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Praktikum bei der Neuen Rechten AfD statt Klassenzimmer

Eine Schülerin aus Baden-Württemberg fällt im Netz mit menschenfeindlichen Videos auf: Es geht um mordende Migrant*innen und nicht neutrale Schulen. Jetzt ist die 15-Jährige Reporterin für das rechtsextreme Magazin Compact.

 
Björn Höcke im Interview mit der 15-jährigen Influencerin. (Quelle: Screenshot von YouTube)

Ein Praktikum bei Alice Weidel, Parteiveranstaltungen der AfD, unterwegs mit Aktivist*innen der Identitären Bewegung, oder zu Gast im Podcast der neurechten Influencerin Michelle Gollan: Lea, die sich auf Instagram „MaedelmitMeinung“ nennt, ist für ihr junges Alter bestens vernetzt. Mit ihren 100.000 Follower*innen auf Instagram ist die 15-jährige Schülerin aus dem Ostalbkreis in Baden-Württemberg der neue Shootingstar der extremen Rechten.

„Girls just want cute coffee and remigration“, lautet die Überschrift eines ihrer Kurzvideos. Seit Neuestem produziert Lea Videos wie dieses als Reporterin für  Compact. Die Videos erscheinen auf ihrem Instagram-Profil, dem von Compact sowie dem dazugehörigen YouTube-Kanal. Auf Instagram hat das Magazin knapp 15.000 Abonennt*innen, auf YouTube sind es mehr als 500.000. Einige der Videos erreichen mehrere hunderttausende Klicks. Das rechtsextreme Magazin gilt als Sprachrohr der AfD. Dort erklärt die Schülerin zum Beispiel, warum sie sich im öffentlichen Raum nicht mehr sicher fühle: Frauen müssten jederzeit Angst haben, von Migrant*innen ermordet zu werden, behauptet sie. Neben angstschürenden Narrativen, berichtet die Schülerin auch über das vermeintlich nicht neutrale Bildungssystem. An Lea wird deutlich, wie erfolgreich Radikalisierungsprozesse verlaufen, und, wie die extreme Rechte junge weibliche Stimmen strategisch einbindet, um menschenfeindliche Positionen salonfähig zu machen.

Kurzvideos für Compact

Sorry we’re late, the Mausis were throwing a fit“, lautet die Überschrift eines viralen Videos von Lea. Es spielt auf einen scheinbar harmlosen TikTok-Trend an, bei dem Influencer*innen ihre Kleidung präsentieren. Im Video zeigt die Schülerin ihr Outfit gemeinsam mit Martin Sellner, einem der führenden Köpfe der europäischen Neuen Rechten. Der kurze Clip hat über 100.000 Aufrufe.

Im besagten Video ist außerdem Paul Klemm zu sehen – er ist TV-Chef von Compact. Für das Magazin ist Lea inzwischen als Reporterin und Meinungsbloggerin aktiv. Die Videos sind oft gleich aufgebaut: Vor neutralem Hintergrund, oben versehen mit Compact-Logo, erzählt sie ausufernd von fiktionalen Horrorszenarien. Auffällig ist, dass Lea ihre Zuschauer*innen immer wieder aktiv in ihre Erzählungen einbindet: „Du gehst kurz einkaufen und kommst nie wieder zurück“, heißt es zu Beginn eines Videos. Die meisten der Beiträge enden für die eingebundenen Zuschauer*innen mit dem Tod. Grund dafür: vermeintlich gewaltvolle Migrant*innen, die Lea immer wieder zynisch als „Fachkräfte“ betitelt. Die Videos sollen verängstigen, skandalisieren und empören – mit Erfolg: Viele der kurzen Clips erreichen über 100.000 Aufrufe.

„Deutsche Mädchen werden von Fremden vergewaltigt, deutsche Familienväter werden von Fremden niedergestochen, deutsche Mütter werden von Fremden getötet“, erzählt sie in einem weiteren Meinungsbeitrag für die Compact. Von welchen Fällen sie spricht, bleibt unklar. „Du könntest morgen der nächste sein, der in den Schlagzeilen landet, weil er von einer sogenannten ‚Fachkraft‘ umgebracht wird“, verdeutlicht Lea ihren Follower*innen. Immer wieder fordert die 15-Jährige in ihren Videos „massenhafte Remigration“. Die Forderung von millionenfachen Abschiebungen und Deportationen wirkt dank der ästhetischen Gestaltung ihrer Kurzvideos eher harmlos. Die Videos sind oft mit viraler Musik hinterlegt und scheinen so besonders massentauglich zu sein. In den Kommentaren gibt es Zuspruch: Einige Profile krönen die 15-Jährige bereits jetzt zur zukünftigen Spitzenpolitikerin der AfD.

