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Berlin-Wahl AfD drittstärkste Kraft ohne Chance auf Einfluss

Trotz Stimmgewinnen und 29 Mandaten im Abgeordnetenhaus bleibt die AfD in Berlin hinter den ostdeutschen Rekordergebnissen zurück. Die Analyse der Berliner Wahldynamiken – vom Profil der neuen AfD-Fraktion bis zu den Antisemitismus-Debatten um den Wahlsieger Die Linke.

 
Kristin Brinker, AfD-Spitzenkandidatin für die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses und Parteichefin Alice Weidel. (Quelle: picture alliance / Andreas Gora | Andreas Gora)

Für die Berliner AfD gibt es nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20.09.2026 nicht so viel zu feiern wie für die Kolleg*innen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Als viertstärkste Kraft in der Hauptstadt ist die AfD in Berlin trotz Stimmgewinnen von jeder Art von Einflussnahme auf die Regierungsbildung weit entfernt.

Die AfD erhielt in Berlin 16,2 Prozent der Stimmen und liegt damit auf Platz drei hinter der Linken (25,7 Prozent) und der CDU (18,8 Prozent). Zwar hat sie im Vergleich zur letzten Abgeordnetenhauswahl (2023) 7,2 Prozent der Stimmen dazugewonnen – im Gegensatz zur letzten Bundestagswahl in Berlin im Jahr 2025 sind es allerdings nur 1,1 Prozent (vgl. wahlen-berlin.de). Damit hat sie weit weniger von den Dynamiken der letzten Monate profitiert als die Parteikolleg*innen in Sachsen-Anhalt (43,8 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (38,5 Prozent), wo die AfD jeweils stärkste Kraft wurde.

Rassistisch und völkisch-nationalistisch statt „Feelgood“

Allerdings gelang es der AfD in Berlin auch nicht, den Geist des „Feelgood-Rechtsextremismus“ zu übernehmen, mit dem die rechtsextreme Partei in Sachsen-Anhalt gepunktet hatte. In Berlin setzte sie im Wahlkampf vor allem auf Rassismus in der Wohn- und Sicherheitspolitik.  Sie pflegt hier eher ein bürgerlich-betuliches Auftreten, das mutmaßlich auf Berliner CDU-Wähler*innen zielen soll. Rund 60.000 von ihnen wanderten zur AfD ab – nicht genug für einen wirklichen Unterschied (ZDF). Allerdings gelang es der AfD auch in Berlin, Nichtwähler*innen zu mobilisieren: Rund 61.000 machten ihr Kreuz bei der rechtsextremen Partei. Mehr noch mobilisierte allerdings Die Linke: Sie konnte 75.000 Nichtwähler*innen zur Wahlurne bringen (ZDF).

Ansonsten ist die AfD in Berlin von allen Altersgruppen recht gleichmäßig gewählt worden (unter 30: 10 Prozent, 30-44: 14 Prozent, 45-59: 19 Prozent, über 60: 19 Prozent); von Männern (18 Prozent) etwas mehr als von Frauen (14 Prozent) und von Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen deutlich mehr als von Universitätsabsolvent*innen (Hauptschulabschluss: 33 Prozent, Mittlere Reife: 29 Prozent, Abitur: 13 Prozent, Hochschulabschluss: 7 Prozent) (ZDF).

Am Stadtrand beliebt

Die AfD bleibt in Berlin eine Stadtrand-Partei, die einen Großteil ihrer Stimmen außerhalb des S-Bahn-Rings generiert, vor allem in

  • Marzahn-Hellersdorf (stärkste Kraft mit 33,8 Prozent, am stärksten in Wahlbezirk 1: 44,2 Prozent),
  • Lichtenberg (zweitstärkste Kraft mit 23,5 Prozent hinter der Linken, am stärksten in Wahlbezirk 1: 36,2 Prozent),
  • Treptow-Köpenick (zweitstärkste Kraft mit 23,1 Prozent hinter der Linken, am stärksten in Wahlbezirk 4: 31,8%).
  • In Teilen von Pankow (drittstärkste Kraft mit 15,0 Prozent, hinter der Linken und den Grünen, am stärksten in Wahlbezirk 1: 27,7 Prozent),
  • In Teilen von Reinickendorf (zweitstärkste Kraft mit 18,5 Prozent hinter der CDU, am stärksten in Wahlbezirk 5: 26,5 Prozent).
  • In Teilen von Spandau (zweitstärkste Kraft mit 20,6 Prozent hinter der CDU, am stärksten in Wahlbezirk 1 mit 22,5 Prozent). (Zahlenquellen: de, wahlen-berlin.de, rbb)

Hier kommen offenbar auch der Rassismus des AfD-Wahlkampfes und die völkisch-nationalistische Ausrichtung gut an, die die AfD Berlin inhaltlich dominiert und damit von jeder „Feelgood“-Präsentation weit entfernt ist.

