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[tacheles_5] Die Antijudaistischen Wurzeln moderner Verschwörungsideologien

Ob mittelalterliche Brunnenvergiftung oder viraler TikTok-Trend: Judenfeindliche Mythen strukturieren Verschwörungsideologien bis in die Gegenwart. Eine Analyse historischer Kontinuitäten.

 
Die Ritualmordlegende erfährt unter anderem durch die QAnon-Ideologie eine Revitalisierung. (Quelle: Unsplash)

Kaum eine religiöse Deutung hat die europäische Geschichte so nachhaltig geprägt wie die christliche Vorstellung vom „Gottesmord“. Maßgeblich von Bischof Melito von Sardes um das Jahr 160 geprägt, schrieb sie Jüdinnen*Juden die kollektive und alleinige Schuld an der Kreuzigung Jesu zu. Da Jesus im frühen Christentum zunehmend mit Gott selbst identifiziert wurde, erschien seine Hinrichtung als „Gottesmord“. Daraus ergab sich eine folgenschwere Schlussfolgerung: Wer Gott töten kann, muss über dämonische Mächte verfügen und mit dem Teufel im Bunde sein.

Die jüdische Religionsgemeinschaft wurde damit als übermächtig und zugleich radikal böse markiert. Sie agiere im Verborgenen als feindliche Gegengruppe. Diese Stigmatisierung diente der Herausbildung und Stabilisierung eines christlichen Selbstverständnisses, denn in der so etablierten dualistischen Ordnung erschien das Christentum als Träger des Guten, während das Judentum als verschwörerischer Gegenpol imaginiert wurde. Jüdisches Leid, Verfolgung und die Zerstreuung in der Diaspora galten innerhalb dieses Interpretationsmusters nicht als Unrecht, sondern als gerechte Strafe, die die antijudaistische Lesart vermeintlich bestätigte.

Der Gottesmord-Mythos bildet damit eine frühe Grundfigur verschwörungsideologischen Denkens: Ein komplexes, als unerklärlich erfahrenes Ereignis wird personalisiert, moralisch aufgeladen und eindeutig benannten Schuldigen zugeschrieben, denen verborgene Macht unterstellt wird, während Widersprüche oder Spannungen systematisch abgewehrt werden. Über Jahrhunderte hinweg verankert sich dieses Weltbild im Denken der christlichen Mehrheitsgesellschaft und passt sich unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten an. Aus der historischen Anklage wurde so eine dauerhafte kollektive Verdächtigung.


Lisa Wassermann leitet die Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung der Amadeu Antonio Stiftung. Als Politikwissenschaftlerin und Soziologin beschäftigt sie sich mit dem gesellschaftlichen Potenzial politischer Bildungsarbeit und arbeitet zu den Themen Rechtsextremismus, Verschwörungsideologien und Demokratieförderung.


Christlicher Verfolgungswahn: Die Pogromwellen des Mittelalters

Im mittelalterlichen Christentum wurden Jüdinnen*Juden zunehmend als „Kinder des Teufels“ diffamiert. Diese Dämonisierung fand in der Ritualmordlegende einen besonders wirkmächtigen Ausdruck. Ein frühes dokumentiertes Beispiel ist der Fall von Norwich im Jahr 1144, als der Tod eines Jungen als Beleg für eine angebliche rituelle Tötung stilisiert wurde. In diesem Zusammenhang entstand die Behauptung, jüdische Gemeinden würden regelmäßig christliche Kinder ermorden und ihr Blut für religiöse Zwecke verwenden. Diese frei erfundene Erzählung verbreitete sich europaweit und diente als Rechtfertigung für systematische Verfolgungen, Vertreibungen und Pogrome.

Auch die Legenden über Brunnenvergiftungen im 14. Jahrhundert folgten derselben antijudaistischen Verschwörungslogik, die bereits im Mythos vom „Gottesmord“ angelegt war. In den Pestjahren ab 1348 nahmen die Anschuldigungen massiv zu: Jüdinnen*Juden wurde vorgeworfen, die Seuche durch die gezielte Vergiftung von Brunnen ausgelöst zu haben. Unter Folter erpresste Geständnisse dienten als vermeintliche Beweise für ein angeblich aus Jerusalem stammendes Gift, das ausschließlich Christ*innen töte. Dass die Pest in manchen jüdischen Vierteln weniger stark wütete – unter anderem auf hygienische Vorschriften und tiefer angelegte Brunnen zurückzuführen –, galt als Bestätigung der Vorwürfe. Die Legende lieferte eine einfache Erklärung für die unbegreifliche Katastrophe und löste die größte Pogromwelle des Mittelalters aus. Am 14. Februar 1349 wurden in Straßburg etwa 2.000 Jüdinnen*Juden ermordet, jüdische Gemeinden in Speyer, Zürich, Erfurt, Worms, Mainz, Koblenz, Brüssel, Trier und Köln wurden ausgelöscht, in Nürnberg wurden bei einem Pogrom 562 Menschen ermordet. Die zugrunde liegenden  Mythen wurden über Jahrhunderte von kirchlichen Autoritäten wie Martin Luther aufgegriffen und verbreitet, dienten der kollektiven Kriminalisierung von Jüdinnen*Juden und der religiösen Legitimation von Gewalt.

