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[tacheles_5] Warum sich Antijudaismus und Antisemitismus nicht trennen lassen

Von „Antijudaismus“ spricht man im Unterschied zu „Antisemitismus“, um auf die christliche Vorgeschichte des modernen Antisemitismus oder auf religiöse Identitätsmerkmale der Verfolgten zu verweisen. Dabei kann weder historisch noch ideologiekritisch trennscharf zwischen rassistischem, politischem oder religiös-motiviertem Judenhass unterschieden werden.

 
Antisemitische Judenkonsole am Hauptportal des Doms in Wetzlar (Quelle: picture alliance / Joko | Joko)

Die religiöse Dimension des modernen Antisemitismus besteht nicht nur in der Kontinuität christlicher Bilder und Narrative, sondern auch im Verlangen nach einer Heilsgewissheit, die Ambivalenzen abwehrt und störende, unreine und böse Elemente auslagert. Die Juden werden zu den „Anderen“, sie verkörpern das Böse und werden gefürchtet. Religiöse Heilsvisionen haben sich in der Neuzeit säkularisiert, aber „die Juden“ als Feindbild bleibehalten, sei es in „rechten“ völkisch-nationalen Ideologien oder in „linken“ kommunistischen, feministischen, und post-kolonialen Utopien. Antisemitismus ist das religiöse Herz einer Neuzeit, die das Heil nicht mehr in der Transzendenz sucht, aber in den Juden die Ursache allen Übels verortet. Judenhass wird dort virulent, wo Heilsversprechen enttäuscht und einfache Ursachenerklärungen geliefert werden. Antisemitismus ist eine „religiöse“ Welterklärung, die nicht ohne Kenntnis von Religion im Allgemeinen, und dem Christentum im Besonderen, verstanden werden kann.


Prof. Dr. Katharina von Kellenbach ist Visiting Scholar in Christian-Jewish-Relations am Boston College und Professor Emerita für Religious Studies am St. Mary’s College of Maryland. Sie war Vertretungsprofessorin für systematische Theologie und Ökumene an der Universität Paderborn (2024-2025) und leitete das Projekt Bildstörungen an der Evangelischen Akademie zu Berlin (2020-2024).


Um antisemitische Karikaturen zu entschlüsseln, muss man die Rezeptionsgeschichte alttestamentarischer Geschichten in Christentum, aber auch im Islam, kennen. Während sich der Islam auf eine neue Offenbarung in arabischer Sprache durch den Propheten Mohammed gründet und sich auf den Bund Abrahams mit dem Gott Israels über seine ägyptische Sklavin Hagar und deren Sohn Ismael beruft, versteht sich die christliche Kirche als rechtmäßige Erbin Isaaks, des Sohnes Sarahs. Beide großen monotheistischen Religionsgemeinschaften bedienen sich biblischer Überlieferungen von Verheißung und Verwerfung, Erwählung und Rivalität (unter Brüdern und Ehefrauen), um die eigene Erwählung und Wahrheit zu erklären. Dabei wird das Judentum zur Negativfolie der erneuerten und verbesserten Botschaft und zum Exempel des korrumpierten „Alten“. Die Liebe, Barmherzigkeit und Verheißungen Gottes werden auf das „neue Israel“ (sei es Kirche oder Umma) übertragen, und das „alte Israel“ wird für Unglauben und Übertretung bestraft und verworfen. Die Selbstkritik jüdisch-biblischer Schriften wird zur (christlichen und muslimischen) Grundsatzkritik an Israel.

Feindschaft zwischen Kirche und Synagoge

Auch der Antijudaismus des Neuen Testamentes entsteht in dieser Dynamik. Alle Autoren der Evangelien, Briefe und Schriften sind jüdisch. Die polemische Rhetorik innerjüdischer Konflikte zwischen Tora-treuen Juden und Christus-gläubigen Juden entstanden inmitten römisch-jüdischer Besatzungskriege (die mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 v.u.Z. enden), werden sich erst später zu einer systematischen „Lehre der Verachtung“, wie das der jüdisch-französische Historiker Jules Isaac in Jésus et Israel (1948) trefflich nannte. Diese Rhetorik begründet dann eine grundsätzliche Feindschaft zwischen dem „jüdischen“ und dem „christlichen“ Heilsweg. Wobei nicht mehr Jesus, Maria, und die Apostel als jüdisch verstanden werden, sondern mehr die pharisäischen und priesterlichen Feinde und Gegner „jüdisch“ markiert werden. Der Vorwurf, „die Juden“ hätten heimlich geplant, den unschuldigen Sohn Gottes zu töten, obwohl Pontius Pilatus sich dagegen verwehrte, begründet die Verwerfung und Bestrafung Israels. Die Vertreibung und Erniedrigung der Juden wurde als gerechte und gottgefällige Strafe betrachtet, was regelmäßig während der Passionszeit zu Ausschreitungen und Pogromen führte. Antijudaismus, so die katholische Theologin Rosemary Radford Ruether (1974), ist die „linke Hand der Christologie“, d.h. kein marginales Vorurteil oder Unwissenheit, sondern eine zentrale theologische Doktrin. Die jüdische Kollektivschuld begründet die Verwerfung und Enterbung Israels und die Einsetzung der heidenchristlichen Kirche. Die Vernichtung der Synagoga bestätigt den Triumpf der Ekklesia (Kirche).