Feindbild Schule

Bevor es mit der politischen Karriere losgeht, hat die junge Influencerin noch einige Schuljahre vor sich. „Linke Lehrer haben Angst vor mir“, behauptet Lea in einem Video für Compact. Sie spielt dabei auf ein virales Interview mit der neurechten Influencerin Michelle Gollan an, in dem sie über ihre Erfahrungen aus der Schule berichtet. Im Interview gibt sich die 15-Jährige als Mobbingopfer, das von ihren linken Mitschüler*innen als „rechtsradikal“ und „Nazi“ betitelt werde. Ihre Lehrer*innen wüssten über ihr Engagement und die Anfeindungen Bescheid, würden aber nichts unternehmen und sie stattdessen darüber belehren, mit wem sie sich umgibt. Ein Kommentar fragt nach den Vor- und Nachnamen der Lehrer*innen.

Die Rede vom angeblich nicht neutralen Bildungswesen ist beliebt in extrem rechten Kreisen. In einem Interview für Compact spricht Lea mit Björn Höcke über Schulen: Der AfD-Politiker dankt Lea für ihr Durchhaltevermögen gegen ihre angeblich links eingestellten Lehrer*innen. „Bildung muss entideologisiert werden“, ist das Fazit des früheren Geschichtslehrers. Diese „Entideologisierung“ fange bei den Pädagog*innen an, so Höcke.

Die AfD ist seit Jahren bemüht, Schulen und Lehrer*innen zu denunzieren, die sich gegen menschenfeindliche Botschaften positionieren. Dazu hat die rechtsextreme Partei die Plattform „Neutrale Schulen“ ins Leben gerufen, auf der vermeintlich linke Lehrer*innen gemeldet werden können, die gegen das Neutralitätsgebot verstoßen. Auch über Kleine Anfragen, die die Partei teils hundertfach in die Landtage einbringt, werden einzelne Lehrer*innen und Schulen angeprangert.

Die AfD beruft sich bei ihrem Engagement gegen Schulen immer wieder auf den sogenannten „Beutelsbacher Konsens“, den grundlegenden Kodex für politische Bildung in Deutschland. Dieser schreibt Lehrer*innen vor, Themen im Unterricht kontrovers darzustellen und Schüler*innen nicht mit bestimmten politischen oder weltanschaulichen Positionen zu beeinflussen, sondern ihnen zu ermöglichen, sich eigenständig eine Meinung zu bilden.

Der Konsens verlangt – anders als die AfD behauptet – nur eine parteipolitische Neutralität, und keine Werteneutralität. Lehrer*innen sind an das Grundgesetz gebunden. Mit anderen Worten: Lehrer*innen müssen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten und menschenfeindliche Aussagen einordnen bzw. korrigieren. Positionen von Akteur*innen wie Lea oder der AfD stehen dem gegenüber. Eben aus diesem Grund sind Schulen und Lehrer*innen ein Dorn im Auge der extremen Rechten.

TikToks gegen linke Schulen

Lea will mit ihrem Content gegen jene vermeintlich linke Indoktrination von Schüler*innen halten. Zuletzt warb sie für den Girls Day der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg. Der Schnuppertag richtet sich gezielt an Schüler*innen. Zuletzt absolvierte Lea ein Schüler*innenpraktikum bei Alice Weidel. In einem Video dankt die AfD-Parteichefin der 15-Jährigen für ihr Engagement und empfiehlt allen Schüler*innen vor der politischen Karriere Berufserfahrung zu sammeln. Das kurze Video erreichte über 1,8 Millionen Aufrufe und 70.000 Likes.

Mit ihren Videos wolle sie andere junge Mädchen erreichen und zum kritischen Denken anregen, wie sie im Interview mit Michelle Gollan erklärt. Dazu spielt sie bewusst mit bestehenden Ängsten und bindet die Zuschauer*innen direkt in ihre bedrohlichen Narrative ein. Einige ihrer Videos sind äußerlich hingegen eher harmlos gestaltet, oft hinterlegt mit viralen Trends und fröhlicher Musik. Ihr junges, zeitgemäßes Auftreten nützt der extremen Rechten, um menschenfeindliche Positionen zu legitimieren und das Feindbild eines angeblich links eingestellten Bildungswesens weiterzuspinnen. Dabei wirkt die Schülerin in ihrer radikalen Haltung trotz ihres Alters bereits gefestigt. Das dürfte auch ihrem Elternhaus geschuldet sein, das, wie sie selbst im Interview berichtet, ein konservatives Weltbild vertrete und Sympathien für die AfD hege.

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