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Jung und reaktionär Die Nachwuchs-Rechts-Fluencer

Fröhliche Denkpanne: "Ketzer der Neuzeit" und "eingollan" auf Tour. Standbild aus dem Filmtrailer, dass das Werk bewirbt.

„Wir werden so degeneriert und abgef***kt von der Ideologie, die uns reingebrainwashed (sic) wird“, lautet ein O-Ton aus dem Jugendfilm „Deviant“. Gedreht wurde dieser von den Junginfluencern @KetzerderNeuzeit und @eingollan, die aktuell besonders bei unter 20-Jährigen populär sind. In „Deviant“ touren Leonard Jäger – der „Ketzer der Neuzeit“ – und Michelle Gollan aka eingollan durch Deutschland. Dabei übernachten sie im vermeintlich „linksextremsten Viertel“ Deutschlands, interviewen impfskeptische Bodybuilder und führen tendenziöse Straßenumfragen durch. Die Bilder wirken hoffnungsvoll. Leo und Michelle lachen ausgiebig und lassen sich selbst von Autopannen auf der Autobahn ihre Laune nicht verderben. Ein Coming of Age- Film, über Freundschaft und die Hürden des Lebens? Fast.

Denn bei „Deviant“ vielmehr handelt es sich vielmehr, um den Versuch zweier rechtsoffener Junginfluencer, eine neokonservative, stark anti-emanzipatorische Lebensart zu präsentieren. Die zwei rechten Wegbegleiter*innen setzen auf eine Vermarktungsstrategie, die Nahbarkeit und starke parasoziale Bindung vortäuscht. Ihr Film soll polarisieren und ihre junge Zielgruppe emotionalisieren. Die Sprache ist einfach, klar und jugendaffin. Dabei flechten sie ihr reaktionäres Weltbild, das reich an logischen Fehlschlüssen, desinformierenden Taktiken sowie verschwörungsideologischen Erzählungen ist, nahtlos in ihren Content mit ein.

Auch abseits vom Film-Business sind eingollan und Ketzer der Neuzeit erfolgreich. Hauptsächlich haben sie sich während der Pandemie einen Namen für sich gemacht, indem sie ihre Anti-Haltung als Marken-Image vermarkten. So schreibt Leonard in seiner YouTube-Kanalprofilbeschreibung über die Idee hinter „Ketzer der Neuzeit„: „Ketzer – jemand, der öffentlich eine andere als die in bestimmten Angelegenheiten für gültig erklärte Meinung vertritt.“ Jemand der gerne mit seiner „unpopulären“ Meinung provoziert, nennt man einen Edgelord.

Und Michelle? Sie inszeniert sich gerne mobil, ungebunden, und posiert häufig zusammen mit ihrem blauen Bulli, den sie scheinbar Gunnar getauft hat. Das wirkt entspannt und spontan, vermittelt aber auch, dass sie allzeit bereit ist, verschiedenste Events und Proteste abzugrasen, um ihre menschenfeindlichen Positionen zu verbreiten, die sie dort als „unpopuläre“ Meinung verkauft, zu verbreiten.

Verklausulierte Botschaften

Das Markenzeichen der beiden rechtsoffenen Influencer sind „Undercover“-Videos, zumal ein Großteil ihres Contents sich auf Straßen-Interviews, Straßen-Umfragen und Demo-Boykott-Aktionen fokussiert. Sie sprechen dafür mit häufig ahnungslosen Passant*innen & Demonstrierenden. Dabei provozieren die beiden gerne mit polemischen Fragen und ecken mit reaktionären Meinungen an, hinter welchen sich häufig verklausulierte extremere Botschaften verstecken.

Gezielt schleusen sich Michelle und Leonard bei feministischen, queeren oder linken Demos ein, um „bloß Fragen zu stellen“ und um die Proteste zu stören. So infiltriert Eingollan eine Demo der Letzten Generation, getarnt als Ordner*in, um bei Passant*innen Desinformation und Unmut zu verbreiten. Sie stoppt Fahrradfahrer*innen und belästigt Teilnehmer*innen mit peinlichen Gags. Die interviewten Personen führt sie anschließend online vor, um sie anschließend in langen Reaction Videos an den digitalen Pranger zu stellen.