Künftig 29 Sitze für die AfD im Abgeordnetenhaus

Die künftige AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus wird 29 Sitze haben, 12 mehr als 2023. Einziehen wird dort die Spitzenkandidatin und Landeschefin Kristin Brinker, eine Diplom-Ingenieurin für Architektur, die im Auftritt gemäßigt wirkt, inhaltlich aber keine Berührungsängste mit Rechtsextremismus hat. Als am Samstag vor der Wahl das Haus ihres engen Mitarbeiters von der Polizei durchsucht wurde, fanden die Fahnder zwar nicht die dort vermuteten illegalen Waffen, aber laut Medienberichten eine große Anzahl von Nazi-Devotionalien – und Drogen. Brinker tat das gegenüber der BILD mit den Worten ab: „Er ist einfach ein Sammler.“ Wenige Tage zuvor hatte Brinker in einem Video auf Instagram und TikTok zur Wahlbeobachtung aufgerufen, um Wahlbetrug zu verhindern (B.Z.). Im Video empfiehlt sie dafür eine Website des rechtsextremen Vereins „Ein Prozent e.V.“. Ein Direktmandat in ihrem Wahlkreis erhielt sie nicht (stern).

Sozialwissenschaftler Alexander Bertram, stellvertretender Landesvorsitzender und Sprecher der AfD Treptow-Köpenick, der unter anderem durch den Aufbau eines AfD-Bildungswerks Politiker*innen der Partei schulen will, wurde im Wahlkreis Treptow-Köpenick mit 31,5 Prozent der Stimmen direkt gewählt. Student Martin Kohler kann als Vorsitzender der Berliner Parteijugend über einen Listenplatz auf einen Sitz im Abgeordnetenhaus hoffen. Er war bereits zuvor in der rechtsextremen „Jungen Alternative“ aktiv (vgl. rbb) und teilt auf Instagram gern einen rechtsextremen Meme-Account aus dem Umfeld der „Identitären“.

Die AfD hat allerdings auch diverse Direktmandate erlangt (vgl. rbb).

Im Wahlbezirk Marzahn-Hellersdorf 1 gelang das mit 45,1 Prozent der Stimmen AfD-Urgestein Gunnar Lindemann. Bekannt ist der gelernte Bankkaufmann vor allem durch islamfeindliche, rassistische und queerfeindliche Äußerungen, aber auch durch sein unfreiwillig komisches YouTube-Format „Gunnars Kochshow“ (2022, vgl. t-online), in der er Dosengerichte aufwärmte und sich als Putin-Freund präsentierte. Sein Hass auf geschlechtergerechte Sprache zeigte sich mehrfach unfreiwillig komisch, als er etwa auf Social Media gegen das Wort „Fahrspurende“ in einem Zeitungsbericht wetterte, weil er es missverstand, sowie gegen den Werbespruch einer Bäckereikette, als diese „Weckmänner innen fluffig“ bewarb (t-online).

Ebenfalls direkt gewählt wurde Einzelhandelskauffrau Jeanette Auricht in Marzahn-Hellersdorf 3 mit 43,4 Prozent der Stimmen. Sie ist in Marzahn-Hellersdorf Bezirksvorsitzende und war ebenso wie Lindemann eine Freundin des rechtsextremen Flügels der AfD bis zu dessen Auflösung (vgl. Tagesspiegel).

In Lichtenberg 1 wurde mit 33,6 Prozent der Stimmen Oberstleutnant Stephan Knaute direkt ins Parlament gewählt, in Marzahn-Hellersdorf 6 Sachbearbeiter Jörn Geißler (33,9 Prozent). Rentnerin Anneliese Dummer gewann 35,7 Prozent der Stimmen in Marzahn-Hellersdorf 2.

