„Wir haben in Deutschland viele echte Freunde“, schrieb Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation, auf seinen Social-Media-Kanälen. Gemeint seien jene, „die bereit sind, die Normalisierung der deutsch-russischen Beziehungen voranzutreiben und unsere Sicherheitsinteressen zu verstehen“. Am Samstag, dem 25. April, nimmt Netschajew an einer Kranzniederlegung im sächsischen Torgau teil. Wenige Meter hinter ihm steht einer dieser „echten Freunde“: der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß.
Rothfuß hat für denselben Tag zu einer Kundgebung unter dem Motto „Torgau für Frieden“ mobilisiert. In Sichtweite der historisch bedeutsamen Elbebrücke versammelt sich eine Mischung aus Verschwörungsgläubigen, Alt-Antiimperialist*innen und AfD-Anhänger*innen. Was sie eint, ist ihre Nähe zu Putins Russland.
Rund 150 Menschen nehmen teil, die meisten von ihnen deutlich älter als 50 Jahre. Zu sehen sind Russland- und Friedensflaggen, besonders häufig das Logo des Vereins „Druschba“, eine Kombination aus deutscher und russischer Flagge in Herzform.
Der Kranz des russischen Botschafters wird an diesem Tag allerdings nicht bei dieser Kundgebung, sondern an einem Denkmal inmitten des offiziellen Stadtfestes nur wenige Meter entfernt niedergelegt. Am „Elbe Day“ erinnert die Stadt Torgau an das historische Aufeinandertreffen US-amerikanischer und sowjetischer Soldaten am 25. April 1945. Neben der städtischen Feier und einer Kundgebung der kommunistischen DKP gibt es auch jene Versammlung, zu der AfD-MdB Rothfuß aufgerufen hatte: „Torgau für Frieden“. Anmelder ist der Besitzer eines örtlichen Copyshops.
Für Rothfuß bot der Tag in diesem Jahr zudem einen besonderen Anlass: Zum zehnten Jubiläum der „Druschba“-Fahrten sollten „Friedensfahrer“ aus ganz Deutschland zu einer Sternfahrt nach Torgau kommen, als Zeichen für einen Friedensschluss, „den auch die Bundesregierung nicht torpediert, so wie damals die Wehrmacht die Brücke über die Elbe gesprengt hatte“, sagte Rothfuß in einem Video auf dem Druschba-YouTube-Kanal.
Völkische Russlandfreund*innen
„Druschba Global“ organisiert seit 2017 Russlandreisen und geht auf einen in Leipzig gegründeten Verein zurück, an dem Rothfuß als Mitgründer beteiligt war. Trotz der Auflösung des Vereins im Jahr 2023 werden die Fahrten fortgeführt; die nächste startet laut Telegram am 17. Juli. Zuspruch erfährt „Druschba“ auch aus offiziellen russischen Kreisen: Teilnehmer*innen wurden bereits in der russischen Botschaft in Berlin empfangen, die die Fahrten als „aufrichtige Volksdiplomatie“ würdigt, die der „antirussischen Hysterie“ in Deutschland entgegenwirke.
Im Impressum firmiert inzwischen ein „Förderverein zum bewussten Umgang mit Mensch und Umwelt e. V.“, der auch mit einer geplanten „Mehrgenerationensiedlung“ in Baden-Württemberg verknüpft ist. Deren Initiator Reinhold Groß, zugleich Vereinsvorsitzender, wird von der Wochenzeitung Kontext der rechtsextremen Anastasia-Bewegung zugerechnet – einer völkisch-esoterischen Strömung aus Russland, die auch in Deutschland Siedlungen errichtet. Groß war ebenfalls in Torgau, stand gemeinsam mit Rothfuß auf der Bühne und posierte für ein Gruppenfoto mit allen anwesenden Druscha-Fahrer*innen.
Vom AfD-Fan zum Junge-Welt-Leser
Unter den Mitfahrenden der putintreuen Autokonvois finden sich solche, die sich selbst dem linken Spektrum zurechnen würden. Auf dem Van eines Teilnehmers prangte neben einem Vereinssticker ein Aufkleber der antiimperialistischen Zeitung Junge Welt mit der Parole „Frieden statt NATO“. Eine großflächige Karte an der Seite des Vans dokumentierte seine Reisen durch die Russische Föderation, aber auch durch China.
Die Menge wirkt auf eigene Weise durchmischt und doch wieder nicht: Ein Mann im gelben Banksy-Shirt steht neben einem etwa fünfzigjährigen Teilnehmer, dessen T-Shirt die Aufschrift „Unser Volk zuerst!“ trägt. Ein junger Mann mit einer Russlandfahne trägt ein AfD-Cap. Ein älterer Mann hat ein Transparent mitgebracht, auf dem geschrieben steht: „Most wanted Terrorists: USA & Israel“.
