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Lagebild Antisemitismus Dschihadistischer und legalistischer Islamismus

Schriftstellerin Ronya Othmann. (Quelle: Beliban Stollberg)

Wie sind Sie eigentlich beim Thema Islamismus gelandet? Sie sind ja auch Schriftstellerin.
Ronya Othmann: Ich bin unter anderem ezidisch. Der Islamismus wurde zu einem Thema für mich durch den Genozid an den Ezid*innen 2014 im irakischen Shingal, durch die Prozesse gegen Islamist*innen des Islamischen Staates, aber auch durch meine taz-Kolumne mit Cemile Sahin. In dieser haben wir immer wieder auch über Islamismus geschrieben und wurden dafür angegriffen. Das hat mich motiviert, besser zu verstehen, was da los ist.

In welchem Verhältnis stehen Islamismus und Antisemitismus? Welche Rolle spielt Antisemitismus im islamistischen Weltbild?
Antisemitismus ist ein Kernelement des Islamismus. Man findet ihn bei allen islamistischen Strömungen, von denen es ja ganz verschiedene gibt: im Iran etwa den schiitischen Islamismus, den sunnitischen Islamismus wie beispielsweise al-Qaida oder der IS, den dschihadistischen Islamismus und den legalistischen Islamismus. Allen diesen Strömungen ist gemeinsam, dass sie antisemitisch sind. Gemeinsam ist ihnen auch unter anderem die Homofeindlichkeit, also Schwulenfeindlichkeit.

Am häufigsten zeigt sich der Antisemitismus als israelbezogener Antisemitismus. Es gibt beispielsweise Akteur*innen, die sich antisemitisch gegenüber Israel äußern, aber so tun, als hätten sie nichts gegen Jüdinnen und Juden. Eine Person hat zum Beispiel mal ein Bild bei Instagram geteilt, wo es um das Zusammenleben von Jüdinnen und Juden und Muslim*innen in Aleppo geht. Dass es dort aber ebenfalls schon früher Pogrome gegen Jüdinnen und Juden gab, wird verschwiegen. Israel gegenüber äußern sie sich jedoch klar antisemitisch und tun dabei so, als ob es eine Kritik an Israel wäre, die nichts mit Jüdinnen und Juden zu tun hat. Das kann man natürlich nicht voneinander trennen, vor allem, weil sie die gleichen antisemitischen Bilder benutzen, aber nicht das Wort Jude – sondern „Israel“ – verwenden.

Der Anschlag auf die Synagoge und den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Graz im August 2020 zeigt aber, wie schwierig es ist, solche Attentate den richtigen Akteur*innen zuzuordnen. Der mutmaßliche Täter ist Syrer, und in Syrien gibt es nicht nur die Islamisten, die antisemitisch sind, sondern auch das Regime. Antisemitismus ist in Syrien quasi Staatsdoktrin. Das Assad-Regime hat mit den Islamisten zwar kooperiert, benutzt teilweise auch islamistische Sprache und propagiert einen Märtyrer-Kult, aber es versteht sich nicht als islamistisch. Der Assad-Clan ist ja auch alawitisch (nicht zu verwechseln mit den Aleviten). Es stellt sich also die Frage, inwiefern das eigentlich im strengen Sinne ein islamistisches Attentat war.

Jedoch gab es in der Vergangenheit islamistische Anschläge, die antisemitisch waren, wie beispielsweise die Geiselnahme an der Porte de Vincennes 2015 in Paris: Ein Attentäter, der sich zum Islamischen Staat bekannte, ermordete in einem jüdischen Supermarkt vier Juden und nahm Geiseln.

Stimmt, man müsste viel mehr unterscheiden zwischen den verschiedenen islamistischen Strömungen, um ihnen auch entsprechend begegnen zu können.
Natürlich sind alle islamistischen Strömungen antidemokratisch, antisemitisch und damit hochproblematisch, aber ideologisch gibt es doch auch massive Unterschiede: zwischen der Muslimbruderschaft, dem IS oder türkischen Strukturen wie zum Beispiel DITIB.

Was sind denn islamistische Strukturen jenseits des IS (Islamischer Staat) in Deutschland?
Es gibt zum Beispiel legalistische Islamist*innen: Sie wollen ihre Ziele nicht mit Gewalt oder Anschlägen erreichen, sondern indem sie auf friedliche, politische Weise Einfluss gewinnen. Dazu gehören sicherlich muslimbruderschaftsnahe Vereine wie Islamic Relief oder DITIB, Millî Görüş. Im Zentralrat der Muslime ist z. B. das Islamische Zentrum Hamburg mit der Blauen Moschee organisiert, einer schiitischen Moschee, in der ein Khomeini-Bild an der Wand hängt. Ein Problem ist, dass es größtenteils kein Wissen über diese Strukturen gibt und dass sie verharmlost werden. Teils übernehmen diese Gruppen beispielsweise auch Spitzeltätigkeiten gegenüber Kritiker*innen z. B. des türkischen oder iranischen Regimes in Deutschland, was zu Einschüchterungen führt.

Der IS ist eine Form des dschihadistischen Islamismus, der ein weltweites Kalifat nach IS-Regeln schaffen will. DITIB steht dagegen für eine andere Form der Islamisierung. Man kann das z. B. in der Türkei beobachten, wo Museen, die zuvor christliche Kirchen waren, zu Moscheen gemacht werden. Bei der Eröffnungsfeier zur Hagia Sophia trat der Prediger mit Schwert auf, also mit einem politischen Kampfsymbol. In deutschen DITIB-Moscheen wurde zum Einmarsch in Afrin die Fetih-Sure rezitiert, was auf Deutsch „Eroberung“ bedeutet. Legalistische Islamist*innen versuchen ihre Ziele mit politischen Mitteln durchzusetzen, sind aber keineswegs ungefährlich.

