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Mr. Bond vor Gericht Neonazi-Rapper gesteht emotionslos seine Schuld ein

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Vor Gericht in Wien: Philip H. alias Mr. Bond
Vor Gericht in Wien: Philip H. alias Mr. Bond (Quelle: picture alliance/Tobias Steinmaurer/APA/picturedesk.com)

Update 31. März 2022: Philip H. wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, sein Bruder Benjamin H. bekam vier Jahre. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Beide wurden der nationalsozialistischen Wiederbetätigung nach dem österreichischen Verbotsgesetz für schuldig befunden.

Wie gefährlich Philip H., besser als der Neonazi-Rapper Mr. Bond bekannt, tatsächlich ist, wird gestern am ersten Prozesstag in Wien gegen den 37-Jährigen aus Kärnten deutlich: Bei einer Hausdurchsuchung wurde eine Faustfeuerwaffe samt Munition und ein Luftdruckgewehr sichergestellt, die er legal besessen haben soll. Fotos, die von Ermittler:innen sichergestellt wurden, sollen Philip H. am Schießstand zeigen. Erst zehn Tage nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Christchurch, Neuseeland, mit 51 Todesopfern und 40 Verletzten, habe eine Überprüfung für die Erlangung einer Waffenbesitzkarte stattgefunden, erfährt das Gericht. Der Killer war Mr. Bond offenbar ein Vorbild: Er widmete ihm ein Lied und übersetzte sein „Manifest“ ins Deutsche.

Zehn Tage vor seiner Verhaftung im Januar 2021 habe Philip H. online zur Herstellung von 3D-Waffen recherchiert, berichtet das österreichische Rechercheportal Stoppt die Rechten aus dem Gerichtssaal – Waffen wie die, die der Halle-Attentäter selbst baute. An Jom Kippur 2019 versuchte der Täter schwer bewaffnet in eine Synagoge einzudringen, um die dortigen 52 zu ermorden. Dabei hörte er den Mr.-Bond-Titel „Powerlevel“ – ein „Kommentar zur Tat“, wie der Halle-Täter später vor Gericht sagte. Er erschoss zwei Menschen. Auch auf dem Cover von Mr. Bonds letztem Album aus 2019 ist eine weitere Verehrung von einem Rechtsterroristen zu finden: ein Foto des Pittsburgh-Attentäters, der 2018 elf Menschen in einer Synagoge ermordete. Der Albumtitel besteht aus seinen letzten Worten vor der Tat auf der Social-Media-Plattform „Gab“: „Screw your optics, I’m going in.“ Scheiß drauf, wie’s aussieht. Ich gehe rein.

Schon deshalb ist die Einstufung der Sicherheitsbehörden von Mr. Bond mehr als zutreffend: In der Anklageschrift, die Belltower.News vorliegt, ist zu lesen, dass der österreichische Verfassungsschutz Mr. Bond für „besonders gefährlich“ hält, weil „er selbst ein Attentat planen oder andere mit seinen Liedern dazu animieren könnte, Anschläge zu begehen.“

Vor diesem Hintergrund gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen am ersten Prozesstag. Die Anklage wiegt schwer: „nationalsozialistische Wiederbetätigung“ nach dem österreichischen Verbotsgesetz. Mr. Bond droht eine langjährige Haftstrafe, bis zu 20 Jahren. Doch der angeklagte Philip H., seit Januar 2021 in Untersuchungshaft und in Handschellen vorgeführt, zeigt sich überraschend reuig. Von einem Blatt ablesend gibt er sich in allen Anklagepunkten schuldig: „In der U-Haft habe ich erkannt, dass mein Handeln falsch war. Ich war verblendet und will mich aufrichtig entschuldigen. Es tut mir leid“, liest er emotionslos in einem knappen Statement vor. Fragen will er nicht beantworten.

Mitangeklagt ist auch Mr. Bonds jüngerer Bruder, der 34-jährige Benjamin H, der online unter dem Alias „Kikel Might“ agiert. Die Staatsanwaltschaft Wien wirft ihm vor, im permanenten Austausch mit seinem Bruder gestanden und sich in unzähligen Mails etwa über Mr. Bonds Musikstücke und die Gestaltung der Cover ausgetauscht zu haben. Doch an der Verbreitung von neonazistischem Ton- und Bildmaterial will er seinen Bruder Philip nicht unterstützt haben.

Ein Bombshell: Benjamin H. zeigt sich zumindest in Teilen geständig – und gibt zu, die antisemitische Webseite „Judaswatch“ betrieben zu haben, wie die Rechercheplattform Endstation Rechts berichtet. Ermittler:innen seien über Funde bei der Hausdurchsuchung bei Mr. Bond auf den Bruder aufmerksam geworden, heißt es. „Judaswatch“ betrieb eine Feindesliste von rund 1.800 Personen weltweit, davon 380 aus Deutschland, und richtet sich gegen Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus aussprechen. Auch Namen von Mitarbeiter:innen der Amadeu Antonio Stiftung fanden sich auf dieser Liste. Die Jüdinnen und Juden unter ihnen sind mit Davidstern markiert. Nach eigenen Angaben ist der Zweck der Liste, die „Dokumentation von Verrätern der weißen Rassen und Subversiven, zeigt besonders den jüdischen Einfluss“. Die Seite ist inzwischen offline.

