumn Brown, BiPoC-Schriftstellerin und Podcast-Host von „How to survive the End of the World“, lebt in Minneapolis, in einem Stadtteil, der am stärksten von ICE-Entführungen betroffen ist. Im Interview mit Belltower.News reflektiert sie über die letzten Monate, wie sie sich und ihre Familie schützt und inwieweit die Taktiken von Minnesota auf andere Gemeinden übertragbar sind.
Belltower.News: Autumn Brown, in den letzten Monaten hast du ja inmitten der ICE-Besetzung gelebt und warst auch Teil der ICE-Watch-Gruppen, die ICE-Agent*innen konfrontiert haben. Wie schützt du dich vor mentaler und physischer Gewalt?
Autumn Brown: Meine Beziehung zu Sicherheit hat sich sehr verändert, seitdem ich durch das alles hier gehe. Menschen reden viel über Fight, Flight, Freeze, Fawn (Kampf, Flucht, Erstarren, Anpassen). Aber ich glaube, was wir hier tun, ist etwas Besonderes. Jedes Mal, wenn wir nach draußen gehen, mit der Trillerpfeife im Mund und der Kamera unterm Arm, dann rennen wir nicht, oder erstarren. Stattdessen konfrontieren wir die ICE-Beamt*innen, indem wir ihnen einfach gegenüberstehen.
Fühlst du dich dabei sicher?
Nein, das nicht. Aber ich fühle mich beschützt. Meine Nachbarn stehen hinter mir. So etwas habe ich noch nie erfahren.
Du bist ja auch Mutter von drei Kindern. Wie ist es, während so großer Unsicherheit wie bei der ICE-Besetzung, für die Familie zu sorgen?
Was wirklich geholfen hat, war, dass wir uns als Familiensystem zusammengesetzt und ein Evakuierungskonzept überlegt haben. Also unter welchen Umständen würden wir die Stadt verlassen, wie würden wir wissen, dass diese Umstände eingetroffen sind, und was wäre unser Weg aus der Stadt? Dafür haben wir auch Bekannte gefragt, die in Kriegsgebieten gelebt haben. Die haben uns erklärt, ab wann es Zeit wäre, mit unseren Kindern zu gehen.
Welche Zeichen würden dir signalisieren, dass du Minnesota verlassen musst?
Wenn die Regierung aktive Militärtruppen in die Stadt schicken würde. Zum Glück ist dieser Moment nie gekommen, wir befinden uns ja gerade in einem Moment der Deeskalation. Aber ich muss mich selbst immer daran erinnern, dass es noch nicht wirklich vorbei ist. Wir haben in der Vergangenheit in LA und Chicago gesehen, wie ICE operiert: Sie ziehen sich zurück und kommen dann wieder.
Die Bilder von Minnesotas Bürger*innen, die mit Trillerpfeife bewaffnet für die Sicherheit ihrer Mitmenschen einstehen, sind um die Welt gegangen. Wie strukturiert sich deine Nachbarschaft, um so der ICE-Besetzung zu widerstehen?
Du musst dir das in einer Art Zellstruktur vorstellen. Jeder Block in der Stadt wird online durch einen hyper-lokalen Thread organisiert, der durch Mundpropaganda geteilt wird und dem nur beigetreten werden kann, wenn ein Nachbar für dich bürgt. Durch diese Threads organisieren wir auch den Rapid-Response-Thread, wo wir reinschreiben, wenn wir ICE-Agent*innen gesehen haben.
Ich stelle mir das kompliziert vor, wenn viele Menschen gleichzeitig kommunizieren.
Am Anfang herrschte noch wirklich viel Chaos, da einfach mehrere tausend Menschen alles, was sie wichtig fanden, gepostet haben. Es hat ungefähr vier Wochen und strikte Administratoren gebraucht, bis wir verstanden haben, welche Infos relevant sind: Sichtung, Aktivität, Equipment, Größe etc. Aber dadurch hatten wir im frühen Januar, als Renee Good getötet wurde, einen Thread, der sehr effizient war.
Es gibt aber auch die Threads der solidarischen Hilfsnetzwerke, die von der Nachbarschaft oder Schulen organisiert werden. Die sind für Essenslieferungen, Patrouillen bei Schulen, oder Mitfahrgelegenheiten für Kinder. Denn im Januar hat sich herauskristallisiert, dass ICE immer wieder auf Schulen abzielt, vor allem während der Abhol- und Bringzeiten, um Kinder als Köder zu verwenden.
Dann gibt es auch noch Mietunterstützungs‑Kanäle, wo wir Geld für Miete und Nahrungsmittel sammeln für die Menschen, die wegen der Deportierungen das Haus nicht verlassen und deswegen nicht arbeiten können.

Übersetzt sich das auch in die analoge Nachbarschaft wie in Gruppenveranstaltungen?