Antijudaistische Frameworks reloaded

Obwohl christliche Deutungsmuster an Einfluss verloren haben, wirken antijudaistische Mythen als tief sitzende Matrix fort, an die moderne Verschwörungsideologien nahtlos anknüpfen. Dies zeigte sich in der Corona-Pandemie, als Behauptungen laut wurden, das Virus sei gezielt freigesetzt worden oder Impfstoffe enthielten tödliches Gift. Durch ihre tiefe Verwurzelung im kulturellen Gedächtnis reaktivierten diese Narrative fast automatisch das antijudaistische Motiv der Brunnenvergiftung und rückten Jüdinnen*Juden erneut ins Zentrum globaler Krisenerklärungen. Diese Mythen dienen der radikalen Komplexitätsreduktion: Sie ersetzen abstrakte Bedrohungen durch das greifbare Zerrbild „böser“ Akteur*innen und kanalisieren gesellschaftliche Verunsicherung in ein verschwörungsideologisches Weltbild.

Parallel dazu erfährt die Ritualmordlegende unter anderem durch die QAnon-Ideologie eine Revitalisierung. Diese behauptet, eine geheime Elite entführe Kinder, um aus ihrem Blut das vermeintliche Verjüngungsmittel Adrenochrom zu gewinnen. Mit der Veröffentlichung neuer Dokumente im Fall des jüdischen Multimillionärs Jeffrey Epstein findet dieser Verschwörungsmythos aktuell erneut massive Verbreitung. Epstein war ein verurteilter Sexualstraftäter, der über Jahrzehnte hinweg ein Netzwerk aus wohlhabenden und einflussreichen Persönlichkeiten aufbaute, in dessen Umfeld junge Mädchen und Frauen systematisch missbraucht wurden.

In verschwörungsideologischen Kreisen werden die realen Missbrauchsverbrechen in das alte Narrativ der Ritualmordlegende eingepasst und antisemitisch aufgeladen. Ein prägnantes Beispiel lieferte die Brandenburger AfD-Politikerin Peggy Lindemann: Sie teilte ein Video, das diese Motive mit rechtsextremen Codes verknüpfte. In Anspielung auf den „Maler aus Österreich“ – eine chiffrierte Bezugnahme auf Adolf Hitler – wurde suggeriert, dieser habe bereits von einer Elite gewusst, die „das Blut unserer Kinder“ trinke. Damit wird das jahrhundertealte Narrativ einer kindermordenden jüdischen Macht aktualisiert, das historisch immer wieder als ideologische Legitimation von Gewalt diente – von Pogromen bis zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Aktuell instrumentalisieren insbesondere Akteur*innen mit christlichem Selbstverständnis Epsteins Verbrechen, um antijudaistische Mythen zu reaktivieren und Jüdinnen*Juden kollektiv zu diffamieren. So behauptete die US-amerikanische rechtskonservative Verschwörungsbloggerin Candace Owens, das in Jeffrey Epsteins E-Mails gefundene hebräische Wort „Goyim“ bedeute „Vieh“, tatsächlich bezeichnet es Nichtjuden. Mit dieser gezielten Fehlinterpretation konstruiert sie das Bild einer geheim operierenden jüdischen Elite, die angeblich darauf abziele, die Welt zu dominieren und ihre Bevölkerung zu entmenschlichen.

Auch der christlich-nationalistische Internetprediger Joel Webbon nutzt den Fall Epstein zur antisemitischen Mobilisierung, indem er dessen Verbrechen pseudo-religiös deutet. In seinem Artikel „A Man of the Book“ stilisiert er den Talmud zu einem Regelwerk, das die Ausbeutung von Nichtjüdinnen*Nichtjuden legitimiere und konspiratives Handeln geradezu voraussetze. Solche Narrative dienen weder der Aufarbeitung noch der Prävention von Missbrauch. Sie ersetzen die Analyse realer Macht- und Missbrauchsstrukturen zugunsten der Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Als ideologische Instrumente schlagen sie eine Brücke vom religiösen Eifer zum politischen Hass. Sie bieten ein Identitätsangebot, das auf der radikalen Abwertung des „Anderen“ basiert; konkret auf der Konstruktion eines kollektiv schuldigen jüdischen Gegenübers.

Hass im Feed: Synagogue of Satan“

Auch auf Social-Media-Plattformen fungieren Verschwörungsnarrative als Reichweitenbeschleuniger, die durch algorithmische Verstärkung Anschluss an den gesellschaftlichen Mainstream finden. Wie präsent sie inzwischen im digitalen Raum sind, zeigt ein Blick in die Suchfunktion von TikTok: Beim Schlagwort „Synagogue“ erscheint als einer der ersten Vorschläge die Ergänzung „… of Satan“. Der Ausdruck geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, wurde jedoch früh antijudaistisch umgedeutet und dient mittlerweile dazu, Jüdinnen*Juden als vom Teufel gelenkt darzustellen, sie als Betrüger*innen zu diffamieren und ihnen ihre religiöse Identität abzusprechen.

Unter den ersten deutschsprachigen Treffern finden sich mehrminütige Videos, in denen das Judentum mit Okkultismus und satanischen Mächten gleichgesetzt wird. Häufig wird diese Vorstellung personifiziert – etwa durch Verweise auf die Familie Rothschild, die als Chiffre einer angeblich im Geheimen agierenden, weltlenkenden Elite inszeniert wird, die im Auftrag Satans gegen das Christentum kämpfe. Wer als „satanisch“ markiert wird, dem wird jede moralische Integrität abgesprochen. In dieser Logik erscheint die Aggression gegen eine vermeintlich geheime Weltmacht nicht als Gewalt, sondern als notwendiger, religiös legitimierter Abwehrkampf. Die Entmenschlichung durch solche Mythen bildet so – vom mittelalterlichen Pogrom bis zur digitalen Hetze – eine kontinuierliche ideologische Legitimationsgrundlage für Ausgrenzung, Radikalisierung und Gewalt.

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