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shift & tell Videoreihe Antisemitisches Grundrauschen im Alltag

Antisemitische Beauty-Influencer*innen, islamistische Radikalisierung und KI, die Judenhass ignoriert: Das Projekt shift & tell berichtet im Interview über Aufklärungsarbeit auf TikTok.

 
shift & tell will die vielfältigen Erscheinungsformen von Antisemitismus in unterschiedlichen Lebensbereichen junger Menschen sichtbar machen. (Quelle: shift & tell)

Über den Antisemitismus auf Social Media wurde nicht erst seit der „TikTok Intifada“ viel berichtet. 2021 waren auf der Plattform Videos von Angriffen auf Juden in Jerusalem aufgetaucht. Fast fünf Jahre später und mehr als zwei Jahre nach dem 7. Oktober kann man Creator*innen immer noch dabei zusehen, wie sie sich in kurzen Videos radikalisieren und teilweise sogar offen mit Terrororganisationen wie der Hamas sympathisieren.

Das Projekt shift & tell der Amadeu Antonio Stiftung will etwas gegen Antisemitismus auf TikTok unternehmen und hat 2025 eine Videoreihe gestartet. Im Interview sprechen wir mit Rosa Jellinek und dem shift & tell Team, bestehend aus Theresa Lehmann, Hanna Herweg und Cornelia Heyken über KI, die Antisemitismus ignoriert, Sicherheitskonzepte on- und offline und Beauty-Influencer, die mit Judenhass Geld verdienen.

Belltower.News: Wie äußert sich Antisemitismus in digitalen Räumen?
Rosa Jellinek: Antisemitismus begegnet mir online vor allem auf sozialen Medien. Da sind rechtsradikale Accounts, die auf TikTok ein Profilbild von Goebbels haben und Shoah-relativierende Videos posten. Große Creator*innen, wie Huda Kattan, Gründerin der Kosmetikmarke Huda Beauty mit über zwei Millionen Followern, die nahezu konsequenzenlos von einer geheimen Weltverschwörung erzählt und Millionen von Menschen erreicht. Kommentare unter den Videos jüdischer Creator*innen, die Nasen-Emojis oder Duschkopf-Emojis als antisemitische Codes nutzen. In letzter Zeit fällt mir besonders auf, dass GIFs und Fotos in Kommentarspalten dazu dienen, die Wortfilter der Plattformen zu umgehen. Unter einigen meiner Videos, in denen ich über jüdische Feiertage spreche, werden beispielsweise GIFs von Flammenwerfern kommentiert. Obwohl sehr deutlich ist, was damit gemeint ist, versteht die Plattform-KI die dahinterstehende Drohung natürlich nicht und erkennt in Kommentaren dieser Art keinen Regelverstoß.

shift & tell: Neben Hate Speech in den Kommentarspalten aller sozialen Netzwerke taucht Antisemitismus auch an Orten auf, wo man ihn zuerst gar nicht vermutet, zum Beispiel im Gaming oder auf Datingplattformen. Antisemitische Narrative dienen dem Storytelling oder werden als verbindendes Moment beziehungsweise Ausschlusskriterium bei der Partner*innensuche angeführt. Nach dem 07. Oktober 2023 sind aber auch Großgruppenchats zu unsicheren Orten für Juden und Jüdinnen geworden. In solchen halböffentlichen Schul- und Unichats kursieren dann Falschinformationen, wird zu Demonstrationen und Veranstaltungen von antisemitischen Gruppen aufgerufen. Widerrede bedeutet Exponierung und Gefahr an einem Ort, den man nicht umgehen kann, wenn man seine Ausbildung abschließen möchte.

