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AfD-Wahlsieg Liebesgrüße aus Moskau und Washington

Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt jubeln Moskau und Washington. Zugleich erklärt der Kreml Deutschland zum „Nazi-Staat“. Diese Widersprüchlichkeit ist Teil der russischen Propaganda.

 
Maximilian Krah (r.) und Hans-Thomas Tillschneider (l.) posieren mit der Tasse der russischen Armee, die am Wahlabend der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2026 als gefährlichste Tasse Deutschlands versteigert wird. (Quelle: X Screenshot )

Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt sorgt international für Zustimmung aus dem politischen Umfeld der Partei. Elon Musk gratulierte auf X mit „Gut gemacht!“. US-Präsident Donald Trump verbreitete auf Truth Social eine Hochrechnung mit dem AfD‑Wahlsieg. Der frühere US-Botschafter Richard Grenell sprach von einem „großen Sieg und einem neuen Tag in Deutschland“. Besonders positiv fällt die Resonanz in Russland aus. Gleichzeitig verschärft der Kreml den Ton gegen Deutschland und spricht von „Metastasen des Nazismus“. Gemeint ist damit aber keineswegs die AfD.

In Russland berichten Staats- und kremlnahe Medien ausführlich über das Rekordergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt. Die staatliche Nachrichtenagentur TASS greift Alice Weidels Anspruch auf einen Regierungsauftrag auf, andere Medien sprechen von einem „politischen Erdbeben“ für Deutschland.

Dabei wird die AfD nicht nur als erfolgreiche Oppositionspartei dargestellt. Die Komsomolskaja Prawda erklärt ausdrücklich, sie sei „keine nazistische oder profaschistische Partei“, sondern nationalkonservativ. Ostdeutschland erscheint als das „wahre Deutschland“, das sich gegen ein westliches, amerikanisiertes, migrationsgeprägtes und zu stark an den USA orientiertes Deutschland behaupten müsse.

Dementieren, drohen, desinformieren

Parallel verbreitet der Kreml eine scheinbar gegensätzliche Erzählung. Seit die Bundesregierung Russland für den Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich macht, hat Moskau seine Rhetorik erheblich verschärft. Für die deutsche Attribution gibt es konkrete Indizien und Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, auch wenn die zugrunde liegende Beweiskette nicht vollständig öffentlich ist.

Moskau reagierte darauf zunächst mit Dementis, dann mit Drohungen und schließlich mit einer umfassenden Gegenerzählung. Außenminister Sergej Lawrow spricht inzwischen von einer faktischen deutschen „Kriegserklärung“ an Russland und behauptet, unter Friedrich Merz würden in Deutschland wieder „Metastasen des Nazismus“ sichtbar.

Verwestlicht und zunehmend neonazistisch gleichzeitig

So existieren zwei widersprüchliche Deutschlandbilder nebeneinander: Die Bundesrepublik wird einerseits als zunehmend „neonazistisch“ dargestellt, andererseits als zu liberal, zu westlich, zu US-amerikanisch und zu vielfältig. Gleichzeitig wird eine Partei zum Hoffnungsträger erklärt, deren Landesverband Sachsen-Anhalt rechtsextremistisch ist.

Der Widerspruch zeigt, wie kreativ die russische Propaganda mit politischen Begriffen arbeitet. „Nazi“ beschreibt hier keine konsistent definierte Ideologie, sondern dient vor allem der Markierung politischer Gegner. Wer Russland entgegentritt, die Ukraine unterstützt und die NATO stärken will, kann zum „Nazi“ erklärt werden. Eine nationalistische und migrationsfeindliche Partei kann dagegen als Vertreterin des „wahren Deutschlands“ erscheinen, wenn sie Sanktionen ablehnt und die deutsche Russlandpolitik grundsätzlich infrage stellt.

Klarer Kurs des Kremls für die AfD

Stringenter ist die russische Kommunikation bei ihrer Unterstützung der AfD und ihrer außenpolitischen Positionen. Schon vor der Wahl tauchten AfD-Politiker regelmäßig als deutsche Stimmen in russischen Medien auf. Prominentestes Beispiel ist der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah. Er stand 2024 im Zentrum der Affäre um das prorussische Propagandaportal „Voice of Europe“, über das mutmaßlich Gelder an europäische Politiker flossen. Seiner Karriere in der Partei hat das nicht geschadet, seine russlandfreundlichen Positionen vertritt Krah bis heute offensiv.

