Am 19. Februar 2020 ermordete ein Rechtsterrorist beim Anschlag von Hanau neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Danach erschoss der Täter seine eigene Mutter. Sechs weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Am 10. Januar 2026 starb mit Ibrahim Akkuş ein weiteres Opfer an den Spätfolgen der Tat.
„Ich will nicht, dass mein Sohn umsonst gestorben ist“, sagt Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat Unvar. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag, am 14. November 2020 gründete sie an Ferhats Geburtstag gemeinsam mit Angehörigen und Freund*innen ihres Sohnes in Hanau die Bildungsinitiative Ferhat Unvar.
Der Leitspruch der Bildungsinitiative geht auf Ferhat selbst zurück. Kurz vor seinem Tod hatte er in den sozialen Netzwerken geschrieben: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“ Der Satz steht heute für den Auftrag der Initiative, Erinnerung wachzuhalten und sie mit politischer Bildungsarbeit und Empowerment von jungen Menschen zu verbinden.
In Workshops und Vorträgen an Schulen und in außerschulischen Bildungseinrichtungen rückt die Initiative die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum des Gedenkens, klärt über Rechtsextremismus und andere menschenfeindliche Ideologien auf und stärkt junge Menschen durch Empowerment.
Im Gespräch erzählt die 23-jährige Nesrin Unvar, Schwester von Ferhat Unvar, welche Rolle ihr Bruder in ihrem Leben spielt, welche Meilensteine die Bildungsinitiative seit ihrer Gründung erreicht hat – und welche politischen Konsequenzen sie auch sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau weiterhin fordert.
Belltower.News: Nesrin, welche Erinnerungen hast du an Ferhat?
Nesrin Unvar: Ferhat war mehr als nur mein Bruder. Zwischen uns lagen sechs Jahre, aber gegen Ende hatte unsere Beziehung fast etwas von einer Vater-Tochter-Dynamik. Er war mein Beschützer. Als Kind hat er mich überall mitgenommen. Wir saßen zu dritt mit unserem Bruder Mirkan vor dem Fernseher, und schon mit fünf Jahren habe ich zusammen mit meinen Brüdern Die Simpsons geschaut. Später haben wir DVDs ausgeliehen – meinen ersten James-Bond-Film und sogar meinen ersten Horrorfilm habe ich mit Ferhat gesehen.
Als ich in der Schule einmal völlig verzweifelt war, habe ich mich an Ferhat gewandt. Ich bekam einen Anruf von ihm: „Nes, komm nach Hause. Wenn du dich aus dieser Situation retten willst, zieh deine Schule durch, mach ein Studium und werd erfolgreich.“ Das war sein Anspruch – an sich und an mich.
Ferhat hatte selbst Schwierigkeiten in der Schule. Er hatte ADHS, konnte im Unterricht nicht stillsitzen. Manche Lehrkräfte kamen damit nicht klar. Er war einer von wenigen Schülern mit Migrationsgeschichte auf dem Gymnasium. Meine Mutter wusste damals oft nicht, wie sie reagieren sollte. Später hat ein Lehrer sogar gesagt: „Entweder geht Ferhat oder ich.“ Solche Sätze vergisst man nicht.
Welche Bedeutung hatte Hanau für Ferhat?
Die Stadt hat ihm das Leben genommen – und er hat hier auch schon zu Lebzeiten immer wieder Alltagsrassismus erfahren. Ferhat hatte eine Hassliebe zu Hanau. Er war in Hanau bekannt, im positiven Sinne ein „bunter Hund“. Er war beliebt, hat hier tolle Freundschaften aufgebaut und viel gelacht. Hinter seinem Humor steckten aber auch verdrängte Sorgen. Vor allem die Rassismuserfahrungen in der Schule – sowohl durch das Lehrpersonal als auch durch Mitschüler*innen haben ihn stark belastet. Kurz vor seinem Tod hat er seine Ausbildung als Heizungsinstallateur abgeschlossen und träumte davon, gemeinsam mit seinem Cousin einen eigenen Betrieb zu eröffnen. Ferhat wollte nie aus Hanau weg.
Nach dem Anschlag am 19. Februar hat deine Mutter, Serpil Temiz Unvar, in Ferhats Namen eine Bildungsinitiative gegründet. Wie ist es dazu gekommen?