Ihr sprecht von viralem Antisemitismus – was ist damit gemeint?
shift & tell: In ihrem 2019 erschienenen Buch Judenhass im Internet Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl beschreibt die Linguistin Monika Schwarz-Friesel, wie sich auf digitalen Plattformen der nie wirklich aufgearbeitete Judenhass mit voller Wucht entlädt.
Antisemitische Inhalte verbreiten sich online mit historisch beispielloser Reichweite und Geschwindigkeit. Diese Dynamik wird durch zahlreiche Effekte und Filter bei audiovisuellen Formaten auch sehr grafisch. Antisemitische Narrative werden in Memes, Sounds und Emojis codiert und sind für viele auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar. Unbewusst oder bewusst werden diese weiterverbreitet. Darauf basiert das Verständnis von „viral werdendem“ Antisemitismus. Antisemitische Bildsprache erfährt dadurch nicht nur eine Normalisierung, sondern steigert auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der abstrakte Hass im öffentlichen Raum gewaltförmig entlädt. Je größer die Reichweite, desto wahrscheinlicher, dass jemand daraus fatale Schlüsse zieht. So verstehen wir stochastischen Terror.

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Wo setzt das Projekt shift & tell an?
shift & tell: Mit shift & tell wollen wir die vielfältigen Erscheinungsformen von Antisemitismus in unterschiedlichen Lebensbereichen junger Menschen sichtbar machen. Das Storytellingformat aus jüdischer Perspektive soll ein niedrigschwelliges Verständnis von Antisemitismus vermitteln und zeigen, wie dieser den Alltag prägt, aber auch wie wichtig Empowerment und Solidarität sind.

Wenn Jüdinnen*Juden sich antisemitismuskritisch äußern, folgen darauf Beleidigungen und Bedrohungen. Jüdische Einrichtungen müssen von Polizist*innen beschützt werden. Das habt ihr aber mitgedacht?
shift & tell: Jeder Drehort wurde auf Sicherheit geprüft. Die Wohnungsaufnahmen stellen selbstverständlich nicht Rosas Wohnung dar, gleiches gilt für den Kiez. Persönliche Erfahrungen und Orte wurden anonymisiert. Unsere stiftungsinterne Expertise ist eingeflossen, um auf Hass und Shitstorms möglichst gut vorbereitet zu sein. Das Projekt wurde psychologisch wie auch von einem Sicherheitsteam begleitet.

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Wie sind die Videos für die Kampagne entstanden?
Rosa Jellinek: Nachdem das Gesamtkonzept stand, haben wir uns gemeinsam an die inhaltliche Gestaltung für die Reihe mit mir gemacht. Dabei war es uns wichtig, meine persönliche Perspektive als jüdische Frau rüberzubringen. Das heißt, lebensnahe und echte Beispiele zu zeigen, die verdeutlichen, wie alltäglich Antisemitismus für mich ist. Oft denken nicht-jüdische Menschen bei Antisemitismus an die Shoah, also richtig krasse Beispiele.

Dass Antisemitismus schon viel kleiner anfängt, mit einem Witz, mit abfälligen Bemerkungen oder Verschwörungserzählungen, ist vielen gar nicht bewusst. Darum haben wir überlegt, in welchen Lebensbereichen ich solche Situationen erlebe und diese dann im TikTok-Format aufbereitet. Wir wollten nicht nur platt antisemitische Situationen nachspielen, sondern auch Raum für meine Wut und Abgefucktheit darüber lassen. All das haben wir dann in die Skripte einfließen lassen und an verschiedenen Orten in Berlin gedreht. Die Drehs waren irgendwo auch eine Bestätigung von dem, was wir in den Videos erzählen. Das Team hat sich vorher um ein Schutzkonzept gekümmert, wir haben aufgepasst, wann wir an welchen Orten sind und worüber wir wo sprechen. Das ist ehrlich gesagt eine ziemlich jüdische Erfahrung: Bestimmte Wörter wie „jüdisch“, „Israel“ oder „Shabbat“ nicht laut in der Öffentlichkeit auszusprechen, weil man nie weiß, wer gerade zuhört. Und das hat sich auch bei den Drehs gezeigt. Aber durch das Schutzkonzept und die Awareness des Teams habe ich mich immer sicher gefühlt.