Auf der Bühne spricht unter anderem Alexandra Motschmann, die 2021 für die Querdenker-Partei „Die Basis“ erfolglos für den Bundestag kandidierte. Dazu passt, dass der Schweizer Historiker Daniele Ganser, unter Verschwörungsgläubigen eine Ikone, eine Video-Grußbotschaft sendete.

Im Anschluss folgte eine Podiumsdiskussion, an der etwa Druschba-Mitgründer Sergej Filbert sowie der Verschwörungserzähler Hermann Ploppa teilnimmt, der regelmäßig für das Portal apolut von Ken Jebsen schreibt. Filbert behauptet, hinter den Kriegen dieser Welt stünde die „Epstein-Koalition“. Eine besondere Rolle spricht er an diesem Tag Deutschland zu: Die Ursachen für Kriege und „Flüchtlingsströme“ seien „hier im Westen, inklusive Deutschland“ zu finden.
Schweizer Sekte macht Medienarbeit
Das Bühnengeschehen filmte ein Team von kla.tv (ehemals „Klagemauer TV“), einem Online-Portal aus dem Umfeld des Schweizer Sektenführers Ivo Sasek. Dieser steht der sektenähnlichen Organisation „Organische Christus-Generation“ (OCG) vor, die in der Schweiz und in Deutschland rund 2.000 Anhänger*innen zählt.
Organische Christus Generation (OCG): Antisemitische Bewusstseinsmanipulation in Schweizer Sekte
Mit der „Anti-Zensur-Koalition“ (AZK) schuf Sasek zudem ein Forum für Verschwörungstheoretiker unterschiedlichster Strömungen. Kla.tv verbreitet regelmäßig antisemitische Narrative, etwa über eine angebliche „Hochfinanz“.
Zugleich verbreitet das Portal Botschaften, die auch der russischen Führung entgegenkommen dürften: In einem Beitrag aus dem Jahr 2020 wurde von einer „angeblichen Vergiftung“ des russischen Oppositionellen Alexej Nawalni gesprochen, hinter der angeblich die USA stünden. Sektenführer Sasek selbst forderte 2022 ein Ende westlicher Waffenlieferungen an die Ukraine. Laut dem Portal Psiram greift kla.tv in seinen Beiträgen unter anderem auf Inhalte der russischen Denkfabrik „Katehon“ zurück.
„Friedensbrücke“ für Putins Krieg
Ebenfalls vor Ort sind Mitglieder des Vereins „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“; ein Unterstützer ist auch auf einem Gruppenfoto der „Druschba“-Teilnehmer mit MdB Rainer Rothfuß und Vereinsflagge zu sehen. Der Verein steht seit Längerem im Visier der Sicherheitsbehörden: Ihm wird vorgeworfen, neben humanitären Gütern auch militärisch nutzbare Ausrüstung in die von Russland kontrollierten Gebiete der Ostukraine geliefert zu haben. Gegen die Vorsitzende Liane Kilinc wird ermittelt; sie lebt inzwischen in Russland.
Zuletzt kam es im Januar 2026 zu Festnahmen: In Brandenburg wurden zwei mutmaßliche Unterstützer von prorussischen Milizen festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Vor Ort in Torgau war beispielsweise Friederike Schlegel, Gründungsmitglied des Vereins „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“.
Im vergangenen Jahr beteiligte sie sich an einer kleinen prorussischen Demonstration in Berlin-Karlshorst. Kilinc und ihre „Friedensbrücke“ sind nicht die Einzigen, die in Deutschland Geld für Zwecke im Kriegsgebiet sammeln: Auf der Demo in Torgau geht auch der Flyer eines weiteren Vereins um, der für angeblich humanitäre Zwecke im Donbass sammelt.
DDR-Nostalgie unter Putin-Freund*innen
„Friedensbrücke“-Gründerin Kilinc versteht sich selbst als „Kind des Sozialismus“; die Wiedervereinigung nannte sie „die Annexion meines Heimatlandes“, wie sie in einem Interview sagte. Nach eigenen Angaben war ihr Vater im DDR-Ministerium für Staatssicherheit tätig.
Die „Friedensbrücke“ ist zudem Mitglied im Dachverband „Kuratorium Ostdeutscher Verbände“, zu dem auch Vereine gehören, in denen sich ehemalige Angehörige von DDR-Staatsorganen organisieren. Die Verklärung der DDR zeigte sich auch unter den Teilnehmenden: Einige trugen Buttons mit Aufschriften wie „Ostdeutschland bleibt Friedensstaat“ oder „Mit Schutzwall wäre das nicht passiert“.
Dasselbe Milieu aus Altlinken und und rechten Putin-Freund*innen wird in den kommenden Wochen noch einmal zusammenkommen, und zwar in Berlin: Am 9. Mai trifft sich die kremltreue Szene traditionell am Sowjet-Mahnmal im Treptower Park.