Martin Trefzer, Bankkaufmann und Volkswirt, erhielt ein Direktmandat in Treptow-Köpenick (29,7 Prozent). Er stört sich unter anderem besonders an Antirassismus-Aktivitäten und nannte sie etwa „Ersatzreligion für links-liberale Weiße“ mit „Schuld- und Bußrhetorik“ (vgl. rbb).

Sachbearbeiter Martin Koblischke erhielt in Marzahn-Hellersdorf 4 das Direktmandat mit 26,4 Prozent der Stimmen, Zahnarzt Carsten Ubbelohde in Reinickendorf (26,4 Prozent), Jurist Denis Henkel in Treptow-Köpenick 5 (24,9 Prozent) und Luftwaffen-Offizier Andreas Otti in Spandau 2 (23,8 Prozent).

Auch Wahlthema: Antisemitismus in der Linken

Die Linke hat bei der Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent die meisten Stimmen erhalten und hat somit den Auftrag zur Regierungsbildung. Im Wahlkampf setzte die Partei besonders auf das Thema Wohnen und Miete, und ihre Ideen zur Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen auf dem Berliner Markt werden ein Knackpunkt-Thema bei den Koalitionsverhandlungen werden.

Doch auch das Thema Antisemitismus wird bei den Verhandlungen eine Rolle spielen. Besonders die Linke in Berlin-Neukölln hat keine Berührungsängste zu antisemitischen Ideen und Gruppierungen, wie zuletzt eine Linken-Wahlkampf-Veranstaltung am letzten Augustwochenende zeigte. Der Rapper „Dahabflex“ rappte auf der Veranstaltung seinen Song „Stop the Genocide“, inklusive der Zeilen „Death to the IDF“, also Tod der „Israel Defense Forces (IDF)“, (vgl. taz, taz, ZEIT) und „Yalla Yalla intifada“– ohne dass Parteikader der Linken Neukölln einschritten.

Verwunderlich ist das nicht: Die antisemitisch konnotierte Erzählung eines Genozids in Gaza plakatiert die Linke Neukölln selbst („Gegen Krieg und Genozid“). Während sich die Berliner Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp nach dem Vorfall scharf von Aufrufen zu Gewalt und Tötung von Menschen distanzierte, rief am Wahlsonntag der Neuköllner Linke-Kandidat Basem Said zur „Wahl-Intifada“ auf und verbreitete dazu einen Instagram-Post des palästinensischen Aktivisten Majed Abusalama, einem Mitbegründer der Gruppe „Palästina spricht“, die vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuft wird.

Am Wahlabend selbst gab es dann problematische Bilder aus Neukölln: Issa Remmo, Chef des sogenannten „Remmo-Clans“, besuchte die Wahlparty der Linken Neukölln und erzählte einem Reporter der „Berliner Morgenpost“, dass er sich von der Partei unterstützt fühle und keinen Antisemitismus in der Linken erkennen könne (vgl. Berliner Morgenpost, Spiegel). Issa Remmo gilt als Kopf der Großfamilie Remmo, die in den 1980er Jahren aus dem Libanon nach Berlin kam. Mehrere Angehörige der Familie werden für erhebliche Straftaten verantwortlich gemacht, etwa für den Goldmünzendiebstahl aus dem Berliner Bode-Museum 2017 und den Juwelendiebstahl aus dem Historischen Grünen Gewölbe in Dresden 2019. Die Linke gab hinterher an, keine Beziehung zu Issa Remmo zu pflegen. Er sei uneingeladen auf die offene Veranstaltung gekommen und wurde des Saales verwiesen (vgl. t-online.)

Remmo war allerdings nicht der einzige problematische Gast der Party. Auch Anti-Israel-Aktivist Ibrahim Ibrahim war vor Ort, der als führender Unterstützer der links-säkularen Terrororganisation „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) in Deutschland gilt und in Berlin als Vertreter des „Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees“ (VPNK) auftrat – eine Gruppe, die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wird und deren Anführer Jahja Sinwar als Hamas-Führer maßgeblich für die Koordination des Massakers vom 7. Oktober verantwortlich war (vgl. democ). Ibrahim feierte auf der Party unter anderem mit dem Neuköllner Linke-MdB Ferat Koçak. Dieser distanzierte sich inzwischen auf X von „gewalt- und terrorverherrlichenden Aussagen der genannten Person“.  Ibrahim hat allerdings eine Geschichte mit der Neuköllner Linken und war etwa bereits 2025 als Redner auf Veranstaltungen der Partei aufgetreten (vgl. ZEIT).

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