In reißerischen Video-Captions heißt es dann „So hart blamiert sich die Antifa bei der Feministen Demo“, „Verurteilt wegen falschem Gendern“, „Ich weiblich wurde vom Weltfrauentag verstoßen“ oder „Ausländer raus?“. Proteste zu infiltrieren ist auch ein Teil neurechter Störungspraxis, die immer wieder auf Agitation und Zersetzung setzt.

Abgeguckt von Neurechten

Mit ihren Interview-Formaten verfolgen Eingollan und Ketzer der Neuzeit eine Medienstrategie, die eigentlich von der Identitären Bewegung maßgeblich geformt wurde. So sollen menschenfeindliche Ideologien massentauglich gemacht werden, indem eine „stille Mehrheit“ durch gezielt ausgewählte Interviewer*innen simuliert wird. Die antidemokratischen und antipluralistischen Ideologien von sowohl Leonard und Michelle, als auch ihrer reaktionären Gäste, werden somit als Meinungsabbild der Gesamtgesellschaft verkauft, um vor allem Jugendliche zu verunsichern. Dabei verschieben die Rechtspopulist*innen sie mit jedem Straßen-Interview den diskursiven Raum und erweitern die Grenze des Sagbaren ins Reaktionäre.

In einigen ihren Interviews werden rechtsalternative Redner*innen interviewt, die dem Ketzer und Eingollan beipflichten und sogar weitere Hassnarrative in die Welt setzen. Außerdem werden in den meisten Videos, politische Gegner*innen, also Antifaschist*innen, „linksgrünversiffte“ und queere Menschen, aber auch generell progressiv gestimmte Menschen, immer wieder als Outgroup und Versager markiert. Somit nutzen sie „das Anderssein“ der Interviewten, um diese einzuschüchtern, zu ridikülisieren und zu bekämpfen. Nach jedem „gegnerischen“ O-Ton werden entweder von Michelle oder von Leonard entsprechend Mienen gezogen, um ihre Missgunst visuell für die Zuschauer*innen zu markieren.

Neu: Farbfilter und schnelle Schnitte

Dabei arbeitet ein Großteil des Contents mit manichäischen Bildern, in denen Gut gegen Böse ausgespielt wird. Die Interview-Fetzen werden fast ausschließlich verkürzt und dekontextualisiert dargestellt, damit die Opposition wie ein Haufen verwirrter Loser wirkt. Oft setzen Ketzer der Neuzeit und Eingollan starke narrative Kontraste durch skurrile Musik sowie Farbfilter und gezielte Schnitte. Gleichzeitig werden aber auch Meinungen von anderen Rechtsalternativen eingeholt, die wiederum unkommentiert und in voller Länge präsentiert werden. Das Ergebnis? Stark polarisierende Videos, die wie so oft ihren eigenen Bias verbergen und leider wie so oft reichweitenstark aufgrund ihrer emotionalen Aufmachung bei jungen Menschen ankommen.

Die Hetze kommt an

Die Kanäle der beiden Jungfluencer sind populär und wachsen rasant. So gewinnt Michelles Account in weniger als einem halben Monat (Zeitraum 15.06 – 29.06.23) knapp 6.000 neue Follower*innen, während Leonard mit einem wöchentlichen Wachstum von etwa 2.500 Abonnent*innen rechnen kann. Darüber hinaus verzeichnet der Kanal von Leonard (Ketzer der Neuzeit) über 300 Tsd. Abonnent*innen und  65 Millionen kumulierte Aufrufe allein auf YouTube. Auch Eingollan, die noch relativ neu im digitalen Selbstvermarktungsspiel ist, schafft es mit ihren knapp 41 Tsd. YouTube-Abonnent*innen und 4 Mio. Aufrufen –  von denen 1,6 Mio. allein im Monat Juni 2023 generiert wurden –  zum Influencer-Status. Konkret heißt dies, beide verdienen auf YouTube allein, gutes Geld. Zum besseren Verständnis: ab einer Größe von 1000 Abonnent*innen können YouTube-Kanäle ihren Content durch Werbeeinnahmen monetarisieren. In der Regel können Accounts ab einer Größe von 100.000 Aufrufen zwischen 500 und 2500 Euro pro Video verdienen. Für Ketzer der Neuzeit könnte dies aber laut Socialblade Youtube-Einnahmeschätzung sogar bis zu 9.000 € / Monat bedeuten und für Eingollan bis zu 5,700 € / Monat.

