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Goyslop Wie eine antisemitische Dog Whistle zum Internetbegriff wird

Ein Begriff, der zunächst nur Pommes und Softdrinks meinte, steht heute für die gesamte moderne Lebenswelt: „Goyslop“. Dahinter steckt die Erzählung, eine jüdische Elite vergifte die Mehrheitsgesellschaft gezielt. Im deutschsprachigen Raum kursiert „Goyslop“ bislang vor allem in Fitness- und Männlichkeitsmilieus.

 
Screenshot von Instagram

Ein übergroßer Kessel läuft über. Herausquillt eine zähflüssige Masse, gespickt mit popkulturellen Symbolbildern. Darüber steht in großen Buchstaben: GOYSLOP. Links reihen sich Logos von Disney, Marvel, Netflix, TikTok, Prime Video, McDonald’s und dem Videospiel Call of Duty aneinander. Hinter dem Kessel sitzt eine schattenhafte Ansammlung von Männern in Anzügen, die zentrale Figur mit einem Illuminaten-Symbol auf der Stirn. Und vor dem Kessel eine amorphe Gruppe von grau gekleideten Menschen mit gesenktem Blick auf ihre Smartphones. Über ihren Köpfen erkennt man Bildschirme mit unterschiedlichen Medien und Aufschriften, darunter auch: „Obey. Consume. Repeat“ (zu Deutsch: „Gehorchen. Konsumieren. Wiederholen.“). Rechts daneben listet das Bild die Zutaten des Goyslop auf: Angst, Pornografie, Degeneration, Spaltung, Ablenkung und Gewalt. Das Bild ist vollständig KI-generiert.

Ausgerechnet ein mit Künstlicher Intelligenz erzeugtes Meme behauptet, moderne Technologien würden gezielt eingesetzt, um Menschen zu manipulieren und gefügig zu machen. Das Meme schlüsselt mit dem Wimmelbild eine vollständige Verschwörungserzählung auf. Fast Food, Streamingdienste, Videospiele, Smartphones, Popkultur und Künstliche Intelligenz werden zu Werkzeugen, die durch eine schattenhafte Elite gezielt eingesetzt werden, um die Massen zu manipulieren. Im Zentrum dieser Erzählung steht ein Hashtag-Begriff, der in den vergangenen Monaten Millionenreichweiten generiert hat, nämlich Goyslop.

Vom Fast-Food-Slang zur antisemitischen Chiffre

Der Begriff setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. Goy bezeichnet im Hebräischen und Jiddischen einen Nichtjuden. Slop bedeutet im Englischen so viel wie Fraß, sprich minderwertige Nahrung. Wörtlich ließe sich Goyslop also als „Fraß für Nichtjuden“ übersetzen.

Ursprünglich entstammt der Begriff als Dogwhistle US-amerikanischen Imageboards wie 4chan und 8kun rund um Gamergate, ab circa 2016. Seitdem entwickelt Goyslop jedoch ein neues Eigenleben. Aus der rechtsextremen Imageboard-Nische hat sich der Begriff mittlerweile endgültig herausgeschält und wandert zunächst in Fitness- und sogenannte Carnivore-Communitys (Fleischfresser) sowie in antisemitische Meme-Netzwerke. Parallel entstehen Varianten wie ZOG Chow (ZOG steht für Zionist Occupied Government, eine Verschwörungserzählung, die ursprünglich aus der Neonaziszene kommt. Chow bedeutet zu Deutsch Futter), Zogslop oder Goyblock. Mittlerweile wird der Begriff jedoch auch von nicht radikalisierten Internetnutzer*innen massenhaft rezykliert und angewendet.

Am Anfang bezog sich Goyslop tatsächlich vor allem auf Ernährung. Gemeint waren Fast Food, industriell verarbeitete Lebensmittel, Softdrinks oder sogenannte Seed Oils. In Memes und Foren wurde beispielsweise behauptet, diese Produkte würden Menschen krank, unfruchtbar und geistig träge machen. Die vermeintliche Gegenwelt bestand aus Fleisch, Rohmilch und einem „ursprünglichen“ Lebensstil.

Der Vorwurf: Eine jüdische Elite würde mit McDonald’s-Fast-Food und Starbucks versuchen, den weißen Volkskörper zu schädigen und krank zu machen. „Du bist, was du isst“: In einen gesunden Körper gehöre auch gesundes, in dem Fall nicht „jüdisch versifftes“ Essen. Das Narrativ hinter dem Begriff lautet, dass jüdische Eliten die nichtjüdische Bevölkerung gezielt mit minderwertigen Produkten versorgen, um sie körperlich, geistig und moralisch zu schwächen. Fast Food, Medikamente, Pornografie oder Unterhaltung werden nicht als wirtschaftliche Produkte verstanden, sondern als Instrumente einer absichtlichen Zersetzung. Hinter Goyslop als Begriff steckt Antisemitismus.