Dennoch toleriert die Kirche – ab dem 4. Jahrhundert ist das Christentum Staatsreligion des Römischen Reiches – die Synagoge als erniedrigte, besiegte, und erblindete Rivalin, in Erwartung der Endzeit, in der ein „jüdischer Rest“ die triumphale Rückkehr des Messias Jesus Christus anerkennen wird. Diese messianische Endzeiterwartung sicherte das Überleben der Synagoge trotz des Verlustes der Bürgerrechte (die erst im 19. Jahrhundert erneut gestattet werden) und erheblichen wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Einschränkungen. Synagogen bestehen weiterhin und werden – im Unterschied zu heidnischen Tempeln und heterodox-häretischen Kirchenbewegungen – als Zeugen der biblischen Wahrheit toleriert und beschützt.

Kindermord, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung

Während und nach den Kreuzzügen verschärfen sich Judenverfolgungen in Europa. Neue Mythen und Legenden werden lanciert und mobilisieren Pogrome und Vertreibungen. So zum Beispiel die Vorwürfe von „Kindermorden“, wie die Legenden von Julian von Norwich (1144) und dem Anderl von Rinn (1462), in denen behauptet wird, Juden töteten christliche Knaben, um ihr Blut für rituelle Zwecke zu nutzen. Oder die Geschichten über „Hostienfrevel“, in denen Juden angeklagt und verurteilt wurden, Hostien aus Kirchen zu stehlen, um den Leib Christi zu quälen und zu schänden (nach 1215). Oder die Vorwürfe von Brunnenvergiftungen, in denen Juden für Krankheitsausbrüche wie die große Pestepidemie (1347-1348) verantwortlich gemacht wurden. Diese Legenden verstärken zentrale antijüdische Motive der Passionsgeschichte und dramatisieren jüdische Lust an Mord und Folter, Opferblut und Verschwörung, mit denen die Schuld der Juden am „Gottesmord“ plausibel gemacht wird.

Diese Bilder von Kindermord und Blutdurst, Heimtücke und Grausamkeit sind immer noch (oder wieder neu im Zug des Israel-Gaza Krieges) wirkmächtig geworden, obwohl die Kirchen den Kollektivschuldvorwurf offiziell widerrufen haben. Seit dem Schock der Schoa, aber besonders nach der Erklärung Nostra Aetate auf dem zweiten Vatikanischen Konzil 1965 haben sich Kirchen weltweit dazu verpflichtet, die Passionsgeschichte ohne jüdische Schuld und Verschwörung zu erzählen. Diese Forderung ist noch nicht realisiert.

Die „Reinheit des Blutes“

Eine wichtige Unterscheidungslinie zwischen religiösen und säkularen Antisemitismus betrifft die Wirksamkeit von Taufe und Konversion. Zweifel an der Wirkmacht der Taufe entstanden erstmals in Spanien und Portugal, wo sich im 14. und 15. Jahrhundert hunderttausende jüdische Menschen zwangstaufen ließen, um Mord und Vertreibung zu entgehen. Diese „conversos“ und „neuen Christen“ gerieten schnell unter Häresieverdacht. Neue Gesetze zur „Reinheit des Blutes“ (limpieza de sangre) wurden erlassen, um jüdische Konvertiten durch die Inquisition verhaften, verhören und verurteilen zu können. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte war Taufe nicht mehr ausreichend, um jüdische Identität abzulegen. Die Häuser der „Marranos“ (Schweine) oder getauften Juden wurden markiert und bei Verdacht auf „Rückfall“ drohte die Todesstrafe auf dem Scheiterhaufen (Autodafé).

1492 markiert nicht nur das Jahr, in dem Jüdinnen*Juden und Muslime auf Geheiß des „Alhambra Edikts“ im Rahmen der „Reconquista“ aus Spanien verwiesen wurden, sondern auch die „Entdeckung“ der sogenannten Neuen Welt, der Beginn des Kolonialismus, des transatlantischen Sklavenhandels, und der Entwicklung moderner Rassetheorien. Auch Martin Luther beginnt seine Karriere mit großen Hoffnungen auf jüdische Massenkonversionen, 1542 – drei Jahre vor seinem Tod – veröffentlicht er das Hetzpamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“, das am 9. November 1938 ohne Veränderungen wiederaufgelegt werden konnte, um die Zerstörung deutscher Synagogen zu feiern. Mit der Emanzipation und Assimilation von Juden und Jüdinnen in Deutschland im 19. Jahrhundert wird das Wesen jüdischer Identität immer stärker in „Rasse“ und „Blut“ gesucht, was von Taufe und Konversion zum Christentum nicht verändert werden kann. Allerdings wird auch in den Nürnberger Rassegesetzen (1935) festgelegt, dass Zugehörigkeit zum Judentum über die Mitgliedschaft der Großeltern in einer Synagoge definiert wird.

Es gibt gute Gründe, den Begriff „Antijudaismus“, ebenso wie „Antisemitismus“ oder „Anti-Zionismus“ durch den Begriff „Judenfeindschaft“ oder „Judenhass“ zu ersetzen. Diese Feindschaft projiziert eigene Ambivalenzen, Zweifel und Schwächen der Mehrheitskultur auf eine Minderheitengemeinschaft, die sowohl als jüdisches Volk (Nation, „Rasse“, oder Staat) und als jüdische Religion (Glaube, Kultur, oder „Wesen“) abgesondert wahrgenommen wird. Judenfeindschaft verliert an Potenz, wo die eigene (politische, kulturelle, religiöse, persönliche) Identität selbstkritisch hinterfragt und verantwortungsvoll gelebt werden kann.

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