Schon länger bekannt war, dass der „Judaswatch“-Betreiber in Wien lebte und Kontakt zu Mr. Bond hatte: 2017 sollen die beiden im Neonazi-Forum „Daily Stormer“ versucht haben, ein Treffen für „Stormers“ in der österreichischen Hauptstadt zu organisieren (siehe Der Standard). Ideologisch stehen sich die beiden Brüder nah: In privaten Chats sollen sie sich mit „HH“ – Heil Hitler – verabschiedet haben, erfährt das Gericht. Über Philip H. sagte ein Ermittler vor Gericht: „Die gesamte Lebensenergie des Erstangeklagten fließt in die Verherrlichung des Nationalsozialismus.“

Die Anklageschrift zählt 76 Beispiele auf aus Songzeilen, Musikvideos und Artwork von Mr. Bond, die NS-Symbole beinhalten oder Hitler, den Nationalsozialismus und die Massenvernichtung von Jüdinnen:Juden glorifizieren. Philip H. sammelte zudem fleißig nationalsozialistische Bücher und Propagandamaterial zu Hause: Die Staatsanwaltschaft nennt 16 Titel, darunter Hitlers „Tischgespräche im Führerhauptquartier“ und Goebbels „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“. Hinzu kommen acht T-Shirts mit NS-Symbolen, zwei Schwarze-Sonne-Flaggen und eine Reichskriegsflagge. Ein braunes Sammelsurium an NS-Fanartikeln.

Fünf Alben hat Mr. Bond seit 2016 online selbstveröffentlicht. „Mein Kampf Mixtape Vol. 1488“ hieß sein Debüt – 20 Coverversionen von Künstler:innen wie Jay Z („88 Problems“), The Bloodhound Gang („The Mosque is on Fire“) und The Scorpions („Wind of Adolf“). Das Albumcover zeigt Hitler mit Sonnenbrille und einer Hakenkreuz-Goldkette. Er singt und rappt über Mordphantasien gegen Jüdinnen:Juden, Schwarze und Homosexuelle. Über Gaskammern und Rassenkrieg. Vor Gericht werden vier seiner Songs vorgespielt.

Mit seiner Musik soll Mr. Bond auch seinen Lebensunterhalt verdient haben, so die Staatsanwaltschaft Wien. Ein lukratives Geschäft: Allein über eines von Philip H.s Bitcoin-Wallets liefen zehntausende Euro an vermeintlichen Spenden ein, wie die Tagesschau berichtet. Vor Gericht sagen Ermittler:innen, allein bei einer Musikplattform sei eines seiner Alben rund 340.000 Mal heruntergeladen. Doch getreu dem Motto, „Follow the Money“, wurden ihm seine Einnahmen zum Verhängnis: Über PayPal kamen Ermittler:innen Philip H. schließlich auf die Spur.

Mr. Bond soll gute Verbindungen zu Neonazis rund um den Globus haben. So soll er unter anderem für den amerikanischen Republikaner-Politiker und Holocaustleugner Patrick Little Plakate gestaltet haben. Zudem hielt er Kontakt zum skandinavischen Neonazi-Netzwerk „Nordic Resistance“ (siehe Belltower.News). Seit seiner Verhaftung werden in rechtsextremen Telegram-Gruppen Spenden für H. gesammelt. Eine Bitcoin-Adresse sammelte mit 67 Überweisungen 0.08104331 BTC – nach aktuellem Kurs knapp 3.400 Euro.

Der deutschen Bundesregierung ist der Neonazi-Rapper Mr. Bond bereits bekannt, heißt es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke), die Belltower.News exklusiv vorliegt. Doch viel mehr ist aus den Antworten nicht zu erfahren. Welche Kontakte hatte Philip H. mit deutschen Rechtsextremen? Trat er bereits in Deutschland auf? Hatte er vor oder nach dem Anschlag in Halle Kontakt mit dem Attentäter?

Über diese Fragen will die Bundesregierung keine Auskunft geben – da dies einen unverhältnismäßigen Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung bedeuten würde, heißt es. Die rechtsextreme Musikszene „verfügt über eine nicht zu unterschätzende Rekrutierungs- und Bindungsfunktion”, so die Bundesregierung weiter – und nennt rund 150 rechtsextreme Bands sowie ca. 50 Liedermacher und Solo-Interpreten. Doch der Erkenntnisstand der Sicherheitsbehörden wirkt ansonsten lückenhaft – nicht nur in Bezug auf Mr. Bond.

„Was die Verbreitung der Musik über das Internet und ihre Urheber angeht, wirken sowohl Polizei als auch Geheimdienst nach wie vor hilflos“, kritisiert die Linken-Sprecherin für Innenpolitik Renner gegenüber Belltower.News. „Das muss sich, auch mit Blick auf das Verfahren in Österreich, in Deutschland dringend ändern.“ Gleiches gelte für die Aufdeckung von Finanzströmen in der rechten Szene. „Sollten auch aus Deutschland finanzielle Mittel an Philip H. geflossen sein, müssen die Beteiligten ermittelt werden“, so Renner weiter.

Auch in Bezug auf den angeklagten Benjamin H., den Betreiber von „Judaswatch“, findet sie deutliche Worte: „Es ist erschreckend, wie lange die Behörden gebraucht haben, um den Betreiber einer antisemitischen Hetzseite ausfindig zu machen“. Antisemitische Hetze im Internet müsse von deutschen Sicherheitsbehörden stärker bekämpft werden, so Renner weiter.

Am 31. März 2022 wird der Prozess gegen Philip und Benjamin H. fortgesetzt – mit Schlussplädoyers und Urteilen.

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