Wie selbstverständlich diese Nähe zu Moskau inzwischen zur Schau gestellt wird, zeigte sich am Wahlabend in Sachsen-Anhalt. Auf der Wahlparty der AfD posierte Krah gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider, der dem völkisch-nationalistischen Lager der Partei zuzurechnen ist. In Tillschneiders Hand: eine schwarze Tasse mit rotem Stern und der kyrillischen Aufschrift „Armee Russlands“. Der Journalist Paul Ronzheimer hatte die Tasse wenige Tage zuvor in Tillschneiders Wahlkreisbüro in Querfurt entdeckt. Auf den Hinweis, es handele sich um die Armee, die die Ukraine angreift und Deutschland mit hybriden Attacken überzieht, antwortete Tillschneider: „Es ist nicht unser Krieg“. Und weiter: „Staaten haben keine Freunde, Staaten haben Interessen“. Statt die Tasse nach der Kritik wegzuräumen, machte Tillschneider daraus eine Inszenierung: Als „gefährlichste Tasse Deutschlands“ versteigert er sie seit dem Wahlabend auf eBay. Der Erlös soll nach seinen Angaben an den „Soli-Fonds“ des rechtsextremen Netzwerks „Ein Prozent“ gehen.

Nach dem Anschlagsversuch von Leipzig zweifelten Vertreter der Partei die russische Verantwortung an. Der AfD‑Bundestagsabgeordnete Götz Frömming brachte ohne Belege sogar eine ukrainische „False-Flag“-Operation ins Spiel. Russische Medien griffen solche Aussagen auf und konnten ihre eigene Darstellung damit als eine Position präsentieren, die auch innerhalb Deutschlands vertreten wird.

Es entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Verstärkung: Narrative aus Moskau ähneln stark den Argumentationen aus der AfD. Werden sie von AfD-Politiker*innen geäußert, können russische Medien sie wiederum als deutsche Stimmen zitieren. Ob diese Wechselwirkung im Einzelfall beabsichtigt oder koordiniert ist, ist für den Effekt zweitrangig.

BSW: Schnittmengen bei der Russlandpolitik

Nach der Wahl bekommt diese Konstellation zusätzliche politische Bedeutung. Die AfD hat mit 43,8 Prozent zwar klar gewonnen, aber die absolute Mehrheit verfehlt. Das BSW schließt Gespräche mit der AfD nicht grundsätzlich aus. Spitzenkandidat Thomas Schulze verwies nach der Wahl ausdrücklich auf „Schnittmengen“, insbesondere in der Russlandpolitik. Beide Parteien lehnen Sanktionen gegen Russland ab und wollen wieder günstige russische Energie beziehen.

Damit zeichnet sich eine Art Zangenbewegung ab, für die keine direkte Steuerung aus Moskau unterstellt werden muss: Von außen setzt Russland Deutschland mit Propaganda, Desinformation und hybriden Operationen unter Druck. Im Inneren gewinnen gleichzeitig politische Kräfte an Einfluss, deren Positionen in zentralen Fragen mit russischen Interessen übereinstimmen. Russische Medien verstärken deren Botschaften und stellen ihren Erfolg als Aufstand des „wahren Deutschlands“ gegen eine angeblich westlich gesteuerte Elite dar.

Die Kraft in der Widersprüchlichkeit

Der Jubel über den AfD-Sieg passt damit in eine größere Erzählung: Das Deutschland, das sich Russland entgegenstellt, sei fremdgesteuert, aggressiv und im Niedergang. Das „wahre Deutschland“ dagegen beginne sich zu wehren.

Dass dieses Land gleichzeitig angeblich von „Neonazi-Metastasen“ befallen, zu liberal, zu vielfältig und zu amerikanisch sein soll, ist dabei kein Hindernis. Russische Propaganda muss kein widerspruchsfreies Deutschlandbild erzeugen. Im Gegenteil: Die Widersprüchlichkeit ist funktional. Sie ermöglicht es, Verwirrung zu stiften, Gegner zu markieren und je nach Anlass genau die Erzählung auszuwählen, die den eigenen politischen Interessen dient.

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