Das bisschen Internet-Hetze

Eingollan und Ketzer der Neuzeit zeigen, dass es für die Gen Z selbstverständlich ist, auf verschiedenen Kanälen Influencer zu spielen. Ihre Weltbilder sind reaktionär und latent antidemokratisch, jedoch auf eine subtile Art und Weise. Leonard und Michelle wissen, wie sie den stillen Part, also ihre hasserfüllte Kernbotschaft gut verschleiern können, um der Plattform Content-Moderation zu entgehen und um bei ihrem Publikum eine „moderate“ Position vorzugaukeln. Sie arbeiten konsequent mit Umwegskommunikation als Strategie, um unsagbare Narrative zu chiffrieren.

So teilt der Ketzer einen Twitter-Thread auf Instagram, indem er sich über den „pri’demon’th“, also über den Pride-Monat echauffiert. Sein Post bemüht ein queerfeindliches Narrativ, dass LGBTQIA+ Menschen als „Groomer“, also „Perverse“, inszeniert, die Kinder frühsexualisieren wollten.

Jäger verschleiert seine queerfeindliche Einstellung jedoch durch Ironie und Chiffren und schreibt: „Alle, die den ‘pri’demon’th“ feiern, sollten sich bei ihren „heteronormativen CIS-Eltern 1&2“ für ihre Existenz bedanken“. Seine hasserfüllte Position wirkt auf den ersten Blick ein harmloser „Hot Take“, also eine Internet-Polemik. Wer jedoch nach rechts auf sein Instagram-Posting swiped, sieht, was Leonard Jäger damit genau meint. Die nächsten Kacheln bestehen nämlich aus einer Bildkollage, die aus dem Kontext gerissen wurde, in dem diverse Kinder auf Pride-Veranstaltungen als potenzielle Opfer inszeniert werden. Damit unterstreicht Jäger sein Narrativ der Frühsexualisierung von Kindern. Geliked wird der Post selbstredend von Rechtsextremen wie Michael Scharfmüller von InfoDirekt, Verschwörungsideologen wie Friedentotal und auch einem Mitglied der rechtsextremen Deutschrap-Crew NDS.

Eingollan arbeitet ähnlich. Zu keinem Zeitpunkt formuliert die Anfang Zwanzig-Jährige ihre Positionen offensiv, denn auch sie setzt auf Dogwhistling, also chiffrierte Sprache. So ändert sie anlässlich des Pride-Monats ihr Profilbild auf Telegram und ersetzt dieses durch ein Selfie mit dem #Stolzmonat-Farbverlauf – einen “Regenbogen”-Bildhintergrund oder Ring aus Schwarz-Rot-Gold-Schattierungen. Anfangs hatten rechtsextreme Onlinehater aus dem Umfeld von Shlomo Finkelstein Bild-Generatoren für diese Foto-Umrandung gebaut, was schnell von Teilen vor allem der “Jungen Alternative” der AfD übernommen worden war. Bei der Aktion geht es darum, den LGBTIQ-feiernden Pride Month zu verunglimpfen – und dabei Nationalstolz zu zeigen.  Danach wurde der Trend von einem breiten rechten Spektrum aufgegriffen. Eingollan inszeniert durch die Nutzung des Bildhintergrundes  ihren stillen Zuspruch zu Queerfeindlichkeit – und zur Täter-Opfer-Umkehr, Nationalist*innen als eine unterdrückte Minderheit zu stilisieren, die von der vermeintlichen LGBTQIA+ Agenda bedroht würden. Diese Strategie der Täter-Opfer-Umkehr ist auch unter anderem essenzieller Bestandteil des rechten Kulturkampfes. Nebenbei ist es auch eine Selbstvermarktungsstrategie: durch den Bildhintergrund mit Hashtag markieren sich Gleichgesinnte selbst – und füllen ihre Follower-Listen.

Eingollan und Ketzer sind zwei junge Internetpropagandist*innen, die aktuell versuchen, den rechten Kulturkampf bei jungen Menschen zu popularisieren. Ihre Medienstrategie ist gefährlich, da sie auf Desinformation und eine subtile Form des Hasses setzt. Man fragt sich, was hat sie bloß so ruiniert?

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