Politisch unproblematisch sind oft nur Einzelakteur*innen, die außerhalb der großen Verbände stehen und die die Strukturen kritisieren. Beispielsweise untersteht DITIB schon der Struktur nach dem türkischen Präsidenten, weil sie Diyanet untergeordnet sind, der türkischen Religionsbehörde, die direkt Erdogan untersteht. Solange es diese ganzen Verstrickungen und Verbindungen gibt, muss man sich distanzieren.

Im August kam es auf der Berliner A100 zu einem islamistischen Attentat, bei dem sechs Menschen teils schwer verletzt wurden. Auf den Social Media-Profilen des Attentäters fanden Ermittler*innen propalästinensische Posts. Auch der Angreifer in Graz sprayte in zwei Nächten propalästinensische Parolen an die Synagoge. Israelbezogener Antisemitismus ist eine gefährliche und weitverbreitete Erscheinungsform des heutigen Antisemitismus. Welche anderen Formen gibt es im Islamismus?
Antisemitismus finden wir im Dschihadismus, beim IS wie al-Qaida, und natürlich auch bei der Hamas und Hisbollah, deren primäres Ziel ja die Vernichtung Israels ist. Antisemitisch ist natürlich auch das iranische Regimes, wo Israelflaggen nur hergestellt werden, um sie in öffentlichkeitswirksamen Propagandaveranstaltungen wieder zu verbrennen, und wo zum Beispiel auch die Holocaustleugner-Konferenz stattfand. Antisemitismus, antisemitische Pogrome gab es in der arabischen Welt übrigens schon vor der Staatsgründung Israels (Georges Bensoussan schreibt darüber in „Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage“). Und Radio Zeesen sendete aus Nazideutschland antisemitische Propaganda auf Arabisch und rief zum Dschihad gegen Juden auf. Man findet heute im islamistischen Antisemitismus auch den Antisemitismus der Nationalsozialisten wieder.

Verschwörungserzählungen rund um Covid-19 gibt es natürlich auch in islamistischen Gruppen. Im Iran zum Beispiel gibt es Verschwörungserzählungen, laut denen die Bahai Schuld hätten oder Israel, die an einem Impfmittel forschen. Ich habe auch schon gelesen, dass Homosexuelle die Schuldigen seien, und natürlich gab und gibt es die Erzählung, „die Juden“ seien schuld.

Ganz konkret wurde das ja auf Twitter im Hashtag #Covid1948 bzw. #Covid48, mit dem eine Verbindung zwischen der Gründung Israels und der Pandemie hergestellt wurde. In dem Bild ist Israel das Virus, das über das palästinensische Land kommt. Nicht nur dieses Beispiel zeigt die Rolle Sozialer Netzwerke für die Verbreitung menschenfeindlicher Einstellungen. Im Rechtsextremismus ist das ja schon bekannt: Akteur*innen vernetzen sich auf Image-Boards, über Social Media etc. – wie sieht das im islamistischen Milieu aus?
Offline gestaltet sich die Recherche für mich schwer, weil ich in viele Moscheen nicht reingehen kann. Ich recherchiere deswegen ohnehin nur online. Viel findet sich da in Videos bei YouTube, in Reden und Predigten. Auch Fotos, die in Sozialen Netzwerken geteilt werden, zeigen uns, wer mit wem zu tun hat. Da ist gerade Instagram eine wichtige Plattform. Klassische Zeitungen wie die Islamische Zeitung oder Islamiq geben ebenfalls Aufschluss über das Milieu. Man muss sich sehr genau anschauen, mit wem man es zu tun hat, wie sie agieren und sich nach außen geben. Auch TRT, die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft der Türkei, ist da spannend, weil die Beiträge des Senders viel in Sozialen Netzwerken, auch im deutschen Kontext, geteilt werden. TRT macht viel zu (antimuslimischem) Rassismus in Deutschland, ist aber ein türkischer Staatssender. Über den Rassismus in der Türkei, beispielsweise gegenüber Kurd*innen und nicht-muslimischen Minderheiten, schweigt er. Das finde ich krass. Es gibt es in Deutschland einfach zu wenig Wissen darüber, was das für Medien sind.

D.h. sie reden nur über den Rassismus, der sie betrifft?
Ja. Ein anderes Beispiel: Es ist heuchlerisch, wenn sich islamische Verbände mit jüdischen Menschen nach einem antisemitischen Anschlag öffentlich solidarisieren, aber gleichzeitig nicht ihren eigenen Antisemitismus thematisieren. Andersherum gilt das auch: Wenn Leute sich mit islamistischen Strukturen beschäftigen und gleichzeitig nicht antimuslimischen Rassismus sehen. Das Ziel muss sein, antimuslimischen Rassismus zu kritisieren und gleichzeitig auch die ganzen islamistischen und faschistischen Strukturen weltweit. Und, ganz wichtig, man muss auch in seinen eigenen Strukturen kehren.

Das Gespräch wurde im August 2020 geführt.

Zivilgesellschaftliches Lagebild Antisemitismus

Das Interview ist ein Auszug aus dem „Zivilgesellschaftlichen Lagebild Antisemitismus“ der Amadeu Antonio Stiftung, dass heute erscheint: Eine zivilgesellschaftliche Bestandsaufnahme: Wie ist es 2020 um Antisemitismus in Deutschland bestellt?

Titelbild des „Zivilgesellschaftlichen Lagebildes Antisemitismus“ der Amadeu Antonio Stiftung.

Hier als PDF zum Download:

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