Screenshot von TikTok

Die Moderne als Vergiftungsmaschine

Die Vorstellung eines Zionist Occupied Government (ZOG), die Erzählung vom sogenannten Kulturmarxismus oder die vom „Great Replacement“ folgen derselben Grundlogik. Der Begriff Goyslop übersetzt diese jahrzehntealten Erzählungen in die Meme-Kultur sozialer Plattformen. Er verzichtet auf lange ideologische Versatzstücke und Einordnungen. Durch einen einzigen Begriff soll eine komplette Weltanschauung aufrufbar gemacht werden.

Gerade deshalb hat sich seine Bedeutung in den vergangenen zwei Jahren deutlich verändert. Heute bezeichnet der Begriff nahezu alles, was innerhalb rechter Onlinekulturen als Ausdruck einer dekadenten Moderne gilt. Somit werden Streamingdienste, künstliche Intelligenz, Videospiele, Pornografie und auch mitunter Plattformen zu Goyslop und somit zum Fraß für die manipulierten Massen.

Diese semantische Ausweitung folgt einer rechtsextremen ideologischen Logik. Der Begriff entwickelt sich zu einem Ordnungsprinzip, mit dem die gesamte moderne Lebenswelt als korrupt und dekadent rezipiert wird. Unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene werden als Bestandteile einer einzigen Verschwörungserzählung verstanden. Aus einem antisemitischen Nischenbegriff für Fast Food wird ein universeller Container für sämtliche kulturelle Entwicklungen, die als Ausdruck einer vermeintlich degenerierten Gesellschaft gelesen werden.

Von den USA nach Deutschland

Im deutschsprachigen Raum befindet sich diese Entwicklung bislang noch in einer früheren Phase. Bislang dominiert im deutschsprachigen Raum vor allem die Verbindung zu Ernährung, Fitness und vermeintlich „natürlichen“ Lebensweisen. Besonders in Männlichkeitsmilieus taucht der Begriff zunehmend auf.

Während sich klassische antisemitische Verschwörungserzählungen häufig auf einzelne Bereiche wie Banken, Medien oder politische Institutionen konzentrieren, weitet die Definition von Goyslop den Deutungsraum erheblich. Der Begriff beschreibt die moderne Gesellschaft als einen grundsätzlich kontaminierten Raum, in dem nahezu jede alltägliche Erfahrung Teil einer vermeintlichen Manipulationsstrategie geworden ist. In den kursierenden Memes, Reels und Shorts wird diese Vorstellung immer wieder visualisiert. Unterhaltung dient angeblich der Massenmanipulation. Pornografie soll Männer schwächen, industriell hergestellte Lebensmittel den Körper vergiften. Soziale Medien zerstörten Aufmerksamkeit und Konzentration. Künstliche Intelligenz produziere massenhaft Propaganda. Selbst alltägliche Konsumentscheidungen erscheinen innerhalb dieser Erzählung als Ausdruck einer umfassenden gesellschaftlichen Steuerung. Der Begriff entwickelt sich zu einer universellen Erklärung für gesellschaftliche Veränderungen und verbindet Ernährung, Popkultur, Technologie, Medien und Politik zu einem geschlossenen Deutungsrahmen.

Von antisemitischer Dogwhistle zu Internetvokabular

Goyslop fügt sich nahtlos in den Wortschatz sozialer Plattformen ein. „Slop“ gehört inzwischen längst zum allgemeinen Internetvokabular. Online-Nutzer*innen sprechen über KI-Slop, wenn sie massenhaft produzierte KI-Inhalte meinen, oder über Content-Slop, wenn algorithmisch optimierte Massenware gemeint ist. Auch Begriffe wie Brainrot oder SEO-Slop beschreiben eine digitale Öffentlichkeit, die zunehmend von emotionalisierenden oder qualitativ minderwertigen Inhalten geprägt wird.

An genau diesen umgangssprachlichen Internetusus knüpft Goyslop an. Der Begriff wirkt wie eine weitere Variation bereits etablierter Plattformsprache. Seine ideologische Herkunft verschwindet hinter einer vertrauten Form. Parallel dazu belohnen digitale Plattformen Begriffe und Trends, die leicht verständlich, flexibel einsetzbar und schnell durch Hashtags reproduzierbar sind. Memes leben davon, dass möglichst viele Menschen sie auf neue Kontexte übertragen. Genau das passiert derzeit mit Goyslop. Aus einem Begriff für vermeintlich ungesunde Ernährung wird ein universeller Marker für alles, was innerhalb rechter Onlinekulturen als Ausdruck einer degenerierten Moderne gilt.

Diese Entwicklung verweist auf eine grundlegende Veränderung digitaler Propaganda. Verschwörungserzählungen zerfallen in kleine semantische Bausteine. Einzelne Memes reichen aus, um ein vollständiges Weltbild aufzurufen. Wer die Codes kennt, ergänzt den Rest automatisch. Gerade dadurch können sich solche Begriffe weit über ihre ursprünglichen Entstehungskontexte hinaus verbreiten.

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