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Autoritäre Familie, autoritäre Politik Homeschooling und die AfD

Mit der Forderung nach Homeschooling stellt die AfD nicht nur die Schulpflicht in Frage. Sie bedient einen internationalen Kulturkampf, in dem Bildung, Familie und Demokratie neu verhandelt werden.

 
Symbolbild Schule. (Quelle: shutterstock_2679184667)

Hunderttausende folgen Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten des rechtsextremen Landesverbands der AfD in Sachsen-Anhalt auf TikTok. Er gilt als das lächelnde Gesicht der Partei, ein ambitionierter Jungunternehmer, der mit positiven Zukunftsvisionen bei Wähler*innen punktet.

Doch Siegmund ist verbündet mit völkischen Rechtsextremen wie Björn Höcke. Auf seiner Wahlkampfseite, der „Vision 2026“, verkündet Siegmund, man wolle „Schritt für Schritt die politische Landkarte Deutschlands neu gestalten“. Sachsen-Anhalt soll dieses Jahr den bundesweiten Domino-Effekt anstoßen. Mit einem radikalen Programm, das einen tiefgehenden Umbau des Bundeslandes plant. Dieser Umbau soll auch das Schulsystem auf den Kopf stellen. Das Credo: „Bildungspflicht“ statt „Schulzwang“.

Die traditionelle Familie

Damit schließt sich die AfD einem internationalen Kulturkampf an. Weltweit plädiert ein konservatives Netzwerk für die Anerkennung von Homeschooling als Menschenrecht. Die Abkehr von der Schulpflicht gilt innerhalb dieser Szene als Weg, um die „traditionelle Kernfamilie“ zu verteidigen – in die sich der Staat, nach diesem Verständnis, nicht einzumischen hat. Schulen vermittelten demnach immer weniger Bildung und versuchten stattdessen, Kinder politisch zu erziehen. „Wir werden in Anlehnung an das österreichische Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen“, heißt es im Programm. Ulrich Siegmund betont: Eine Prüfung der erreichten Lernziele soll halbjährlich „im Ministerium“ erfolgen.

Tatsächlich ist die Schulpflicht in kaum einem anderen europäischen Land so strikt wie in Deutschland. In Spanien und Italien etwa gilt die Bildungsfreiheit. Auch in Portugal, Kanada oder Australien sind Homeschooling oder Privatunterricht erlaubt, solange gewisse Bildungsziele erreicht werden. Und überhaupt: Homeschooling ist keinesfalls ein ausschließlich konservatives Phänomen.

Homeschooling war ursprünglich ein progressives Projekt

Das offenbart auch ein Blick auf die Geschichte der Homeschooling-Bewegung. Sie entstand in den USA der 1960er und 70er Jahre, vorangetrieben von linken Kinderrechtlern wie John Holt. Holt hatte selbst jahrelang im amerikanischen Bildungssystem gearbeitet und kam zu dem Schluss, dass Schulen nicht reformierbar seien. Homeschooling, so empfand es die Szene damals, könne den Weg ebnen für kreatives, individuelles Lernen ohne Druck. Auch heute entscheidet sich in den USA, wo Homeschooling seit den 1990er-Jahren landesweit erlaubt ist, ein diverses Publikum für den Unterricht zu Hause. So bemängeln etwa afroamerikanische Eltern schulische Lehrpläne, die kaum Schwarze Geschichte enthalten. Familien in konservativ regierten Staaten wie Florida behalten ihre Kinder zu Hause, um sie vor queerfeindlichen Inhalten zu bewahren. Viele Eltern wollen ihre Sprösslinge außerdem vor Mobbing, Amokläufen oder schlechten Einflüssen schützen.

Wie wurde Homeschooling also zum zentralen Motiv von Konservativen weltweit? Jair Bolsonaro, von 2019 bis 2023 Präsident Brasiliens, erklärte die Legalisierung von Homeschooling innerhalb der ersten hundert Tage im Amt zur Priorität. US-Bildungsministerin Linda McMahon erklärte nach Amtsantritt im Januar 2025: „Millionen junger Amerikaner sind in versagenden Schulen gefangen und werden einer radikalen antiamerikanischen Ideologie ausgesetzt.“ Laut Recherchen des US-amerikanischen Investigativmediums ProPublica will sie möglichst vielen Familien den Ausstieg aus staatlichen Schulen ermöglichen. Auch Ulrich Siegmunds Vorstöße in Sachsen-Anhalt sind nicht neu. Im Bundesprogramm der AfD heißt es ebenfalls, die „im internationalen Vergleich sehr strenge Schulpflicht“ solle gelockert werden.

Vorab: So einfach ist das nicht. In Deutschland gilt der Erziehungsauftrag des Staates. Das Bundesverfassungsgericht hat innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte immer wieder geurteilt, dass diesem Erziehungsauftrag die elterlichen Grundrechte nicht entgegenstehen. Der Sinn einer Schulpflicht besteht demnach nicht nur in der Vermittlung von Wissen. Es sollten auch Staatsbürger*innen herangezogen werden, die an demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilnehmen können.
Darüber hinaus wäre es wohl ohnehin nur eine kleine Minderheit an Eltern in Deutschland, die Homeschooling dem Schulbesuch vorziehen würden. Eine im November 2025 veröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung bestätigt: Drei Viertel der deutschen Eltern lehnen Homeschooling ab. „Ein Rückzug aus der Gesellschaft kann heute sehr schnell in Radikalität umschlagen“, heißt es in der Studie. „Dieses Ergebnis erinnert daran, dass Schule eine wichtige Keimzelle der Freiheit, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung ist.“ Das Unterfangen der AfD in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus ist also wenig erfolgversprechend.

Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf die Forderung – denn sie offenbart eine ganz bestimmte Ideologie. Diese hängt mit dem Familien- und Frauenbild der AfD zusammen. Die Familie, die laut den extremen Rechten aus Mann, Frau und Kindern bestehen soll, ist „nicht nur die Keimzelle der Gesellschaft, sondern auch der einzige Garant einer lebenswerten Zukunft“, so steht es im Wahlprogramm der Partei in Sachsen-Anhalt. In Krippen oder Ganztagsschulen sieht die AfD die Untergrabung eben dieser Keimzelle. Der sächsische Flügel der AfD beschrieb in einem inzwischen gelöschten Instagram-Beitrag die „traditionelle Frau“ folgendermaßen: „Lebt Familie, ist stolz für ihre Kinder zu leben, unterstützt ihren Mann in Liebe“. Und: „Hält die Erziehung und Bildung der Kinder für ihre erste Pflicht.“ In der Forderung nach einer Aufweichung der Schulpflicht geht es also auch um Familienwerte.

Der Aufschwung der Evangelikalen

Diese Familienwerte sind auch zentrales Motiv der amerikanischen evangelikalen Rechten, heute treueste Wählergruppe von US-Präsident Donald Trump. Sie formierte sich in den 1970er-Jahren – kurz nachdem die Bürgerrechtsbewegung einen enormen Aufschwung erlebte. Damals kamen die Rechte von Frauen und Minderheiten auf die politische Agenda. Der Feminismus war so populär, dass sogar der damalige amtierende republikanische Präsident Richard Nixon die Frauenrechtsbewegung unterstützte.

Doch innerhalb der republikanischen Partei formierte sich Widerspruch, angeführt von der antifeministischen Ikone Phyllis Schlafly. Schlafly, geboren 1924 in Missouri, war eine erzkonservative Aktivistin. Sie wollte verhindern, dass die Republikaner in eine progressive Richtung gehen, und versammelte dafür religiöse Aktivist*innen: Evangelikale, Protestanten, Mormonen und orthodoxe Juden. Sie alle einte die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen und ein konservatives Familienbild. Es war ein entscheidender Moment, der die US-Politik bis heute prägt. Der Soziologe James Davison Hunter argumentiert, dass Religiöse in den USA sich zu jenem Zeitpunkt unabhängig von ihrer Konfession moralisch vereint hätten – gegen die Liberalen, zusammengefasst unter dem Begriff culture wars.

Russisch-amerikanische Allianzen

Innerhalb dieser Kulturkämpfe wurde das Homeschooling zur Front. Öffentliche Schulen und Universitäten, so der Vorwurf der amerikanischen christlichen Rechten, seien nach den Protestbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre zu liberal geworden. Homeschooling wurde, trotz seiner eigentlich progressiven Ursprünge, zur Bastion weißer Evangelikaler. Sie machten Ende der 1980er-Jahre nahezu 90 Prozent der amerikanischen Homeschooling-Familien aus, getrieben von der Angst vor liberaler Indoktrination in den Schulen und entschlossen, traditionelle Autorität wiederherzustellen.

Verbündete finden sie dafür weltweit. Als besonders ergiebig gilt die Verbindung amerikanischer Evangelikaler mit russischen Konservativen. 2018 veranstaltete Russland die „Global Home Education Conference“, ein Treffen konservativer Homeschooling-Befürworter mit mehr als 1.000 Delegierten aus aller Welt. Auch in Europa hofft mancher, ausgerechnet in Russland, das eine der höchsten Scheidungsraten weltweit zu verzeichnen hat, eine letzte Bastion konservativer Werte und der „traditionellen Familie“ zu finden.

Dabei handelt es sich um ein Narrativ, das der Kreml intensiv verbreitet – und das letztlich seine Verbrechen wie den Angriffskrieg gegen die Ukraine rechtfertigen soll. 2024 führte Russland gar „Visa für gemeinsame Werte“ ein, die sich an Einwohner*innen „unfreundlicher“ Länder richten, die sich durch die liberale Politik ihrer Heimat entfremdet fühlen. Ein kontinenteübergreifendes Bündnis soll außerdem rechtes Homeschooling fördern: In der russisch-amerikanischen Organisation „World Congress of Families“ (WCF) versammeln sich ultrakonservative Christen aus Russland und den USA. Auf den jährlichen Kongressen freute man sich in der Vergangenheit auch über Besuch aus Deutschland. So nahm etwa 2019 der rechtsextreme EU-Abgeordnete Maximilian Krah an einer Veranstaltung der Organisation im italienischen Verona teil.

Die AfD wird derweil nicht müde, das Thema in den Landtagen unterzubringen. Ende Januar brachte die Brandenburger Fraktion der Partei einen Antrag ein. Demnach sollten Eltern die Wahlfreiheit haben zwischen Schulbesuch und Unterricht zu Hause. Die Fraktion forderte in dem Antrag die Landesregierung auf, sich für eine Grundgesetzänderung einzusetzen. Die braucht es, um die Schulpflicht zu lockern. Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) verwies darauf, dass Schulen auch eine demokratische Funktion hätten – und Heimunterricht das Risiko berge, rechtsextremen Systemaussteigern in die Hände zu spielen. Außerhalb der AfD-Fraktion fanden sich am Ende keine Befürworter des Vorschlags der AfD. Der Antrag wurde mit Stimmen der SPD, CDU und BSW abgelehnt.

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