Wie war es für dich Teil der Kampagne zu sein?
Rosa Jellinek: Die Arbeit an der Kampagne hat mir großen Spaß gemacht und mich echt empowert! Als Creatorin sitze ich meistens alleine zu Hause vor der Kamera und Feedback gibt es erst dann, wenn ein Video online ist. Im Team zu arbeiten, mich über meine Erfahrungen auszutauschen und sie dann in so professionell aufgearbeiteten Videos zu sehen, hilft mir auch bei der Aufarbeitung der Situationen. Und überhaupt habe ich mich gefreut, dass dieser alltägliche Antisemitismus mal aufgegriffen wird.

Das ist etwas, das ich in der deutschen Medienlandschaft und dem Bewusstsein von Vielen vermisse – dass Menschen klar wird, dass wir uns als Jüdinnen*Juden jeden einzelnen Tag mit Antisemitismus auseinandersetzen müssen. Manchmal ganz offensichtlich, weil das Wort „Jude“ als Beleidigung benutzt wird. Manchmal aber auch viel weniger offensichtlich, wenn es um Othering geht und Jüdischsein als etwas ganz Besonderes und Anderes herausgestellt wird, anstatt dass wir als ganz normale Menschen wahrgenommen werden, deren Identität aus vielen Teilen und nicht nur aus diesem einen besteht.

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Welche Rolle spielt das pädagogische Community Management (PCM) bei shift & tell?
shift & tell: Die Videos sind nur die halbe Miete. Sie dienen als Impuls und kurzer Wissenshappen. In der Kommentarspalte arbeiten wir dann weiter mit dem PCM.
Zu oft wird die Kommentarspalte als Interventions- und Lernraum übersehen. Hier unterscheiden wir uns mit unserem Angebot von der klassischen Videokampagne. Das PCM ist ein dem Digital Streetwork entlehntes Konzept.

Und wie funktioniert das pädagogische Community Management?
shift & tell: Unser pädagogisches Community Management hat bei den meisten Videopostings alle Hände voll zu tun. Neben den zahlreichen positiven Kommentaren, die wir auch erhalten, gibt es viel Abwehr, Getrolle und offen antisemitische Hassrede. Bei Vorurteilen und emotionalen Negativreaktionen können wir meist gut intervenieren durch Aufklärung und Differenzierung und manchmal auch mit einer kleinen Prise Humor. Allgemein gilt aber: Emotionen ernst nehmen, Falschinformationen entlarven, reflexive Fragetechniken anwenden, den Austausch aktiv suchen, Bedürfnisse hinter Aussagen erkennen. Wir versuchen Ambiguitätstoleranz wieder zu steigern. Bei gezielten Störversuchen und absichtlichen Beleidigungen oder Hate Speech und antisemitischen Äußerungen, behalten wir uns jedoch unser digitales Hausrecht vor und entfernen auch Inhalte – denn wir möchten neben konstruktiv geführten Kontroversen Interessierten den Raum für Austausch geben und ermöglichen, dass Betroffene sich sicher fühlen, ihre Perspektiven sichtbar zu machen.

Wir registrieren aber auch, dass Hate Speech mittlerweile bevorzugt mit Bildern in der Kommentarspalte transportiert wird, ein Weg, um die technische Content-Moderation der Plattformen auszudribbeln.

Wie geht es weiter?
shift & tell: Unser Projekt läuft noch bis Ende Juni. Alle Videos und Kommentare werden von uns final ausgewertet. Der Bedarf weiterhin über Antisemitismus im digitalen Raum aufzuklären und ein stetiges, diverses Angebot in Ansprache und Format zu schaffen, sehen wir auf jeden Fall. Darüber hinaus wünschen wir uns als Team auch andere Formen von Alltagsdiskriminierungserfahrungen im Storytellingformat abzubilden und medienpädagogisch zu betreuen.

Rosa Jellinek: Ich hoffe sehr, dass in Zukunft mehr solcher Projekte stattfinden. Dass die realen Lebensrealitäten von Jüdinnen*Juden in Deutschland sichtbar gemacht werden. Nicht durch das Zeigen der immer gleichen Klischees, sondern durch das Zeigen der Diversität, der Wut, der Stärke und der Resilienz, die wir haben. Dazu möchte ich mit meinem Content einen Beitrag leisten.

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