Sicher, etwa während der Vorbereitungen der Essenslieferungen. Aber wir haben auch viele Selbstverteidigungstrainings, Anti-Zwangsräumungstrainings, Rechtsbeobachtungs-Trainings, ICE-Patrouillen-Trainings in Gemeindezentren, oder politische Bildungsveranstaltungen. Letzte Woche erst hatten wir diese Bildungsreihe „MELT the ICE“.
Minneapolis ist ja auch bekannt für die BLM-Bewegung und das intersektionale Organisieren gegen Polizeigewalt nach der Tötung von George Floyd. Welche Rolle spielt multiethnischer Aktivismus auch während der ICE-Besetzung?
Wir sind hier eine sehr durchmischte Gemeinschaft, mit vielen BiPoC und Indigenen Menschen, die unseren Widerstand auch viel organisieren. Aber der Großteil der hier lebt ist immer noch weiß.
Dass wir so gut zusammenarbeiten, hängt auch wirklich von den letzten Jahren ab. Minneapolis ist durch eine ziemlich harte Zeit gegangen. Es waren so viele schmerzhafte Niederlagen, die uns beibrachten, wie wir uns in multiethnischen Gemeinschaften politisch organisieren. Das alles ist nicht von unsichtbarer Hand erschienen. Nur wegen dieser Vorgeschichte sehen wir heute dieses Ausmaß von organisiertem Widerstand.
Zählt dazu auch, dass weiße Menschen wie Renee Good sich an die vorderste Front stellen und sterben? In deinem Podcast hast du gesagt: „Renee Good wurde nicht trotz ihrer Hautfarbe getötet, sondern genau weil sie weiß war.“ Was meinst du damit?
Ich war sehr verärgert über Kommentare, die meinten, dass die mediale Aufmerksamkeit an ihrem Tod durch ihre Hautfarbe begründet sei, denn die verfehlen einfach das Wesentliche, was hier gerade geschieht. Wenn weiße Menschen an der Front für Freiheit sterben, dann haben wir in unserer Bewegung eine wirklich wichtige Schwelle für umfassende multiethnische Gerechtigkeit überschritten.
Können auch Gemeinden dieses multiethnische Organisieren lernen, die nicht in Minnesota leben, oder Mobilisieren im Kontext von George Floyd erlernt haben?
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es etwas anders aussehen wird. All das, was wir hier machen, die Threads und die Fundraiser kann jemensch übernehmen, aber es wird sich kontextabhängig verändern. In Vororten oder auf dem Land, wo alles fragmentierter und auch rassisch segregierter ist, ist es sehr viel schwieriger, Entführungen und Verschleppungen zu beobachten und zu verhindern, weil alle so weit weg voneinander leben. Auch weiße Menschen sind dort nicht so gut organisiert. Menschen sind überall mutig, aber die Infrastruktur ist nicht die gleiche und das müssen Organisierende bedenken.
Inwiefern können sich andere Organisationen von eurer Art inspirieren lassen? Gebt ihr das Wissen weiter?
Natürlich! Vieles ist besonders für unsere Art des Mobilisierens, aber viel haben wir auch von jenen gelernt, die ICE schon einmal gegenüberstanden. Die Organisation „States at the Core“ aus Chicago und deren ICE-Watch-Trainings sind für uns in Minnesota ein Beispiel für dieses Skill-Sharing.
Was Minnesota beweist, ist, dass Skill-Sharing besonders in hyper-lokalen, dezentralisierten Netzwerken aufblüht. Über die Jahre haben wir für diese Dezentralisierung und Demokratie gekämpft und wurden immer abgetan mit dem Argument, dass es einfach nicht funktional ist. Aber gerade in diesem Moment erfahren wir, dass es eben doch klappt. Und das ist das Wunderschöne an diesem Widerstand.
Letztens habe ich im DLF eine Sendung gehört, in der ein Historiker argumentierte, dass der Widerstand in Minnesota gegen ICE und die Trump-Administration nicht wirkungsvoll ist, weil sie nicht institutionalisiert ist. Wie würdest du das einschätzen?
Das ist wirklich lustig zu hören, weil das so unterschiedlich zu dem ist, was ich hier sehe. Unser Widerstand ist so effektiv, weil er eben nicht institutionalisiert ist. Es gibt ein paar Gewerkschaften, die Proteste organisieren, aber der Großteil der alltäglichen Arbeit ist von unserer Nachbarschaft gestemmt.
Dieses System und seine Institutionen haben Faschismus hervorgebracht und erlaubt, sich in den USA auszubreiten. Faschismus ist in all unseren Institutionen. Ich glaube, gerade gibt es wohl keine Institution, die nicht vergiftet werden könnte. Irgendwann vielleicht, wenn wir in einem befreienden System leben, werden unsere Institutionen befreiend sein. Aber solange das nicht der Fall ist, können es auch unsere Institutionen nicht sein.


