Nach außen wirkt sie harmlos: Videos und Bilder zeigen die Gruppe beim Müllsammeln, Stickerkleben oder mit Deutschlandfahnen. Inszenierter Aktivismus für die Kamera. Die „Patriotische Bewegung“ ist eine kleine Gruppe, die sich im Netz größer darstellt, als sie ist und dabei als niedrigschwelliger Einstieg für junge Menschen ins AfD-Umfeld funktioniert.
Müll sammeln als Eintrittskarte in rechte Ideologie
Seit Ende 2025 werben die Initiator*innen gezielt um junge Menschen, die offen für rechtsextreme Ideologien sind oder es noch werden könnten. Die Strategie: niedrigschwellige Angebote, Gemeinschaft, Aktionen, einfache Botschaften. Ideologisch bleibt vieles bewusst vage, orientiert sich aber klar an zentralen Elementen rechtsextremer Ideologie: Nationalismus, Anti-Migration und eine fundamentale Ablehnung linker und liberaler Gesellschaftsentwürfe. „Mit Freizeitangeboten wie Waldreinigungs-Aktionen werben sie ähnlich um neue Mitglieder wie andere rechtsextreme Jugendgruppen”, ordnet die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin gegenüber Belltower.News ein.

Entstanden ist die Gruppe in Bayern. Mittlerweile gibt es zahlreiche Ableger, Regionalgruppen, in ganz Deutschland. Sie nennen sich dann etwa „Berliner Patrioten“,„Patriotische Bewegung NRW“ oder „Patriotische Bewegung Augsburg“. In den Videos von ihrem glorreichen Aktivismus – Sticker auf Mülltonnen verkleben – zeigen sich die Aktivist*innen hauptsächlich vermummt.
Zwischen Szene und AfD
Auffällig ist dabei vor allem die Nähe zur AfD. Das zeigt sich auch im dazugehörigen Shop der „Patriotischen Bewegung“: Neben Stickern mit rassistischen und rechtsextremen Botschaften, wie „Islamisierung? Nein Danke“, „Remigration rettet Leben!“, „Make Germany Great Again“ und „FCK ANTIFA“ wird dort auch AfD-Merchandise verkauft. Wie etwa „Deutschland. Aber Normal. AfD“- und „Alice für Deutschland“-Sticker und eine AfD-Cap.
Der Shop ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern Teil der Strategie. Er verbindet Szeneästhetik mit parteinaher Symbolik und macht sichtbar, wohin die politische Orientierung zeigt.
Neue Lücke im rechtsextremen Vorfeld
Das wirkt kaum zufällig: Mit der Auflösung der Jungen Alternative (JA), der ehemaligen Jugendorganisation der AfD, ist ein Vakuum entstanden. Die neue Struktur Generation Deutschland (GD) befindet sich noch im Aufbau, Landesverbände werden erst gegründet. Genau hier setzt die „Patriotische Bewegung“ an, als aktionsorientiertes Angebot für junge, politisch noch nicht fest gebundene Rechtsextreme. Verortet ist die Gruppe somit irgendwo zwischen autoritären und drögen Lesezirkeln in Schnellroda und gewalttätigem Aktionismus von Jungnazis auf Anti-CSD-Aufmärschen. Rein optisch sind hier keine Neonazis aktiv, sondern eher die Fraktion konservativ-libertäre junge Männer.
Was hier entsteht, ist keine klassische Neonazi-Kameradschaft, sondern eine neue Form rechter Jugendmobilisierung: flexibel, anschlussfähig, teilweise entideologisiert und gerade deshalb anschlussfähig für junge Menschen, die sich (noch) nicht als Teil einer klar definierten Szene verstehen.
Julian Henschen, der AfD-Mann
Recherchen der taz deuten darauf hin, dass die Ursprünge der Gruppe eng mit AfD-Strukturen verbunden sind. So soll hinter der „Patriotischen Bewegung” unter anderem Julian Henschen stehen, ein AfD-Mitglied aus Bayern, der auf Social Media unter einem Alias-Namen auftritt. Sein Instagram-Account hat 117.000 Follower*innen. Er selber tritt hier nur vermummt auf. Hinweise aus Online-Shops und früheren Verkaufsprofilen legen nahe, dass er maßgeblich am Aufbau der Struktur beteiligt ist.
Gegenüber der taz weist Henschen jedoch eine direkte Verbindung zur AfD zurück. Der Verkauf von AfD-Merchandise erfolge „unabhängig“, es handle sich um eine „patriotische Initiative“, die sich für „Ordnung, Verantwortung und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ einsetze.