Kurz nach dem Anschlag kamen fünf, sechs Freund*innen von Ferhat zu uns. Sie hatten selbst kaum Geld, aber packten 125 Euro in einen Briefumschlag und sagten: „Wir wollen helfen. Du bist nicht allein.“ Diese Worte haben meiner Mutter unglaublich viel Kraft gegeben.
Die ersten Treffen fanden bei uns im Keller statt. Wir haben über Ferhat gesprochen, über Zukunftspläne, haben gemeinsam Geburtstage gefeiert. Später haben wir einen Raum am Freiheitsplatz in Hanau erkämpft, renoviert, gestrichen und Möbel gespendet bekommen. Schritt für Schritt ist daraus professionelle Bildungsarbeit entstanden – mit Workshops, Social-Media-Arbeit und Vernetzung, erst bundesweit und mittlerweile auch international.
Was waren die ersten Meilensteine eurer Bildungsinitiative?
Ein wichtiger Meilenstein war unser zweiter Jahrestag. Ab 2022 haben wir begonnen, eigene Teamende auszubilden, die bundesweit Workshops zum 19. Februar und zum Schwerpunkt Antidiskriminierung anbieten. Im selben Jahr haben wir auch zum ersten Mal an internationalen Veranstaltungen mit anderen Betroffenen extremistischer Gewalt teilgenommen, unter anderem an einem Vernetzungstreffen in Mailand. Dort haben sich Initiativen aus verschiedenen europäischen Ländern ausgetauscht – das war für uns ein wichtiger Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit und Solidarität über Deutschland hinaus.
Wie laufen eure Workshops ab?
Wir schaffen Räume, in denen sich junge Menschen sicher fühlen. Unsere Workshops folgen deshalb dem Peer-to-Peer-Prinzip – von jungen Menschen für junge Menschen. Einige unserer Teamenden sind Freund*innen von Ferhat, auch ich selbst gebe Workshops. Seit diesem Jahr bieten wir zudem einen speziell für Grundschulkinder und Pädagog*innen entwickelten Workshop an. Während der rund dreistündigen Workshops ab Klasse 7 sind Lehrpersonen aber nicht anwesend, damit sich die Schüler*innen ohne Angst vor schlechten Noten öffnen können.
Wie sind die Reaktionen der jungen Menschen?
In unseren Workshops erleben wir, dass sich Schüler*innen verstanden fühlen und sich uns gegenüber öffnen – etwa Kinder, die im Alltag Diskriminierung erfahren, oder Kinder mit ADHS oder Autismus. Wir schaffen Safe Spaces, in denen offen über Hass, Ausgrenzung und Extremismus gesprochen werden kann. Unser Wunsch ist, dass es selbstverständlich wird, in Schulen über diese Themen zu sprechen, damit sich die Strukturen im Bildungssystem langfristig ändern. Ein Kind hat auf einem Feedbackbogen geschrieben: „Wenn ich groß bin, möchte ich in eurem Verein arbeiten.“ Solche Rückmeldungen geben uns große Kraft.
In diesem Jahr jährt sich der Anschlag in Hanau zum sechsten Mal. Welche politischen Konsequenzen forderst du als Betroffene?
Zentrale Forderung bleibt die lückenlose Aufklärung des 19. Februar 2020. Wir brauchen ein unabhängiges Informationsgremium und eine echte Begegnung auf Augenhöhe mit den Betroffenen. Dazu gehört auch eine bedingungslose Existenzsicherung der Hinterbliebenen im gesetzlichen Rahmen – mit weniger bürokratischen Hürden im Opferentschädigungsrecht. Rassist*innen und Menschen mit schweren psychischen Problemen müssen konsequent entwaffnet werden. Und: Rassismus muss verlernt und bekämpft werden. Das ist Aufgabe des Staates. Bildungsarbeit darf kein Projekt auf Zeit sein, sondern muss strukturell abgesichert werden.
Wie können Menschen die Arbeit eurer Bildungsinitiative unterstützen?
Indem sie Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen besuchen, unsere Inhalte in den sozialen Netzwerken teilen, unsere Workshops buchen oder uns mit einer Spende unterstützen.

