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Vom „bösen Girlie“ zur „Drahtzieherin“ Zur Berichterstattung über Beate Zschäpe

Erst Mitläuferin, dann Terrorbraut und nun gar Drahtzieherin? Die Berichterstattung über Beate Zschäpe wird von Etiketten bestimmt – und verrät mehr über die Klischees, die über rechtsextreme Frauen herrschen als über Zschäpes tatsächliche Rolle.

 
Beate Zschäpe in den "Tagesthemen" vom 17.11.2012 (Quelle: Screenshot netz-gegen-nazis.de)

„Zärtliche Katzenmama und Terrorbraut“, „Böses Girlie“ oder „Anklage gegen Nazi-Braut“ – diese Schlagzeilen bestimmten in den vergangenen Tagen die Berichterstattung über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) – sie stammen beileibe nicht nur aus Boulevard-Medien. Mit ihnen wird NSU-Mitglied Beate Zschäpe beschrieben, gegen die gerade Anklage erhoben wurde wegen der Mittäterschaft bei zehn Morden, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und mehreren Raubüberfällen.

Da ihre beiden bekannten Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot sind, ist sie das Gesicht des Nazi-Terrors. Bei fast allen Artikeln oder Beiträgen zur Mordserie des NSU ist ihr Konterfei zu sehen – ein Bruch mit dem bis dahin bestimmenden Bild von der Nazi-Fratze mit Glatze und Springerstiefeln. Auffallender sind allerdings die Etiketten, mit denen die mutmaßliche Rechtsterroristin belegt wird. Da ist von der „gefährlichen Mitläuferin“ die Rede, von dem „heißen Feger“ und immer wieder von der „Terror-Braut“. All diese Benennungen haben eines gemein: Sie verharmlosen die Rolle Zschäpes zum bloßen Anhängsel ihrer männlichen Mittäter und verstellen den Blick auf die Bedeutung von rechtsextremen Frauen.

Ein hilfloser Versuch der Einordnung

Es wirkt fast so, als könne nicht sein, was nicht sein dürfe: Gewaltbereite Frauen in der rechtsextremen Szene? Undenkbar! So scheinen all diese Betitelungen Zschäpes wie ein hilfloser Versuch, sie einzuordnen. Dabei spielen Frauen in der rechtsextremen Szene schon lange eine wichtige Rolle, nur werden sie im öffentlichen Bewusstsein kaum wahrgenommen. Mehr über diese Rolle verrät etwa das Buch „Mädelsache. Frauen in der Neonazi-Szene“ von Andrea Röpke und Andreas Speit. Darin beschreiben die beiden, wie rechtsextreme Frauen mehr und mehr nach Einfluss suchen und ihn auch gewinnen – sei es nun in der NPD, in Freien Kameradschaften oder in anderen Nazi-Netzwerken.

Dass Frauen mit einer menschenfeindlichen Gesinnung in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, ist eine Tatsache, die durchaus instrumentalisiert wird: Weil sie unauffälliger sind, melden sie Veranstaltungen an, mieten Räume für Versammlungen oder richten Konten ein. Gleichzeitig verbreiten sie ihre rassistische Ideologie oft über soziale Strukturen bzw. Berufen: als Mütter, die sich in der Kita oder dem Sportverein ihrer Kinder einbringen, als besorgte und immer ansprechbare Nachbarin oder als national gesinnte Tagesmütter. Damit erfüllen sie eine zentrale Aufgabe etwa für die NPD: Sie sollen als Mittler auftreten, als Beweis für die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit der rechtsextremen Partei und ihrer Inhalte.

Fanatisch und gewaltbereit

Doch rechtsextreme Frauen übernehmen nicht nur die Aufgabe als subtile Botschafterinnen der menschenfeindlichen Ideologie. Ihr Anteil an rechtsextremen Straftaten betrug zuletzt nach Polizeiangaben zwar nur fünf Prozent, doch die Tendenz ist steigend. Bei Propagandadelikten sind Frauen sogar anteilsmäßig öfter an Volksverhetzungen beteiligt als Männer. Dazu kommt, dass sich Frauen, die zu Straftaten bereit sind, in der rechtsextremen Szene oft stärker radikalisieren als Männer. Das liegt an der männlichen Dominanz in diesem Bereich, in dem Frauen vor allem als Sexobjekte und Gebärmaschinen für den deutschen Nachwuchs gesehen werden. Frauen, die sich in diesem Umfeld „Respekt“ verschaffen wollen, werden, so eine Beobachtung von Röpke und Speit, daher oft fanatischer und gewaltbereiter als ihre männlichen Gesinnungsgenossen.

Diese Tatsache drängt nun wegen Beate Zschäpe mit Macht ins öffentliche Bewusstsein. Auch aus ihrer Vergangenheit gibt es zahlreiche Berichte, die ihre Gewaltbereitschaft belegen. Langsam wird anerkannt, dass Frauen in der rechtsextremen Szene weit mehr sind als nur Mitläuferinnen. Das zeigt sich auch darin, dass sich die Tonlage der Berichterstattung allmählich wandelt: So mutmaßen einige Medienberichte mittlerweile gar, Zschäpe sei die eigentliche Drahtzieherin hinter den Morden des NSU gewesen, die Mundlos und Böhnhardt komplett „im Griff“ gehabt habe. Welche Rolle Zschäpe genau spielte, wird hoffentlich der Prozess gegen sie ans Licht bringen. Klar ist allerdings schon jetzt: Sie als bloße „Mitläuferin“ zu bewerten oder ihre Mitschuld als „Terrorbraut“ zu verharmlosen, zielt vollkommen an der Realität vorbei.

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