Ario Mirzaie: „Nazinachwuchs für die AfD“
Szenekenner sehen das anders. So etwa Ario Mirzaie, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin für die Grünen und Sprecher für Strategien gegen Rechts. Er spricht von „Nazinachwuchs für die AfD“. Henschs Ziel sei das politische Vorfeld der AfD auf Neonazi-Jugendliche auszuweiten. „Zusätzlich zur offiziellen Jugendorganisation der AfD soll hier ein Sammelbecken entstehen für aktionsorientierte rechtsextreme Jugendliche.“ Gegenüber Belltower.News sagt Mirzaie: „Durch politische Aktionen und gemeinsame Aktivitäten wie Ausflügen und Stammtischen, soll eine rechtsextreme Erlebniswelt geschaffen werden, die Jugendliche in rechter Ideologie festigt und sie dauerhaft an rechtsextreme Milieus bindet. Dazu zählt auch das politische Vorfeld der AfD und deren Jugendorganisation Generation Deutschland.“
Doch laut Henschen, der erst kürzlich für die AfD Kissing kandidierte, ist die „Patriotische Bewegung“ „keine Vorfeldorganisation der AfD“, auch bestünden „keine organisatorischen Verbindungen“, zitiert ihn die taz. Mirzaie ordnet die Behauptung ein: „Es ist zu erwarten, dass es neben Henschen weitere personelle Überschneidungen zwischen verschiedenen aktionsorientierten Gruppen im rechtsextremen Spektrum gibt, wie wir sie auch schon früher zwischen Identitärer Bewegung und Junger Alternative beobachten konnten. Das gleiche gilt auch für die neue AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland, die ja nur alter Wein in neuen Schläuchen ist.“
Schon visuell zeigt sich die Nähe: Das Logo der Gruppe greift die Ästhetik der „Antifaschistischen Aktion“ auf (rot-schwarze Fahne in schwarzem Kreis, mit der Aufschrift „Antifaschistische Aktion“). Bei der „Patriotischen Bewegung“ werden daraus zwei aufeinanderliegende Fahnen. Die vordere ist in den Farben der Bundesrepublik gehalten, schwarz, rot, gold. Die untere im himmelblauen Ton des AfD-Logos.
In ihrer Selbstdarstellung verortet sich die Gruppe „politisch zwischen AfD und CDU“. Gleichzeitig gelte eine „klare Unvereinbarkeit mit Strömungen rechts der AfD, darunter die Identitäre Bewegung, die JN, der Dritte Weg sowie vergleichbare Gruppierungen“. Man lehne „linke Politik“ ab und fordere „eine Rückkehr zu Ordnung, Leistung und Verantwortung.“
Kleine Aktionen, große Inszenierung
Die Aktionen sind bisher wenig spektakulär. Sie erinnern an die Anfänge der IB ab 2016. So werden auch jetzt an symbolträchtigen oder alltäglichen Orten Videos und Fotos angefertigt, wie meist vermummte Personen Deutschland- und Patriotische-Bewegungs-Fahnen hochhalten und Bengalos zünden. Oder wie sie ihre rechtsextreme Propaganda verkleben.
Die rechtsextremen Aktivist*innen der Identitären Bewegung waren Meister darin, klägliche und kleine Aktionen mit einer geschickten Kameraführung nach einem großen Spektakel aussehen zu lassen. Ähnliches versucht nun die „Patriotische Bewegung“, allerdings mit deutlich weniger Hochglanz bei der erfolgreichen Beklebung irgendeiner Straßenlaterne in einer beliebigen deutschen Großstadt.
Online-Präsenz soll in reale Sichtbarkeit münden
Was bislang vor allem ein Internet-Phänomen ist, soll auf die Straße getragen werden. Dazu gehört auch die Teilnahme an rechtsextremen Demonstrationen, etwa am 20. Dezember in Magdeburg, sowie eigene Versammlungen wie zuletzt in Berlin unter dem Schlagwort „Linksextremismus“.
Die Strategie dahinter ist klar: Aus digitaler Reichweite soll reale Präsenz werden. Sichtbarkeit im öffentlichen Raum soll die Gruppe größer wirken lassen, als sie ist und gleichzeitig neue Anhänger*innen anziehen.
Doch bislang gelingt das nur begrenzt. Während die „Patriotische Bewegung“ in sozialen Netzwerken eine vergleichsweise große Followerschaft erreicht, bleibt die Mobilisierung auf der Straße schwach. Selbst nach wochenlanger Bewerbung kamen zu einem Stammtisch in Berlin lediglich rund 20 Personen und dabei wurde gezielt mit der Anwesenheit von „Jonathan Deutsch“ geworben, in der Hoffnung, mehr Teilnehmende anzuziehen.
Die eigentliche Wirkung der „Patriotischen Bewegung“ liegt nicht in der Größe ihrer Aktionen, sondern in ihrer Funktion: Sie normalisiert rechte Ideologie. Was früher klar als rechtsextrem galt, erscheint hier als jugendkulturelle Praxis als etwas, das man „auch mal machen kann“. Genau darin liegt die Gefahr. Indem rechte Ideologie als Gemeinschaft, Aktion und Lifestyle inszeniert wird, verschleiert sie ihren inhärenten Rechtsextremismus und wird schrittweise normalisiert.


